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Mit Empathie und Anschaulichkeit präsentiert Nikolaus Nützel Sachverhalte. Um das Interesse Jugendlicher zu wecken, spielt er mit allen Sinnen und sorgt für Unterhaltung.

Nikolaus Nützel schwingt sich vom Rad. Für das Gespräch haben wir uns bei mir im Buchpalast verabredet. Gewöhnlich obliegt ihm, dem Journalisten, das Fragen stellen. Während er sein Aufnahmegerät startklar macht, schweift sein Blick über die ausgestellten Schätze. Ein paar Bücher möchte er gleich in die Hand nehmen. Zehn Sachbücher hat er mittlerweile selbst geschrieben. Sieben davon richten sich an jugendliche Leser. Sprache oder Was den Mensch zum Menschen macht und Mein Opa, sein Holzbein und der große Krieg standen auf der Nominierungsliste der Kritikerjury des Deutschen Jugendliteraturpreises.

Katrin Rüger: Ihr erstes Buch war ein Krimi. Heute schreiben Sie Jugendsachbücher. Wie kam es dazu? Nikolaus Nützel: Es war eine Idee meines Agenten. Er sagte: oh, Journalist? Jugendsachbuch! Für Jugendliche verständlich zu schreiben, ist für mich kaum anders als das Schreiben eines guten Radiotextes. Ich schreibe immer unter der Prämisse: Radio kannst du nicht zurückblättern.
KR: Als Journalist haben Sie den Leitsatz komplizierte Sachverhalte anderen weniger kompliziert erklären zu wollen. Fordern Jugendliche mehr als das?NN: Ich glaube, sie fordern auch etwas Unterhaltsames. In meiner Vorstellung legt ein Jugendlicher ein Buch spätestens nach der zweiten trockenen Seite weg.
KR: Deswegen zünden Sie für ihre Leser ein Feuerwerk von Einstiegsmöglichkeiten? Spielt ein guter Start für Sie eine wichtige Rolle? NN: Ganz stark. Ich versuche die Bücher zu schreiben, die ich als Jugendlicher gerne gelesen hätte. Dafür versuche ich mich in die Ungeduld und Neugier hineinzuversetzen, die ich Jugendlichen unterstelle.
KR: Mit den Bücherfressern waren Sie im Vorfeld über ihr neustes Sachbuch Jugend in Gefahr im Dialog. Es handelt von den Risiken im eigenen Leben. Das Thema war den Jugendlichen fern, bis jemand unter Tränen von seinem Bruder erzählte, der an Leukämie starb. Plötzlich stand etwas für jeden greifbar im Raum. Erleben Sie öfter solche Momente? NN:Nein. Das war überraschend für mich. Die ernsten Themen in meinen bisherigen Büchern liegen fern. Sterben im Krieg ist immer ein fernes Sterben. Zeitlich fern. Im Wirtschaftsbuch geht es um das Sterben an Armut in Afrika. Räumlich fern. Das ist vielleicht der Grund, warum bisher nie jemand so emotional reagiert hat. In dem neuen Buch vergleichen wir die Wahrscheinlichkeit, von einer Kokosnuss erschlagen zu werden mit der, vom Hai gefressen zu werden und kommen dann auf Themen wie Krebs. Das Schreiben wurde zur Gratwanderung. Ein Drahtseilakt zwischen „always look on the bright side of life“ und „Hab keine Angst“. Wir versuchen lustig und unterhaltsam zu sein, und es geht ernsthaft um Leben und Tod.
KR: Bei Mein Opa, sein Holzbein und der Große Krieg erzeugen Sie Nähe durch eigene Betroffenheit. