Articles Written By: Paula

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20 Jahre, Bücherfresserin

Djihad Paradise

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Anna Kuschnarowa: Djihad Paradise, Beltz Tb 2016 € 8,95

In Djihad Paradise von Anna Kuschnarowa geht es um Romea und Julian. Romea kommt aus einer reichen Familie, in der die Eltern rund um die Uhr arbeiten und kaum Zeit für ihre zwei Töchter haben. Alles ist geplant und das nervt Romea ziemlich. Julian kommt neu in ihre Klasse. Er dealt mit Drogen und beteiligt sich (eher unfreiwillig) auch an Diebstählen, um sich und seinen Vater, der arbeitslos ist, über Wasser zu halten. Die beiden verlieben sich ineinander und wollen abhauen, weil sie ihr Leben nicht mehr aushalten. Sie fliehen nach Barcelona, doch dort greift die Polizei Julian auf und er muss für sechs Monate ins Gefängnis, da die Polizei ihn wegen seinen Drogengeschäften schon länger im Auge hatte.Julian teilt sich seine Zelle mit Murat, einem überzeugten Salafisten. Anfangs ist Julian skeptisch, doch als er das Beten selbst einmal ausprobiert, ist er begeistert. Er möchte immer mehr über den Islam erfahren und irgendwann schafft er es, die zweifelnde Romea anzustecken. Beide sind völlig gefesselt von der neu entdeckten Religion und ziehen bald bei der Salafiyya-Bruderschaft ein. Romea und Julian tauchen immer mehr in die Tiefen dieser fundamentalistischen Untergruppe des Islam ein, doch macht sie das auch glücklich?

Im Bunker

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Foto: Kevin Brooks mit Bücherfressern in München. Zum Interview

Kevin Brooks, Bunker Diary, dtv 2016 € 8,95

Linus ist in einem Bunker eingesperrt und führt dort Tagebuch. Nach und nach kommen die neunjährige Jenny, die hysterische Managerin Anja, der unsympathische Bird, der drogenabhängige Fred und der Philosoph Russel hinzu.  Keiner weiß, warum sie gefangen gehalten werden oder von wem. Sie müssen zwar um alles bitten, aber die Grundbedürfnisse sind in etwa erfüllt. Der unbekannte Entführer hat in jedem Raum eine Kamera und ein Mikrofon installiert und beobachtet jeden Schritt, wie ein Besitzer sein Haustier. Wenn sich jemand auflehnt, werden alle bestraft. Kevin Brooks stellt in diesem Buch die spannende Frage bis zu welchem Grad die Menschlichkeit erhalten bleibt und wie die verschiedenen Charaktere dieser abwechslungsreichen Mischung auf die Extremsituation reagieren.

Interview mit der Lektorin Kerstin Kempf

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Wir sind zu Besuch im Mixtvision Verlag und haben die Gelegenheit mit der Lektorin Kerstin Kempf über ihre Arbeit zu sprechen.

Bücherfresser: Im Januar erscheint bei mixtvision „Eins“ von Sarah Crossan. Das Buch hat ein sehr ungewöhnliches Thema. Wie ist kam es dazu? Kerstin Kempf:Die Autorin hat mir erzählt, dass sie durch Zufall eine Reportage über siamesische Zwillinge gesehen hat. Das hat sie total fasziniert. Dann hat sie angefangen zu recherchieren bei Ärzten, Krankenhäusern und Vereinen. Mit siamesischen Zwillingen selbst konnte sie nicht so oft sprechen, weil die meisten keine Aufmerksamkeit von der Öffentlichkeit wollen.

Tom Leveen – spontan und awesome

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Für Tom Leveen braucht es nur ein wenig Spontanität. Wir trafen ihn zum Interview in unserem Lieblingscafé am Wiener Platz, Stadtführung inclusive für den Autor aus Phoenix, Arizona, der mit seiner Frau zum ersten Mal Deutschland besuchte. Er ist aus Phoenix, Arizona, und mit seiner netten Frau in Deutschland auf Lesereise. In Amerika sind sieben seiner Bücher erschienen, in Deutschland leider nur zwei, Party und sein neuestes Buch Ich hätte es wissen müssen.

