Articles tagged with: Tod

Ein kleiner Kosmos

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Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann, DuMont Buchverlag, € 20,00

Von ganz normalen Menschen in einem kleinen Ort mit ihren ganz speziellen EIgenschaften wird in diesem Roman ungewöhnlich und anrührend erzählt. Ein 10jähriges Mädchen, das zur Mittdreißigerin heranwächst, ist die Erzählerin. Sie steht ihrer Großmutter Selma ganz besonders nah, diese ist die heimliche Hauptfigur. Sie ist auch diejenige, die immer mal von einem Okapi träumt, und dann stirbt jemand im Ort - so war es bisher immer. Wird es auch dieses Mal so sein? Und wie ist das mit der "heimlichen Liebe", die offensichtlich ist, aber doch nie ausgesprochen wird. Und wie mit der Liebe, die einem in Form eines Menschen plötzlich gegenübersteht, die das Leben auf den Kopf stellt - will man dieses andere, veränderte Leben? Mariana Leky findet eine ganz eigene, ein wenig versponnene, bezaubernde Sprache für diese Menschen, die so sein dürfen, wie sie sind, für diesen kleinen Kosmos, in den der Leser eintaucht, in dem er mitfühlt, mitbangt und sich mitfreut.

Ruhig und kraftvoll

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Colm Toibin: Nora Webster, Hanser 2016, € 26,00

Nach dem viel zu frühen Tod ihres Mannes muss Nora sich neu finden. Sie lebt in einer irischen Kleinstadt in den 60er Jahren, jeder kennt jeden und es gibt Regeln über Regeln, wie "man" sich zu verhalten habe. Nora ist eine unauffällige Rebellin und wird sich Stück für Stück aus der inneren und äußeren Enge befreien.Colm Toibin beschreibt ruhig und glaubwürdig Noras Leben, mit ihren zwei Söhnen zuhause, zwei fast erwachsenen Töchtern, der neu aufgenommenen Arbeit, den vielen Gedanken und Fragen, die sie umtreiben. Die Musik wird ihr helfen, eine eigene Welt zu entdecken, die sie den Alltag selbstbewusster und freier erleben lässt. Ein schön zu lesender Roman über eine Frau, die gleich meine Sympathie hatte und mir ans Herz gewachsen ist.
 

Interview mit zwei Wienerinnen, die sich zusammen Anna Pfeffer nennen

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Hinter dem Pseudonym Anna Pfeffer stehen zwei interessierte Frauen, die schon als Jugendliche befreundet waren. In dem Interview mit ihnen erfahren wir zum Beispiel, weshalb sie Anna Pfeffer gewählt haben. In ihrem Buch „Für dich soll’s tausend Tode regnen“ haben die beiden sich ausführlich mit dem Tod auseinandergesetzt: Emy gibt jeder nervigen Person in Gedanken eine Todesart, wobei sie den allernervigsten Jungen kennenlernt.

Lyrik bis ans Lebensende

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"Wenn du niemals sterben könntest, würdest du dann glücklich sein?"

In schwungvoller, grafischer Eleganz inszeniert der Rieder Verlag auf dem Cover nichts als den Titel des Buches: "Überall & Nirgends". Das Inhaltsverzeichnis verlangt vom Betrachter, in einer ersten Drehung des Buches, gleich den etwas anderen Blick auf das, was wir so gern verdrängen. Die Präsenz des Todes. Was wäre ein Leben ohne den Tod? Langweilig. Na also. Der Tod gehört dazu. Jeder kennt ihn. Irgendwann, irgendwo stirbt immer ein Lebewesen. Der Tod macht traurig, aber auch neugierig. Mal begreift man ihn besser mit Albernheit und mal trägt er die Erinnerung. Durch ihn können sich neue Möglichkeiten eröffnen. Trägt Omas Mantel noch ihren Fingerabdruck? So mancher trägt sein Erbe im Gesicht. Die Worte von Bette Westera verhandeln das Sterben, erzählen von Begräbnisritualen, lassen Raum für Trauer sowie Erinnerung. Lasst uns darüber reden, wie wir auch über das Leben sprechen. Der Tod ist ganz normal. "Doodgewoon", das Wort des Originaltitels bezeichnet im Niederländischen auch das Stinknormale. Und danach? Ist noch lange nicht Schluss. Es gibt den Glauben nach dem Tod, das Jenseits, und wohl auch ein Davorseits? Trägt der Tod eigentlich einen Namen? Gevatter Hein, der Weidenmann? Nur kurz möchte das vorwitzige Kind einmal auf seinem Schoß Probesitzen. Ist das verwunderlich? Bette Westera und Sylvia Weve arbeiten nicht zum ersten Mal zusammen. Die Form für dieses Projekt haben sie gemeinsam entwickelt. Bette Westera inszeniert den Tod lyrisch verlockend von all seinen ungeahnten Seiten. Sylvia Weves´ Illustrationen spielen mit Seiten und Halbseiten. So kann sie jedes Bild zweimal benutzen, ihnen ein zweites Gesicht geben, einen anderen Ton, eine gegensätzliche Stimmung. Die Bilder und Gedichte, dazu ein gut erklärender Anhang, laden zum Experimentieren, Erzählen und Nachspüren ein. Das Buch verwebt Leben und Tod, wie es das verschlungene "&" auf dem Cover prophezeit. Der Tod wird hier zu einem kunstvollen Fest. Es lässt ihn mit Genuss greifen und begreifen.

