Articles tagged with: Angst

Jeder nur ein Kreuz! (das hat schon Monty Pyton gesagt)

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Peer Martin: Was kann einer schon tun? Oetinger 2017 € 8,99

Wenn Peer Martin der Frage nachgeht, wie die Welt zu retten sei, überstrahlen die Begegnungen zwischen Menschen, ihre sensiblen Gespräche voller Mimik und Gestik, die Spaziergänge entlang des Sankt Lorenz Stroms in Quebec, die düstere Faktenlage. Selbst seinem Hund Lola ringt der besorgte Familienvater Antworten ab, die er aus ihren Augen lesen kann. Schon das macht dieses schmale Büchlein überaus lesenswert. Peer Martin zaubert hier ein gefühlvolles Gegenstück zu unseren digitalen Kommunikationswelten und zeigt, wie sehr Menschen einander brauchen. Mit einem zerknitterten Zettel voller Fragen wendet er sich an die heranwachsende Generation, denn der Hass und die Angst auf dieser Welt, Kriege, Terror, und Flüchtlingsproblematik bereiten im schlaflose Nächte. Sein Gewissen drängt ihn zum Handeln. Nur wie und was kann man tun? Große gewichtigen Punkte wie Freiheit und Demokratie oder Glaube und Zeit erörtert er, verhalten auf die Antworten lauschend, immer auf Augenhöhe und mit beeindruckender Wertschätzung und Ehrlichkeit seiner Gesprächspartner gegenüber. Sie konfrontieren ihn dafür mit einem erstaunlich klaren und direkten Blick und schenken ihm sowohl Mut als auch Zuversicht. Natürlich regt all das neues Denken an. Für komplexe Sachverhalte findet Peer Martin starke Bilder und der leidenschaftliche, musikalisch in Raum und Zeit gut durchkomponierte Text ist obendrein ein kleines literarisches Kunstwerk. Zu guter Letzt musste die Leserin auch herzhaft Lachen. Lachen befreit aus der Erstarrung und Ängste rutschen in den Hintergrund. In diesem Sinne weiß Peer Martin, was man tun muss und läd ein, zum Handeln und Reden und das rettet die Welt schon ein Stück. Ein großartiger Text, der jedem, egal ob Groß oder Klein, zur Gutenachtlektüre empfohlen sei.

Der Fremde

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Charlotte Habersack, SaBine Büchner: Der schaurige Schusch, Ravensburger Verlag 2016 € 12,99

Auf dem Dogglspitz, von Nebel umgeben soweit das Auge reicht, lebte abgeschieden von der Welt eine eigeschworene, tierische Gemeinschaft: das Huhn mit keckem Tirolerhut, der Hirsch in stattlicher Lederhose, eine Gams, ein Murmeltier und ein neugieriger Partyhase. Sie wussten nichts genaues, hatten dafür aber umso mehr gehört, über den Schusch, und eine blühende Fantasie. Kaum hatten es sich die Tiere versehen, war der Schusch auch schon da, durchkreuzte ihre Pläne der Missachtung und lud alle zu einer Einweihungparty ein. Natürlich wollte keiner. Nur der der Partyhase konnte einfach nicht widerstehen. Die Tiere  befürchten das Schlimmste. Einweihungsparty mit Hasenbraten. Doch weit gefehlt....In diesem Bilderbuch erzählen Text und Bild auf den Punkt. Das  aktuelle Thema des Fremdseins, die mit dem Fremden einhergehenden Ängste, überspielt in großspurigen Vorurteilen und die mutige, neugierige Annäherung, die es überall in der Welt braucht, auch auf der Dogglspitze, verpackt die Münchner Autorin Charlotte Habersack in einen rasant genialen Text, der immer wieder laut Lachen lässt. Einer muss eben den Anfang machen und dann kann die Party so richtig losgehen. Große Vorleser und kleine Betrachter werden rundum ihre Freude haben.

Nie mehr Nacht

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Jöns Mellgren: Elsa und die Nacht, Kleine Gestalten € 14,90

Was wäre, wenn die Nacht verschwinden würde? In Kinderliedern bringt die Nacht geruhsamen Schlaf und schöne Träume. Für Elsa ist das wohl anders. Sie sitzt am Küchentisch und zählt ihr Müsli. „Du darfst hier nicht sein“, sagt sie als sie die plumpe, kleine Gestalt, das zitternde transparente Schemen, unter ihrer Bank hervorzieht und sperrt die Nacht in eine Keksdose ein. Was bald darauf in der übermüdeten Stadt passiert, gibt zu denken.So kann´s gehen. Meine Schuld ist das nicht.“ brummt Elsa, holt aber die Nacht wieder hervor und verköstigt sie mit einem Glas Traubensaft und ihrer Lebensgeschichte. Der wunderbar gelungene, poetische Text wird kongenial von surrealen, expressiven Bildern umrundet, deren klares Spiel mit Farbe und Formen beeindruckt und durch ständigen Perspektivwechsel neugierig macht. Die flächigen Farbfelder collagieren das Davor und Dahinter, Drüber und Drunter, Drinnen und Draußen als waghalsiges Spiel mit traumhaften Zwischenwelten. Die stetig wachsende Nacht umfängt das Leben und trägt Elsa behutsam in ihr Bett, sodass sie endlich wieder ins Reich der Träume gleiten kann. Ebenso wie eine schöne Einschlaf-Geschichte ist dieses Buch eine zarte Geschichte über Verlust und Versöhnung.