Ein Prinz besucht den Buchpalast

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In seinen Biographien deckt Alois Prinz ein großes Spektrum an Menschen ab. Er schreibt über Hermann Hesse, Hannah Arendt bis hin zu Ulrike Meinhof, sowohl über "gute" als auch über "böse" Menschen. Diese Menschen haben oft ähnliche Voraussetzungen im Leben, und kommen irgendwann an einen Punkt, an dem sie sich für eine Richtung entscheiden müssen. Dann wird es interessant für ihn, auch wenn er sich bei einigen Biographien erst zum Schreiben überwinden musste, wie etwa bei Jesus: Wie schreibt man über eine Figur, bei der jeder sofort ein Bild im Kopf hat?

Edvard van de Vendel: Vom Vorlesen zum Schreiben

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Am Stand von Gerstenberg trafen wir Edward van de Vendel, der dieses Jahr mit Lena und das Geheimnis der blauen Hirsche in der Kategorie Kinderbuch für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert worden ist.

Bücherfresser: Lena kriegt in dem Buch Besuch von dreizehn kleinen Hirschen. Warum gerade Hirsche? Edvard van de Vendel: Das weiß ich auch nicht so genau. Normalerweise schreibe ich zuerst einen Text und dann malt jemand die Bilder dazu. Hier war das anders herum. Der Zeichner Mattias de Leeuw hat etwas gemalt und ich fand das so schön, dass ich eine Geschichte dazu schreiben wollte. Außerdem klingt das auf Niederländisch so poetisch, da heißt das Buch „Dertien rennende hertjes“.
BF: Und warum sind die Hirsche blau? EvdV: Der Stift von Mattias war damals blau. Ich finde, es ist eine sanfte und leuchtende Farbe. Und der Löwe von Lenas Bruder Raff musste schwarz sein, weil er schwierig ist. Außerdem ist schwarz gefährlich. Raff hat deswegen auch nur ein Tier und das kann er nicht kontrollieren. Oft war Mattias mit den Illustrationen viel schneller als ich und dann musste ich ihm sagen:

Alles muss ins Netz

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von der Jugendjury nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2015

Dave Eggers, Der Circle, Kiwi TB 2015, € 10,99

Von den Bücherfressern 2015 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nomiert
Jurybegründung: Wollen wir in Zukunft in einer technisierten und vernetzten Welt leben, in der wir mit unseren Daten eine digitale Diktatur stützen? Dave Eggersʼ Roman ist erschreckend nah an der Realität. Der Circle ist sozusagen ein Zusammenschluss von Google, Facebook, WhatsApp und Amazon. Durch die fortschreitende Kommunikationstechnik entsteht eine Gesellschaft, die jedes Lebensdetail der gesamten Welt zugänglich macht. Persönliche Geheimnisse und Privatsphäre werden nicht gewahrt, alles wird mitgeteilt, kommentiert, bewertet.Der Text überzeugt mit einem fesselnden Plot, sodass man nicht mehr aufhören kann, zu lesen. Erschütternd konsequent zieht Eggers seine Dystopie in dieser digitalen Scheinwelt bis zum drastischen Ende durch. Die Oberflächlichkeit der Circle-Mitarbeiter spiegelt sich in der reduzierten Schlichtheit ihrer Sprache und der Eindimensionalität ihrer Charaktere wider. Ihre Haltung und die scheinbar schlüssigen Argumente, die sie zu ihrer Überzeugung führen, schmerzen beim Lesen. Dadurch setzt der Leser sich intensiv mit den Folgen einer gläsernen Gesellschaft auseinander und wird dazu animiert, den heutigen Medienkonsum kritisch zu hinterfragen.

Mädchen im Jemen

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Jasmin Adam, Felsenmond, cbj 2015, € 8,95

Im vom Islam geprägten Jemen ist die Frau dem Mann untergeordnet, sie muss zuerst alle Entscheidungen des Vaters befolgen und später ihrem Ehemann gehorchen. Der Weg zur eigenen Freiheit ist oft beschwerlich und wird von der eigenen Familie und der Gesellschaft heftig kritisiert. Und doch findet langsam ein Umbruch statt. Jasmin Adam verflicht in ihrem Debüt die Geschichten von fünf Frauen, die alle nach Individualität und Unabhängigkeit streben. Ihre Schicksale sind ganz unterschiedlich, Latifa zum Beispiel wird zwangsverheiratet, wohingegen Sausan ein Studium ermöglicht wird. Trotzdem hängen die Geschichten alle zusammen. Manche der Frauen sind verwandt, andere befreundet. Die Autorin schafft es, ein Netzwerk aus Personen aufzubauen, das die verschiedenen Lebensgeschichten untereinander verbindet und Kontinuität herstellt. Das hat mir beim Lesen sehr gut gefallen, weil ich immer wissen wollte, wie sich die verschiedenen Schicksale entwickeln und ob sie sich noch einmal berühren. Außerdem erhält man einen Einblick in den Lebensstil im Jemen, die Trennung nach Geschlechtern und wie die Frauen miteinander umgehen. Ich fand es spannend, mal ein Buch zu lesen, das nicht vom Bürgerkrieg im Nahen Osten und der Flüchtlingsproblematik handelt, sondern die Anfänge des Arabischen Frühlings aufgreift. So lernt man viel mehr über die Hintergründe und das Lebensgefühl der Menschen!

