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Joris Bas Backer: Küsse für Jet. Eine Coming of Gender Geschichte, Jaja Verlag 2020 € 20.-

1999: Jet ist 16 und gerade ins Internat umgezogen worden. Auf Distanz und mit dem Fernglas, beobachtet sie ihre Welt. Um sie herum wallen die Hormone. Mit knappem, unruhigem und gleichzeitig kindlich weichem Strich, monochrom begleitet, zeichnet Backer Jet in ihrer Welt.  Wo wird sie ihren Platz finden?  Ihre beste Freundin Sasha experimentiert mit Haarfarbe, kämpft gegen den Juckreiz ihrer Haut und gerät in eine Phase des Ritzens. Der neue im Internat, ein zurückhaltender Junge, leidet an Migräne. Überall werden Begehrlichkeiten geweckt, hier und dort Küsse getauscht. Sie sind noch nichts Wahres. Enttäuschungen lauern an jeder Ecke. Nichts und niemand ist perfekt. Unsicherheit, Ratlosigkeit, mitunter Verzweiflung bestimmen Jets Tage. Sie verfolgt die Jungs mit ihren Blicken, fühlt sich fremd mit sich selbst, klaut Accessoires für einen Rollentausch, igelt sich ein, träumt im Geheimen. Aktionistisch, nicht gerade sensibel und doch aufmerksam, reißt Sasha sie aus ihrer Lethargie. Sie schafft für Jet einen Kontakt mit einer Anlaufstelle für Transsexuelle. Die Idee haben die beiden aus dem Fernsehen. Backer bevorzugt eine knappe, ausschnitthafte Erzählweise und verwirrt gern den Kopf seiner LeserInnen. So kommt man Jet nahe. Mal inszeniert er mit Wortfetzen, mal mit Texten die überbordend oder gar übergriffig erscheinen. Unwohlsein breitet sich aus. Szenen fließen in schnellem Takt ineinander. Momentaufnahmen aus der Außenwelt provozieren Richtungen, doch Jets Gefühle nehmen immer wieder ihren eigenen Lauf. Kurs auf nirgendwo. Doch dann steuert Backer auf das Millenium zu, dem prophezeihten Weltuntergang. Dieses Silvester verbringen Sasha, Jet und Ken in einem leerstehenden Bungalow am Strand. Am Morgen des neuen Jahres steht die Welt noch genau so wie am Abend zuvor. Zeit eine neue Zukunft ins Auge zu fassen. Für Jet hat sie schon begonnen. Backer fokussiert in seiner Geschichte die innere Auseinandersetzung. Zeit und Raum bilden für ihn nur Haltepunkte an den Rändern und geraten etwas plakativ. Das macht die Geschichte insgesamt ein wenig zweidimensional. Sie eignet sich aber gut für einen ersten Kontakt mit dem Transgender-Thema. Heute, 20 Jahre nach Jets Coming-of-Gender, ist ihre Geschichte ein weiterer Baustein für das Wissen um queere Lebensläufe. Möge sie aus Neugier zu Rate gezogen werden und Akzeptanz fördern.

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