Articles tagged with: Flucht

Einstieg zum Handeln

eismann-fair-fuer-alle

Sonja Eismann, Nina Lorkowski: Fair für alle! Warum Nachhaltigkeit mehr ist als nur "bio", Beltz&Gelberg 2016 € 16,95

Ein kleines kompaktes Buch, welches in seiner knappen Form doch eindringlich und nachhaltig über die Problemzonen auf unserer Erde und unsere Möglichkeiten, ihnen entgegen zu wirken, informiert. Im Fokus steht dem Menschen Unentbehrliches, wie Greifbares: Energie, Müll, Nahrung, Kleidung, Mobilität, Wohnen, Migration. Historisch eingebettet, aktuell erzählt, mit Fakten und Zahlen verfeinert und mal einem Interview begleitet bieten die Texte ein rundes Bild des aktuellen Standes und klare Anweisungen zum Handeln. Das beruhigt ein wenig. Ein solider Einstieg für alle Zukunftsaktivisten.

Historisch und literarisch sensationell

frenkel-haupt

Francoise Frenkel: Nichts, um sein Haupt zu betten, Hanser Verlag 2016 € 22,00

1943 geschrieben und veröffentlicht, auf einem Flohmarkt in Nizza wiederentdeckt, 2015 in Frankreich neu aufgelegt und in diesem Jahr erstmals ins Deutsche übersetzt: Francoise Frenkel, eine junge polnische Jüdin, die in ihrer Begeisterung für die französische Literatur 1921 die erste französische Buchhandlung in Berlin eröffnete, erzählt von ihrem Leben. Ihrem erfolgreichen Engagement für die Literatur wird 1939 mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten ein Ende gesetzt. Sie flieht nach Paris und von dort aus quer durch Frankreich bis nach Nizza. Hier erlebt sie sowohl die Nöte des Überlebens im besetzten Frankreich als auch die couragierte Hilfsbereitschaft in der französischen Bevölkerung. Der Leser folgt gebannt ihren Beobachtungen in Freiheit, im Versteck, auf der Flucht, im Gefängnis. Beim 3. Versuch wird ihr die illegale Überquerung der Grenze in die Schweiz gelingen, gleich danach hat Francoise Frenkel das vorliegende Buch verfasst. Ein außergewöhnliches Zeugnis, ein historisch und literarisch sensationeller Fund.

 

Ohne Ticket Zug fahren: Interview mit Dirk Reinhardt über TrainKids

bf-reinhardt

Wir trafen Dirk Reinhardt auf der Buchmesse in Frankfurt.

Bücherfresser: Wie sind sie auf die Idee gekommen das Buch zu schreiben? Dirk Reinhardt: Über eine Reportage in der Zeitschrift GEO, dort hatte ein Reporter aus den USA einen Jungen, er hies Enrike, ein Stück begleietet und ein paar Fotos gemacht.
Bf: Wie haben Sie ihre Informationen bekommen? DR: Ich war selber in Mexiko und habe dort viele Leute befragt und auch im Internet recherchiert.
Bf: Das heißt, Sie kennen ein Trainkid persönlich? DR: Ja ich habe viele Trainkids persönlich kennen gelernt.

