Articles tagged with: Gewalt

Düsterer Zustandsbericht

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Lea-Lina Oppermann: Was wir dachten, was wir taten, Beltz&Gelberg 2017 € 12,95

Auch in der Schule, in der Klassengemeinschaft, scheint sich heutzutage die Welt nur um den Einzelnen zu drehen. Egoistisch und selbstgefällig, ohne rechten Blick auf die Anderen wurschtelt jeder sich durch. Wen wundert diese Erkenntnis im Handyzeitalter. Diese Gleichgültigkeit, gar Missachtung dem Anderen gegenüber führt ungewollt und ungeahnt zu tiefen Verletzungen. Das wiederum gipfelt im großangelegten Rachefeldzug des Einzelnen an der Gruppe. Dem Amoklauf. Manchmal würde man sich doch mehr Lebensfantasie wünschen. Wenigstens in der Literatur. Die Autorin, Lea-Lina Oppermann, 19 Jahre jung, beschreibt  diese Ausnahmesituation in der hermetisch abgeriegelten Welt des Klassenzimmer auf hohem Spannungsniveau aus drei Perspektiven. Zwei Durchschnittschüler Mark, Fiona und ihr junger Lehrer Herrn Filler erzählen. Wie in Zeitlupe spiegeln sie in gekonntem rhythmischen Wechsel jede Bewegung des Eindringlings und der Gruppe und sehen dabei immer sich selbst im Zentrum der Situation.  Allen voran der Lehrer, dessen knapper Altersvorsprung und  Ausbildung ihn keineswegs erhabener oder aktiver gemacht haben. Selbst als der Täter einen Stapel Briefe mit seinen Wünschen auf den Tisch legt, Forderungen in denen jeder mal gezwungen wird, andere Bloßzustellen, kommt keinem die Frage in den Sinn, was hier überhaupt gespielt wird. Viele Möglichkeiten des Eingreifens verstreichen. Stück für Stück erkennen die Erzähler erst jetzt, mit den gestellten Aufgaben, die Rolle Einzelner im Gesamtkontext der Gruppe und füllen ihre bisherige Nichtwahrnehmung mit defensiven Rechtfertigungen. Utopische Höhenflüge einer Jugend? Fehlanzeige. Bei diesem Text handelt es sich um einen erzählerisch versierten,  düstern Zustandsbericht des Seins, der nach Diskussion und Klassenlektüre ruft.

Zum Lachen, Mitfühlen, Träumen und Hoffen

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Christian Duda: Gar nichts von allem, Beltz & Gelberg 2017 € 12,95

Revolution ist machbar, Herr Nachbar.“ Diese Parole der 68er verirrt sich vorerst nur des schönen Reimes halber in Magdis Heft. Kein Tagebuch, nein, 35 brillante Berichte zum Lachen, Mitfühlen, Träumen und Hoffen fügt Christian Duda, alias Achmed Gad Elkarim in Magdis Namen hier zusammen. Autobiografische Anteile sind unverkennbar, Fettflecke, Saftglasränder, Gedankenkritzelein, und die Fingerabdrücke unzähliger Leser sind, Julia Friese sei Dank, ebenso unübersehbar. In einer Reihe von Mankos fühlt sich Magdi ohnmächtig gefangen. Im Jahr 1975 fehlt es noch beim Kreativspielzeughersteller Lego an flachen Bausteinen. Magdis bemühte Flugzeugkonstruktion zerfällt in den Händen des Bruders. Und hätte er doch nur wie dieser, die blonden Locken der Mutter geerbt. Dann sähe Magdi nicht so fremdländisch aus. Das Land, in dem sein Vater geboren wurde, kennt er nicht. Er vermutet Moslem zu sein, obwohl er zu wenige Moslems kennt, um dies mit Sicherheit sagen zu können. Christ jedenfalls ist er nicht, mangels Wahlmöglichkeit besucht er den üblichen Religionsunterricht. Dummerweise lässt sich sein Name auch nicht zu einem coolen Cowboynamen abkürzen, wie bei seinen Brüdern Joe und Sam. Seine Schwester kann als Mädchen den Schlägen des Vaters entkommen, die er nicht abzuwenden vermag. Magdi ist ein typisches Sandwichkind und stolzer Gymnasiast. Er geht gern zur Schule. Sie ist sein Auge zur Welt und sein Rettungsanker. Auf engstem Raum öffnet Christian Duda literarisch gekonnt die Fenster zu einer erstaunlich großen Palette von Themen. Hinzu kommen die beginnende Pubertät in schönster emotionaler Achterbahnfahrt, Freundschaft und der Halt, den Idole bieten. Nebenbei macht sich Magdi, selbsternannter Chronist aus Langeweile, Gedanken über den Gebrauch von Wörtern und den Sinn und Unsinn, der sich im Schreibprozess entwickeln kann. Hier entfaltet sich seine Sehnsucht nach Anarchie und seine Leidenschaft, auf dem Papier alles festzuhalten, nein „niederzuschreiben“, genau so, wie es passiert ist. An dieser Aufgabe wächst er über sich hinaus. Kindheiten der 60er & 70er Jahre drängen in diesem Frühjahr verstärkt auf den Markt. Solche Texte verlangen heutzutage meist ein Glossar, denn wer kennt noch Dick und Doof, Mohamed Ali, Bonanza oder die Fussballweltmeister von '74? Die Helden allen kindlichen Seins jener Zeit sind auch bei Magdi der Stoff, aus dem die Träume sind. Dudas origineller Anhang mit persönlicher Note ist so überzeugend, dass er glatt als Intro zu empfehlen wäre. Gar nichts von allem ist nach Elke in loser Folge ein beachtenswerter, weiterer Teil einer Trilogie berührender Kindheitsgeschichten. Auf den dritten Teil darf man sich schon jetzt von ganzem Herzen freuen.

Schwimmbadferien

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nominiert für den Detuschen Jugendliteraturpreis, Kinderbuch 2016

Stefanie Höfler: Mein Sommer mit Mucks, Beltz & Gelberg Tb 2016 € 5,95

Zonja hat viele Fragen auf ihrer Frageliste. Und sie sucht jeden Tag nach Antworten. Doch jetzt sind Ferien und ihre ganzen Experten bei denen sie die Antworrten findet nicht da. Deswegen geht sie ins Freibad um Menschen zu beobachten - noch eines ihrer Hobbies die andere nicht verstehen. Da fischt sie Mucks aus dem Wasser. Mucks ist dreizehn, riesengroß und kann nicht schwimmen. Er ist mindestens genauso seltsam wie Zonja und das verbindet sie. Aber etwas stimmt nicht mit Mucks und Zonja weiß nicht was. Sie muss es herausfinden, nur so kann sie ihrem einzigen Freund helfen.

Auf der Strasse

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Jim Shepard: Aron und der König der Kinder, Beck Verlag 2016 € 19,95

Aron lebt mit seiner Familie in Warschau. Das Lernen fällt ihm nicht leicht und so tut es ihm gut, in Latek einen Freund zu finden, der jede Menge Ideen hat, was man auf der Strasse anstellen kann. Mit dem Angriff der Deutschen auf Warschau, der Übernahme der Stadt und dem Errichten des Ghettos wird aus dem anfänglichen Spiel ein Überlebenskampf. Nachdem Vater und Bruder von einem Arbeitseinsatz nicht zurückkommen und die Mutter am Fleckfieber gestorben ist wird Aron von Janusz Korczak aufgelesen. Der Leser erfährt mit Aron von Korczaks Überzeugungen, seinem unbeirrbaren Einsatz, und begleitet die beiden und viele Waisenkinder zum Zug nach Treblinka. Der Roman besticht in der Schlichtheit der Sprache aus Sicht des Jungen.

 

Im Bunker

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Foto: Kevin Brooks mit Bücherfressern in München. Zum Interview

Kevin Brooks, Bunker Diary, dtv 2016 € 8,95

Linus ist in einem Bunker eingesperrt und führt dort Tagebuch. Nach und nach kommen die neunjährige Jenny, die hysterische Managerin Anja, der unsympathische Bird, der drogenabhängige Fred und der Philosoph Russel hinzu.  Keiner weiß, warum sie gefangen gehalten werden oder von wem. Sie müssen zwar um alles bitten, aber die Grundbedürfnisse sind in etwa erfüllt. Der unbekannte Entführer hat in jedem Raum eine Kamera und ein Mikrofon installiert und beobachtet jeden Schritt, wie ein Besitzer sein Haustier. Wenn sich jemand auflehnt, werden alle bestraft. Kevin Brooks stellt in diesem Buch die spannende Frage bis zu welchem Grad die Menschlichkeit erhalten bleibt und wie die verschiedenen Charaktere dieser abwechslungsreichen Mischung auf die Extremsituation reagieren.

