Articles tagged with: Flüchtlinge

Was die Toten erzählen

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Yann Sola, Gefährliche Ernte, KiWi 2017 € 9,99

Ein charmanter Krimi, der den Leser an die Küste Südfrankreichs im heißen Sommer führt. Ein Toter mitten in den Weinbergen seines Vaters ruft Perez auf den Plan, der um das Geheimnis seiner eigenen erlesenen Weinsorte fürchtet, die er unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit für teures Geld und unter der Hand verkauft. Denn der Tote war bei der Planung und dem Anbau der Reben als Saisonarbeiter dabei. Mit viel Witz und französischem Charme folgt man Perez bei seinen privaten Ermittlungen, nichtsahnend, dass der Fall ganz andere Dimension bekommt, die weit in die Politik um die gestrandeten Flüchtlinge an Frankreichs Küsten reicht. Zuletzt präsentiert Perez der Polizei den Täter, und ganz nebenbei kümmert er sich um die Herzensangelegenheiten seiner erwachsenen Tochter.

Grenzlandtage oder Das Glück der Wanderfalter

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Peer Martin, Antonia Michaelis: Grenzlandtage, Oetinger Tb 2016 € 13,99

Zwei Wochen ungestört für das Abitur lernen, dabei ein wenig Liebes-Abenteuer und Entdeckungsreise, denkt sich Jule, als sie, mit der Fähre von Kreta kommend, den Boden der kleinen griechischen Insel betritt. Kontaktfreudig und neugierig erkundet sie ihre Umgebung, sammelt Kronkorken, Muscheln und Steine, die sie mit Silberdraht zu kunstvollem Schmuck verarbeitet. Bei ihren Erkundungen entdeckt sie Asman, einen 22-jährigen Palästinenser aus Syrien, der sich für eine Gruppe illegaler Flüchtlinge, 32 von 104, verantwortlich fühlt, mit der er nach dem Untergang des Flüchtlingsbootes hier in Griechenland und nicht in Italien, gestrandet ist. Die Klänge seiner Oud verzaubern Jule. Seine Hand braucht dringend medizinische Hilfe. Was ist zu tun? Was kann man tun? Welcher Weg ist der Richtige? So genau denkt Jule darüber gar nicht nach. Sie ist mit ihrem Herzen bei der Sache und will einfach nur helfen. Der fortscheitenden Entzündung von Asmans Wunde kann sie Einhalt gebieten, der fortschreitenden Verliebtheit weniger. In der Gruppe, die im Hintergrund möglichst sparsam inzeniert wird, kommt neues Leben auf dramatische Weise auf die Welt. Nicht weniger dramatisch wohl, wie der Akt der Empfängis, eine Vergewaltigung, die Asmans 16-jährige Schwester erfuhr. Und als am Ende alles und alle ans Licht kommen, der Leser dabei erleichtert denken könnte: Nun muss doch alles gut werden, wird gar nichts gut, sondern alles noch viel schlimmer. Flüchtlingsgeschichten ähneln sich in ihren Zutaten: der Hoffnung auf eine lebendige Zukunft, dem Ertragen unmenschlichster Situationen und großem Leid, das Erleben von Hass und Gewalt und der Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit, der Schönheit auf dieser Welt. Der unerschütterliche Glaube, dass jedem Menschen ein solches Plätzchen zustehen sollte treibt sie voran. Martin und Michaelis inszenieren überschaubar und emotional süffisant. Sie zentrieren den Blick des Lesers auf Jule, die aus europäischer Geborgenheit kommend, zwischen Naivität und Unwissenheit, Neugier und Spontanität aktioniert und dabei das eigene Leben aufs Spiel setzt. Ihr Gegengewicht ist Asman, dessen Leben sich schon lange am Rande des Abgrundes bewegt, der obendrein noch versucht, für Andere zu sorgen und nicht einmal weiß, wie er sich selber helfen kann. Schlüssig und wohlwollend träumerisch, wenn man über die Liebe und das Ende denkt, ist diese Geschichte zwischen Syrien und Europa packend gestaltet und findet nach aller Dramatik um Leben und Tod, vorerst, einen Ausblick in eine gemeinsame Zukunft.

Brandaktuell

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Deutschen Jugendliteraturpreis der Jugendjury 2016

Peer Martin, Sommer unter schwarzen Flügeln, Oetinger 2015, € 19,95

Die Zahl der Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland hat sich in den letzten fünf Jahren geschätzt verfünfzigfacht. Im syrischen Bürgerkrieg starben in den letzten zwei Jahren über 470.000 Menschen (Die Zeit, 11.02.2016). In Sommer unter schwarzen Flügeln bringt die Syrerin Nuri dem Neonazi Calvin ihre Erfahrungen während der Anfänge des Arabischen Frühlings, die verschiedenen politischen Gruppierungen, das Leid der syrischen Bevölkerung und die Geschichte ihrer Flucht nach Deutschland näher, während Calvin mit seiner Gang einen Anschlag auf das Flüchtlingsheim plant. Nuri erzählt märchenhaft und poetisch, Calvin drastisch und ungeschliffen. Verbindend sind Erfahrungen mit Gruppenzugehörigkeit, Ausgrenzung und Gewalt, die sowohl Nuri als auch Calvin zu vielschichtigen Charakteren reifen lassen. Mit den Protagonisten gewinnt der Leser Verständnis für beide Perspektiven. So wird er mehr und mehr von der Geschichte in den Bann gezogen und von ihrer Tragik berührt. Dieses beeindruckend ehrliche und mit viel Herzblut geschriebene Buch basiert auf gut recherchierten Fakten. Jedes Kapitel wird mit einem provokanten Zitat eröffnet und mit Anregungen zur weiterführenden Internetsuche abgeschlossen, wodurch das Buch über sich selbst hinausweist und zur Reflexion über die aktuelle politische Lage anregt. (Jurybegründung)

Wohliger Sprachteppich Heimat

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Irena Kobald, Freya Blackwood, Zuhause kann überall sein, Knesebeck Verlag 2015 € 12,95

Sprache ist mehr als nur ein Werkzeug der Verständigung. Sprache bildet einen wohligen Teppich, in den man sich einkuscheln kann und sich zuhause fühlt. Dieses Bilderbuch bietet einen Anlass für Fragen und Gespräche zum Umgang mit Flüchtlingen oder Fremden und ihren und unseren Gefühlen. Das Fremdsein wird mit zarter, aber auch eindringlicher Empfindsamkeit thematisiert. Es motiviert zum Helfen und zeigt, dass Kinder mit Neuem erstaunlich selbstverständlich umgehen können.