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Peer Martin, Antonia Michaelis: Grenzlandtage, Oetinger Tb 2016 € 13,99

Zwei Wochen ungestört für das Abitur lernen, dabei ein wenig Liebes-Abenteuer und Entdeckungsreise, denkt sich Jule, als sie, mit der Fähre von Kreta kommend, den Boden der kleinen griechischen Insel betritt. Kontaktfreudig und neugierig erkundet sie ihre Umgebung, sammelt Kronkorken, Muscheln und Steine, die sie mit Silberdraht zu kunstvollem Schmuck verarbeitet. Bei ihren Erkundungen entdeckt sie Asman, einen 22-jährigen Palästinenser aus Syrien, der sich für eine Gruppe illegaler Flüchtlinge, 32 von 104, verantwortlich fühlt, mit der er nach dem Untergang des Flüchtlingsbootes hier in Griechenland und nicht in Italien, gestrandet ist. Die Klänge seiner Oud verzaubern Jule. Seine Hand braucht dringend medizinische Hilfe. Was ist zu tun? Was kann man tun? Welcher Weg ist der Richtige? So genau denkt Jule darüber gar nicht nach. Sie ist mit ihrem Herzen bei der Sache und will einfach nur helfen. Der fortscheitenden Entzündung von Asmans Wunde kann sie Einhalt gebieten, der fortschreitenden Verliebtheit weniger. In der Gruppe, die im Hintergrund möglichst sparsam inzeniert wird, kommt neues Leben auf dramatische Weise auf die Welt. Nicht weniger dramatisch wohl, wie der Akt der Empfängis, eine Vergewaltigung, die Asmans 16-jährige Schwester erfuhr. Und als am Ende alles und alle ans Licht kommen, der Leser dabei erleichtert denken könnte: Nun muss doch alles gut werden, wird gar nichts gut, sondern alles noch viel schlimmer. Flüchtlingsgeschichten ähneln sich in ihren Zutaten: der Hoffnung auf eine lebendige Zukunft, dem Ertragen unmenschlichster Situationen und großem Leid, das Erleben von Hass und Gewalt und der Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit, der Schönheit auf dieser Welt. Der unerschütterliche Glaube, dass jedem Menschen ein solches Plätzchen zustehen sollte treibt sie voran. Martin und Michaelis inszenieren überschaubar und emotional süffisant. Sie zentrieren den Blick des Lesers auf Jule, die aus europäischer Geborgenheit kommend, zwischen Naivität und Unwissenheit, Neugier und Spontanität aktioniert und dabei das eigene Leben aufs Spiel setzt. Ihr Gegengewicht ist Asman, dessen Leben sich schon lange am Rande des Abgrundes bewegt, der obendrein noch versucht, für Andere zu sorgen und nicht einmal weiß, wie er sich selber helfen kann. Schlüssig und wohlwollend träumerisch, wenn man über die Liebe und das Ende denkt, ist diese Geschichte zwischen Syrien und Europa packend gestaltet und findet nach aller Dramatik um Leben und Tod, vorerst, einen Ausblick in eine gemeinsame Zukunft.