Coole Nummer

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Jason Reynolds, Coole Nummer, dtv 2015 € 14,95

Als ich den Klappentext gelesen habe, dachte ich mir, um ehrlich zu sein, „Hä? Welcher verrückte Autor nennt seine Protagonisten denn bitte Noodles und Needles???“. Die Antwort lautet: Jason Reynolds. Er lebt in Brooklyn, New York und weiß genau, wovon er schreibt. Dadurch wird sein Debüt authentisch und überzeugend. Der 15-Jährige Ali ist am Anfang der Geschichte als Charakter unfertig und hat eine sehr kindliche Wahrnehmung. Er nimmt die Kriminalität innerhalb der Wohnblöcke Brooklyns und Konflikte zwischen seinen beiden Freunden als gegeben hin. Durch seine Augen begegnet man der Geschichte unvoreingenommen. Alis kleine Schwester hat seinen besten Freunden Spitznamen verpasst, Noodles, der immer genau dann rüberkommt, wenn das Essen fertig ist und Needles, der Tourette-Syndrom hat und deswegen zur Beruhigung strickt. Die drei haben plötzlich die Gelegenheit zu einer von Momos Partys zu gehen, bei denen normalerweise – drogen- und frauenbedingt - nur Erwachsene eingeladen sind. Noodles kommt nicht damit klar, dass sein Bruder „ein Syndrom“ hat und auf Momos Party eskaliert die Situation. Ali sieht sich mit organisierter Gewalt, Verfolgung und einer Freundschaftskrise konfrontiert. Er wird jenseits von Highschool-Hackordnungen und dem typischen Amerika anderer Jugendbücher groß, was eine spannende Abwechslung darstellt. Jason Reynolds beweist literarisches Können, indem er eine ungewöhnliche Geschichte erzählt, die dem Leser total natürlich vorkommt und in der er sich sofort zu Hause fühlt. Dabei spielt er auch mit Vorurteilen und schafft Überraschungsmomente, die einen sowohl nachdenklich stimmen als auch zum Lachen bringen können. Ein Buch und ein Autor, die beide viel Potenzial haben: ich will eine Fortsetzung!

London, IRA & der Punk

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Kevin Brooks: Live fast, Play Dirty, Get Naked, dtv 2015 € 9,95

London 1979: Der chaotische Curtis, die anfangs zurückhaltende Lili, der immer schweigende Stan und William, dessen Vater von der IRA ermordet wurde und der nach London gezogen ist, um von der IRA unbemerkt zu bleiben, sind alle komplett verschieden. Trotzdem eint sie die Punkmusik und sie gründen die Band „Naked“ mit der sie auch erste Erfolge erleben. Lili und Curtis sind ein Paar, aber Lili wird immer unzufriedener, weil Curtis Drogen nimmt, noch unzuverlässiger wird und sie betrügt. Curtis selbst hingegen arbeitet fieberhaft an Karriere und Durchbruch, er ist geradezu besessen von Ruhm und Geld. William versucht währenddessen den Tod seines Vaters zu rächen und schleust sich bei der IRA ein.
Kevin Brooks geht auf die einzelnen Charaktere und deren Probleme ein und schildert sehr authentisch, wie die Punkmusik begann. Man kann sich die Geschichte sehr lebhaft und „bunt“ vorstellen, weil viele wichtige Details beschrieben werden und man sich den Personen sehr nahe fühlt, da sie meiner Meinung nach sehr menschliche Schwächen haben.

