Articles Written By: Katrin Rüger

Katrin Rüger

About Katrin Rüger

Spezialistin des Kinder- & Jugendbuches

Originelle Restauration

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Aus dem Papierkorb der Weltgeschichte. Unglaubliche Briefe gesammelt von Aaron Aachen (Archivar), Jacoby & Sturart 2018 € 24,00

Zu schön, um wahr zu sein. Könnte es möglich sein, dass bei der Renovierung einige der interessantesten Schriftstücke berühmter Persönlichkeiten unter den Tisch gefallen sind? Mit meisterhaftem handwerklichen Geschick hat sie uns der Archivar Aaron Aachen hier in intellektueller Verspieltheit zusammengetragen und restauriert: die Gourmettestanfrage Tim Mälzers für seine Schülerzeitung bei McDonalds, die Erkundigungen Kafkas in Traumfragen bei Freud, das Telegramm Kaiser Wilhems II an die Redaktion des Meyerschen Konservationslexikon. Ein wundersames, witziges Gedankenspiel. So hätte es eben auch gewesen sein können.

172 Schlüssellochgeschichten

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Eduardo Galeano: Frauen, Peter Hammer Verlag 2017 € 22.-

Aus Todesangst entstand die Kunst des Erzählen und die Mutter aller Geschichtenerzähler war Scheherazade. Auch Eduardo Galeano beherrscht die Kunst des Erzählens, ohne jemals zu langweilen. Seine Miniaturen erzählen von Frauenschicksalen über vier Jahrhunderte. Galeano umspielt ihr Wirken, ihr Denken, ihre Einsamkeit, ihren Schmerz, ihren Protest, ihre Diplomatie, ihre Kunst, ihren Mut, ihren Stolz und vor allem ihre standhafte Überzeugung etwas ändern zu können. Dafür setzten sie oft ihre Freiheit, ja ihr Leben aufs Spiel. Einige Namen kennt man gut, von anderen, vor allem lateinamerikanischen Frauen hat man noch nie etwas gehört. Die 172 Schüssellochgeschichten sind ein verführerisches Entrée oder das perfekte Betthupferl für 172 Abende.

Starke Mädchen

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Ursula Poznanski, Sabine Büchner: Die allerbeste Prinzessin, Loewe Verlag 2018 €12,95

Ein sattes, actionreiches Vorlesebilderbuch voller Kronen, Drachen und natürlich: Prinzessinnen. Die drei Schwestern treiben ihren Vater, den König, mit ihrer Wildheit und Streitleidenschaft fast in den Wahnsinn. Aber der König kommt auf eine rettende Idee. Er würde seine Prinzessinnen verheiraten, dann müsste sich einfach ein anderer mit den jungen Damen herumärgern. Auch die Prinzessinen sind hellauf begeistert und jede möchte die Hübscheste und Schönste, die Schnellste und Beste sein. Dabei überrennen sie den armen Prinzen glatt und und finden eine ganz neue Passion. Besser als hier, könnte man nicht von starken Mädchen erzählen!

Wie viele Tiere wohnen bei dir?

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Mario Ramos: Mama! Moritz Verlag 2018 € 12,95

Ein Bett, ein Bär, Bauklötze und ein Ball - es könnte so schön sein, das  Buchstabenspiel mit B, würde nicht von der Decke zum Boden ein riesiges, raumeinnehmendes Nilpferd sitzen und diese Buchstaben-Harmonie stören. Mit seinen Riesenpranken stapelt es Bauklötzchen. Sie sind numeriert. Eins, zwei, drei, vier. "Mama!" ruft der Junge an der Tür. Nein, in diesem Raum ist sie nicht zu sehen. Hier sitzt nur ein Nilpferd. Weiter also. Man folgt nun dem Jungen durch die Räume eines gut bevölkerten Hauses. Auf dem Klo sitzen zwei Löwen. Im Schlafzimmer spielen drei Giraffen, im Bad machen sich vier Krokodile frisch.  Eins, zwei, drei vier. Kannst du auch die Ziffern für diese Zahlen auf den jeweiligen Seiten finden? Wir wollen hier nicht verraten, wie das farbenintensive, tierisch lebendige Bilderbuch für die Allerkleinsten ausgeht. Das Nilpferd jedenfalls, ist vollkommen unschuldig und hat nichts zu tun, mit der ganzen Aufregung. So viel sei verraten. Und wer am Ende bis zehn zählen kann, darf noch weitermachen. Acht Schweine sitzen um den Wohnzimmertisch und versuchen sich an einem 800 Teile Puzzle. Überall fliegen die Puzzelteile herum. Herrje, was für ein Saustall! Ein wunderbar verspieltes und rundum überzeugendes Buch aus der Welt der Zahlen und Tiere, das ganz nebenbei Kinderalltag lebendig in Szene setzt.

