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Jonas Lüscher: Kraft, C.H.Beck 2017 €19,95

Das Denken ist eine komplizierte Sache. Richard Kraft ist Rhetorikprofessor in Tübingen, geistesgegenwärtig, ein durch und durch Liberaler, obendrein ein Fuchs, der sich als Denker der individuellen Freiheit und Vielfalt versteht und einen sagenhaft aufmerksamen Beobachter abgibt. Gemeinsam mit dem Autor heften wir uns bespitzelnd an seinen Kopf und folgen ihm ins Silicon Valley, ins Turmzimmer der Standford Universität. Dort will er sich auf einen außergewöhnlichen Vortrag, einen Wettstreit zu einer Preisfrage, vorbereiten. Die Behauptung lautet: Warum alles, was ist, gut ist und wir es dennoch verbessern können. Als Preisgeld winken eine Million Dollar. Doch die Arbeit geht nur schleppend voran. Im gekonntem Rhythmus der Vor- und Rückblende erfahren wir vielmehr vom Beginn seiner Studienzeit in Berlin, seiner Freundschaft mit Ivan, vom Scheitern seiner Frauenbeziehungen, und von den vier Kindern, die ihren finanziellen Tribut fordern. Vor dem Hintergrund der politische Ära der 80er Jahre bis heute, präsentiert Lüscher den Aufbruch, das Strampeln und das Scheitern seines verkopften Helden. Einer fraglichen Logik Krafts zufolge hofft er nun, im besten Alter und von erhöhntem Selbstbewusstsein geprägt, sich mit der Siegerprämie seine vermeintlich verloren gegangene Freiheit wieder erkaufen zu können. Doch das Leben und die schnöde Welt sträuben sich, mit den Ideen seiner Antworten in Deckung zu gehen. Da weder das optimistisch erarbeitete Gute, noch das kaum ermessbare Übel in einen 18-minütigen Vortrag passen, lässt sich am Ende dieses Romans zwischen Ernsthaftigkeit und Absurdität der Figuren, von Theodizee bis Technodizee noch lange über die aufgeworfenen Ideen philosophieren, die Lüscher Revue passieren lässt. Denn „je moderner die moderne Welt wird, desto unvermeidlicher werden die Geisteswissenschaften, nämlich als erzählende Wissenschaften“, sagte Ode Marquard, mit dessen Essays sich Lüscher im Vorfeld beschäftigte. Aus einer Dissertation in Philosophie wurde am Ende der Roman „Kraft“. Ein anspruchsvolles, gehaltvolles, spielerisches, glanzvoll geschriebenes Stück Literatur, welches auch Nichtphilosophen in Bann zu ziehen vermag.

Eintritt € 7.- Um Anmeldung wird gebeten.

Jonas Lüscher

1976 in der Schweiz geboren, lebt heute in München. "Kraft" ist nach der Novelle "Frühling der Barbaren" sein erster Roman. Dieser wurde 2013 für den Deutschen Buchpreis nominiert, ebenso für den Schweizer Buchpreis. Foto: Ekko von Schwiechow