Bücherfresser ver“circlen“ Leipzig

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Mittwoch, 11.3.15 Um mich schon mal ein bisschen in meine Rolle für unsere Bühnenshow „einzufühlen“, habe ich mir am Münchner Hauptbahnhof bei Starbucks eine heiße Schokolade geholt – auf den Namen Mae! Prompt wurde mir zu diesem wunderschönen Namen gratuliert und ein Herzchen auf den Becher gemalt. Auf der Zugfahrt nach Leipzig waren Fabian, Ferdi, Katrin und ich dann mehr oder weniger fleißig und haben das Nötigste für Schule bzw. Buchladen getan.leipzig15 Kaum verließen wir den Leipziger Bahnhof, wir hatten noch nicht mal die erste Kreuzung überquert, wären wir beinahe von zwei Fahrradfahrern über den Haufen geradelt worden. Allerdings sind die Busfahrer im Gegensatz zu den rasanten Drahteselbesitzern in Leipzig sehr nett und hilfsbereit. An der Haltestelle hatte ich noch ein kleines Aha-Erlebnis, gegenüber liegt nämlich Auerbachs Keller, den nach Faust einfach jeder Elftklässler sofort erkennt. Thomaskirche und Rathaus haben wir ebenfalls im Vorbeigehen gesehen, der Höhepunkt des Tages war aber eindeutig die Buchstabensuppen-Party bei Klett Kinderbuch!!! Ferdi, Fabian und ich sind davor noch nie auf einer Verlags-Party gewesen, aber wir haben Katrin schon überzeugt, dass sie uns öfter mal mitnimmt. Es war total spannend so viele neue Leute zu treffen, die alle irgendetwas mit Kinder-oder Jugendliteratur zu tun haben! Bei Kinderbuchautoren habe ich immer das Gefühl, man würde alte Bekannte wiedertreffen. So ging es uns auch mit dem „Maulwurfkönig“ bzw. „Scheiß-Maulwurf“ (Fabians Formulierung) Werner Holzwarth, der das Kinderbuch „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“ geschrieben hat. Er spielt seit 35 Jahren Kicker und wäre er kein Autor, wäre das bestimmt eine solide Berufsalternative! Den restlichen Abend haben Ferdi, Fabian und ich also begeistert mit dem Maulwurf gekickert, in wechselnden Teams mit wechselndem Erfolg. Ein einziges Mal gelang es uns, ihn zu besiegen! Ferdi und ich hatten eigentlich bloß gehofft, wenigstens ein Tor zu machen, aber plötzlich hatten wir gewonnen. Der Maulwurf trug es mit Humor und Fassung. Die Zeit verging viel zu schnell und irgendwann mussten wir leider doch zurück ins Hotel und schlafen.

Donnerstag, 12.3.15 Nachdem wir Katrin davon überzeugt hatten, möglichst spät aufzustehen, waren wir alle ganz gut erholt und haben nach dem Frühstück erstmal unseren Präsentation des Circles geübt. Auf der Messe angekommen ging es mit den Proben auch gleich weiter. Trotz allgemeiner Aufregung hat unsere Bühnenshow ganz gut geklappt, auch wenn man als Beteiligter natürlich nie hundertprozentig zufrieden ist. Danach bekamen Fabian, Ferdi und ich endlich unser verdientes Mittagessen. Im Anschluss durften wir Dirk Reinhardt, den Autor von TrainKids interviewen. Es war total spannend von ihm zu hören, wie er nach Mexiko gereist ist und Kinder kennen gelernt hat, die von Südamerika ganz allein durch Mexiko reisen, um illegal in die USA einzuwandern. Ich denke, es lässt sich ganz gut zusammenfassen mit „Tolles Thema, tolles Buch, tolles Gespräch!“. Für eine ausführliche Beschreibung siehe Ferdis Text. Nachdem wir Dirk Reinhardt zurück zum Gerstenberg-Stand begleitet hatten, durften wir noch eine kurze Cover-Diskussion veranstalten, bei der wir verschiedene Möglichkeiten besprochen und abgewogen haben. Wir sind schon sehr gespannt auf das Buch und das endgültige Cover, weitere Details sind aber leider top secret. Nach einem langen Messetag haben wir natürlich als Erstes ans Abendessen gedacht und sind ganz traditionell wie im letzten Jahr ins Brauhaus an der Thomaskirche gegangen. Bevor Katrin ihren gewünschten Russen bekam, musste sie allerdings erst einmal dem Kellner erklären, was das ist und wie man das mischt. Ich wusste gar nicht, dass Katrin so verwirrt schauen kann… Sie hat uns an diesem Abend noch ein zweites Mal überrascht, als sie um neun ins Bett gegangen ist und tatsächlich tief und fest schlafen konnte, obwohl wir drei andern bei hellstem Licht und mit viel Radau bis um ein Uhr früh Quizduell gespielt haben!!! Faszinierend. So eine Bergführer-Ausbildung mit Hütten-Konditionierung hat echt seine Vorteile.

