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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2017, Jugendbuch

Que Du Luu, Im Jahr des Affen, Königskinder Verlag 2016, €16,99

„Die Leute starrten mich auf der Straße an und die Kinder beschimpften mich. Ich verstand nicht, was sie sagten. Ich verstand nicht, wieso sie das taten. Sie kannten mich nicht und trotzdem sah ich den Hass in ihren Augen.“ Zitat: Que Du Luu, Im Jahr der Affen

„Hast du schon gekochten Reis gegessen?“ So lautet die seltsame Begrüßung von Vater zu Tochter. Nein, aber Kartoffeln, sagt Mini. Seit 12 Jahren heißt ihre Heimat nicht Saigon sondern Herford. „Boatpeople“ gelangten schon vor 30 Jahren nach Deutschland. So erreichte auch die autobiografisch erzählende Autorin Que Du Luu, geboren 1973 in Saigon (Cholon) Südvietnam, an der Hand ihres Vaters nach einjähriger Flucht am Ende des Vietnamkrieges 1976 ein Flüchtlingslager bei Bielfeld.
Zehn Jahre später ist ihr Vater stolzer Besitzer eines chinesischen Restaurants. Mini ist 15 und gilt als Banane: außen gelb und innen weiß. Das schummeriges Rot des Restaurants lockt nur wenige Gäste. Rot, Glücksfarbe der Chinesen, der obligatorische Buddha, Räucherstäbchen, Glückskekse und eine Schale Äpfel als Opfergabe, die langen Nudeln für ein langes Leben, alles hat eine Bedeutung, die sich selbst für Mini immer schwerer entschlüsseln lässt. Wohin mit dem Wächterlöwen und Küchengott? Sie spricht das kantonesische Chinesisch ihres Vaters nur in groben Brocken. „Jeder Satz, den ich auf chinesisch sagte, war wie ein Puzzle. Ich musste mir die Stücke mühsam zusammensuchen und manche fand ich nicht.“ Neben dem Koch beherbergt der Vater noch eine weitere chinesische Hilfskraft, Bao. Auch er ist über das Meer nach Deutschland gekommen als er sechzehn war. Trotz seiner Faulheit gibt der Vater ihm Unterschlupf in einem Kellerzimmer. Der Vater schuftet dafür Tag und Nacht, alle irgend möglich über Wasser zu halten. Als er zum zweiten Mal mit einem Herzinfarkt zusammenbricht, ein Onkel aus der Ferne zu Hilfe eilt und Mini Krankenbett und Küche regeln muss, entdeckt sie die wahre Geschichte der Flucht und einige Geheimnisse der chinesische Tradition, die zum Verständnis ihres Vaters und ihrer selbst genauso wichtig sind wie ihr Weg der Assimilation in einer neuen Heimat. Que du Luu führt den Leser mit großer Leichtigkeit und Poesie in die ferne chinesischen Welt, die sich gebrochen im deutschen Chinarestaurant spiegelt, ganz à la Dim Sum. Dim Sum bedeutet mehr als nur „das Herz berühren“. „Dim ist ein Tupfen, etwa wenn sich ein Pinsel auf das Herz zubewegt – wenn die Pinselspitze sanft einen Tuschepunkt aufdrückt und sich wieder zurückzieht.“ So verschlingt der Leser die die Fragmente von Geschichte, Tradition und Sprache, die aktueller denn je ist und zu weiterer Recherche im Netz anregt.