Wie Colin, die Kung-Fu Spinne Mr. Pinguin raushaut…

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Alex T. Smith: Mr. Pinguin und der verlorene Schatz, Arena Verlag 2018 € 14.-

Die Seiten variieren in dreierlei Faben, die Schrift ist von gemütlicher Größe, die Illustrationen, entgegengesetzt zur Schrift, filigran und mit Liebe zum skurilen Detail. Mr. Pinguin hat gerade den teuren Hut mit Pfeildurchschuss erworben, das Markenzeichen jeden Abenteurers. Sein Assistenz, Colin, die Spinne, trägt über seinen buschigen Augenbrauen eine winzige Melone. In ihren zarten Spinnenbeinen stecken unerwartete Kung-Fu Kräfte. Ein herrliches Team. Als das Telefon endlich klingelt und das Abenteuer beginnt, stehen sie gerüstet bereit. Es verschlägt sie ins verstaubte Museeum der seltsamen Dinge, wo es aus ungeahnten Kellerwelten einen Schatz zu bergen gilt. Natürlich bekommen die beiden Helden es mit zwei Räubern zu tun, die gerade auf der Flucht sind und hängen bald kopfüber, am Seil gefesselt, am reißenden Wasserfall. In diesem Buch stimmt einfach alles. Ein überaus witziger und spannender Selberlese- und Vorlesegenuss. Katrin Rüger

Palastschätze live – Thomas Ernst liest aus „Schweben“

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Jürgen-Thomas Ernst: Schweben, Braumüller Verlag 2017 € 20.-

Dieses Buch hat mich tief berührt: es erzählt von Josefs Leben, in dem ihn Rosa ein gutes Stück begleitet. Sie sind ganz einfache Menschen, die ohne Aufhebens ihr Leben in die Hand nehmen. Sie haben wenig und brauchen nicht viel, sie nehmen Glücksmomente wahr und machen sie sich selbst und einander bewusst. Sie finden und verlieren einander und der Leser begleitet sie bei verschiedenen Episoden zwischen Kindheit und Alter. Es steckt viel Lebensweisheit in diesem schmalen Buch in Gedanken und Sätzen, die den Leser auch nach der Lektüre begleiten werden. Wer das Buch "Ein ganzes Leben" von Robert Seethaler und "Ein Leben mehr" von Joyceline Saucier gerne gelesen hat, wird auch dieses Buch lieben!

Autorensamstag mit Susanna Partsch

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Susanna Partsch: Schau mir in die Augen, Dürer. Die Kunst der alten Meister erklärt von Susanna Partsch, Beck Verlag 2018 € 28.-

Sie verpackt alte Meister neu und jongliert mit Rot, Blau, Gelb: Susanna Partsch ist eine Kunstexpertin für Jung & Alt. Am Autorensamstag, 3. November 2018 empfiehlt und signiert sie zwischen 11:00 Uhr und 13:00 Uhr im Buchpalast. Kommen Sie mit ihr über Kunst oder Fälschung ins Gespräch. Ihr neustes Werk "Schau mir in die Augen, Dürer" hat Weihnachtsgeschenk-Potential. Weshalb trägt Maria immer einen blauen Mantel? Wieso malte Rubens mit Vorliebe füllige Frauen? Wie lassen sich die großen Formate durch kleine Museeumstüren transportieren? Reden wir hier wahrlich über 500 Jahre alte Schinken? Die ästhetische Aufmachung dieses mit großer Liebe gestalteten Buches ist ein Hingucker. Die aktuellen Fotos von ungeahntem, musealem Treiben lassen staunen. Susanna Partschs erhellenden Erklärungen fesseln wie ein Krimi. Sie liefert wohldosierten Einblick, Aha-Erlebnis und packendes Detail in rasantem Wechsel. Ein Buch, mit dem man gleich ins nächste Museum laufen möchte.

Der Abschiedsbrief

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Dita Zipfel, Mateo Dineen: Monsta, Tulipan 2018 € 15,00

Dieses Monster schließt man sofort ins Herz: auf spillerigen Beinchen steht es da wie ein Vogel, mit fluffigem Körper wie ein Wattebausch. Der breite Mund reicht ihm von einem Ohr bis zum anderen (wenn es Ohren hätte). Auch Zähne hat es nicht grad viel. Dafür schaut es mit riesigen Glubschaugen keck in die Welt. Es scheint voller Tatendrang. "Hi" hat es ungelenk mit seinem Stift an die Wand geschrieben. Die Worte geraten ihm lautmalerisch. Monsta und Kint. Hat es gerade erst schreiben gelernt? So wie monstern? Dieses Monster, es heißt übrigens Harald, schreibt seinem Kind einen wichtigen Brief. Einen Abschiedsbrief, denn aus Monstersicht ist mit dem Kind bei dem Harald wohnt und arbeitet etwas ganz und gar nicht in Ordnung. Das Buch ist eigentlich ein Klassiker. Der große Grusel wird bei genauer Betrachtung ganz klein. Das Monster müht sich, groß und gefährlich zu werden und dabei schließen wir es ins Herz. Tausendmal gelesen und immer wieder von Neuem gruselwitzig und herzerwärmend. Vor allem die Monsterillustrationen und Gruselkabriolen sind wunderbar.

Auf der Bettkante

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Moni Port: Das schlaflose Buch, Klett-Kinderbuch 2018 € 14,00

Willkommen in der blauen Stunde. Der Ruhezeit vor dem Einschlafen. Von Stöckchen auf Steinchen gleiten die Gedanken des Kindes in seinem Bett durch den Raum. Mit dem Glas Wasser in der Hand denkt es an den Blauwal im Meer. Die Zunge eines Blauwals ist so schwer wie ein ganzer Elefant. Man erfährt, ganz nebenbei, staunenswertes und das unscheinbare kleine Buch bringt immer wieder neue Fragen auf, die zum Selberdenken und philosophieren anregen. Können Tiere Freunde sein? Was war mein erster Gedanke, als ich auf die Welt kam? Genieße die Insel des Wachträumens und Denkens, wenn die Nacht dich umhüllt und du zur Ruhe kommst. Die Welt ist groß und voller Fragen. So kommt der Schlaf ganz sicher. Ein wunderbar entschleunigendes Buch für die Bettkante oder für die kuschelig warme Höhle unter der Bettdecke.

