Articles tagged with: Biografie

2017eer Spätlese von sonnengereifter Strahlkraft, unwiderstehlich poetisch im Abgang

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Thomas Steinaecker, Barbara Yelin: Der Sommer meines Lebens, Reprodukt 2017 € 20.-

Schwerelos und gehaltvoll zugleich präsentiert diese Graphic Novel die letzten Tage der Gerda Wendt. Ihren Gedankenstrom zurück in ihr gelebtes Leben verweben die Autoren auf allen Ebenen in Bild und Text absolut beeindruckend mit der Gegenwart, sodass eine kunstvolle Einheit entsteht. Wen wundert es, dass zwischen Ruheräumen und Träumen die Welt in den wichtigsten Momenten auch mal Kopf steht. Eine Lektüre zum Staunen und Innehalten.

Premierenlesung: Margret Greiner stellt das Leben der Künstlerin Charlotte Salomon vor.

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 "Am 17. April 2017 jährt sich ihr Geburtstag zum 100. Mal, ein Anlass für mich, diese besondere Künstlerin ins Licht zu stellen." Margret Greiner
Sie war im weitesten Sinne eine Autodidaktin. Ein Kindermädchen brachte sie zum Malen, die Kunsthochschule besuchte sie nur kurze Zeit. Als Jüdin verfolgt und ins Exil getrieben, zeichnete und schrieb sie vor ihrer Deportation über ihr Leben. Sie hinterließ einen Koffer mit 1325 Gouachen expressionistischen Stils, auf die Margret Greiner in ihrer Biografie immer wieder sehr engen Bezug nimmt und uns damit eine faszinierende Künstler-Persönlichkeit präsentiert. Katrin Rüger

Gewissenhaft & Geistreich

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Lyndal Roper: Der Mensch Martin Luther, S. Fischer 2016 € 28.-

Zwei Reiseführer in die Reformation: Was hat Luther so standhaft gemacht? Woher nahm er seine Überzeugung? Wie stellte er sich seinen Zweifeln und Ängsten? Zehn Jahre umfassender Recherche gingen diesem Buch voraus, dass sich, in Nachwendezeiten, nicht nur dem süddeutschen Raum, sondern mit frischem Blick Luthers Leben und Wirken im ostdeutschen Raum zuwendet. Lyndall Roper, Spezialistin des ausgehenden Mittelalters in Deutschland, schaut Luther fast psychoanalytisch in die Seele und lässt ihre Leser tief in diese bewegten Zeiten zwischen Gottesfürchtigkeit, geistreicher Rebellion und Reflexion eintauchen. Eine fesselnde Biografie, ein großer Kulturführer für alle, die es ganz genau wissen wollen.
In spielerischer Leichtigkeit präsentieren Christian Nürnberger und Petra Gerster das große Ganze für Jung und Alt: den Marco Polo Reiseführer zur Schwelle der Neuzeit. Augenzwinkernd betrachten sie legendäre Ereignisse und verweisen auf die Synergien zwischen Luthers Schaffen und Gutenberg, Kolumbus und Kopernikus. Ergänzt um ein Kapitel über Katharina von Bora bietet der kurzweilige Text ein schnelles Update und experimentiert mit Parallelen und Fragen nach Lösungsansätzen zu unserer aktuellen gesellschaftlichen Lage. Katrin Rüger

Literarische Paarungen

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Literarische Paarungen

Tania Schlie, Schreibende Paare, Thiele Verlag 2016 € 25,00

Wer kennt es nicht, das wohl berühmteste Literatenpaar Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir? Sie waren nie verheiratet, haben sich respektvoll gesiezt, lebten nie zusammen, waren ihre strengsten Kritiker und doch haben sie sich viele Jahre gegenseitig beflügelt. Das und vieles mehr erfährt man in Tania Schlies Buch über Sartre und Beauvoir in dem Kapitel ´Die Hälfte von... ein Leben lang`. Es ist nur ein Kapitel von sieben, in denen der Leser für einen kurzen Moment hinter die Fensterscheiben der berühmten Paare wie Martha Gellhorn und Ernest Hemingway, Ingeborg Bachmannn und Max Frisch oder Bettine und Achim von Arnim blicken darf. Dabei geht es der Autorin einzig um die Beweggründe ihres Miteinander im Bezug auf das Schreiben. Die interessante Kapitelzusammenstellung, das hervorragende Bildmaterial, die vielen kleinen Anekdoten und Hintergründe zu den großen Werke ihrer ausgewählten Paare machen dieses Buch zu einem einzigartigen Lesevergnügen. Was es für einen Schriftsteller bedeutet, nicht allein zu sein mit seinem Schaffen, welche Probleme es mit sich bringt, wie man sich reibt oder weitertreibt... darüber kann in diesem wunderbaren Buch nachgeblättert werden.

