Articles tagged with: Berlin

Emotional und gut recherchiert

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Claire Winter: Die geliehene Schuld, Diana Verlag € 22,00

Dieser Roman lässt die Zeit nach dem 2.Weltkrieg in Deutschland nacherleben: Die kaputten Städte, der Verlust geliebter Menschen, die Sehnsucht nach einem Leben in Frieden. Vier junge Menschen werden sich in ihrem Wunsch, Wahrheiten über fatale Taten herauszufinden, in Lebensgefahr begeben. Denn Fragen nach Schuld und Vertuschung sind unerwünscht. Im Gegenteil: in der neuen Bundesrepublik werden zentrale Posten von ehemaligen Nationalsozialisten besetzt. Der Roman liest sich leicht und spannend, ist emotional packend und gut recherchiert.

Homage an Erich Kästner – Detektivarbeit heißt frei und unabhängig zu denken.

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Philip Kerr: Friedrich der Große Detektiv, Rowohlt Verlag 2017 € 14,99

Berlin 1933: Friedrichs Nachbar Erich Kästner hat dem 12-jährigen ein signiertes Exemplar von Emil und die Detektive geschenkt. Nun brennt er mit kindlicher Leidenschaft für die Detektivarbeit und hat das Buch schon viele Male gelesen.  Gerecht sollte es auf der Welt zugehen. Aufmerksam beobachtet er die Menschen um sich herum. Die neuen Hilfspolizisten der NSDAP erobern einschüchternd und gewaltbereit die Gehsteige. Viele Bürger, auch sein Bruder Rolf, rufen begeistert "Sieg Heil" auf den pomösen Siegesmärschen der Nationalsozialisten mit Fakeln und Millitärmusik. Welcher Sieg, fragt sich Friedrich im Stillen. Er nimmt wahr, wie sein Freund Leo Hertz in der Schule von Lehrern drangsaliert wird, bis er mit seiner Familie das Land verlässt. Immer mehr Menschen verlassen Deutschland. Die Erwachsenen werden schweigsamer.  So oft er kann, sucht er bei seinem Freund Kästner Rat. Auch bei Gesprächen mit Erwachsenen ist neuerdings Detektivarbeit gefragt. Kerr arbeitet behutsam und routiniert. Entlang realer Figuren,  Schauplätzen und Ereignissen entwickelet er spielerisch eine spannenden Geschichte, die in vielen kleinen Details, auch für völlig unbedarfte, junge Leser, von der Machtübernahme 1933, dem Umbau des Landes zur Diktaur, der Ausbreitung von Terror und Gewalt und der Stimmung der Menschen in Deutschland erzählt. Ein guter Grund, sich den kindlichen Blick zu bewahren, doch Friedrich wird in dieser, politsch aufgeladenen Zeit, viel zu schnell erwachsen. Aber er bleibt unbeirrt: ein freier, unabhängiger Denker. Solche Detektive braucht das Land!

Raffinierte Beigabe, Schmankerl mit Pfiff

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H.Rath und E.Rai: Bullenbrüder, Wunderlich Verlag 2017 €19,95

Brüderzwist

Zwei Brüder, die das Interesse am Aufklären eines Mordes teilen, mehr aber auch nicht. Denn während der korrekte Kriminalhauptkomissar Holger Brinks im Fall eines ermordeten Unterweltbosses ermittelt, arbeitet sein Bruder Charlie gezwungenermaßen als Privatdetektiv auf der Seite eines der Verdächtigen, um seine Schulden bei diesem loszuwerden. Doch im Laufe der Zeit kommt er immer mehr zu der Überzeugung, dass sein Auftraggeber unschuldig ist und hofft, auch seinen Bullenbruder davon zu überzeugen. So korrekt und nüchtern Holger Brinks ist, so spontan und chaotisch arbeitet Charlie Brinks. Wie beide sich aus gegebenem Anlass zusammenraufen müssen, obwohl Holger die Lebensweise seines Bruders missfällt, sorgt für viel Reibung, Witz, aber auch Brüderzusammenhalt. Ein durch und durch gelungener Krimi mit Witz, einer pointierten Sicht auf die Figuren, und bei alle dem taucht man ein in die Berliner Unterwelt.