Freitag, 13.3.15 Bevor die Messe geöffnet hat, haben wir schon fleißig an unseren Interview-Texten gearbeitet (Siehe völlig natürliches und ungestelltes Beweisfoto, oben). Unser erster Termin war ein Interview mit Anne Krüger, der Autorin der Allee der Kosmonauten bei Loewe. Dabei entstand ein sehr interessantes und intensives Gespräch über den innerdeutschen Heimatverlust nach dem Fall der Mauer und Möglichkeiten, das in der Literatur umzusetzen (siehe mein Text). Ebenfalls bei Loewe trafen wir Arno Strobel, strobel-schlusstaktden ich schon vom letzten Jahr kannte und der sich noch an uns erinnern konnte. Ob positiv oder negativ sei jetzt mal dahingestellt. Diesmal war sein neuer Jugendthriller „Schlusstakt“ im Fokus, in dem es um eine Castingshow geht. Wir waren schockiert, dass so Vieles, was im Buch vorkommt, der Realität entspricht (siehe Fabians Text). Nach der anschließenden Lesung aus „Schlusstakt“ organisierten Fabian,Ferdi und ich uns unser obligatorisches Buchmessen-Crêpe und dann mussten wir uns leider wieder von der Messe verabschieden und zum Zug. Auf der Rückfahrt haben wir quasi durchgehend UNO gespielt und dabei festgestellt, wofür wir Katrin eigentlich brauchen: Fürs Karten-Mischen und die Kontakte zu Verlagen und Autoren. * Weitere Erkenntnisse waren, dass Fabian wie ein Weltmeister schummelt und prinzipiell die Karten seiner Mitspieler kennt und dass UNO ein höchst kompliziertes, psychologisch anspruchsvolles Spiel ist, bei dem das analytische Denkvermögen gefordert wird! Unsere Mitreisenden waren nach einer gewissen Zeit sichtlich genervt von unserer Begeisterungsfähigkeit und unserem Elan. Nach 5 ½ Stunden hatten sie es überlebt: wir kamen in München an und mussten aussteigen. 

*(und natürlich für noch vielviel mehr!)

Geflügelte Worte:

Fabian/Katrin/Paula: „Der Ferdi hat sich schon wieder im Bad eingesperrt, kann ihn mal einer rausholen???“

Zimmer mieft bei Rückkehr vom Frühstück „Ach deswegen heißt das Say Cheese!!!“

Schaffner beim Betrachten der Fahrkarten (3x Erwachsener, 1x Kind) zu Katrin: „Ah! Sie sind also das Kind.“

Sammlerin von Augenblicken

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Anne Krüger: Alle der Kosmonauten, Loewe Verlag € 17,95

In Anne Krügers Debüt „Die Allee der Kosmonauten“ geht es um die junge Frau Mathilda, die in der DDR groß wurde und nach dem Fall der Mauer nicht mehr weiß, wo genau im Leben sie eigentlich steht und was sie von sich, ihren Mitmenschen und der Zukunft erwartet.
Anne Krüger hat selbst einmal in der Allee der Kosmonauten gewohnt, allerdings ist der Roman nicht autobiographisch erzählt, sondern reine Fiktion. Im Gegensatz zur ihrer Protagonistin wollte sie auch nie Kosmonautin werden, wie viele Kinder und Jugendliche, die im Ostblock groß wurden. Die Kosmonauten wurden damals als Idole verehrt, ihr Beruf war der Traum vieler Heranwachsender. Anne Krüger wollte als kleines Mädchen lieber Osterhase werden. Es stellte sich dann doch heraus, dass ein Germanistik-Studium etwas näher an der Realität liegt und da Schreiben ihr schon immer ein Bedürfnis war, verfasste sie bald Theaterstücke und Hörspiele.

Arno Strobel: Vom Glück erfolgreich zu sein

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Auf der Leipziger Buchmesse trafen wir den Spiegel-Bestseller-Autor Arno Strobel, der jetzt sein erstes Jugendbuch Abgründig herausgebracht hat. Davon hatten wir am Vortag zwei Exemplare geschenkt bekommen und wir haben es geschafft, dass wir vier das Buch vor dem Interview alle gelesen haben. So waren wir optimal vorbereitet und unsere erste Frage war natürlich, wie immer, unsere Lieblingsfrage:

Bücherfresser: Finden Sie es sadistisch, Figuren in Ihren Büchern leiden oder sterben zu lassen? Arno Strobel: Nein, definitiv nicht. So was wird einfach gerne vom voyeuristischen Leser auf der sicheren, gemütlichen Couch gelesen. Allerdings halte ich mich bei meinem Jugendbuch mit dem Gemetzel zurück, ich deute nur an. Ich habe die Denkweise der Kinder berücksichtigt, denn Jugendliche gehen viel unbedarfter an Situationen heran. Das finde ich sehr spannend. Ich habe mir immer überlegt „Wie weit kannst du gehen? Welche Altersfreigabe wäre das in einem Film?“ und wenn es als Film erst ab 18 freigegeben wäre, hab ich es weggelassen.