Helfen wollen

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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis Jugendbuch 2013

Susan Kreller: Elefanten sieht man nicht, Carlsen Tb 2015 € 6,99

Mascha lebt im Haus ihrer Großeltern in einer beschaulichen, fein biederen Wohnsiedlung. Auf dem Spielplatz merkt sie sofort, dass etwas mit Julia und Max nicht stimmen kann. Die großen blauen Flecken an unmöglichsten Stellen und ihr merkwürdiges Verhalten wecken Maschas Forschergeist. Sie schaut genauer. Sie fragt Nachbarn. Sie denkt. Sie lässt sich so leicht nicht abspeisen. Als sie durch ein Fenster zufällig einen der gewalttätigen Ausbrüche des Vaters miterlebt werden ihre Versuche, Erwachsene dafür zu gewinnen hinzuschauen oder gar diesem Treiben Einhalt zu gebieten noch vehementer. Doch die Erwachsenen scheinen sich einig. Sie halten die Sache vage, verharmlosen, schauen weg und halten untereinander zusammen wie Pech und Schwefel. Was also tun, wenn man dreizehn ist und sich alle gegen die Sache verschwören? Wie helfen wo Hilfe doch dringend gebraucht wird?

Im Keller

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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis Jugendbuch 2015

Foto: Friedrich Ani und die Bücherfresser auf der Frankfurter Buchmesse

Friedrich Ani, Die unterirdische Sonne, cbj Tb 2015

Fünf Jugendliche wurden von drei Erwachsenen in einen Keller gesperrt. Täglich wird einer von ihnen nach oben geholt, was dort passiert, erfährt man nicht. Der Leser sieht nur die Folgen des grausamen, wahrscheinlich sexuellen Missbrauchs, die Ohnmacht der Jugendlichen. Mit der Ankunft eines weiteren Opfers beginnen sie, sich verbotenerweise von ihren Hoffnungen und Wünschen zu erzählen, die zwar zutiefst, aber nie völlig zerschlagen wurden. Ich bin mir immer noch total unsicher, wie mir das Buch letztendlich gefallen hat.Es ist oft so grausam, zu lesen, was alles passiert, ohne „etwas tun zu können“. Immer mal wieder gibt es zwar schöne Momente, in denen die Jugendlichen Zuneigung untereinander empfinden, z. B. als sie sich gegenseitig Märchen erzählen.

Zu knapp

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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis Jugendjury 2014

Jane Teller, Alles, dtv Tb 2015 € 7,95

Mir persönlich waren die acht Kurzgeschichten viel zu knapp. Meiner Meinung nach kann man Komplexe wie Gewalt/ Rache/ Todesstrafe auf zehn bis fünfzehn Seiten nicht ausreichend darstellen. Viele innere Konflikte oder Hintergründe der Figuren werden nur ganz kurz angerissen, aber für den Leser nicht genügend erläutert. Über die meisten Themen wurde auch schon viel geschrieben, und zum Thema Gewalt haben mich zum Beispiel die Bücher von Kevin Brooks, vor allem "Lucas", sehr viel mehr beeindruckt; sie sind mir länger im Gedächtnis geblieben und haben mich wirklich! zum Nachdenken angeregt. Anne-Laure Bondoux` Der Mörder weinte beschäftigt sich auch mit der Todesstrafe, Ungerechtigkeit/ Selbstverständnis der Gesellschaft, (Un-) Menschlichkeit, aber auf eine Art und Weise, die einen wirklich berührt, die zum Nach-/ Überdenken auffordert und außerdem literarisch großartig ist. Nach den meisten Geschichten aus "Alles" habe ich mich gefragt: was fange ich damit jetzt an?Ein Urteil über die Gesellschaft oder die Figuren kann ich mir persönlich nicht bilden, da ich viel zu wenige Informationen habe; (literarisch) beeindruckt haben mich die Geschichten auch nicht; meiner Meinung nach kann das Buch höchstens kleine Anstöße zum Diskutieren geben.

Ein Niemandsland gibt es nicht

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Watt Key: Niemandsland, Oetinger Tb € 7,99