 

Subtile erzählerische Köstlichkeit

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Birgit Müller-Wieland: Flugschnee, Otto Müller Verlagsgesellschaft, € 20,00

Spurensuche

Die Vergangenheit schlummert in uns, wacht auf, irritiert uns und lässt uns plötzlich Begreifen - Lucy, eine junge Frau in Berlin, ist auf innerer Spurensuche, die ihr das Verschwinden des Bruders erklären kann. Was geschah im WInter vor 20 Jahren? Was erlebten damals sie und ihr Bruder als Kinder, was ging in ihren Eltern und Großeltern vor? Es ist faszinierend, wie Birgit Müller-Wieland Gedanken, Gefühle, Seelenzustände und Atmosphären beschreiben kann. Ihr Roman ist eine vielschichtige Komposition und während der Leser mit der Protagonistin nach Antworten sucht, stehen diese ganz unvermutet im Raum. Ein Familienroman ganz besonderer Art!

Panik im Supermarkt

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Catherine Shepherd, Krähenmutter, Piper Verlag  2016 € 9,99

Das Baby eines bedeutenden Geschäftsunternehmers ist am hellichten Tag in eiem Supermarkt entführt worden, und die Berliner Innenministerin will schnelle Erfolge ... Verschwundene Kinder sind in Krimis nicht jedermans Sache, aber Babys, die bei volem Betrieb im Supermarkt samt KInderwagen entführt werden, stellen neben dem Leser auch die Polizei vor ein großes Rätsel. Die Überwachungskameras zeigen nichts Auffälliges, nur einen Jungen in der Nähe ... aber genau dieser Junge bringt die Ermittlerin Laura Kern auf die richtige Spur. Und wäre sie nicht so eigensinnig, dann hätte es ihr Partner Max durchaus einfacher. Ein verstörend spannendender Krimi aus der Feder einer deutschen Krimiautorin,  die ich gerade erst entdeckt habe.

Historisch und literarisch sensationell

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Francoise Frenkel: Nichts, um sein Haupt zu betten, Hanser Verlag 2016 € 22,00

1943 geschrieben und veröffentlicht, auf einem Flohmarkt in Nizza wiederentdeckt, 2015 in Frankreich neu aufgelegt und in diesem Jahr erstmals ins Deutsche übersetzt: Francoise Frenkel, eine junge polnische Jüdin, die in ihrer Begeisterung für die französische Literatur 1921 die erste französische Buchhandlung in Berlin eröffnete, erzählt von ihrem Leben. Ihrem erfolgreichen Engagement für die Literatur wird 1939 mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten ein Ende gesetzt. Sie flieht nach Paris und von dort aus quer durch Frankreich bis nach Nizza. Hier erlebt sie sowohl die Nöte des Überlebens im besetzten Frankreich als auch die couragierte Hilfsbereitschaft in der französischen Bevölkerung. Der Leser folgt gebannt ihren Beobachtungen in Freiheit, im Versteck, auf der Flucht, im Gefängnis. Beim 3. Versuch wird ihr die illegale Überquerung der Grenze in die Schweiz gelingen, gleich danach hat Francoise Frenkel das vorliegende Buch verfasst. Ein außergewöhnliches Zeugnis, ein historisch und literarisch sensationeller Fund.