Wenn alles andes wird

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Andreas Steinhöfel: Anders, Carlsen Tb 2017 € 7,99

Andreas Steinhöfel erzählt in seinem neuen Buch Anders die ungewöhnliche Geschichte eines Jungen, der nach einem tragischen Unfall im Koma liegt und als er wieder aufwacht, völlig verändert, eben anders ist. Felix kann sich jedoch an nichts von der Zeit vor seinem Unfall erinnern. Er hat auf einmal ein sehr feines Gespür dafür, was in den Menschen vorgeht, doch wenn er das offen und direkt anspricht, reagieren die Leute oft verletzt und genervt.  Weil er so stark verändert ist nach seinem Unfall, benennt er sich um und heißt fortan „Anders“. Die plötzliche Veränderung seines Charakters finde ich sehr interessant. Andreas Steinhöfel inszeniert den Unfall sehr geschickt, denn beide Elternteile sind Mitverursacher. Das klingt zwar grausam, aber so vermeidet er das typische Vorwurfskarussell und kann sich ganz auf seine Charaktere und die eigentliche Geschichte konzentrieren. Mal beschreibt Andreas Steinhöfel die Protagonisten von weit weg, dann wirkt das Buch kühl, gefühlsarm und distanziert. Ein anderes Mal „zoomt“ er nah ran und beleuchtet einen Charakter sehr genau, dadurch entsteht eine ganz besondere Dramatik. Alle Charaktere sind gleichberechtigt, mal steht einer im Mittelpunkt, mal mehrere und manchmal auch gar kein bestimmter. Durch diese Fokusverlagerungen wurde das Lesen dieses Buches besonders spannend für mich. Für Anders spielen Farben eine wichtige Rolle, wenn er einen Menschen betrachtet, sieht er eine Farbe, die dessen Charakter und Probleme widerspiegelt. Wenn ich diesem Buch eine Farbe zuordnen sollte, dann wäre es ein strahlendes blau-silber-grau. Bis auf das Ende, denn das ist wieder leuchtend bunt, das spürt man beim Lesen und merkt es auch an der Sprache. „Anders“ ist einfach anders; ein sehr besonderes, ab und zu auch sonderbares, interessantes und auf jeden Fall lesenswertes Buch!

Poetisch gestottert

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Vince Vawter, Wörter auf Papier, Königskinder 2014, € 16,90

In Wörter auf Papier erzählt Vince Vawter die außergewöhnliche Geschichte eines Jungen, der allmählich lernt mit seinem Stottern umzugehen. Da Victor einen Monat lang die Zeitungsrunde seines Freundes übernimmt, lernt er neue Leute kennen und muss beim Kassieren gezwungenermaßen plötzlich mit fremden Menschen reden und seine Angst vorm Sprechen überwinden. Die Geschichte spielt 1959 in Memphis, wobei die Apartheid  nur am Rande erwähnt wird, was sehr gut passt. Schließlich wird die Geschichte aus Victors Sicht erzählt und für Kinder sind politische Themen auch nur dann von Bedeutung, wenn sie ihr persönliches Leben plötzlich direkt betreffen. Die Atmosphäre des Buches wirkt fast märchenhaft, einerseits wegen der zauberhaften Geschichte die hier erzählt wird, andererseits wegen des besonderen Bezugs zur Sprache. Da Victor stottert, denkt er genau über die Wörter nach, ordnet und bewertet sie. Das überträgt sich natürlich auch auf den Leser.
Victor hat es wahrlich nicht einfach. Zwar ist der Baseball spielende Zwölfjährige der beste Werfer in seiner Heimatstadt Memphis, doch das Sprechen fällt ihm äußerst schwer. Sein Stottern ist so stark, dass er sich oft zurückzieht und nur wenig spricht, um nicht aufzufallen. Als sein bester Freund Arthur im Sommer 1959 für vier Wochen zu Verwandten aufs Land fährt, übernimmt Victor für ihn das Zeitung austragen in der Nachbarschaft. Die Zeitungen perfekt zu werfen macht im Spaß und fällt ihm nicht schwer, doch jeden Freitag muss er von Haus zu Haus gehen, mit den Menschen sprechen und das Zeitungsgeld einsammeln, weshalb er ein ungutes Gefühl im Bauch hat. Wie werden die Menschen auf ihn und sein Stottern reagieren? Victor lernt bei seiner Arbeit die unterschiedlichsten Leute kennen. Zum Beispiel Mrs Worthworth, die dem Whiskey nicht abgeneigt ist und ihn “Süßer” nennt. Einen Jungen, der das Haus nie verlässt und den Tag vor dem Fernseher verbringt. Den belesenen Mr Spiro, der Victor einen “stotternden Dichter” nennt und sich Zeit für seine Fragen nimmt. Und den obdachlosen Ara T, der die Mülltonnen nach Brauchbarem durchwühlt und es mit dem Besitz anderer Leute nicht so genau nimmt. Ich finde das Buch sehr gut, weil der Autor hervorragend mit der Sprache und der Umwelt umgeht. Außerdem beschreibt er sehr gut Geschehnisse und Orte aus der der Sicht des Jungen ohne Vorurteilen und mit viel Raffinesse. Es ist zwar ein Jugendbuch, aber es ist auch für Erwachsene geeignet.Ferdinand, 14 Jahre