Auf kreativer Jagd nach Inspiration

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Christoph Niemann: Sunday Sketching, Knesebeck 2016 € 34,95

Auf den ersten Blick ein Fotoapparat, auf den zweiten ein offenes Tintenfässchen, durch das der Betrachter die Welt sieht. Nichts könnte passender sein, für einen Band des Künstlers Christoph Niemann. Seine Striche lässt er flächig aus Pinseln oder punktgenau aus Stiften und Federn laufen, mal komponiert er Flächen dazu, einen Alltagsgegenstand.  In minmalistischer Sparsamkeit blickt Christoph Niemann mit seinen kunstfertigen Sketchen auf die Welt. Elf Jahre lebte er in New York, arbeitete für The New York Times Magazine, zeichnete dort die Kolumne abstractsunday  und gestaltete Cover für The New Yorker. Heute lebt der gebürtige Süddeutsche in Berlin. Sunday Sketching erzählt von seinem Leben, seiner Arbeit als Künstler, seinen Zweifeln, seiner Angst sich nicht immer wieder neu erfinden zu können. "Mit Kreativität kann man nicht effizient sein", sagt er. Es bedarf Raum für Fehler und gerade wenn es gut läuft, sollte man die Richtung wechseln. Und nicht zuletzt muss man immer wieder das Sehen üben und den Blick neu öffnen. Dieser Band umfasst Werke aus allen Epochen. Auf jeder Seite ein eigenständiges Kunstwerk und doch, in seiner Gesamtheit ein visuelles Seelenleben, das zu faszinieren und inspirieren vermag.

Unbändige Sehnsucht nach Leben

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Alois Prinz: Ein lebendiges Feuer. Die Lebensgeschichte der Milena Jesenká, Beltz & Gelberg 2016 € 17,95

Ihre kurze Beziehung zu Kafka, die berühmten "Briefe an Milena" waren nur eine kleine, wenn auch wegweisende Station in Milena Jenenská Leben. Als Professorentochter 1896 in Prag geboren, genoß sie eine gute Schulbildung und entwickelte sich, meinungsstark und widerständig, dem antisemitschen, antikommunistischen und gutbürgerlichen Denken ihres Vaters und seiner Zeit zum Trotz, zur femme fatale. Später, in Wien, war sie in den Kaffeehäusern der Schriftsteller zu Hause, suchte unermüdlich nach Unabhängigkeit und sozialer Gerechtigkeit und nahm dafür eigene Armut in Kauf. Sie wurde zu einer anerkannten Journalistin und leidenschaftlichen Widerstandskämpferin gegen das NS-Regime. "Entsetzlich klug", urteilte Kafka über sie. Mutig, standfest, leidenschaftlich und von verschwenderischer Hilfsbereitschaft schilderten Weggefährten ihr Wesen, das "Prinzip Milena", welches Prinz Kafkas Welt souverän gegenüber stellt. Das scheinbar unscheinbare Leben packt seine Leser mit voller Wucht. Alois Prinz lässt uns immer wieder von Neuem über das Wesen von Menschen staunen, denken und weinen. Milena Jensenká ist eine wunderbare Entdeckung.

 

 

 

Künstlerischer Aufbruchswille

Jetzt will ich mir selbst gehören

Margret Greiner: Charlotte Berend-Corinth. Ich will mir selbst gehören. Romanbiografie, Herder Tb 2016 € 14,99