 

In Syrien

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Peer Martin: Winter so weit (ebook), Oetinger Verlag 2016 € 12,99

Die schwierige Liebesgeschichte zwischen dem syrischem Mädchen Nuri und dem Ex-Neonazi Calvin geht in Winter so weit weiter: Calvin ist für die Zeitung tot, doch in echt lebt er. Er ist Teil des Zeugenschutzprogrammes. Er glaubt auch Nuri wäre gestorben und sie glaubt das Gleiche von ihm. Nuri lebt in Berlin und weiß nichts von Calvin. Calvin versucht, ihren letzten Wunsch zu erfüllen. Der lautet: "Hol Dschian raus". Damit meinte Nuri, er soll ihre beste Freundin Dschian aus Syrien holen und sie nach Deutschland bringen. Da Calvin gerne Nuris (wie er glaubt) letzten Wunsch erfüllen möchte, fährt er mit ihrem Bruder Kamal nach Syrien. Jenseits der Grenze erwartet ihn Zerstörung und Demütigung. Während dessen hilft Nuri in einer Deutschlern-Gruppe und hat mit anderen neuen rechtsextemen Problemen zu kämpfen. Calvin kämpft sich vor, trennt sich unterdessen von Kamal und muss auf eigene Faust durchkommen. Bei Nuri in Berlin spitzt sich die Lage weiter zu: Immer mehr Angriffe auf Asylanten durch Neonazis, viel Arbeit mit der Lerngruppe und ein Theaterstück, dass eingeübt werden muss. Mit dem Buch Winter so weit gelingt Peer Martin eine ausgesprochen gute Fortsetzung von Sommer unter Schwarzen Flügeln. Mir hat das Buch gut gefallen, weil es immer sehr unvorhersehbar ist.

Vom Schmerz in der Welt

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Antonia Michaelis: Der Attentäter, Oetinger 2016 € 19,99

Drei Kinder werden in einem  Mietshaus im Prenzlauer Berg groß. Einer wird zum Attentäter werden. Wie kann das geschehen? Von der ersten Seite an erzählt Antonia Michaelis packend aus der Seele ihrer drei Protagonisten heraus. Unzertrennlich sind sie miteinander verstrickt. Die Faszination für Licht und Dunkel, Gut und Böse, als scheinbaren Pole, welche Alain und Cliff schon im Kindesalter mit ihren Charakteren besetzen, üben sie einen Sog der Anziehung zueinander aus. Sie beobachten und umtanzen sich, zeichnen sich die Welt und träumen voneinander, schweben und taumeln haltlos in ihr und fügen einander Gewalt zu, oder sich selbst, um den Schmerz der Welt zu fühlen. Die Gewalt ist von starker körperlicher Pränsenz. In der Mitte steht Margarete, frei nach Faust, ein Wesen mit Erdkontakt, bodenständig in der Gesellschaft verankert, unbeirrbar in ihrer steten Liebe zu beiden Jungs. Ein intensives Leseerlebnis, dass viele Fragen anstößt.

Bis zum bitteren Ende

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Bis zum bitteren Ende

Andreas Pflüger: Endgültig, Suhrkamp 2016, € 19,95

Jenny Aaron, eine hochkarätige Polizistin einer Sondereonheit, wird bei ihrem letzten Einsatz schwer verletzt und erblindet infolgedessen. Sie kämpft sich in harter Arbeit durch alle Phasen der Schockverarbeitung, lernt alles, was ein blinder Mensch zum Überleben braucht, bis zur Perfektion, um wieder zurückkehren zu können in den Dienst. Eine blinde Ermittlerin - allein das macht dieses Buch besonders. Die Story hat es dann auch in sich. Denn sie wird von ihrer alten Dienststelle  genau zu dem Fall hinzugezogen, bei dem sie zum Opfer wurde. Zwei psychopathische Brüder werden ihr und der Polizei das Leben schwer machen. Und Jenny Aaron geht bis an ihre Grenzen, in dem sie sich blind ihrem ärgsten Feind stellt. Ein genialer Thriller, der einen nicht mehr loslässt.