Unaufhaltsam

sana-flucht

nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2017, Bilderbuch

Francesca Sanna: Die Flucht, Nord-Süd Verlag 2016 € 17,99

Eine Szenerie wie aus Urlaubstagen. Die Familie am Meer. Ihr Land besteht aus Zuckerbäckerbauten, die unbeschwert sommerliche Schatten werfen. Sie sind auf Sand gebaut. Am Saum eines gemütlich schwappenden Meeres. Im nächsten Bild greift es mit seinen schwarzen Klauen nach ihnen, droht alles zu verschlingen. Krieg. Francesca Sanna vermag es, komplizierte Worte und Sachverhalte in erstaunlich  klare, eindringliche Bilder umzusetzen. "Die Flucht" erzählt die Geschichte von vielen Fluchten, heißt es im Nachwort. Diese Flucht, erzählt aus  Sicht eines Kindes zunächst von einem großen Abenteuer, welches die Mutter und ihre zwei Kinder von einem Krisengebiet am  Meer in die europäischen Berge führt. Erst mit dem Auto, dem Fahrrad, am Ende zu Fuss. Das Fremde, die Angst wächst. Ihr Gepäck schrumpft. Schlepper bringen die Flüchtenden über die Grenze, ein Boot über das Wasser, der Zug in eine neue Heimat. In Sicherheit. Eine neue Geschichte kann beginnen. Einmal in Bewegung gesetzt, fließt alles von Seite zu Seite. Unaufhaltsam. Der Raum und die Zeit. Die Tränen und das schützende, wallende Haar der Mutter. Zartblättrige Details vereinen sich mit dem Dunkel und seinen übermächtigen Figuren, die sich daraus hervorschälen. Wächter und Helfer. Das Ungewisse. Und am Ende sieht man die Zugvögel über dem lindgrünen Meer. Für sie gibt es keine Grenzkontrollen. Sie sind frei. Die Flüchtigen haben sich darunter gemischt. Kaum fallen sie auf. In diesem bunten Haufen Verschiedener sind sie gleich. Ein hoffnungsvolles Buch, für das sich, je länger man schaut, mehr und mehr Worte finden lassen, Gefühle und Gedanken. Und unter den Gedanken vor allem derjenige, wie es sich anfühlen würde, selbst in dieser Lage zu sein. Francesca Sanna, eine Italienerin in der Schweiz, ist für diese Arbeit mit der Goldmedaillle der Society of Illustrators New York ausgezeichnet worden.

Brandaktuell

Martin_Sommer

Deutschen Jugendliteraturpreis der Jugendjury 2016

Peer Martin, Sommer unter schwarzen Flügeln, Oetinger 2015, € 19,95

Die Zahl der Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland hat sich in den letzten fünf Jahren geschätzt verfünfzigfacht. Im syrischen Bürgerkrieg starben in den letzten zwei Jahren über 470.000 Menschen (Die Zeit, 11.02.2016). In Sommer unter schwarzen Flügeln bringt die Syrerin Nuri dem Neonazi Calvin ihre Erfahrungen während der Anfänge des Arabischen Frühlings, die verschiedenen politischen Gruppierungen, das Leid der syrischen Bevölkerung und die Geschichte ihrer Flucht nach Deutschland näher, während Calvin mit seiner Gang einen Anschlag auf das Flüchtlingsheim plant. Nuri erzählt märchenhaft und poetisch, Calvin drastisch und ungeschliffen. Verbindend sind Erfahrungen mit Gruppenzugehörigkeit, Ausgrenzung und Gewalt, die sowohl Nuri als auch Calvin zu vielschichtigen Charakteren reifen lassen. Mit den Protagonisten gewinnt der Leser Verständnis für beide Perspektiven. So wird er mehr und mehr von der Geschichte in den Bann gezogen und von ihrer Tragik berührt. Dieses beeindruckend ehrliche und mit viel Herzblut geschriebene Buch basiert auf gut recherchierten Fakten. Jedes Kapitel wird mit einem provokanten Zitat eröffnet und mit Anregungen zur weiterführenden Internetsuche abgeschlossen, wodurch das Buch über sich selbst hinausweist und zur Reflexion über die aktuelle politische Lage anregt. (Jurybegründung)

Aufbruch zu neuen Ufern

zaeri-esfahani-33-bogen

Mehrnousch Zaeri-Esfahani, 33 Bogen und ein Teehaus, Peter Hammer Verlag 2016 € 14,90

Vater Rhein bekam seinen Namen vom gemütlichen „rinnen“. Flüsse fließen und strömen allerorten auf der Erde. Wasser verbindet. Wasser ist in ständiger Bewegung. Wasser heißt Leben. Mehrnousch Zaeri-Esfahni formt mit ihren gewässerbezogenen, geografischen Einleitungen aller Kapitel den umfassenden Ton, das allgemeingültige Bild ihrer persönlichen Fluchtgeschichte. Mitte der 80er Jahre kam sie vom Iran mit Zwischenstopp in der Türkei über die DDR in die Bundesrepublik. Der Zayandeh Rud, der „Leben spendende Fluss“ tost im Iran die Berge hinab, um in der Ebene die stolze Stadt Isfahan zu durchqueren. Die Mauer ungeachtet verbindet die Spree Ost- und West-Berlin. Der Neckar ist ein „Wilder Geselle“ in romantisch, gewundenem Bachbett. Heidelberg wird die Endstation einer jahrelangen Flucht. Hier machte die Autorin 1994 ihr Abitur.