Sie war heimliche Geliebte auf einem Bett von Tannennadeln, Ehefrau und Mutter, Krankenschwester. Sie liebte die Selbstdarstellung, die Mode, die Kunst, das Theater, den Tanz, war Bauherrin und Malerin. Was kommt an erster Stelle im Leben? Die Romanbiografie von Margret Greiner erzählt von Charlotte Berend-Corinth, Künstlerin der Berliner Secession, deren Ambitionen oft hinter denen ihres berühmten Ehemanns Lovis Corinth zurücksteckten. Ohne Zweifel hat sie sich, jung und selbstbestimmt, diesen Weg an der Seite des nicht einfachen Mannes gewählt. Ihr Leben lang und über seinen Tod hinaus stand sie in faszinierend enger Verbundenheit zu ihm. Sie konnte aber auch anpacken und wie eine Löwin kämpfen. Was bedeutete ihr dieser Mann, der häufig trinkend selten lobende Worte fand? Er hätte ihr Vater sein können. Margret Greiner enthält sich aller Meinung und Wertung. Sorgsam trägt sie ein facettenreiches Leben zusammen, in dem sich neben aller Fürsorge auch immer wieder Freiheiten bieten, Raum für eigene Entfaltung. Viele Blätter ihrer Mappen, die sie Backstage am Theater anfertigte sind verschollen. Die Erhaltenen geben einen Eindruck der sinnlichen Erotik und der Frauenpower, welche Charlotte Berend-Corinth ebenso intensiv erlebte wie das Hausfrauendasein. Das assimiliert jüdische wie protestantische, finanzstarke Bürgertum, dem die Corinths angehörten, wandelte dabei moderat über die Zeit mit ihren gravierenden politischen Einschnitten hinweg, zu selbstverliebt, sich maßgeblich einzumischen. Sie begaben sich lieber auf Reisen, erkundeten und malten die Welt von Ostpreußen über Italien bis in die Türkei und Ägypten, um den herrlichsten Ort am Walchensee zu finden, an dessen Ufer Charlotte am Ende des ersten Weltkrieges mit Beharrlichkeit ein Blockhaus baute. Die Sommer in Urfeld empfand sie als ihre glücklichste Zeit, auch wenn ihr Mann ihr befahl:

Das Haus schenke ich dir. Aber den See und die umgebende Landschaft, die brauche ich für mich allein. Die kann ich nicht teilen.“ Zitat: Greiner, Charlotte Berend-Corinth, Herder Verlag

Diese und weitere Ambivalenzen lassen immer wieder stolpern und regen zum Nachdenken an.

 

Friedensnobelpreisträgerin hautnah

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Patricia McCormick, Malala Yousafzai: Malala. Meine Geschichte, Fischer Tb € 7,99

Ich finde das Buch gut, weil Malala über sich selbst erzählt und die Geschichte auch wirklich passiert ist. Die Geschichte hat mich sehr berührt, da Malala sich für Kinder eingesetzt hat, die nicht zur Schule gehen konnten. Und dabei ist sie fast selber ums Leben gekommen. Ich finde das Buch sehr interessant, da ich dadurch Einblicke in das Leben von Mädchen bekommen habe, die nicht selbstverständlich zur Schule gehen können und nicht in Freiheit aufwachsen dürfen. Ganz anderes wie bei uns!

Kunstbereichernde Beziehung

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Margret Greiner, Auf Freiheit zugeschnitten: Emilie Flöge, btb Tb 2016 € 10,99

Sie war einfach nur da“, sagt die Autorin in Gedanken über Emilie Flöge. Margret Greiner entwirft das Bild einer stolzen, disziplinierten Frau, die keinesfalls als Muse Gustav Klimts in die Geschichte eingehen wollte. Vielmehr wäre er ihre Muse gewesen, behauptet Flöge selbstbewusst, aber für die männliche Variante gibt es bis heute noch kein Wort. Greiners Ton ist keineswegs feministisch. Warum reichte Emilie Flöge eine platonische Partnerschaft zu ihrem Lebensmenschen Gustav Klimt? Und wie konnte sie es überhaupt neben diesem Weiberheld aushalten? Biographen möchten sich in der Regel einer Seele nähern, Unverständliches verständlich machen oder ihre Figur dem Image, welches sich die Gesellschaft von ihr gemacht hat, entreißen. Im Wien des fin de siècle war die Welt in Bewegung und die aufmerksame, kunstaffine, kreative Emilie nutzte zielstrebig die Möglichkeiten, die ihr das Umfeld bot zur Selbstverwirklichung, wobei sie den „kleinen“ Rollenunterschied, welcher zwischen Männern und Frauen in allen Lebensbereichen existierte, durch ihr Schaffen aufhob. Sie war eine zurückhaltende Akteurin, deren Leben von der Vernetzung mit den Wiener Werkstätten geprägt wurde. In Greiners Buch nehmen Klimt und Flöge fast gleichermaßen Raum ein. Eine Tatsache, die Emilie Flöge vermutlich nicht gestört hätte, denn der Focus liegt auf Ebenbürtigkeit. Über die Interna dieser Beziehung darf sich der Leser selbst sein Bild formen. Nur eins scheint unmissverständlich gewiss: Emilie schaffte es, sich ihr Leben lang treu zu bleiben, und lebte damit insgeheim eine Freiheit, die weit über ihre experimentellen Kreationen bequemer Frauenmode hinaus noch heute fasziniert.