Articles tagged with: Glaube

Unwegsame Zukunft

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Jeff Zentner: Zusammen sind wir Helden, Carlsen Verlag 2017 €17,99

"Wer die Welt verändern will, muss bei sich selbst anfangen", postet Lydia in ihrem Secondhand-Modeblock. Lydia ist stark und voller Ideen. Ihre Eltern unterstützen sie. Ein plus, auf das Travis und Dill, Lydias Freunde, nicht zählen können. Dills Vater sitzt im Gefängnis. In dritter Generation ist er Prediger einer Erweckungsgemeinde, die mit Schlangen und Gift im Gottesdienst agiert. Für die Gemeinde schreibt Dill christliche Lieder. Die Gitarre ist seine Welt. Travis Vater betreibt einen Holzhandel im Ort, trinkt und prügelt seinen Sohn, der sich am liebsten in Fantasywelten liest. Keine Vorzeigefreunde, die Lydia in ihren zahlreichen Blogeinträgen erwähnen würde und doch steht sie ihnen zur Seite, wie sonst niemand. In  brisanter Mischung versteht Zentner es, jugendliche Lebenswelten zwischen Glaube, Schuld, Pflicht und Freiheit zu inszenieren und packt seine Leser von der ersten Seite weg. Ein Roman des  Miteinanders in unwegsamem Gelände, der jeden der Drei nur dann eine Zukunft führt wird, wenn sie es verstehen werden, sich ihren Weg tatkräftig selber zu pflastern. Davon ist Lydia fest überzeugt und hofft, die beiden Jungs von ihrer Ansicht überzeugen zu können.
 

Delikater Gewissensspiegel

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Alois Prinz: Bonhoeffer. Wege zur Freiheit, Gabriel Verlag 2017 € 16,99

Widerstand klingt groß und mutig und ist im Detail doch eine kniffelige Angelegenheit

Im kirchlichen Widerstand gegen den Nationalsozialismus ist er eine Ikone: Dietrich Bonhoeffer. Ein Heiliger? Ein Held? Ein Unbeirrter? Eine Vorbildfigur. Straßen und Plätze sind nach ihm benannt worden. In der Schule kommt heute kein Jugendlicher an ihm vorbei. Was also ist das Besondere an einer Biografie über Bonhoeffer? Dem routinierten Biografen Alois Prinz gelingt es immer wieder von Neuem, seine Leser auf eine unerwartet faszinierende Lebensreise mitzunehmen. Tief hinein taucht er sie diesmal, in die Erkenntnisprozesse eines Menschen, bei dem nichts, wofür er später stehen sollte, auf der Hand lag. Bonhoeffer war ein ängstliches Kind und ein schulischer Überflieger. Sein Wunsch, ausgerechnet Theologie zu studieren, verwunderte. Bonhoeffer interessierte daran vorerst die Wissenschaft. In Zeiten des Weltbild verengenden Nationalsozialismuses zog er hinaus. Nach Italien, Spanien, Afrika und Amerika. Er wurde zum leidenschaftlichen Weltentdecker und Internationalist. Über die Aspekte seines Glaubens sollte er sich erst später intensive Gedanken machen. Immer wieder packten ihn Zweifel und Widersprüche. Im Angesicht nationalsozialistischer Verrohung und Unmenschlichkeit, sah er sich gezwungen, sein christliches Denken mit politischem Handeln abzuwägen, denn die Erkenntnis, so meinte er, wird in der Existenz begründet. Die Freiheit, die Bonhoeffer zu suchen begann, musste eine personelle sein. Sie erklärte sich mit dem Leben. Sie war das Resultat eines Lebens, ja eines Lebensweges. Begierig folgen die Leser also, auf der Suche nach dieser Freiheit, Bonhoeffers Lebensweg, den Prinz aus einer Vielzahl von Schriften, unzähligen Briefen und Gedichten lebendig werden lässt, hin zu Bonhoeffers zentraler Frage: „Wer hält stand? Und warum?“ Eine Frage, die an Aktualität nichts eingebüßt hat. Bonhoeffers große denkerische Eloquenz und seine konsequente Verschriftung dieser Gedanken, nicht zuletzt seine Liebesbriefe aus der Gefangenschaft, geben dem Biografen kostbares Material an die Hand, aus dem er sorgsam auszuwählen und zu fokussieren versteht. Diese Biografie wird somit unweigerlich schnell zu des Lesers Sache, ganz egal wie nah oder fern er dem christlichen Glauben steht, denn Bonhoeffer gewährte universellen Werten Vorrang vor persönlichen. Die Gewichtung von Werten, das wird sehr deutlich, stehen mit dem Handeln in engem Zusammenhang. „Stand halten“ nicht die Vernünftigen und nicht die Fanatiker, sondern „die, die Tat wagen“, die Handelnden, meinte Bonhoeffer und kehrte 1939 aus dem sicheren New York wieder nach Deutschland zurück. Zurück zu seinen Studenten. Zurück in die Lebensgefahr. Zurück an den Ort, der nach menschenwürdigen Taten verlangte. Diese, das Buch einleitende, anfänglich unfassbare Entscheidung eines scheinbaren Helden, macht Prinz am Ende zu einer nachvollziehbaren Konsequenz eines standhaft Handelnden, dessen berührende Gedanken und Entscheidungsprozesse dank dieser hervorragenden, vielleicht besten Biografie von Alois Prinz, durch das Herz und Hirn der Leser gewandert ist.

Gewissenhaft & Geistreich

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Lyndal Roper: Der Mensch Martin Luther, S. Fischer 2016 € 28.-

Zwei Reiseführer in die Reformation: Was hat Luther so standhaft gemacht? Woher nahm er seine Überzeugung? Wie stellte er sich seinen Zweifeln und Ängsten? Zehn Jahre umfassender Recherche gingen diesem Buch voraus, dass sich, in Nachwendezeiten, nicht nur dem süddeutschen Raum, sondern mit frischem Blick Luthers Leben und Wirken im ostdeutschen Raum zuwendet. Lyndall Roper, Spezialistin des ausgehenden Mittelalters in Deutschland, schaut Luther fast psychoanalytisch in die Seele und lässt ihre Leser tief in diese bewegten Zeiten zwischen Gottesfürchtigkeit, geistreicher Rebellion und Reflexion eintauchen. Eine fesselnde Biografie, ein großer Kulturführer für alle, die es ganz genau wissen wollen.
In spielerischer Leichtigkeit präsentieren Christian Nürnberger und Petra Gerster das große Ganze für Jung und Alt: den Marco Polo Reiseführer zur Schwelle der Neuzeit. Augenzwinkernd betrachten sie legendäre Ereignisse und verweisen auf die Synergien zwischen Luthers Schaffen und Gutenberg, Kolumbus und Kopernikus. Ergänzt um ein Kapitel über Katharina von Bora bietet der kurzweilige Text ein schnelles Update und experimentiert mit Parallelen und Fragen nach Lösungsansätzen zu unserer aktuellen gesellschaftlichen Lage. Katrin Rüger