rabinowich-dazwischen

Julya Rabinowich: Dazwischen: Ich, Hanser Verlag 2016 € 15,-

Handlung: Die 15-jährige Madina wohnt zusammen mit ihrem Vater, ihrer Mutter, ihrer Tante Amina und ihrem kleinen Bruder Rami in einem Flüchtlingsheim. Sie geht zur Schule, strengt sich an Deutsch zu lernen, hat schon eine beste Freundin und tut alles um sich in das neue Land einzuleben und die Schrecken der Vergangenheit zu vergessen. Seit mehr als einem Jahr warten sie schon auf die Erlaubnis hierzubleiben, anzukommen und eine neue Heimat zu finden…
Meinung: Madina ist das älteste Kind ihrer Familie. Zusammen leben sie in dem engen Zimmer im Flüchtlingsheim, wo noch andere Familien wohnen, die das Gleiche erlebt haben wie sie: den Krieg. Madinas Vater bestimmt alles in der Familie, er ist streng und verbietet seiner Tochter fiel. Madina will Freiheit, Selbstbestimmung und doch nur die gleichen Dinge dürfen, wie alle anderen Kinder in der Schule. Aber sie sind nicht wie die anderen. Ihre Eltern haben Angst, noch immer. Aber Madina ist angekommen, sie will leben, hier und jetzt. Julya Rabinowich erzählt von Charakteren, die zuviel ertragen mussten. Mit der einen Hälfte ist Madina hier, in dem Land, welches ihr Sicherheit gewährt, mit der anderen Hälfte ist sie noch in ihrer Heimat, wo die Angst und der Tod zum Alltag gehören.
"Ich werde nie sein wie die. Selbst wenn ich die tollste Ausrüstung hätte und ein schönes eigenes Zimmer und täglich zum Friseur liefe. Meine Angst wäre noch da." aus Rabinowich, Dazwischen: Ich
In der Schule ist Madina eine Außenseiterin, aber sie hat ja noch Laura, ihre beste Freundin. Mit Laura vergeht die Zeit viel schneller – und viel glücklicher. Bei Laura gibt es kein endloses Warten auf den Bescheid, keine abwesende Tante, keine Angst, keine Sorgen. Rabinowich schreibt aus Madinas Sicht, leicht und einfühlsam. Es ist kein spannendes Buch, und das soll es auch nicht sein. Es erzählt und es bringt Verständnis. Rabinowich findet genau die richtigen Worte für die Gefühle von Madina.
Fazit: Ein schönes Buch, indem man noch einiges über die Gefühle von Menschen lernen kann, die das erlebt haben, was Madina und ihre Familie durchmachen musste. Leider plätschert es etwas vor sich hin und kann einen trotz schönem Schreibstil nicht fesseln. Moana, 15 Jahre

Julya Rabinowich weiß wovon sie erzählt. Selbst ist sie als Kind von St. Petersburg nach Wien emigriert. Das ist lange her. Heute unterstützt sie Flüchtlingsdienste und arbeitet in einem Betreuungszentrum für Folter- und Kriegsüberlebende. Die Geschichte von Madina hat sie in vielen Varianten erzählt bekommen. "Ich komme von überall", sagt Madina. Der Ort in diesem Roman bleibt ungefähr. Stellvertretend für viele. Und doch zieht Madinas Geschichte sofort in Bann. Die Familie lebt auch in der Fremde traditionell. Vater und Mutter, eine Tante, Madina und ihr kleiner Bruder Rami. Madinas dichtes, glänzendes, schwarzes Haar fällt bis zur Hüfte. Die hohen Wangenknochen machen sie zur Schönheit. Sie ist erwachsener geworden.  Doch sie nimmt es kaum wahr, ist viel zu beschäftigt mit Zukünftigem und Vergangenem.  Ein Mädchen verlässt die Wohnung nur zur Schule allein. Auch in der westlichen Welt bestimmt ihr Vater die Spielregeln. In strahlend klaren Sätzen erzählt Madina von ihrem Leben im Asylbewerberheim, einem schäbigem Ort der Zwangsgemeinschaft mit Fremden, von Familie auf engstem Raum, von Traurigkeit und Streit, einem Ort der ewigen Hoffung auf eine Zufkunft, vom Warten auf einen Brief vom Amt, der einfach nicht kommen will. Die Schule, für Madina ein erster Ort der Ankunft nach der Flucht, ist anfangs ein Spießrutenlaufen der Peinlichkeiten. Schnell und mit wohlwollender Hilfe  lernt sie die Sprache, holt Stoff nach, gewinnt eine Freundin und beginnt sich einzurichten, in dem, was sie ihre Zukunft nennt. Doch sie ist und bleibt anders. Schreckliche Bilder lassen sich nicht abschütteln. Ein Brief von Oma aus der Heimat sorgt für Aufregung. Aber darüber spricht sie nicht. Präzise flicht Rabinowich viele Episoden aus Madinas Leben zu einem bunten, erstaunlich leuchtenden Flickenteppich, der Madina umhüllt und mehr von ihr fordert, als die teenagertypische Suche nach sich selbst. Oder, grad eben schnell: eine neue Zukunft. Faszinierend ist dabei die Ruhe, mit der Madina ihre tagebuchähnlichen Betrachtungen der inneren und äußeren Kämpfe formuliert, welche Umsichten und Einsichten, Probleme und Lösungen in großer Bandbreite tief ins Herz des Lesers vordringen lassen. In unberirrter Zielstrebigkeit, wie es wohl nur Jugendliche vermögen, geht sie ihren ihren Weg, sodass man ihr zurufen möchte: Bitte bleib! Und: Nimm uns mit! Katrin Rüger