Sprachlich elegant und offen

khider-ohrfeige

Sprachlich elegant und offen

Abbas Khider: Ohrfeige, Hanser Verlag 2016 € 19,90

Sprachlich elegant, gleichzeitig sehr offen und direkt erzählend, ist dieser Roman von Abbas Khider eine fantastische Möglichkeit, Einsicht in die Lebenssituation von Asylanten zu bekommen. Der Leser begleitet Karim, einen jungen Mann aus dem Irak, im Jahr 2001 bei seiner Flucht nach Westeuropa. Versehentlich eigentlich gelangt er nach Deutschland und erzählt von den 3 1/2 Jahren seines Lebens in Asylantenunterkünften, später in einer winzigen Wohnung. Das Warten auf Bescheide und erzwungene Untätigkeit bestimmen die Tage. Das Miteinander der Asylanten, Kontakte zu Behörden und Bevölkerung, Sehnsucht nach der Familie, das Gefühl der Hilflosigkeit und Einsamkeit - über all dies teilt Karim sich mit und lässt den Leser teilhaben.

 

Fesselnd und poetisch

koehlmeier-maedchen

Fesselnd und poetisch

Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut, Hanser Verlag 2016 €18,90

Yiza, ein kleines Mädchen, ist allein in einem fremden Land mit ihr fremder Sprache. Es gibt Menschen, die ihr helfen, auch die Polizei hilft ihr und bringt sie in ein Heim. Dort trifft sie auf zwei Jungen, Schamhan und Arian, die sie auf ihre Flucht mitnehmen. Sie sorgen für das Mädchen und sich selbst, so gut es geht: im Freien lebend, in Hütten Schutz suchend, Nahrung und Decken stehlend. Von der Fürsorge der Kinder untereinander, ihrem Überlebensinstinkt, ihrer Lebenslage, die alles andere als kindlich ist, schreibt Michael Köhlmeier gleichzeitig so fesselnd und poetisch, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte.

 

Wohliger Sprachteppich Heimat

kobald-blackwood-zuhause

Irena Kobald, Freya Blackwood, Zuhause kann überall sein, Knesebeck Verlag 2015 € 12,95

Sprache ist mehr als nur ein Werkzeug der Verständigung. Sprache bildet einen wohligen Teppich, in den man sich einkuscheln kann und sich zuhause fühlt. Dieses Bilderbuch bietet einen Anlass für Fragen und Gespräche zum Umgang mit Flüchtlingen oder Fremden und ihren und unseren Gefühlen. Das Fremdsein wird mit zarter, aber auch eindringlicher Empfindsamkeit thematisiert. Es motiviert zum Helfen und zeigt, dass Kinder mit Neuem erstaunlich selbstverständlich umgehen können.

 

Lieblingsbuch

Reinhardt_Trainkids

von der Jugendjury nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2016

Dirk Reinhardt, Trainkids, Gerstenberg 2015, € 14,95

Von 100 Leuten, die den Fluss überqueren, packen es gerade mal 10 durch Chiapas, 3 bis zur Grenze im Norden und einer schafft’s rüber.

Der Weg führt meist über Züge durch Mexiko. Der Weg, der fünf Jugendlich und viele andere Flüchtlinge in die USA führt. Miguel sucht in den Vereinigten Staaten seine Mutter und schließt sich für die gefährliche Flucht mit vier anderen Kindern zusammen. Ich fand das Buch cool, weil es spannend erzählt und etwas Neues war. 

Leben in der DDR

poppe-linke

Buchmesse: Frankfurt 2014

Unser erster Programmpunk war die Podiumsdiskussion zwischen zwei Autorinnen, die beide aus der DDR kommen und Bücher darüber geschrieben haben: Grit Poppe mit Weggesperrt, Abgehauen und aktuell Schuld, und Dorit Linke mit ihrem Debüt Jenseits der blauen Grenze. Mit beiden konnten wir ein Interview führen.

