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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis Jugendjury 2011

Jane Teller, Nichts, dtv Tb €6,95

NICHTS ist das Jugendbuch Debut der dänischen Schriftstellerin Janne Teller, das kontroverse Diskussionen auslöste. Zunächst an dänischen Schulen sogar verboten, wurde das Werk 2001 schließlich mit dem Jugendbuchpreis des dänischen Kultusministeriums und 2008 mit dem französischen Prix Libbylit ausgezeichnet. Vor ihrer Karriere als Schriftstellerin arbeitete Janne Teller als Ratgeberin der EU und UN und lebt abwechselnd in Kopenhagen, New York und Paris.
Nichts bedeutet irgendetwas. Das weiß ich schon lange. Deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun. Das habe ich gerade herausgefunden.“ sind die folgenschweren Worte mit denen Pierre Anton die Schule am Tag nach den Sommerferien verlässt. Sein Platz im Klassenzimmer wird das nächste Jahr über leer bleiben, er harrt stattdessen auch im Winter in der Krone eines Pflaumenbaums aus und stößt seine ehemaligen Mitschüler mit Aussagen wie „Alles ist egal. Denn alles fängt nur an, um aufzuhören. In demselben Moment, in dem ihr geboren werdet, fangt ihr an zu sterben. Und so ist es mit allem.“ vor den Kopf. Seine Schlussfolgerung, dass es nichts gibt, das etwas bedeutet, führt dazu, dass sich die anderen Schüler sicher sind, Pierre irgendwie von seinem Baum zu locken. Zunächst gehen sie mit Steinen auf ihn los, doch als der Erfolg ausbleibt beschließen sie ihm zu beweisen, dass es etwas gibt, das Bedeutung hat. Sie errichten den Berg der Bedeutung. Jeder der Schüler muss etwas hergeben, das für ihn von großer Bedeutung ist. Die Sammlung Lieblingsbücher, die Angelrute, der schwarze Fußball, die grünen Sandalen, … Derjenige, der seinen Gegenstand der Bedeutung als letztes hergeben musste, bestimmt, was der nächste „opfern“ muss. Schon bald versuchen sich die Schüler in ihren Forderungen zu überbieten, bis der Kindersarg eines verstorbenen Bruders einer Schülerin und der rechte Zeigefinger eines leidenschaftlichen Gitarrenspielers auf dem Berg der Bedeutung landen. Sie sind überzeugt, dass das genug sei, um Pierre von seinen nihilistischen Ansichten abbringen zu können, doch scheinbar vermag nichts seine Einstellung zu ändern … NICHTS ist schnell gelesen, doch beschäftigt länger. Das Buch ist in Ich-Form aus der Perspektive der Schülerin Agnes geschrieben. Dies zusammen mit dem Erzählstil - Teller greift auf einfache Sprache und paratiktischen Satzbau zurück – vermittelt ganz gut die Gedanken der Siebtklässlerin. Trotzdem drängen sich unweigerlich Fragen auf, wie man selbst an der Stelle der Schüler gehandelt hätte und nicht wenige werden nicht nachvollziehen können, wie die Situation so eskalieren konnte. Dazu drängt die Handlung zu schnell vorwärts. Auch der identische Aufbau der Kapitel VI bis XVI: Bestimmung des nächsten Gegenstandes für der Berg der Bedeutung und Beschaffung desselben, nehmen dem Buch Tiefe. Es wirkt wie eine Aufzählung und nimmt die Brisanz aus der Handlung. Anna, 17 Jahre
Zu diesem Buch kann man nicht so wirklich viel sagen, außer wie man sich so etwas ausdenken kann. Die Kinder sind in der siebten Klasse und so kaltblütig wie es nur wenige Erwachsene sind. Wie sind sie so geworden? Die Eltern scheinen normal zu sein und der Ort auch. Jeder, der etwas hergeben musste, will einem anderen immer ein größeres Leid zufügen und so schaukelt sich die Sache absurd hoch. Ich finde, so eine Idee für ein Jugendbuch kommt wirklich nicht jedem und ich weiß auch nicht, ob man es als Jugendbuch verkaufen sollte. Ziemlich sicher gibt es auch Ältere, denen es beim Lesen kalt den Rücken herunterläuft - wie fassen es dann erst die Zwölfjährigen auf, die so alt wie die Protagonisten sind? Allein die Vorstellung, dass so etwas irgendwo passieren könnte, ist erschreckend. Mein Lieblingsstil ist das ehrlich nicht und ich würde gerne einen Menschen kennenlernen, dem dieses Buch gefällt. Die Unterhaltung wäre sicher interessant. Kathi, 15 Jahre
Als Pierre Anthon sich in den Pflaumenbaum setzt und behauptet NICHTS wäre das, was das Leben beherrscht und deshalb würde er ab sofort nichts mehr tun, sind seine Mitschüler bestürzt. Es gibt doch so viele wichtig Dinge, die etwas bedeuten. Das wollen alle nun zusammensammeln, Pierre Anthon zu beweisen, dass es im Leben sehr wohl mehr als NICHTS gibt. Sehr viel mehr! Um wirklich zum Erfolg zu gelangen, soll jeder das für ihn Bedeutsamste opfern. Ein paar nigelnagelneue Schuhe. Ein erstklassiges Rennrad. Je mehr es wehtut, desto mehr Bedeutung hat es, befinden die Kinder, deren Treiben im alten Sägewerk unentdeckt bleibt. Wie fühlt es sich an, wenn einer, der gläubig ist, das Kreuz aus der Kirche samt Jesus entwenden muss und dann noch ein Hund daran pinkelt? Der Schmerz ist groß. Die Wut auch. Dafür muss die Nächste bluten – mit ihrer Unschuld vielleicht? Diese Sache lässt sich steigern in äußerste Grausamkeiten und Perversionen. In irrational künstlichem Setting versucht die Autorin parabelgleich zu zeigen, wie Demütigung durch blinden Gehorsam in blanken Hass umschlägt und und in eine krankhafte Lust, andere zu schädigen. Ein grundlegendes Missverständnis, über welches der aufgeweckte Leser sogleich stolpert, wird dabei nicht ansatzweise diskutiert: Das, was für mich eine Bedeutung hat, lockt andere eher selten hinter dem Ofen hervor...und Pierre Anthon nicht von seinem Baum. Was tut der Junge überhaupt ein Jahr auf diesem Baum? Und wo bleibt der Rest der Welt, sich einzumischen? 100 Seiten bleibt diese Geschichte in erwachsenenfreiem Raum und dann fallen sie plötzlich vom Himmel, erklären den widerwärtigen Bedeutungsberg zum Kunstwerk und bieten dafür Millionen? Ein kuriose Welt ist das, ein merkwürdig unechtes, plaktives Spiel, welches sich nicht durch seine erzählte Grausamkeit ins Aus schießt, sondern durch seine nicht ernstnehmbare Unlogik und Künstlichkeit. Man könnte schlussendlich natürlich auch diskutieren, dass kein Handeln Wert besitzt, welches anderen Menschen am Ende das Leben kostet. Vielleicht ist dies der lehrhafte Grund, warum dieses Buch seit 10 Jahren eine beliebte Schullektüre in Dänemark ist. Katrin Rüger