Erstes Lesen kopfüber

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Daniel Fehr, Maurizio A.C. Quarello: Wie man ein Buch liest, Jacoby & Stuart 2018 € 14.-

Kann man ein Buch richtig lesen? Oder falsch? Kinder lesen Bilder-Bücher gerne unabhängig vom Text und schwerelos kopfüber. Was aber für eine Verwirrung bei den Figuren und Dingen entsteht, wenn sie der Schwerkraft folgen würden, erzählt diese turbulente Geschichte. Die abrupte Öffnung hat Hänsel und Gretel aus dem Baum geschleudert. Nun hängen sie am Gartenzaun und turnen zum Strommasten, derweil der Leser, vermutlich, der Anweisung folgend das Buch dreht. Ein Knochen fällt Hänsel dabei aus der Hand. Erneut landen sie im Baum, auf den es nun Töpfe und Pfannen regnet. Während Hänsel und Gretel sich durch die Seiten hangeln, gesellen sich mehr und mehr bekannte Figuren hinzu: Ein Kaiser reitet nackt durchs Bild, Käpt'n Ahab versucht seinen Wal zu fangen derweil es auf der gegenüberliegenden Seite Meerwasser regnet. Nochmal gedreht und nochmal. Die Figuren geraten in einen wilden Strudel bis endlich jemand das Oben und Unten, das Links und Rechts des Buches festlegt. Welch ein Glück. Jetzt passt alles. Natürlich wissen wir schon von Anbeginn, wie man ein Buch liest, aber Hand aufs Herz: So normal ist das doch wirklich langweilig! Dies ist ein Bilderbuch zum Spaß haben, das sich mit seinen klaren Großbuchstaben auch wunderbar zum ersten Lesen eignet.

Familien-Fotoalbum und Heimatsuche

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Allan Say: Großvaters Reise, Edition Bracklo 2018 € 29,80

Kulissenhaft farbilluminiert laden zackige Felsen den Fremden, Says Großvater, auf seiner Reise von Japan nach Amerika zum Verweilen ein. Doch kaum lebt er hier, denkt er an dort und reist zurück. Ein Empfinden, das er noch mit seinem Enkel teilen wird, der diese Sehnsuchtsorte einer doppelten Heimat, einem Familienalbum gleich, in staunenswerter Zartheit und Leichtigkeit bereits 1993 in Szene gesetzt hat. Handwerklich hochkarätig gestaltet wird dieses Buch zum Rundum-Genuss für jedes Alter.

Großes Glück im Kleinen

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Michelle Cuevas, Erin E. Stead: Der Flaschenpostfinder, Fischer-Sauerländer 2018 € 16.-

Grünschimmernd liegt das Meer in der Senke. Unzählige Stufen winden sich vom Haus des Flaschenpostfinders zu ihm hinab. Die Blätter eines Baumes spielen mit den Wölkchen. Eine Kuh grast friedlich im Vordergrund. In der Ferne sieht man den Leuchtturm. Alles steht übersichtlich an seinem Platz, wenn der Flaschenpostfinder sich zur Arbeit begibt. Konzentriert geht er von seinem Boot aus auf Flaschenpostfang, um sie dann weiter zu Fuß ihren Empfängern zu überbringen. Eine Arbeit, die anderen Freude und Glück ins Haus bringt, denn diese aus der Ferne kommenden Briefe sind Schätze, die das Selbst stärken und von Freunden erzählen. So ernsthaft der Flaschenpostfinder seine Aufgabe erfüllt, ein eigener Name und Freunde sind ihm fremd. Doch als ihm ein äußerst merkwürdiger, unadressierter Brief ins Netz geht, der ihn ratlos und rastlos von Haus zu Haus laufen lässt, nimmt Unerwartetes seinen Lauf. In zarter, stiller Melancholie entwickeln sich Bilder und Text zu etwas Großem im Kleinen. Einfach und spontan, wie ein Wellenschlag, entsteht das Miteinander der Menschen.  Zwischen Tang und Seesternen, Sand und Sonnenschirmen steigt am Ende eine Party und die Menschen halten inne, feiern den Tag und sich selbst. Ruhe, Freude und Glück zieht ein und reicht von den Herzen bis zum Horizont.

Revolution ist keine Dinnerparty

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Ying Chang Compestine: Revoluton ist keine Dinnerparty, jacoby & Stuart 2018 € 15.-

Von Sommer 1972 bis Herbst 1976 beschreibt Ying Chang Compestine mit autobiografischen Zügen das Leben der kleinen Ling in China während der Kulturrevolution. Sie lebt von ihrer Familie behütet auf dem Gelände eines Krankenhauses. Ihr Vater ist ein angesehener Arzt. Der Vater unterrichtet seine Tochter neben der Schule in englischer Sprache, die er in seinem Medizinstudium in San Francisco gelernt hat. Ein Bild der Golden Gate Bridge, Sinnbild für das Verbindende, ist Vaters ganzer Stolz und auch Ling liebt dieses Bild. Als der Genosse Li das Arbeitszimmer des Vaters beschlagnahmt, ziehen Spitzelei und willkürliche Gewalt unmittelbar ins Haus ein. Die Golden Gate Bridge wird hinter einem Bild von Mao Zedong versteckt. Das Leben verstummt, Erinnerungen, Fotoalben und Briefe werden aus Angst verbrannt. Geliebte Nachbaren kommen in Umerziehungslager, der Vater verliert seinen Beruf und wird erst zum Putzmann im Krankenhaus degradiert und dann ins Gefängnis gesteckt. Plakate, Parolen, Spruchbänder und Lautsprecher schreien die Botschaft Mao Zedongs in die Welt. Für Ling bleiben diese Worte fremd und abstoßend. Sie widersprechen in allem dem, was sie täglich sieht und körperlich erfährt. Strom und Lebensmittel werden rationiert und sind bald gar nicht mehr zu bekommen, Menschen werden gedemütigt, verletzt, verschleppt und ermordet. Revolution ist ein brutales und blutiges Geschäft, weit entfernt von rechtem und gerechtem Miteinander und ganz wie im Krieg weiß am Ende weiß bald keiner mehr, wo die Seite der Sieger ist. Compestine erzählt eindringlich, gut verständlich und emotionsstark. Ihre zu Herz gehende Geschichte erzählt von den Menschen, von ihrem Alltag und ist in vielen Dingen selbsterklärend. Sie kommt mit minimalen politschen Erklärungen und Fussnoten aus. 10 Jahre nach dem Erscheinen der englischen Erstausgabe hat dieser Roman nichts eingebüßt. Er bleibt lesenswert.

