Articles tagged with: Paris

Eine kleine Familie

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Eugène Dabit: Petit-Louis, Schoeffling &Co € 22,00

Der erstmalig ins Deutsche übersetzte, 1930 im französischen Original erschienene Roman führt den Leser ins Paris von 1900 - 1920. Er erzählt von einer Arbeiterfamilie mit einem Sohn, Petit-Louis, die das einfache familiäre Miteinander lebt und liebt. Als der Ehemann und Vater zu Beginn des 1. Weltkrieges als Soldat fortgeht, ist dies für die Zurückbleibenden schwer zu ertragen. Petit-Louis ist als Jüngster an seiner Arbeitsstelle Hänseleien ausgesetzt und meldet sich freiwillig zum Militär, um sich zu beweisen und um die Welt zu sehen. Der Leser begleitet ihn in seiner Entwicklung vom Jugendlichen zum jungen Mann, in der Begegnung mit sehr verschiedenen Männern, die ihm Freunde werden und ihm sehr unterschiedliche Sichtweisen auf das Leben zeigen. Das Leben hinter und an der Front wird dem Leser vorstellbar und er hofft mit Petit-Louis, dass die kleine Familie wieder zusammenfinden möge. Eugéne Dabit hat autobiografische Erlebnisse in diesem Roman verarbeitet und eine sehr lesenswerte Liebeserklärung an seine Eltern und das Leben geschrieben.

Fabelmächtig fabelhaft

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Kahtrin Lange: Die Fabelmacht-Chroniken, Arena Verlag 2017 € 18,00

Die Fabelmachtchroniken sind für mich ein Highlight bei den Herbstneuerscheinungen im fantastischen Jugendbuch. Die Geschichte hat es geschafft, mich beim Lesen immer wieder zu überraschen. Die Autorin hat Paris als Schauplatz gewählt und führt auf die Dächer der Stadt, auf Friedhöfe und in Katakomben, wobei sie der Handlung einen lebendigen und realen Rahmen gibt. In Paris leben die Fabelmächtigen, da sich nur dort die Gabe zeigt: was sie mit Stift auf Papier bringen, wird wahr. Diese Gabe kann auch gefährlich und missbraucht werden, darum haben sich viele Fabelmächtige als eine Gemeinschaft in die Tiefen der Stadt zurückgezogen und der Gabe abgeschworen. Mila weiß von all dem nichts, vor allem nicht, dass ihre Mutter eine Fabelmächtige ist und sie die Gabe auch in sich trägt.  Erst als sie aufgrund eines Streites mit ihrer Mutter ausgerechnet nach Paris zu einer Freundin abhaut, beginnt die Geschichte, eine Geschichte, die schon längt geschrieben wurde: von dem Fabelmächtigen Nicholas, einem Jungen, der ebenfalls lange nichts von seiner Gabe wusste und nun mit aller Macht versucht, dass seine geschriebene Geschichte nicht wahr wird, denn er wird in seiner Geschichte sterben. Doch die Geschichte lässt sich nicht umschreiben. Verschiedene Menschen werden Mila zur Seite stehen, werden versuchen, ihr zu helfen und sie zu beschützen. Doch selbst Mila kann ihre Gabe nicht dazu nutzen, den Tod Nicholas in einer neuen Geschichte umzuschreiben...
Eine dramatische Liebesgeschichte, eine Tragödie voller unerwarteter Wendungen, die zum Teil an sehr düsteren Orten spielt, und bis zuletzt die Spannung hochhält. 

Sonne, Heimat, Mord

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Alexander Oetker, Retour, Hoffmann und Campe 2017 € 16,00

Ein berühmter Pariser Ermittler kehrt in seine Heimat in das Aquitaine, zurück, um sich um seinen kranken Vater kümmern zu können. Einen Job gibt es für den überqualifizierten Polizisten im Grunde nicht,  mit mehr als kleinen Verbrechen hat das Team nicht zu tun, darum wird Luc Verlain bei seiner Ankunft kritisch beliebäugelt. Doch noch ehe er seinem Vater im Krankenhaus einen Besuch abstatten kann, gibt es die erste Leiche ... ein Südfrankreichkrimi, der mich begeistern konnte, weil der Autor in diesem ersten Fall einen Ermittler einführt, der Schwächen und Stärken hat, der versucht, sich in das Team vor Ort einzugliedern und ihm dennoch  der Kragen platzt, weil keiner die richtigen Schlüsse ziehen will. Und dazu das wunderbare Setting am Meer, was braucht es noch für einen guten Krimi!

Historisch und literarisch sensationell

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Francoise Frenkel: Nichts, um sein Haupt zu betten, Hanser Verlag 2016 € 22,00

1943 geschrieben und veröffentlicht, auf einem Flohmarkt in Nizza wiederentdeckt, 2015 in Frankreich neu aufgelegt und in diesem Jahr erstmals ins Deutsche übersetzt: Francoise Frenkel, eine junge polnische Jüdin, die in ihrer Begeisterung für die französische Literatur 1921 die erste französische Buchhandlung in Berlin eröffnete, erzählt von ihrem Leben. Ihrem erfolgreichen Engagement für die Literatur wird 1939 mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten ein Ende gesetzt. Sie flieht nach Paris und von dort aus quer durch Frankreich bis nach Nizza. Hier erlebt sie sowohl die Nöte des Überlebens im besetzten Frankreich als auch die couragierte Hilfsbereitschaft in der französischen Bevölkerung. Der Leser folgt gebannt ihren Beobachtungen in Freiheit, im Versteck, auf der Flucht, im Gefängnis. Beim 3. Versuch wird ihr die illegale Überquerung der Grenze in die Schweiz gelingen, gleich danach hat Francoise Frenkel das vorliegende Buch verfasst. Ein außergewöhnliches Zeugnis, ein historisch und literarisch sensationeller Fund.

 

Kluge Unterhaltung

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René Freund: Niemand weiß, wie spät es ist, Zsolnay Verlag 2016 € 20.-

Dieser Roman liest sich wie im Flug: gleich von der ersten Seite an begleitet der Leser Nora, eine chaotische, in Paris lebende junge Frau, die auf eine ungewöhnliche Reise geschickt wird. Ihr eben verstorbener Vater hat einen letzten Willen verfügt. Eine Wanderung in den Alpen, mit seiner Asche im Gepäck, für die er nicht nur die Etappen festgelegt hat, sondern auch Noras Begleiter: Bernhard, ein pedantischer Notariatsgehilfe. Das Aufeinandertreffen der verschiedenen Charaktere bietet viel Potential für Situationskomik und Sprachwitz. Gleichzeitig regt das Buch zum Nachdenken über zentrale Lebensthemen an und überrascht mit der Entwicklung der Geschichte. Kluge Unterhaltung!