Wer Guillous Evil oder Brooks The Road of the Dead gelesen hat weiß, dass Orte, an denen Gewalt regiert keine Möglichkeit bieten sich dieser zu entziehen oder sich neutral zu verhalten. Ein Niemandsland gibt es nicht. Daher scheint Watt Keys anfängliches Szenario äußerst vielversprechend. Hal, ein Junge den wir schon aus Alabama Moon kennen, wird einem neuen Jugendheim überstellt, ein berüchtigter Ort, der sich wie eine Strafvollzugsanstalt anfühlt. Die dort kasernierten „harten Jungs“ teilen sich in zwei Gangs auf. Wie feindliche Armeen stehen sich die Hounds und Minister gegenüber, angeführt von ihren Generälen Paco und Jack. Hal wird sofort umworben und soll sich für eine Seite entscheiden. Das hieße Schutz wie Verpflichtung zugleich. Doch Hal ist nicht interessiert. Länger als geduldet bleibt er im Speisesaal am Tisch der Nichtzugehörigen sitzen, im Niemandsland. Dieses Niemandsland teilt er mit „dem Großen“, einem verschlossenen Jungen, der nie ein Wort redet. Im Beichtstuhl, den unbeaufsichtigten Klos, wird Hal zum ersten Mal zusammengeschlagen, denn durch seine Haltung generiert er die Wut beider Parteien und man ahnt das die Sache, würde sie so weitergespielt, nur in einer Katastrophe enden kann.

Das Böse

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Jan Guillou: Evil - Das Böse, dtv € 9,95

„Man könnte sich natürlich fragen, warum Erik so geworden sei. Vermutlich habe es ihm im Leben eben an einer ordentlichen Tracht Prügel gefehlt.“ Zitat: Guillou Evil
schlussfolgert sein Rektor messerscharf. Gewalt spricht nur eine Sprache. Es ist ein Teufelskreis. Erik ist 14 und gerade von der Schule geflogen. Er prügelt sich. Mit Erfolg. Mit Intelligenz. Mit Feingefühl. Mit System, genau dosiert. Zum Schutz. Wenn er sich nicht einsetzt herrschen die Andern. Er schlägt sich nur mit denen, die mit diesen Mitteln andere zum Gehorsam zwingen wollen. Er hat dem Bösen den Kampf angesagt! Der Rektor liegt falsch. Erik kennt die Mechanismen und Wirkungsweisen dieses in sich geschlossenen Systems wie kein anderer. Sein Vater schlägt ihn täglich. Willkürlich, doch absehbar, mal mit der Kleiderbürste, dem Schuhlöffel, der Birkenrute oder der Hundepeitsche. 30, 40, 50 Schläge.
„Die Angst verstärkt den Schmerz noch. Der Hass macht ihn schwächer, bis er im weißen Nebel verschwindet.“
Schmerz ist aushaltbar. Manchmal lässt ihn die Mutter eine Woche nicht in die Schule, bis die Wunden verheilt sind. Zeit, sich mit diesem Thema intensiv zu beschäftigen. Erik analysiert Kämpfe minutiös. In Emotion, Technik und Taktik. Er braucht nicht der körperlich Stärkere zu sein, um alle Schlägereien zu gewinnen. Das „sich im Recht fühlen“ spielt eine Rolle. Doch wo gibt es sowas wie Objektivität? Vernunft ja. Es gibt Grenzen, die niemals überschritten werden. Schmach und Demütigung allerdings, können grenzenlos sein. Ebenso wie Hass und Angst. Erik weiß, selbst ein überlegener Schläger hat Angst. Wenn sein Gegenüber sich nicht wehrt, nicht schreit, nicht wimmert, nicht zusammenbricht, sondern stumm aushält und er wieder und wieder zuschlagen muss. Vor Publikum wird da ein Verlierer leicht zum Sieger. Erik wünscht sich nichts sehnlicher, als dass das alles aufhört. Hat man es damit zu tun ist ein Handlungsspielraum ist selbst für einen Sehenden unter Blinden kaum zu erkennen. Ein unglaublich erschreckendes, faszinierendes Buch, das zeigt, dass man Gewalt niemals als dumm und verroht abtun sollte. Sie ist eine präzise, subtile Waffe mit Sogwirkung, mit der es sich auseinanderzusetzen gilt, denn keiner kann von ihr so einfach Unabhängigkeit gewinnen oder ihr gar Einhalt gebieten.

Kontroverse Schullektüre

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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis Jugendjury 2011

Jane Teller, Nichts, dtv Tb €6,95

NICHTS ist das Jugendbuch Debut der dänischen Schriftstellerin Janne Teller, das kontroverse Diskussionen auslöste. Zunächst an dänischen Schulen sogar verboten, wurde das Werk 2001 schließlich mit dem Jugendbuchpreis des dänischen Kultusministeriums und 2008 mit dem französischen Prix Libbylit ausgezeichnet. Vor ihrer Karriere als Schriftstellerin arbeitete Janne Teller als Ratgeberin der EU und UN und lebt abwechselnd in Kopenhagen, New York und Paris.