Wenn die Maus auf dem Tisch tanzt – Märchenfantasie und Vorlesespaß

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Mac Barnett, Jon Klassen: Der Wolf, die Ente & die Maus, Nord-Süd Verlag 2018 € 15.-

Im ersten Satz ist die Welt noch in Ordnung. Ohne viel Aufheben verschlingt der Wolf eine Maus. Märchenerprobte ahnen sofort, dass dieses Ende nur der Anfang einer verrückten  Geschichte sein kann. Im Magen des Wolfes ist es zappenduster und die Maus bringt eine empörte Ente um ihren Schlaf. Beim Frühstück freunden sie sich an und bald ist die Party in feinstem Gang. Sie macht dem Wolf Magengrimmen und er spuckt Ente und Maus wieder aus, was die beiden mächtig empört. Natürlich hat es ein Jäger auf den Wolf abgesehen. Unerschrocken nehmen sie den Kampf um ihr Zuhause auf und retten dem Wolf das Leben. Das dies noch nicht das Ende ist, versteht sich von selbst. Barnett baut die Geschichte von unmissverständlicher Logik in einfachsten Sätzen und mit großem Spaßfaktor. Klassen inszeniert seine Bilder dazu bodenständig erdig, temporeich dynamisch und licht zugleich, dass jede Seite und jede Wendung der Geschichte einfach staunen lässt. Ein märchenhaft gelunger Vorlesespaß für Vorleser und Zuhörer.

Fairer Streit auf Augenhöhe

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Jörg Mühle: Zwei für mich, einer für dich, Moritz Verlag 2018 € 12,95

Bär und Wiesel sind nicht auf den Mund gefallen. Mit ihren dreizinkigen Forken fuchtelnd verhandeln sie, wem der dritte Pilz zusteht. Wie aus der Pistole geschossen treffen sich ihre Argumente in der Mitte auf dem karierten Tischtuch. Und wo zwei sich streiten, freut sich am Ende der Dritte. Der Klassiker aller Streits entfaltet sich am Fuße der Bäume zwischen Herbstlaub, minmalistisch und detailreich zugleich, energiegeladen und witzig. An den Baumstämmen haben sich der große Bär und das kleine Wiesel ihr Zuhause eingerichtet. Hier gibt es viel zu entdecken. Eine Küche wie zu Omas Zeiten, die Pfannen und das Sieb hängen an Ästen wie auch das Bild über der Kommodo. Darauf, geheimnisvoll, in einer mit einem Tuch abgedeckten Schale, der Nachtisch. Im Hintergrund hängt der Spiegel der Garderobe und Bärs große Umhängetasche, in der er wohl die Pilze transportiert hat. Am Tisch sitzt Bär auf einem Baumstamm. Mit seiner Größe reicht er leicht über den ganzen Tisch. Das Wiesel beherrscht diesen Raum genauso wenn es auf seinem feuerroten Trip Trap Kinderstuhl steht. So begegnen sich Groß und Klein argumentativ wie räumlich auf Augenhöhe und in der lustigen Konfrontation schwingt eindrucksvoll Ernsthaftigkeit und Gemeinsamkeit mit, die in eine faire Auseinandersetzung mündet.  Mühle zaubert mit leichem Strich ein Lieblings- und Herzensbuch, das auch als Geschwisterbuch die perfekte Wahl ist.

Liebe in zarter Dosis

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Steven Herrick: Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen, Thienemann 2018 € 15.-

In kurzen Kapiteln, mit wenigen Worten von großer Strahlkraft, entfacht Herrick eine Geschichte von ungeahnter Intensität mit großer Sogwirkung, ein beeindruckendes, poetisches Feuerwerk. Harry wird Ende der 60er Jahre in einem kleinen Ort am Ufer eines Flusses groß. Das Leben der Menschen hier ist einfach, trist, schicksalsergeben und gottesfürchtig. Nach dem Tod seiner Mutter wird ein Orangenkuchen Spache, da wo es keine Worte gibt, ein Höchstmaß von Anteilnahme und Harry schmeckt in ihm das Himmelreich. Ohne ihre Mutter erschließen sich Harry und sein Bruder Keith als stille Beobachter die Welt. Sie putzen, sie kochen, sie entdecken das Leben, die Liebe und am Ende sich selbst. Ganz wunderbar zart und in kleinen Dosen steckt in diesem kurzen Text alles was die Welt bewegt. Gerade für das Unscheinbare findet Harry eigenwillige Sinnzusammenhänge und eine Sprache bei der man, dank der großartigen Übersetzung von Uwe-Michael Gutzschhahn, nach jedem schwungvollen Absatz innehalten muss, um sie sich auf der Zunge zergehen zu lassen.