Pfiffiger als die Stasi

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Ute Krause: Im Labyrinth der Lügen, cbj 2016 € 14,99

In der schön erzählten Geschichte geht es um Paul, dessen Eltern in den Westen freigekauft wurden. Nun lebt er bei seiner Oma und seinem Onkel. Doch als er einer mysteriösen Sache auf die Spur kommt, stellt er fest, dass nicht nur er herumspioniert. Ich fand das Buch gut, da es eine wichtige Geschichte ist. Nicolas, 11 Jahre
Ostberlin, wenig Jahre vor Mauerfall: Paul lebt bei seiner Oma. Von ihr erfährt er, dass man seine Eltern, die nach einem Fluchtversuch im Gefängnis saßen, nach Westberlin ausgetauscht hat. In diesem Moment erlischt seine Vorstellung, jemals wieder mit ihnen zusammen kommen zu können. Wenn er sein Ohr an eine zugemauerte Stelle im U-Bahn Tunnel der Friedrichstraße legt, kann er Westberlin hören, doch für DDR-Bürger wie Paul bleibt es unerreichbar. Eines Abends, als er seinen Onkel, der als Nachtwächter im Pergamon Museum auf das berühmte Ischtator aufpasst, besucht, ereignen sich in der Dunkelheit merkwürdige Dinge. Hat Onkel Henry ein Geheimnis? Pauls kriminologischer Geist ist geweckt. Zusammen mit Millie beginnt er zu beobachten und zu kombinieren. Doch je mehr die beiden Kinder ermitteln, desto verwirrender wird alles. Bald bekommt die kleine Familiengemeinschaft es täglich mit den Herren der Firma "Horch & Guck" zu tun, der gefürchteten Staatssicherheit.
Präzise hat Ute Krause den ostberliner Raum in seiner Zeit inszeniert. Das allseitige Lügengespinst, durch welches vermutlich auch Erwachsene nicht mehr durchblickten, bleibt verwirrend.  Doch am Ende zählt das Ergebnis. Oma und Onkel Henry haben das Unmögliche geschafft. Auch Paul darf nach Westberlin zu seinen Eltern ausreisen. Zurück bleibt die kindliche Ahnung an ein "anderes" Deutschland, in dem ein Leben bescheiden und mitunter nicht ganz einfach war. Diese Geschichte beruht auf einer wahren Geschichte.

Gute Laune Buch

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Karin Kalisa, Sungs Laden, H.C. Beck 2015, € 19,95
Mit Wärme und Witz erzählt dieser Roman von kleinen und größeren Wundern am Prenzlauer Berg: Ausgelöst durch eine Schulveranstaltung werden Interesse und Neugier für das Vietnamesische geweckt, das zu DDR – Zeiten nach Berlin kam. Es kommt zu ungeahnten Begegnungen und Aktionen und während die Protagonisten sich über sich selbst wundern schmunzelt der Leser. Mit leichter Hand erzählt Karin Kalisa von manchmal gar nicht leichten Lebenswegen und schenkt uns damit ein fesselndes Gute-Laune-Buch.

Zu schnell erwachsen

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Stefanie Velasco: Tigermilch, Kiwi Tb € 9,99

Jameelah und Nini, Freundinnen seit Ewigkeiten, leben in einer Berliner Siedlung. Für die Sommerferien planen sie, endlich(!) entjungfert zu werden. Sie testen ihre Wirkung auf Männer aus und suchen den richtigen Jungen dafür in ihrem Freundeskreis.  Und natürlich wollen sie mit ihren Freunden Spaß haben. Es passiert aber noch etwas Ungeplantes. Sie werden Zeuge, wie die große Schwester ihres Freundes Amir umgebracht wird. Da Jameelah aus dem Irak eingewandert ist und es sich in den nächsten drei Monaten entscheiden soll, ob sie dauerhaft in Deutschland bleiben darf, sagen sie, aus Angst, Jameelahs Abschiebung zu verursachen, zunächst der Polizei nichts von ihrer Beobachtung. Der Roman ist dicht erzählt und deshalb sehr spannend. Besonders innovativ ist die Sprache. Unter den Freunden ist sie eher rau, aber die beiden Freundinnen denken sich viele Wortspiele aus und erfinden Fantasiesprachen. Außerdem machen sie sich zum Teil poetische Gedanken über das Leben an sich, die Liebe und ihre Familie. Die Geschichte ist vor allem am Ende eher traurig. Die beiden 14-jährigen wollen oder müssen viel zu schnell erwachsen werden, die Sachen, die sie, freiwillig oder unfreiwillig, erleben, sind zum Teil ziemlich krass. Ich fand das Buch, eigentlich ein Erwachsenenbuch, wirklich spannend und hatte es an einem Abend durch!

