prinz-bonhoeffer

Alois Prinz: Bonhoeffer. Wege zur Freiheit

Im kirchlichen Widerstand gegen den Nationalsozialismus ist er eine Ikone: Dietrich Bonhoeffer. Ein Heiliger? Ein Held? Ein Unbeirrter? Eine Vorbildfigur. Straßen und Plätze sind nach ihm benannt worden. In der Schule kommt heute kein Jugendlicher an ihm vorbei. Was also ist das Besondere an einer Biografie über Bonhoeffer? Dem routinierten Biografen Alois Prinz gelingt es immer wieder von Neuem, seine Leser auf eine unerwartet faszinierende Lebensreise mitzunehmen. Tief hinein taucht er sie diesmal, in die Erkenntnisprozesse eines Menschen, bei dem nichts, wofür er später stehen sollte, auf der Hand lag. Bonhoeffer war ein ängstliches Kind und ein schulischer Überflieger. Sein Wunsch, ausgerechnet Theologie zu studieren, verwunderte. Bonhoeffer interessierte daran vorerst die Wissenschaft. In Zeiten des Weltbild verengenden Nationalsozialismuses zog er hinaus. Nach Italien, Spanien, Afrika und Amerika. Er wurde zum leidenschaftlichen Weltentdecker und Internationalist. Über die Aspekte seines Glaubens sollte er sich erst später intensive Gedanken machen. Immer wieder packten ihn Zweifel und Widersprüche. Im Angesicht nationalsozialistischer Verrohung und Unmenschlichkeit, sah er sich gezwungen, sein christliches Denken mit politischem Handeln abzuwägen, denn die Erkenntnis, so meinte er, wird in der Existenz begründet. Die Freiheit, die Bonhoeffer zu suchen begann, musste eine personelle sein. Sie erklärte sich mit dem Leben. Sie war das Resultat eines Lebens, ja eines Lebensweges. Begierig folgen die Leser also, auf der Suche nach dieser Freiheit, Bonhoeffers Lebensweg, den Prinz aus einer Vielzahl von Schriften, unzähligen Briefen und Gedichten lebendig werden lässt, hin zu Bonhoeffers zentraler Frage: „Wer hält stand? Und warum?“ Eine Frage, die an Aktualität nichts eingebüßt hat. Bonhoeffers große denkerische Eloquenz und seine konsequente Verschriftung dieser Gedanken, nicht zuletzt seine Liebesbriefe aus der Gefangenschaft, geben dem Biografen kostbares Material an die Hand, aus dem er sorgsam auszuwählen und zu fokussieren versteht. Diese Biografie wird somit unweigerlich schnell zu des Lesers Sache, ganz egal wie nah oder fern er dem christlichen Glauben steht, denn Bonhoeffer gewährte universellen Werten Vorrang vor persönlichen. Die Gewichtung von Werten, das wird sehr deutlich, stehen mit dem Handeln in engem Zusammenhang. „Stand halten“ nicht die Vernünftigen und nicht die Fanatiker, sondern „die, die Tat wagen“, die Handelnden, meinte Bonhoeffer und kehrte 1939 aus dem sicheren New York wieder nach Deutschland zurück. Zurück zu seinen Studenten. Zurück in die Lebensgefahr. Zurück an den Ort, der nach menschenwürdigen Taten verlangte. Diese, das Buch einleitende, anfänglich unfassbare Entscheidung eines scheinbaren Helden, macht Prinz am Ende zu einer nachvollziehbaren Konsequenz eines standhaft Handelnden, dessen berührende Gedanken und Entscheidungsprozesse dank dieser hervorragenden Biografie durch das Herz und Hirn der Leser gewandert ist.