In den goldenen Westen

Linke_Grenze

nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis Jugendbuch 2014

Dorit Linke, Jenseits der blauen Grenze, Magellan 2015 € 16,95

Hanna und Andreas sind zwei Jugendliche, die in der DDR erwachsen werden. Die Zukunft wurde ihnen wegen kritischen Äußerungen verbaut und bald ist klar: Sie wollen weg. Ihre einzige Chance ist die Flucht übers Meer. Im August 1989 schwimmen sie in Warnemünde los, ihr Ziel ist Fehmarn. Sie haben 50 Kilometer Schwimmen vor sich, 24 Stunden auf offener See. Das Gefühl, rund um die Uhr auf dem Meer zu sein, beschreibt Dorit Linke so authentisch, dass man meint, man schlucke selbst im nächsten Moment Salzwasser. Risiken, Anstrengungen und Emotionen während des Schwimmens erlebt man so hautnah mit. Die Nerven sowie Kräfte zehrende Reise wird unterbrochen von Hannas Gedanken.Die Erinnerungen an verschiedene Momente ihres Lebens bilden ein breit gefächertes Bild des Alltags eines ganz normalen Jugendlichen in der DDR.Das Buch hebt sich von anderen DDR-Büchern sehr ab, denn es will den Lesern nicht unbedingt historische Hintergründe nahe bringen, sondern erzählt einfach die Geschichte zweier Schicksale, die sehr natürlich und dadurch berührend und beeindruckend ist.

Neues Leben in Bayern

dumont-paradiessucher

Rena Dumont, Paradiessucher, Hanser Verlag € 14,90

Deutschland 1986: Lenka ist 17 Jahre alt und lebt in Tschechien, also im Osten. Ihr größter Traum ist es Schauspielerin zu werden, doch sie wurde nicht zugelassen, obwohl sie im Test alles richtig hatte. Wegen solcher Ungerechtigkeiten will Lenka in den Westen, wo alles besser und nicht so ungerecht ist. So sagen es zumindest alle. Und so kam es, dass eines Tages eine Einladung (Visum) vom Westen kam und Lenka mit ihrer Mutter ein neues Leben begann. Doch plötzlich schien ihr diese Welt auch nicht Recht ohne ihren zurückgelassenen Freunden und Familie. Dieses Buch hat mir sehr gut gefallen, da die Geschichte sehr lebendig und offen geschrieben ist und es zeigt sich, dass Zuhause dort ist, wo man mit seinen Freunden wohnt, egal an welchem Ort man lebt. Hauptsache man lebt mit Freunden und Familie und ist nicht alleine. Sara, 13 Jahre

Neuen Horizonten entgegen

bondoux-wunder

nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis Jugendbuch 2012

Foto: Anne-Laure Bondoux mit Bücherfressern auf der Frankfurter Buchmesse. Zum Interview

Anne-Laure Bondoux, Zeit der Wunder, Carlsen Tb €6,99

Kaukasus, 1985: Das Sowjetreich zerfällt und die kleinen Staaten, die Moskau unterstellt waren, wollen unabhängig werden. Dabei gibt es immer wieder auch Anschläge, einer von vielen auf einen Zug. In dem brennenden Zug findet eine russische Helferin, Gloria, eine französische Frau mit ihrem Baby, die im Sterben liegt. Die Frau, Jeanne, fleht Gloria an, ihren Sohn Blaise zu nehmen, und übergibt ihr auch seinen und ihren französischen Pass.So nimmt Gloria Blaise, den sie Koumail nennt, bei sich auf, schlägt sich mit ihm durch ihr hartes Leben, ein Leben der Ärmsten, und erzählt ihm jeden Abend "seine" Geschichte, die ihm Mut und Hoffnung geben soll. Bis auf einen Rucksack mit Gegenständen, die ihnen wichtig sind, haben sie sonst weniger als nichts. Die Gegenstände sind zum Beispiel ein grüner Reiseatlas, auf dem sie ihren Weg verfolgen, und ein Samowar, mit dem sie Tee kochen können. Seitdem ist es Glorias Ziel, ihn nach Frankreich zu bringen, in das Land, in dem die Menschenrechte erfunden wurden.