Sprachvirtuos tiefbegabt

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Deutscher Jugendliteraturpreis Kinderbuch 2009

Andreas Steinhöfel: Rico, Oskar und die Tieferschatten, Carlsen Tb € 6,99

„Ich sollte an dieser Stelle wohl erklären, dass ich Rico heiße und ein tiefbegabtes Kind bin. Das bedeutet, ich kann zwar sehr viel denken, aber das dauert meistens etwas länger als bei anderen Leuten.“ (Zitat aus Steinhöfel, Rico, Oskar und die Tieferschatten)
Dafür denkt Rico auch drei Umdrehung weiter und tiefer als jeder andere. Und damit ist er für die Jagd nach Mister 2000, dem Aldi-Kidnapper, genau der Richtige. Mit Oskar und seinem Sturzhelm für sein kostbares, hochbegabtes Gehirn an seiner Seite, steht dem Abenteuersommer im Kreuzberger Kiez nichts mehr im Wege. Ein 100%  gelungenes Buch! Diese Geschichte bietet einen Atem raubenden Krimi (wenn man Mister 2000 nur fünfzig Euro gibt, bleibt von einem Kind womöglich nur eine Hand übrig), eine tiefblickende, charmante Sozialstudie („Irgendwann werden das Hängemöpse“, sagte Mama zu ihrem Spiegelbild und zu mir. „Und dann?“ sagte ich. „ Dann gibt´s neue“, sagte Mama entschlossen. „Hier geht’s schließlich um mein Betriebskapital.“) und eine zarte Außenseitergemeinschaft, in der Rico, der kommunikative, lebenspfiffige, zähe kleine Bursche einfach nicht locker lässt. Katrin Rüger

Schau auf die Welt

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Schau auf die Welt

Jenny Erpenbeck, Gehen, ging, gegangen, Knaus Verlag 2015, € 19,99

Vielschichtiger Roman, der die aktuelle Situation afrikanischer Flüchtlinge in Deutschland in Beziehung zur Gesetzgebung, klassischer Literatur und Deutscher Geschichte setzt. Erpenbeck schreibt über Weltanschauung, im buchstäblichen Sinne nimmt sie den Leser mit, die Welt anzuschauen. Wohltuend und mit Genuss, trotz brennenden Themen, die nach der Lektüre weniger lodern, denn man scheint sich näher gekommen. 

Elke öffnet Herzen

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Christian Duda, Elke, Beltz&Gelberg 2015 € 12,95

Warum heißt dieses Buch eigentlich Elke und nicht Kasimir, wie es doch für ein typisches Kinderbuch nahe läge, denn in Kinderbüchern soll es ja um Kinder gehen. Logisch. Aber auch um Erwachsene, denn Kinder sind von ihnen abhängig und müssen sich immer mit ihnen arrangieren. Oft möchten Kinderbücher Kindern Lebenswelten eröffnen und sie daran wachsen lassen. Aber auch beim Vorleser ist es für das Wachsen nie zu spät. Selten öffnet sich im Kinderbuch der Blickwinkel durch das Erzählte so gleichberechtigt für alle wie es in Elke der Fall ist. Elke ist eine übergewichtige Frau, die es versteht sich Dünne zu machen. Kasimir, das Kind in einer bunten Kiez-Gemeinschaft, ist nur ein Rädchen von vielen. Als er zufällig über Elke stolpert, löchert er sie mit Fragen. Seine ungebremste, kindliche Neugier auf andere, ein wichtiger menschlicher Überlebensinstinkt, schafft ihm schnell neue Bekanntschaften, die durch weitere Vehemenz bald zu Freundschaften werden. Der kleine Kerl mit alleinerziehendem Vater kann immer Hilfe gebrauchen.