Geheimnisvoller Dschungel

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Eliot Schrefer: Caldera 01: Die Wächter des Dschungels, Thienemann Verlag 2018 € 14,99

Das Buch von Eliot Schrefer spielt in einem Dschungel, wo Tag und Nacht durch einen Schleier getrennt sind. Tiere, die in der Nacht leben, können am Tag nicht aufwachen und anders herum. Auf der nächtlichen Seite wachsen das Panthermädchen Mati mit ihrer Schwester Chumbay bei ihrer Tante Usha  und deren Jungen auf. Mati ist anders. Sie kann am Tag aufwachen. Als eines Tages ihre Schwester angegriffen wird, tut sie alles, um sie zu retten. Ich finde das Buch geheimnisvoll und ein bisschen gruselig, da Mati oft allein im Dschungel ist und nicht nur normale, sondern auch magische Tiere vorkommen. Lea, 11 Jahre

Gedanken im Fahrtwind

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Christina Laube, Mehrdad Zaeri: Marthas Reise, Knesebeck 2018 € 25.-

Opas Haus und Garten scheinen aus der Zeit gefallen. Sie bilden eine Insel des Innehaltens, beherrscht vom grün der Natur und der Freude am Lebens. Auf ihrer Bahnfahrt zu ihm gehen Martha viele wichtigen Fragen durch den Kopf: Ob sie auch schon Wurzeln hat, wie Opa und seine großen alten Obstbäume? Und ob man ihre noch in einem Topf mitnehmen könnte?  Alles fließt, ihre Gedanken trudeln im Fahrtwind des Zuges, tanzen mit dem Herbstlaub und verbinden Gehörtes mit Erlebtem und Erdachtem. Wohin wird ihre Lebensreise gehen? Ganz automatisch entstehen die ersten Bilder ihrer eigenen Reiseroute  im Kopf. Sie formen sich in ihre Gedanken, Träume und Sinneseindrücken. Der poetische Text steht  im Einklang mit feiner Bilderbuchkunst. Die scherenschnittartigen Stanzungen formen ein Gitternetz von Ein- und Durchblicken, auf manchen Seiten vibriert die Luft im Strich des Stiftes. Der großzügige Gedanken-Luftraum mancher Seiten rückt die kleine Martha gerade besonders ins Licht. Immer wieder breiten sich Szenen von großer Ruhe vor dem Auge des Betrachters aus. Ein Buch, das man gleich wieder und wieder gucken und lesen möchte.

Oma ist immer nah

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Anna Lott, Nikolai Renger: Eine Oma für Fridolina, Arena Verlag 2018 €10,00

Mist, wenn alle am Omatag im Kindergarten die coolsten Omas mitbringen, nur Fridolina hat keine mehr. Ihre Omas wohnen lange schon ganz tief unter der Erde. Fridolinas Freund Henry hat sogar fünf Omas, darunter eine Uroma. Er würde sie verleihen, aber keine davon möchte Fridolina sich ausborgen. Diese Vorlesegeschichte kommt zunächst recht witzig und locker daher und doch findet sie am Ende eine ernsthafte, kluge und sehr stimmige Lösung. Auch wenn Fridolinas Oma nicht mehr lebt, so hat ihre Mama doch die Ohren von ihr geerbt und sie an Fridolina weiter gegeben. Auf alten Fotos lacht Oma als Kind, wie heute Fridolinas Bruder. Je mehr Fridolina forscht, umso mehr entdeckt sie stille Verbindungen zu ihrer Oma, die sie nie kennen lernte. Mama sagt, Oma wohnt in ihrem Herzen - ein tröstlich gemeinter Spruch, der hier aber zum Leben erwacht, greifbar wird und ein wenig richtig glücklich macht.

Illusionsmalerei: Kreative Informatik

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Jaron Lanier: Anbruch einer neuen Zeit. Wie Virtual Reality unser Leben und unsere Gesellschaft verändert, Hoffmann und Campe 2018 € 25.-

Sachbuch oder Biografie? Der leidenschaftliche Informatiker, Künstler und Musiker Jaron Lanier verschränkt Episoden seiner facettenreichen Lebensgeschichte mit den faszinierenden Gedankengebäuden virtueller Welten. In den 70er Jahren war er einer der ersten Gestalter virtueller Realitäten und gab diesen heute von uns genutzten Welten ihre Struktur. Ein Land der psychedelischen Träume und unbegrenzten Möglichkeiten ist die Virtuel Reality nie gewesen. Als Kind von Holocautüberlebenden an der Grenze zu Mexiko aufgewachsen, führt sein Leben, das tragische Grenzerfahrungen nicht entbehrt, über die Hippie Ära Kaliforniens ins Silicon Valley. Dort bringen seine Programmiercodes Musik, Medizin, Philosophie und Gesellschaftkritik zum Klingen. Auf seiner spannenden Reise in die Vergangenheit macht Lanier die Technik hinter den Computern anschaulich und bringt neugierige Leser dazu, ihrem Smartphone mit einem kreativ kritischen Augenaufschlag zu begegnen.

