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Die Liebe wohnt im Buchpalast

Was ist die Liebe? Ob jung oder alt, zeitlebens bewegt diese Frage die Menschen. In seinem neuen Sachbuch über die Liebe versucht Nikolaus Nützel zehn treffliche Antworten zu finden und wendet sich dabei vor allem an junge Menschen, die sich sprachlos vielleicht, peinlich berührt, neugierig und emotional mitgerissen inmitten des Gefühlskarussels befinden. Der Experte ging bei seiner Buchpremiere im Buchpalast ins Gespräch mit vier jugendlichen Bücherfressern, die sich in der Jugendliteratur zum Thema Liebe umgeschaut hatten und sein Buch dabei vorstellten.

Nikolaus Nützel: Was ist Liebe. Eine Frage, viele Antworten, ars edition 2018 € 15,-

Ein mutiges Projekt, auf das sich Nikolaus Nützel hier eingelassen hat, denn die Liebe hat ja wohl so viele Aspekte, ist immer und überall präsent, dass es nie gelingen kann, sie in nur einem Buch zu beantworten. In zehn Antworten, die von der Evolutionstheorie über Sexualität und Rituale bis zu den großen Emotionen, Sprache und der Liebe zum Vaterland reichen, versucht der Autor die Spur der Liebe aufzunehmen. Das ist mal ein Anfang. Nützel erzählt  ernsthaft und pointiert. Im Zentrum  stehen zehn Jugendliche, für die auf einer Party viel in Bewegung gerät. Diese Fiktion stößt die Fakten an. So nimmt die Frage "Was ist Liebe?" die Spitzenposition der Googleanfragen ein. Wer hätte das gedacht? Manches entwickelt sich dann auch recht ernüchternd. Die romantische Liebe als Paar wird getragen von gesellschaftlichen Abmachungen und auf vieles kämen wir erst gar nicht, wenn man es uns nicht ständig einreden würde. Und so lange gibt es diese Romantik ja auch noch gar nicht. Früher stellte niemand die Frage: "Wer ist der Richtige?", die heute manchen so quält. Und noch mehr ist auf dem Weg zu Veränderungen. Paare dürfen bunter sein. Ein Kapitel, welches heutige Jugendliche wohl noch bunter sehen, als der Autor selbst. Wer Deutschland oder seinen Fußballverein liebt, bekennt mehr seine Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Gruppenmitglieder, die nicht selten Außenstehende mit Hass oder Gewalt bekämpfen. Die klare Haltung des Autors zu Absurditäten auf den Liebessektor ist wichtig und tut gut. Nützel betreibt kein Seelenstriptease. Das wäre auch nicht nötig, denn Liebesbekundungen, Geschichten, Zeichen und Bilder vagabundieren mannigfaltig und offen in unserer Gesellschaft herum. Man muss  sie nur aufmeksam einfangen und auswerten, so wie es hier geschiet. Dabei spielt für Nützel die Bodenhaftung zu unserem heutigen Leben in der Gesellschaft eine zentrale Rolle. Das Buch ist bunt und appetitanregend, die knappe Form der Themenabsätze, das selbst fotografierte, üppig eingestreute Bildmaterial, Sprüche und Sentenzen machen es zur Entdeckerlektüre, bei der man überall einsteigen und auch wieder aussteigen kann. Eben gerade so, wie das Thema einen interessiert. Und das wird es wohl. Denn was ist das nun, die Liebe? Der Autor hat keine erfolgreiche Bastelanleitung zu bieten, aber doch, auf ein Wort: Die Liebe zu einem anderen Menschen hat wohl mit Entscheidungen zu tun, die jeder irgendwann aktiv dabei treffen muss.

Er liebt mich.

Er liebt mich.

Sie liebt mich nicht.

Schwule haben gleiche Rechte.

Zicke!

Mama? Papa?

Die Liebe ist ja ein sehr komplexes Thema. Warum haben Sie es trotzdem ausgesucht?  Ich habe erst mal versucht, mich zu erinnern, wie das eigentlich war, als ich zum ersten Mal verliebt war. Und das Interessante ist ja, dass man sich das gar nicht eingestehen mag in dem Moment. Vor allem beim ersten Mal nicht. Wenn ich mich richtig erinnere, war ich in der achten Klasse, und ich habe einem Mädchen, das ich toll fand, gesagt, dass ich ihr aus dem Urlaub eine Postkarte schreiben würde. Als ich mit meiner Familie im Urlaub war, habe ich aber gemerkt, dass ich das Bedürfnis hatte, dass es keiner mitbekommt, dass ich an Brigitte – so hieß das Mädchen – eine Postkarte schreibe. Weil ich Angst hatte, dass es heißt: Eine Postkarte? An ein Mädchen? Du bist verliebt in die! Also musste ich ganz geheim eine Karte besorgen, eine Briefmarke, einen Briefkasten – das war alles gar nicht so leicht.

Clara: "Anna, warum hat Anna fehlgeknutscht?" Anna: "Wiebitte?" Clara: "Das steht doch so im Buch. Da gibt es eine Rahmenhandlung, in der zehn Jungendliche eine Party erleben. Die Geschichten von dieser Party sind dann mit Sachanteilen verknüpft."