Sammlerin von Augenblicken

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In Anne Krügers Debüt „Die Allee der Kosmonauten“ geht es um die junge Frau Mathilda, die in der DDR groß wurde und nach dem Fall der Mauer nicht mehr weiß, wo genau im Leben sie eigentlich steht und was sie von sich, ihren Mitmenschen und der Zukunft erwartet.

Anne Krüger hat selbst einmal in der Allee der Kosmonauten gewohnt, allerdings ist der Roman nicht autobiographisch erzählt, sondern reine Fiktion. Im Gegensatz zur ihrer Protagonistin wollte sie auch nie Kosmonautin werden, wie viele Kinder und Jugendliche, die im Ostblock groß wurden. Die Kosmonauten wurden damals als Idole verehrt, ihr Beruf war der Traum vieler Heranwachsender. Anne Krüger wollte als kleines Mädchen lieber Osterhase werden. Es stellte sich dann doch heraus, dass ein Germanistik-Studium etwas näher an der Realität liegt und da Schreiben ihr schon immer ein Bedürfnis war, verfasste sie bald Theaterstücke und Hörspiele.

Berliner Zwischenwelten

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Nuyen, Jenny-Mai, Nacht ohne Namen, dtv 2015 € 16,95

Als Nickis bester Freund “Canon”, den sie täglich in der S-Bahn trifft und mit ihm zeichnet, eines Tages plötzlich verschwunden ist, sucht sie ihn in ganz Berlin. Nickis einzige Spuren sind seine Zeichnungen und ein rätselhafter Anruf bevor er verschwand, mit deren Hilfe sie erst seine Wohnung findet und später seiner Fährte durch die Nächte von Berlin folgt. Auf ihrer Suche begegnet sie Traumdeutern, Besessenen, vielen weiteren seltsamen Gestalten und schließlich Tallis, ihrem Dämon, der wider Willen einen Pakt einhält und sie deswegen aus jeder lebensgefährliche Situation rettet. Und in diese wird sie noch sehr oft geraten.Nacht ohne Namen” ist ein wahnsinnig spannender und unglaublich fesselnder Roman. Wenn man erst einmal in Nickis Welt eingetaucht ist, kann man das Buch nur noch schwer zur Seite legen. Oft geschehen Dinge, die man nie erwartet hätte und gestalten die Geschichte so immer abwechslungsreich. Die Charaktere sind detailgenau beschrieben, weswegen man sich die einzelnen Personen sehr gut vorstellen kann und sie im Laufe des Buches kennen und lieben lernt. Ein Leseerlebnis, dass man sich nicht entgehen lassen sollte.

 

Sammlerin von Augenblicken

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Foto: Anne Krüger und die Bücherfresser auf der Leipziger Buchmesse. Zum Interview