23. Januar 2019, 19:30 Uhr: Margret Greiner präsentiert das Leben der Künstlerin Sophie Taeuber-Arp

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Margret Greiner: Sophie Taeuber-Arp. Der Umriss der Stille, Zytglogge Verlag 2018 € 29.-

In ihrer fünften Romanbiografie widmet sich Margret Greiner der vielseitig begabten Künstlerin Sophie Taeuber-Arp, einer Pionierin der konstruktivistischen Kunst. Im Schweizer Kanton Appenzell geboren, bestärkte man sie schon früh in ihrer Kreativität und sie erhielt einen Studienplatz an der Kunstgewerbeschule in St. Gallen. Später studierte sie Kunst und Kunsthandwerk an der renommierten Debschitz-Schule in München.  Interessiert an kunsthandwerklichen Disziplinen – Weben, Sticken, Holzarbeiten-  ging sie bald neue Wege. Weg von Edelweiß und Alpenrose, hin zu abstrakter Gestaltung. Verheiratet mit Hans Arp verkehrte sie in Zürich im Kreise der Dada-Bewegung und liebte es nach expressionistischen Gedichten zu tanzen. Als Lehrerin an die Kunstgewerbeschule in Zürich berufen, lehrte sie die Mädchen die Moderne Kunst und damit auch ein modernes, emanzipiertes Rollenbild der Frau, womit sie immer wieder an die Grenzen des gesellschaftlichen Verständnis stieß. Stetig auf der Suche nach neuen Ausdrucks- und Gestaltungsräumen, probierte sie sich auch in Innenarchitektur und  Malerei.  Erneut hat die Haidhauser Autorin bei ihren umfangreichen Recherchen unbekanntes Material zu tage gefördert, welches sie in ihr Werk einfließen lässt. Wir freuen uns auf die Lesung und anregende Gespräche.

Eintritt € 5.- Um Anmeldung wird gebeten.

Mehr zu Autorin und Werk finden Sie hier....

Foto: Thomas Dashuber

29. November 2018, 19:30 Uhr Palastschätze vorgestellt

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Friederike Wagner, Katrin Rüger und Marion Hübinger laden zum literarischen Empfehlungsabend ein. An diesem Abend können Sie schönste Verschenkideen für den Gabentisch oder unser persönliches Lieblingsbuch entdecken, einfach nur zum Selberlesen.
Bücher bringen zusammen, nehmen die Angst vor dem Fremden und lassen Gemeinsamkeiten entdecken. Anlässliches des 70. Geburtstages lassen wir in diesem Jahr die Gedanken zum Thema Menschenrechte kreisen. Lassen Sie sich überraschen, welche Schätze wir für Sie entdeckt und zu einem lesenswerten Menü zusammengestellt haben. Wir freuen uns auf Sie!

Eintritt frei. Um Anmeldung wird gebeten.

16. März 2019, 15:00 Uhr Zwischen den Zeilen: Spiegelwelten in Kehlmanns Tyll

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Daniel Kehlmann: Tyll, Rowohlt Verlag 2017 € 22,95

Zwischen den Zeilen - oder wer hält wem den Spiegel vor? Einladung zum Literatur-Gespräch

Daniel Kehlmanns TYLL lesen heißt, nicht nur in eine historische Abenteuergeschichte  einzutauchen, die uns in die Zeit des 30jährigen Krieges führt, dessen Ausbruch vor 400 Jahren 2018 besonders erinnert wird. Viele weitere Schichten lassen sich zwischen den Zeilen entdecken. Was machen traumatische Erlebnisse mit Menschen? Was und warum wird verdrängt? Was und warum wird vergessen, um scheinbar weiterleben zu können? Kann Vergessen überhaupt eine Strategie der Vergangenheitsbewältigung sein und kann man überhaupt bewusst etwas vergessen? Hat man Einfluss auf seine Erinnerungen? Wer wird eigentlich von einem charismatischen Führer oder Führerin verführt? Der oder die Einzelne? Viele Einzelne? Die Masse? Tyll stellt auch die Absurdität des Krieges aus, diskutiert das Wesen von guter und schlechter Pädagogik und liefert letztlich ein leidenschaftliches Plädoyer zur individuellen Lebensgestaltung abseits des Mainstreams.

Magische Schnittstellen: Marion Hübinger im Gespräch über fantastische Kreativität in ihrem Roman „Krieger der Lüfte“

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Marion Hübinger: Krieger der Lüfte, Papierzieher Verlag 2018 €13,95

Ob das Schicksal seine Finger im Spiel hat, als Leyla, eine junge Verlagsangestellte, bei einem Spaziergang im Klosterpark in eine fremde Welt katapultiert wird?
Marion Hübinger ist im Buchpalast nicht nur unsere Fachfrau für Krimis, Fantasy, Romantasy oder Dystopien. Sie ist auch selbst Schriftstellerin. In ihrem neusten Werk "Krieger der Lüfte" lässt sie Leyla auf der Suche nach der richtigen Entscheidung für ihre Zukunft in eine fantastische Welt stolpern. Auf sich allein gestellt in fremder Welt wird sie Gefahren meistern und muss Abenteuer bestehen. Eröffnet sich die Schriftstellerin damit einen Raum unbegrenzter Möglichkeiten? Wie steht es mit der Freiheit in realen wie fantastischen Räumen?  Welche Rolle spielen Zufall, Glück oder gar Schicksal? Fantastische Räume stiften Leseleidenschaft und fordern Kreativität und Mut zu neuem Denken, sagt Marion Hübinger, deren literarische Wegbegleiter Joanne K. Rowling und J.R.R. Tolkien sind.
Ihre Lesung wird von Susanne Sperrhake an der Querflöte begleitet und von einem Gespräch über Fantasyliteratur mit Katrin Rüger abgerundet.