Mutig der Furcht entgegen

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Lemony Snicket: Dunkel, Nord-Süd Verlag € 14,95

In diesem Buch ist das Dunkel flüchtig wie ein Lufthauch und allgegenwärtig zugleich. Leo, dem kleinen Jungen im blauen Schlafanzug, lässt das Dunkel keine Ruhe. Er fürchtet sich ein wenig davor. Tagsüber inspiziert er das Haus, aber da verkriecht sich das Dunkel im Keller. „Hallo“, ruft er mutig hinein. „Hallo“, antwortet das Dunkel. Doch eines Tages, Leo schläft jetzt mit seiner Taschenlampe im Bett, besucht ihn das Dunkel in seinem Zimmer. Es will ihm etwas zeigen und lotst Leo durch das gespenstische Haus in den Keller zu der Schublade mit den Glühbirnen. Jon Klaasen, 2013 bekam er den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Bilderbuch, ist Minimalist in seinen Illustrationen. Da Dunkel liegt ihm. Das flächige, warme Schwarz umfängt den Betrachter fast angenehm. Darin in erdigen Farben die Abschnitte des Hauses, die Leo im Schein seiner Taschenlampe einfängt: die Dielen, das Treppenhaus, die Türstöcke, ein paar Möbel. Man möchte mit Leo nach dem Dunkel greifen, aber schwups, schon ist es wieder an einer anderen Stelle. Der Text dazu ist ebenso minimalistisch wie tiefgründig.“Ohne das Dunkel wäre alles hell, und dann wüsstest du nie, ob du eine Glühbirne brauchst.“ Die Glühbirnen sind äußerlich Leos Rettung. Doch eigentlich ist es der offensive Kontakt und die Auseinandersetzung, die zur Überwindung seiner Ängste führt. Ein sparsames, aber beeindruckendes wie kunstvoll gemachtes Bilderbuch.

Angst beim Einschlafen

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Moni Port: Es gibt keine Kinder! Klett-Kinderbuch € 11,95

Liebevoll und herzenswarm geht es im Dunkeln wie im Hellen zu, wenn der Glaube an fremde Mitbewohner erwacht. Aber Liebelein“, beruhigt die Monstermama ihr Kleines. Es hat Angst vor Kindern in der Helligkeit. Den Spieß umzudrehen, um zu zeigen, wie ängstliche kleine Monster sind, die Kinder sich ausmalen, ist nicht neu. Diese nachtschwarzen Minimonster mit ihren Patschhändchen, Katzenohren und Kugelaugen, welche auf der Pritsche eines Spielzeuglastwagen einzuschlafen versuchen, bevor es endgültig hell wird, schließt der kleine Betrachter sofort ins Herz. Das Kleine glaubt seiner Mutter natürlich nicht und hüpft noch mal heraus, im Schutze der Wand aus Duplosteinen erkundet es die Umgebung. Mit seinem Blick weitet sich auch der Blick für den Betrachter. „Nix zu sehen. Hm.“ denkt es und schlüpft wieder ins Bett derweil der Bewohner des Stockbettes aufwacht. Das Licht des Tages taucht das Kinderzimmer von Seite zu Seite in leuchtendere Farben. Am Nachmittag kommt eine Freundin zu Besuch. Im gemeinsamen Spiel wird viel aus den Schränken geräumt. Die kleinen Monster schlafen unbeachtet tief und fest. Nach dem Abendessen, es dämmert wieder, kommt selbstverständlich die wohlbekannte Kinderfrage. „Ach Mausezahn....“ erklärt die Mutter und da ist es auch schon dunkel. Das kleine Monster erwacht und sitzt gleich begeistert in einem neuen Spielzeugauto. „Das waren bestimmt die Kinder!“, ruft es, denn der Glaube an andere Mitbewohner macht manches plötzlich ganz logisch. Fast ohne Text erzählt dieses wohlkomponierte Pappbuch nicht nur von Ängsten vor dem Einschlafen sondern eine runde Geschichte eines Tageslaufes eines Kindes. Ungewöhnlich und besonders ist das differenzierte Farbspiel, welches alle Nuancen zwischen Hell und Dunkel einfängt. Die expressionistische Abgrenzung aller Objekte kann aber auch viele Anlässe zum Suchen und Finden geben, oder dem genauen Beobachten, was sich von Seite zu Seite verändert.