Wörter in der Luft verwehen, kaum dass man sie gesagt hat, aber Wörter auf Papier bleiben für immer.“

Um sich mitzuteilen, sind im Jahr 1959 Wörter auf Papier die klare Alternative zu den Worten der gesprochenen Sprache. Der Geschichte des stotternden Zeitungsjungen Victor im damaligen Memphis wohnt von der ersten Seite an eine faszinierende Seele inne.Wann wird ein Kind erwachsen?“  fragt der Junge, der zaghaft beginnt sich naheliegende Welten zu erschließen, oderSind Erwachsene gut darin, mit Kindern zu kommunizieren?“ Der politische Lebenshintergrund, die Apartheid, vor dem sich Victors Persönlichkeit entwickelt, wird über wenige Bezugspersonen lebendig inszeniert. Baseball bestimmt das Leben des Jungen, der vier Wochen lang für seinen Kumpel Rat die Zeitungstour übernimmt. Der Job verlangt am Freitag an den Türen der Abonnenten zu klingeln. Es ist Zahltag. Als Stotterer bereitet sich Victor genau auf den Moment des Redens vor. Seine sparsamen Gesprächsbeiträge gelangen nur mit einem Schwall sanfter Luft aus seinem Mund. Will er etwas sagen, muss dies in sorgfältiger Überlegung und mit Präzision geschehen. Bei besonders wichtigen Wörtern verkrampft er sich. Einmal fällt er beim Sprechen sogar in Ohnmacht. Victors genaue Betrachtungen von Wörtern, ihre Zusammensetzung aus Buchstaben und Lauten, die Variabilität in Wahl und Nutzung und seine unablässigen Versuche die Sprache als Werkzeug benutzen zu können, sind beeindruckend. Als sorgsamer Beobachter von Sprache stolpert er auch darüber, wie fahrlässig im normalen Gespräch mit Worten umgegangen wird. Victor lernt, dass die Klarheit der Sprache von der er träumt nicht existiert. 2014 könnte man meinen, Wörter auf Papier gehören bald der Vergangenheit an. Und ein Buch im digitalen Zeitalter wäre genauso Retro wie dieses Cover. Doch weit gefehlt. Wörter im digitalen Raum gelesen verwehen im Gehirn fast so schnell wie jene der Luft. Für einen Dialog braucht es zwei, bekommt Victor zu hören. Und Lesen ist ein Gedankendialog. Ein Buch liegt gut in der Hand und seine Inszenierung ist für die Erschließung des Textes wichtig, wie die sanfte Luft zum Sprechen. Wir lesen mit allen Sinnen und wir brauchen den schön gestalteten körperlichen Raum, vom Vorsatz bis zum Lesebändchen, damit unsere Gedanken einzutauchen können in unser Gegenüber, das Buch. Wir brauchen Wörter auf Papier, damit die wohl gewählten Worte darauf bis ins Herz vordringen können und unsere Gedanken zu bewegen vermögen. Nicht nur der beeindruckende Text, auch das gelungene rundum macht dieses Buch zu einem Königskind, zum Lesegenuss vom Feinsten. Katrin Rüger  
 

In den goldenen Westen

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Dorit Linke, Jenseits der blauen Grenze, Magellan 2015 € 16,95