Eisprinzessin

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Tillie Walden: Pirouetten, Reprodukt 2018 €29.-

Das Eisprinzessinnendasein ist hart und unromantisch. Tillie Walden spielt in Bild und Text ihrer graphic novel ein eindringliches Doppelspiel.  Autobiografisch erzählt sie von von vielen Trainingsstunden auf dem Eis, am Morgen vor Schulbeginn und am Nachmittag beim Synkronlaufen. Der Wecker klingelt um 4:00 früh. Die morgentliche Kälte des Eises erzeugt Atemwölkchen. Sie kriecht dem Betrachter der Bilder unmerklich unter die Haut und steht im Widerspruch zu dem Gefühl, welches die Eleganz dahingleitender Körper erzeugt. Die jungen Mädchen spannen ihre Muskeln für diese und jene Figur. Später werden sie, alle gleich in Frisur und Kostüm, zur rhytmischen Einheit verschmelzen, der blasse Teint puppenhaft aufgehübscht, mit nichts als dünner Strumpfhose und und kurzem Röckchendress. Unterhose oder BH tragen zu sehr auf. Tillie liebt es, auf der still und unberührt daliegenden Eisfläche die ersten Kratzer zu ziehen. Der Dreisprung war ein schönes Gefühl, die Schraubenpirouette hat sie gehasst,die Waagepirouette erzeugte Schwindel, der Lutz war ein ekelhafter Sprung doch mit dem Flieger glaubte sie in die Ewigkeit zu gleiten - warum bleibt sie dabei? Tillie Walden plaziert in ihren nach außen so minutiös dressiert erscheinende Körper eine überbordende Menge an Gefühlen, deren Strahlkraft sie über das Eis mit sich zieht wie die Atemwolken.  Am Rande von Müdigkeit und Erschöpfung sucht sie vehement nach Wärme und Anerkennung. Nach Liebe. Sie fühlt sich zu den Mädchen hingezogen. Das spürt sie schon ganz früh. Es bleibt lange ihr bestgehütetes Geheimnis. Ihr Coming Out am Ende gestaltet sich schmerzhafter als ein vertaner Sieg. Es gibt Geschichten, die schwer in Worte zu fassen sind. In dieser gelungenen graphic novel braucht es sie nicht. Fliehende Räume, helldunkel Spiel, Bildauschnitte, Körperhaltung, Gesichtsaudrücke und viele aufs Wesentliche reduzierte Details lassen einen Sog entstehen, der nicht besser von jugendlicher Lebendigkeit erzählen könnte.

Durchs Tor ins Darknet

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Christian Linker: Scriptkid. Erpresst im Darknet, dtv 2018 € 6,95

Short & easy. Zille ist über den Torbrowser ins Darknet gerutscht und entdeckt den Marktplatz scheinbar unbegrenzter Möglichkeiten. Vielleicht wollte sie es Leo zeigen, dessen Machosprüche sie nerven, vielleicht war sie einfach neugierig. Nun steckt sie mitten drin. Die Coderätsel der Hacker fordern sie heraus, die Gedanken über Schein und Sein dieser virtuellen Welt streifen sie nur am Rande. Auch an den Konflikt mit dem Gesetz, welches sie als Newcommer Hackerin  herausfordert, verschwendet sie vorerst keine Gedanken. Linker erzählt schnell mit nötigem Detailwissen, welches ebenso spannend ist, wie die Geschichte selbst, die sich wendet wie ein Fisch im Wasser. Eine perfekte, kurzweilige Klassenlektüre im Angesicht allgegenwärtiger Digitalisierung.

Im Käfig der Einsamkeit

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Jan de Leeuw: Babel, Freies Geistesleben 2018 € 22.-

Schon das Cover zieht magisch an: Seltsam schwebend entschwindet die Hochhausglasfassade mit seinen stürzenden Linien im lichten Nebel. Menschengemacht, menschenleer, surreal. Als das Mädchen Naomi das über 300 Etagen zählende Gebäude betritt, gerät sie in die hermetisch abgeriegelte, hierarchische Welt eines Superreichen, Abraham Babel, dem mächtigsten und reichsten Mann der Stadt, in der Naomi groß geworden ist. Unter dem Dach des Gebäudes hat er für sich und seine Enkeltochter Alice, die nach einem Terroranschlag auf die Familie an den Rollstuhl gefesselt bleibt, ein Reich geschaffen, aus dem man vom Himmel herab auf Menschen schauen kann. Hier oben ruht die stille Macht über jegliches Leben da unten. Das bekannte Bild wird spielerisch durch vieles ergänztund bespielt: vom Urvater Abraham über biblische Sprachverwirrung, die Strafe für Maßlosigkeit bis hin zu Anspielungen an Alice im Wunderland, die bekanntlich durch ein Kanninchenloch nach unten fällt und nicht nach oben. Leeuws Geschichte erfährt dabei im Lichte einiger schicksalweisenden Tarotkarten zahlreiche Wendungen. Als Naomi aus der Putzkolonne im Keller zum Spielball der "Prinzessin" in den obersten Stock gerufen wird, kann das Spiel beginnen. Es dreht sich um Gier und Geld, um Macht und Glauben und lässt keine Luft zu leben und zu lieben. Naomi und Alice verbindet Ungeahntes, doch über Naomis Beweggründe wird Alice nichts und der Leser nur weniges erfahren. Leeuw schafft eine artifizielle, nebulöse Welt die fasziniert, da in ihr viele aktuellen Fragen ans Miteinander mitschwingen: wie kommt es zu Fanatismus? Warum glaubt der Mensch? Und was glaubt er? Sind wir nicht doch eine große Familie, die sich nur einfach nicht versteht? Und gibt es einen Weg heraus, aus diesem Käfig der Einsamkeit, in dem alle Gefangene zu sein scheinen. Bei aller Intensität auf 450 Seiten bietet der Schluss nur ein loses Schlupfloch, dass vieles ungeklärt hinter sich lässt, als wäre Alice, ein Wunder half nach, am anderen Ende der Welt aus dem Kanninchenloch gekrochen. Hier lässt der Autor, dem es gelingt, belehrende wie klärende Klippen weitgehend zu umschiffen, noch viel Spiel für weitere Fantasie und die eigenen Suche nach Fragen und Antworten.