Heldenhaft

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Hakon Overas, Super Bruno, Hanser 2016 € 12,90

"Geht es dir gut?", fragen Bruno Eltern immer wieder. Die Familie ist umgezogen und gerade ist Großvater gestorben. "Mir geht´s prima", antwortet Bruno. Doch die älteren Jungs im Dorf haben seine Bretterhütte zerstört und ärgern Bruno, der vorsichtig neue Bekanntschaften zu schließen versucht, auf Schritt und Tritt. Ein zartes, melancholisches, anrührendes kleines Büchlein voll großer Gefühle, indem Bruno sich zu helfen und als "Super-Bruno" zu wehren weiß. Durch Großvaters Hilfe aus der Ferne lernt der schüchterne Junge sich auch ohne Superheldentum zu behaupten. Die Illsutrationen mit ihrem feinen Strich und ihrer punktuellen Farbgebung runden das Leseerlebnis ab.

Auf der Zugspitze

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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis Jugendbuch 2015

Christoph Wortberg, Der Ernst des Lebens macht auch keinen Spaß, Beltz & Gelberg Tb 2016 € 7,95

Das Buch packt einen emotional und ist sowohl traurig als auch mutmachend. Es setzt sich mit den Themen Tod und Verlust auseinander, Dinge mit denen jeder Mensch einmal klar kommen muss. Bewegend und poetisch geschrieben mit realistischen Charakteren.

Davor, danach, währenddessen

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Gideon Samson, doppeltot, Gerstenberg 2015 € 14,95

Rifka und Düveke sind zwei einwandfreie zwölfjährige Mädchen die in einem niederländischen Dorf zu Grundschule gehen. Rifka ist der King des Pausenhofs, wie sie selbst sagt, und kommandiert alle herum. Für sie sind die anderen Schüler nur das Volk, bestehend aus Dummtussis und Lödeldödel. Und wenn Rifka das denkt, muss es ja stimmen, meint Düüv. Sie ist Rifkas beste Freundin, ein Privileg das nur sie besitzt. Rifka steckt voller Ideen und findet alle möglichen Sachen zum Lachen, auch die Beerdigung eines Mitschülers. Zum Lachen. Das Ereignis bringt sie auf eine ganz neue Idee: Sie will zu ihrer eigenen Beerdigung. Mit einer vorgetäuschten Entführung und einem Versteck im Wald steht der Plan. Düüv macht natürlich mit, wie immer – genau wie Rifka es will. Brav befolgt sie die Anweisungen ihrer besten “Freundin” immer weiter. Doch sie hat Angst und irgendwann macht sie einen Fehler – ein Fehler der Rifkas Plan zerstört. Einen Fehler für den Rifka sie töten würde…
Das Buch ist in drei Teile mit unterschiedlichen Perspektiven unterteilt: Davor, Danach und Währenddessen

Flügel! Von den Ohren bis zur Ferse.

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Zoran Drvenkar: Der letzte Engel, cbj € 8,99