Hanna und Andreas leben in der DDR. Hanna ist  eine Leistungsschwimmerin. Die beiden Freunde sind als Staatsfeinde in das Visier der Staatssicherheit geraten. Nun müssen sie über die offene Ostsee flüchten. Sie sind nur über einen 50 cm langen Nylonfaden verbunden. Ich finde dieses Buch gelungen, da es spannend aufbereitet ist und immer zwischen Rückblick und Gegenwart wechselt. Schön zu lesen. Sehr zu empfehlen. Anna, 13 Jahre

Witzige Wortgefechte

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Marc-Uwe Kling, Die Känguru Chroniken, Ullstein Tb € 8,99

Ein großartiges Buch über eine außergewöhnliche, amüsante und berührende Freundschaft. Berlin, deutsche Geschichte, die Gesellschaft und ganz alltägliche Situationen sind die Grundlage für witzige Wortgefechte und kleine oder größere Abenteuer. Das Ganze ist humorvoll und feinsinnig in einer unglaublich wortgewaltigen Sprache verpackt. Mein Fazit: Eine wunderbar komische und ab und zu auch völlig verrückte Geschichte, die von allen Altersgruppen gerne gelesen wird! Paula, 16 Jahre

Geschichten müssen kraftvoll sein

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Nach der Leipziger Buchmesse kommt Kevin Brooks auf einen Sprung in seinen deutschen Verlag DTV und gibt ein paar Lesungen in München. Die Bücherfresser nutzen die Gelegenheit mehr über den Schriftsteller, seine Bücher und sein Leben zu erfahren.

Ich bin glücklich, wenn die Leute zu mir sagen, dass sie am Ende meines Buches weinen mussten. You work stuff out like I did.“ Kevin Brooks

Geschichten müssen kraftvoll sein, meint er. Drogen und Gewalt sind ein Teil der Welt und ein Teil seiner Bücher, die oft genauso starke Liebesgeschichten beinhalten. Er enthält sich vollkommen wertender Kommentare und glaubt an die eigene Urteilskraft Jugendlicher. Und nicht zuletzt dafür wird er von seinen jungen Lesern geliebt!

Leben in Swasiland

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Kirsten Boie, Es gibt Dinge, die kann man nicht erzählen, Oetinger Verlag 2013 € 12,95

In ihrem neuen Buch „Es gibt Dinge, die kann man nicht erzählen“ schildert Kirsten Boie die Lebensgeschichten von verschiedenen Kindern aus Swasiland, die alle schnell erwachsen werden mussten, weil sie ihre Eltern durch AIDS verloren haben. Durch die Kürze der Geschichten kann nicht ganz so genau auf die Charaktere der einzelnen Kinder eingegangen werden, aber man erkennt trotzdem die wichtigsten Charakterzüge, vor allem dadurch, wie wer mit der jeweiligen Situation umgeht. Alle Kinder haben meist keine Idee davon, dass sie auch ein besseres Leben haben könnten. Sie alle kümmern sich, wie selbstverständlich, um jüngere Geschwister und Großeltern und haben viel Verantwortung. Kirsten Boie ist nach Swasiland gereist und hat verschiedene Familien besucht, die Kinder gibt es alle wirklich, genauso wie die etwaigen Lebensumstände, nur die Geschichten sind manchmal erfunden. Jede einzelne Geschichte hat eine etwas andere Sprache, bei der ersten Geschichte wird zum Beispiel bewusst vermieden, dass das Subjekt am Anfang steht, dadurch wird man gezwungen langsamer und genauer zu lesen. Außerdem werden wichtige Dinge wie eine Formel öfters wiederholt, das ist poetisch und hinterlässt einen noch tieferen Eindruck. An sich sind die Geschichten erschreckend, man weiß einfach nicht so viel über Swasiland, in dem die meisten Menschen mit HIV infiziert sind. Die Landschaften und Orte sind nicht sehr viel beschrieben, aber in jeder Geschichte ein bisschen, sodass man es sich trotzdem vorstellen kann. Die Farben des Covers finde ich zwar nicht sonderlich schön, aber eigentlich passen sie ganz gut zu Afrika. Gut gefällt mir, dass der Titel „Es gibt Dinge, die kann man nicht erzählen“ an der Stelle vom Mund steht. Mich würde interessieren, für welches Alter dieses Buch gedacht ist, da Kirsten Boie zwar sehr feinfühlig schreibt, aber die Geschichten an sich sind traurig und erschütternd.