Aug in Auge

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Badey, Kühn: Strom auf der Tapete, Beltz & Gelberg TB 2018 € 7,95

An seinem 16. Geburtstag hat seine Mutter Ron Robert das atemraubende, weiße Cabrio mit roten Ledersitzen für eine gemeinsame Spritzfahrt an den Straßenrand gestellt. Leider wird dieser selig machende Geburtstagsanblick durch ein aus dem Fenster auf die Straße fliegendes Radio zerstört. Ein Nachbarschaftsstreit, der die Polizei auf den Plan ruft. Doch da sitzt Ron Robert schon am Steuer, neben ihm die Klassenkameradin Clara, auf dem Rücksitz ihr Rolli und raus geht es, aus Frankfurt/ Oder, weg von den Streitigkeiten in der sozialen Unterschicht, den Alltagssorgen, den Männerbekanntschaften und dem Alkoholkonsum  in Mutters Umfeld. Ron Robert macht sich auf die Suche nach seinem Vater, zusammen mit Clara, die viel mehr auf ihren eigenen Beinen steht, als man es beim Anblick des Rollstuhs vermuten würde. Dem Schreiberinnen-Duo Andrea Badey und Claudia Kühn ist ein rasantes Roadmovie mit überzeugenden Akteueren gelungen, in dem Klaras Behinderung nur eine von vielen Beeinträchtigungen ist, die einem das Leben schwer machen können. Immer wieder erstaunen die schlagkräftigen, witzigen Dialoge, die klaren Gedanken, welche nichts vernebeln und schönreden und  dabei entwaffende Leichtigkeit verbreiten. Gegen Ron Roberts Albträume gibt es nur eine Lösung: Schau dem Wolf in die Augen und tu was! Selbst wenn es mal schiefgeht, das ist der Weg. Alles andere wird sich finden. Ein briliant durchkommponierter Text, der auf sich selbst vertraut und mit nichts als Selbstverständnis zu überzeugen versteht. Unbedingt lesenswert und als Klassenlektüre zu empfehlen.

Nichts rechtfertigt Gewalt

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Kristina Aamand: Wenn Worte meine Waffe wären, Dressler Verlag 2018 € 16,00

Kristina Aamand schreibt aus erster Hand. Als Tochter einer katholischen Dänin und eines muslimischen Palästinensers kennt sie das Spannungsfeld, in dem ihre Hauptfigur Sheharzerade aufwächst. She war sieben Jahre alt, als ihre Eltern nach Dänemark einwanderten. Hier hat sich Sheazerades Mutter zur strengen Muslimin gewandelt während den Vater, der als Journalist und Dichter verfolgt wurde, ein Kriegstrauma beherrscht. She ist 17 und hat sich freiwillig entschlossen das Kopftuch zu tragen. Es bietet ihr Schutz vor anzüglichen Blicken und Sprüchen der Jungs, macht sie aber auch zum Mobbingopfer. Als ihr Thea, ein Mädchen mit charmanter Selbstverständlichkeit und Offenheit, begegnet, verliebt sich She und bekommt ihren ersten Kuss. Ein Glücksgefühl dem die Bestrafung in der Familie auf dem Fuße folgt. In ihrer Community wird Gewalt an Frauen verübt, Gewalt aus Tradition und Ehre, die fern der Heimat gerade unter Mitwirkung der Frauen besonders stark verfochten wird. Obwohl das kunstfrei zusammengewürfelte Layout der eingestreuten Tagebucheintragungen im Buch eher stört als befruchtet, ist Aamand ein eindrücklicher, der neuen Heimat, ihrer Heimat augeschlossener Roman geglückt, welcher seine LeserInnen mitreißt in märchenhaft rauschende arabische Feste, in Frauenleid und den schwierigen Schritten eines gemeinsamen Lebens  zwischen Bewahren und Erkunden.

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Megumi Iwasa, Jörg Mühle: Viele Grüße, Deine Giraffe, Moritz Verlag 2017 € 10,95

In diesem Erstlesebuch knistert es vor Aufregung. Wenn Giraffe unter der Schirmakazie sitzt, hört man ihr Herz über die Savanne schlagen. Sie erwartet Post vom Kap der Wale. Post von ihrem neuen Brieffreund: dem Pinguin. Weiß noch jemand was ein Brief ist? Er reist mit der Pelikanpost über Land und mit der Robbenpost über Wasser. Am Ende hält der Empfänger ein geknicktes Blatt Papier in der Hand und fühlt dabei Freude, Neugier, Sehnsucht und Erwartung. Ein Brief besitzt eine eigene Handschrift, dessen Buchstaben freudig oder fragend herumtanzen können. Man kann ihn geheim allein oder mit anderen gemeinsam lesen. Briefe erzählen von seltsamen Begebenheiten im Leben Fremder, die durch den Briefwechsel Bekannte, ja Freunde werden. Der Text von Megumi Iwasa erzählt elegant, pointiert und einfallsreich. Jörg Mühle setzt in seinen Bildern darüber hinaus das Pottpourrie der Gefühle gekonnt in Szene.  Das Buch weckt die Leselust und die Lust, gleich mal wieder einen Brief zu schreiben, nur um auf Antwort warten zu können. Schreib mal wieder!