Anne Krüger, Allee der Kosmonauten, script5 2015 € 17,95

Schon Tschick hat uns gezeigt, dass der Weg zu Freundschaft und Freiheit durch die Allee der Kosmonauten führen muss. Die im Osten Berlins gelegene Straße gilt nach der Errichtung ihrer vielgeschossigen Plattenbauten in sozialistischer Vorzeit als Prestige-Wohnbezirk. Die Protagonistin Mathilda war eins der „Sternenkinder“, die hier einziehen durften. Ihre Kindheit wurde von den verheißungsvollen Versprechen dieses russischen Aufbruchs geprägt. Nach der Jahrtausendwende wirken die Kosmonauten und ihre traumanregenden Schatten, welche die fast Erwachsene weiterhin begleiten, irritierend. Nach einem abgebrochenenStudium jobbt Mathilda an der Kasse eines Supermarktes und kämpft mit dem unerklärlichen Gefühl der Verlorenheit. Menschen scheinen ihr rätselhaft. Ihre Beziehungen sind ständig zum Scheitern verurteilt. Gern verliert sie sich in ihrem Alltag und fühlt sich überfordert. Die Familie wohnt nah, doch die Beziehung zu ihr ist so fern wie die Beziehung zu sich selbst. Auch ihre dicksten Freunde aus Kindertagen sind kein Heilmittel. Bewundernd hängt man sich an die Fersen dieser ziellosen Sammlerin von Augenblicken, die dem Leser in einem Fluss von lakonischen Shortcuts präsentiert werden. Um zu einem Ganzen zu finden und es mit sich selbst aushalten zu können, muss Mathilda sich ihre Kindheit zurückerobern. Dieser Weg führt sie nicht nur in den „Laden der verlorenen Dinge“ sondern fast nach Baikonur.Anne Krüger beschreibt in Matilda die Lebenssuche ihrer Generation, die geschichtsbedingt abrupt von ihrer Kindheit getrennt wurde. Diese sorgsam erzählte Entdeckungsreise ohne Theatralik steht in erstaunlichem Gegensatz zu Jana Hensels „Zonenkinder“. Mathilda glückt am Ende die Bergung der eigenen Vergangenheit als unabdingbares Puzzleteil für ihr gegenwärtiges Leben. Diese Geschichte in bester Coming of Age Manier kann ähnlich wie Tschick mit jugendlicher Neugier oder mit erwachsenem Wehmut gelesen werden.

Literatur: von Jugendlichen geliebt

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Deutscher Jugendliteraturpreis Jugendbuch

Wolfgang Herrndorf: Tschick, Rowohlt Tb €8,99

In dem Buch tschick geht es um zwei 14-jährige Jungen, die mit einem geklauten Auto eine Reise machen. Der Name des Buches kommt daher, dass die Kinder in Maiks Klasse den Namen des neuen Schülers Andrej Tschichatschow nicht aussprechen können und ihn deshalb kurzerhand Tschick nennen.
Anfangs haben die beiden kaum miteinander zu tun, doch dann kommt Tschick zu Beginn der Sommerferien Maik mit einem geklauten Lada besuchen. Von da an treffen sie sich öfters und kommen auf die Idee mit dem Auto in den Urlaub zu fahren. Maiks Eltern sind für zwei Wochen weg und Tschicks Bruder hat nichts einzuwenden. Sie machen sich also auf den Weg Richtung Walachei. Wo das liegt vermuten die beiden nur so ungefähr. Unterwegs passieren ihnen dauernd Sachen, wie zB, dass Tschick sich ein Bein bricht oder ihnen geht das Benzin aus und sie können ja nicht ohne Führerschein und minderjährig an die Tankstelle fahren, wieder volltanken. Mir hat das Buch sehr gefallen und ich empfehle es weiter für Jugendliche ab 13 Jahren. Victor, 13 Jahre

Begegnung nach Mauerfall

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Holly-Jane Rahlens, Mauerblümchen, Rowohlt Tb € 6,99

Holly-Jane Rahlens ist eine gute Autorin, die ich gerne lese, auch weil ihre Sprache nicht zu "jugendlich" aber auch nicht zu erwachsen ist, also genau richtig. Da es nicht viele Bücher über den Mauerfall gibt, lohnt es sich schon deshalb, es zu lesen. Auch die Charaktere mit ihren Stärken und Schwächen sind gut gezeichnet. Es ist sehr gut recherchiert, ich habe viele interessante Dinge entdeckt, die ich vorher noch nicht wusste. Kathi, 17 Jahre