Viele Frauen finden Männer mit Geld und Durchsetzungsvermögen anziehend. Evolutionspsychologen erklären, dass dieser damit in der Steinzeit Frau und Kinder versorgen hätte können. Ist Liebe das Ergebnis unserer Gehirnchemie zum Zweck der Fortpflanzung? Ich habe wissenschaftliche Bücher gelesen, z.B. von Psychologen wie Erich Fromm, aber auch von Philosophen wie Richard David Precht und Soziologen wie Niklas Luhmann. Die waren unterschiedlich gut lesbar, um es vorsichtig auszudrücken… Einen beträchtlichen Raum beim Lesen haben auch Bücher von der wissenschaftlichen Richtung der „Evolutionspsychologen“ eingenommen – und über die habe ich mich zum Teil ziemlich geärgert.

Paul: „Stopp, können wir nochmal von vorne anfangen. Wir haben einen Fehler gemacht. Wir wollten mit dem Layout anfangen. Wir finden: man muss ein Buch wie einen Menschen behandeln. Erstmal die äußeren Werte schauen, und dann das Innere gucken."  Anna: "Besonders gut haben uns die vielen Bilder und interessanten STATISTIKEN im Buch gefallen. Die Dr Sommer Studie ist scheinbar wissenschaftlich und auf jeden Fall total lustig. Dort ist uns Folgendes aufgefallen: Im Alter von 17 Jahren beträgt die Selbstbefriedigungsrate bei Mädchen 56%, bei Jungs hingegen 93%.  Ist das einfach nur Schwachsinn oder wie kommt es zu diesem gravierenden Unterschied? Ich glaube, eine sichere Antwort darauf gibt es nicht. Darüber kann auch ich letztlich nur spekulieren. Tatsache ist aber sicherlich, dass es Männern und Jungs leichter fällt, sich zu sexueller Erregung zu bekennen, damit sogar anzugeben.

Wir kennen doch alle diese eine Tante, die bei jedem Familienfest fragt: „Hast du schon einen Freund?“ Sind Beziehungen in unserer Gesellschaft eine Art Statussymbol? Auf jeden Fall. Und selbst wenn Mädchen oder Jungs das nicht gefragt werden, sie beobachten einander ganz genau, denke ich. Das Mädchen, das keinen Freund hat, gilt als nicht begehrenswert. Wer hingegen mit 18 schon vier Freunde hatte, hat schon mal definitiv einen „hohen Marktwert“. Mädchen stehen dabei natürlich in der Gefahr, als „Schlampe“ zu gelten.

Gibt es eine Art Placeboeffekt beim gemeinsamen Trinken von Liebestränken? Könnte ich mir sehr gut vorstellen. Gerade das, was man Flirt nennt, ist ja eine Abfolge von oftmals völlig unbewussten Signalen. Wie schaue ich jemanden an? Wie stelle ich mich hin? Berühre ich jemanden? Stoße ich beim Trinken an? Und dann auch noch einen „Liebestrank“ gemeinsam trinken? Holla!nuetzel13

 

Aber selbst der beste Liebestrank kann mal versagen und Liebe kann scheitern. Ist ewige Liebe prinzipiell unmöglich?  Sicher nicht. Es gibt sicher Paare, die sich jahrzehntelange lieben. Das ist dann nach 40 Jahren sicher etwas anderes als nach vier Jahren oder nach vier Wochen. Aber ich finde den Gedanken, dass es eine ewige Liebe gibt, erstens schön – und zweitens gibt es immer wieder Beispiele für Paare, deren Liebe wirklich lange, lange trägt.

Was sind Fehler, die eine Liebe besonders schnell scheitern lassen? Gibt es unverzeihliche Fehler?  „Es ist oft jammerschade, wie viel an Entwicklungsmöglichkeiten sich Menschen rauben, weil sie sich gegen jede Einsicht sträuben, dass Liebe böse Fehler machen kann und doch Liebe sein kann.“, sagt Wolfgang Schmidbauer

Jetzt haben wir sehr lange über das Thema Liebe geredet. Was ist denn Ihre Definition von Liebe? Uff. Am besten gefällt mir eine Zuschrift von einer Jugendlichen aus dem Workshop, die auf Seite 5 abgedruckt ist: „Wenn die Ecken einer Person perfekt auf die Kanten einer anderen passen, so nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip“.

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Nachdem wir das geklärt haben, können wir ja mit der Liebe Schluss machen. Herzlichen Dank für dieses Gespräch.

 

Nikolaus Nützel arbeitet als freier Journalist (ua beim Bayerischen Rundfunk) und ist Buchautor. Für seine Jugendsachbücher hat er verschiedene Preise erhalten, unter anderem zwei Nominierungen für den Deutschen Jugendliteraturpreis, zweimal die Auszeichnung „Bestes Junior-Wissensbuch“ des österreichischen Wissenschaftsministeriums und den „Luchs“ von Radio Bremen und der Wochenzeitung DIE ZEIT. Nikolaus Nützel lebt mit seiner Familie in München.

Weiterlesen: Bücher, die uns zum Thema Liebe bewegten.

Zur Spurensuche in der aktuellen Kinder- und Jugendliteratur geht es hier. Unsere Empfehlungsliste zu Liebesbüchern könnt ihr hier downloaden.