„Wer einen Engel sucht und nur auf die Flügel schaut, könnte eine Gans mit nach Hause bringen“ sagte schon Georg Christoph Lichtenberg  und man möchte meinen, er hätte geahnt, dass 15 Jahre nach seinem Tod ein Eisblock  St. Petersburg erreichen wird.  Darin eingeschlossen zwei tiefgekühlte Skelette und zwei Flügelpaare. Für die Gräfinnen Pia und Natascha ist klar, dass es sich hier nur um zwei Exemplare der Spezis Engel handeln kann.  Die Damen werden einen Stab von Wissenschaftler engagieren und versuchen, in Reihen fehlschlagender menschlicher Experimente Engel zu erschaffen.  Diese Experimente führen zum qualvollen Leiden junger Menschen und bald gründet sich eine Bruderschaft, welche alle und jeden radikal auszulöschen versucht, der an dieser Sache beteiligt ist. Zeitsprung. Motte, dem eine email den nahenden Tod ankündigt, weiß nichts von diesen 200 Jahre andauernden Kämpfen.  Er kämpft mit sich selbst. Mit albernen Boxershorts bekleidet steht er da, mager und kein Haar auf der Brust. Und nun hat er auch noch diese Flügel von den Ohren bis zu den Fersen an der Backe. Wunderbar lakonisch kommentiert er das Geschehen, welches ihn in pubertärer Manier weder schreckt, noch dass er ihm Herr werden könnte. Mit märchenerzählerischem Talent verstrickt Drvenkar den Leser in seinen komplexen Plot, spielt gekonnt lässig mit zeitlichen Erzählebenen und Blickwinkel und jongliert mit großer Besetzung. „Vergangenheit ist ein Gewebe der Zeit, das sich aus Erinnerungen zusammensetzt“, sagt Mona, ein zehnjähriges Mädchen, welches den Anschlag der Bruderschaft überlebt hat. In allem Tohuwabohu ist sie traumwandlerisch mit einem Engel aus ferner Zeit unterwegs.  „Ein Engel wird von geborgter Zeit leben.“ Mona ist das Bindeglied zwischen den Zeiten bis die Vergangenheit in der Gegenwart ankommt. Reizvoll, da ungewöhnlich nüchtern und glaubensfern, ist Drvenkars Umgang mit dem im romantischen Sektor verbrauchten Thema „Engel“. Sie sind weder Licht noch Botschafter. Hier braucht der Engel den Begleiter. Vermutlich sind sie nicht einmal unsterblich. Einzig ihre Flügel scheinen Zeit strecken zu können und stellen somit ein begehrenswertes, rabiat zu erwerbendes Lebenselixier dar. Einen stimmigen Unterton bildet die grundsolide Erkenntnis, dass die Toten die Lebenden bedingen und die Erinnerung eine unantastbare Brücke bildet, sodass Ende und Anfang ein  unendliches, geschlossenes Band zu bilden scheinen. Fast verliert der Leser am Ende durch den Sog historischer Zusammenhänge die gelungenste Stimme und mit ihr Mottes Desater aus den Augen. Aber nur fast, denn schlussendlich muss der frischgebackene Engel  Federn lassen und genau hier folgt der klassische Verweis auf einen zweiten Teil. „Mist auch“ würde Motte da wohl sagen.

Wiederbelebung

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Chen Jianghong, Der kleine Fischer Tong, Moritz Verlag 2015 € 18.-

Chen Jianghong ist ein Wanderer zwischen europäischer und asiatischer Tradition. Seine Geschichte wurde von einer chinesischen Illustration aus dem 7. Jahrhundert inspiriert und die Bilder sind wie immer bei Chen Jianghong mit Tusche auf Seide oder Reispapier in schnellem, selbstbewussten Strich gezeichnet. Ihre intensive Stimmung entwickelt beim Betrachten ein kunstvolles Eigenleben und lässt das Wesen in allen Dingen erspüren. Dies ist ein Buch zum Schauen und Staunen. Es vermag Groß und Klein besonders zu fesseln.

Einfach ein Roman

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Deutscher Jugendliteraturpreis Jugendjury 2014

John Green, Das Schicksal ist ein mieser Verräter, dtv Tb € 9,95

Sarkastische Ehrlichkeit und verspielte Leichtigkeit, berührend und atemraubend fesselnd. Diese Buch kann man bis zur letzten Zeile nicht mehr aus der Hand legen.

Mir wurde das Buch in die Hand gedrückt mit den Worten

"Lies! Das Buch ist end gut."

Ich dachte mir: Okay, schon wieder ein Krebs-Buch. Wieder ein krebskrankes Kind, das vor seinem Tod nochmal sein Leben verändert oder so. Aber schon auf der ersten Seite merkt man, dass Hazel mit dem Krebs irgendwie anders umgeht, als das "Durchschnitts-Krebskind".

Zarte Trauerbewältigung

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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis Bilderbuch 2011

Stein Erik Lunde, Papas Arme sind ein Boot, Gerstenberg Verlag € 12,95

Papa hört kein Radio. Er sitzt im Wohnzimmer. Es ist ganz still, nur das Feuer im Kamin knistert und knackt.“ Zitat: Linde, Papas Arme sind ein Boot
Worte eines kleinen Jungen fließen nach dem Tod seiner Mutter auf schwarzen Grund. Daneben ein schlichtes Haus in weißer Papierlandschaft. Eine Birke, ein Stein, ein Stück Brot und eine rote Schaukel. Verwaist hängt sie am Baum und lässt mit ihrem Rot den Blick des Betrachters nicht gehen, welcher bald in Gedanken, den Jungen auf der Schaukel sitzen sieht. Sein Vater steht wohl dahinter und gibt ihm Schwung. Ihr imaginäres Lachen erfüllt das Rund. „Das ist jetzt schon eine Weile her“ sagt der Text und führt den Leser zurück in die beseelte Traurigkeit des Buches. Natürlich kann man da nicht schlafen. Der Junge nicht, welcher von der äußersten Ecke seines Gitterbettes zu uns aufblickt, und der Vater, in sich versunken vor dem Kamin, auch nicht. Der Raum und die Gefühle scheinen unermesslich groß und weit. Da flüchtet sich der Junge in die Arme seines Vaters, als kleines Knäuel hält Papa ihn fest und schreitet mit ihm Wange an Wange durch ihre „verrutschte Welt“. Der windschiefe Spültisch mit seinen aufgeklappten Laden in Seitenansicht, der Esstisch daneben in Draufsicht, die Zungen des Feuers hinter dem Pfosten verwirbelt zum Segel.