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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis Jugendbuch 2014

Dorit Linke, Jenseits der blauen Grenze, Magellan 2015 € 16,95

Hanna und Andreas sind zwei Jugendliche, die in der DDR erwachsen werden. Die Zukunft wurde ihnen wegen kritischen Äußerungen verbaut und bald ist klar: Sie wollen weg. Ihre einzige Chance ist die Flucht übers Meer. Im August 1989 schwimmen sie in Warnemünde los, ihr Ziel ist Fehmarn. Sie haben 50 Kilometer Schwimmen vor sich, 24 Stunden auf offener See. Das Gefühl, rund um die Uhr auf dem Meer zu sein, beschreibt Dorit Linke so authentisch, dass man meint, man schlucke selbst im nächsten Moment Salzwasser. Risiken, Anstrengungen und Emotionen während des Schwimmens erlebt man so hautnah mit. Die Nerven sowie Kräfte zehrende Reise wird unterbrochen von Hannas Gedanken.Die Erinnerungen an verschiedene Momente ihres Lebens bilden ein breit gefächertes Bild des Alltags eines ganz normalen Jugendlichen in der DDR.Das Buch hebt sich von anderen DDR-Büchern sehr ab, denn es will den Lesern nicht unbedingt historische Hintergründe nahe bringen, sondern erzählt einfach die Geschichte zweier Schicksale, die sehr natürlich und dadurch berührend und beeindruckend ist.

Zum 20-jährigen Jubiläum des Mauerfalls hielten Ost-West-Geschichten  umfänglich Einzug in die Jugendliteratur. Das fremde, ferne sozialistische Leben ostdeutscher Jugend wurde in der Regel durchs Mauerloch von West nach Ost aufklärerisch beschreibend beäugt. Fünf weitere Jahre später findet man nun endlich unverwechselbare Texte junger, damaliger Zeitzeugen.  In „Jenseits der blauen Grenze“ erzählt Dorit Linke, Leistungssportlerin und Rettungsschwimmerin, von Hanna und Andreas, denen der Zugang zu Abitur und Studium im Rostock der ausgehenden 80er Jahre  verwehrt wird. Andreas beschließt über die Ostsee in den Westen zu schwimmen. Hanna, die bessere Schwimmerin, kann ihn nicht allein ziehen lassen. Ihr bisheriges Leben wird in Rückblicken erzählt und kommt mit dem Charme eines Nebenschauplatzes wie selbstverständlich und vollkommen ohne Pathos daher, rhythmisch geschickt verzahnt mit den Ereignissen der Flucht. Von Warnemünde nach Fehmarn sind es 50km, mindestens 25 Stunden schwimmen auf offener See. 5000 DDR-Bürger versuchten über diesen Fluchtweg in den Westen zu gelangen. Zwei drittel der Flüchtenden waren zwischen 14 und 21 Jahren alt.  Das scheint nicht verwunderlich, denn die Geschichte erzählt überzeugend von jugendlicher Waghalsigkeit, Zuversicht, Mut  und der Überzeugung, dass das Leben hier und jetzt sofort in die eigene Hand genommen werden muss. Dabei wird mit offenen Augen geheult und bis über die Erschöpfung hinaus gekämpft. Die Sache ist also weit mehr als „urst“ abenteuerlich. In einer Gradwanderung zwischen Authentizität und literarischem Können weiß dieses Debüt seine Leser rundum zu faszinieren. Katrin Rüger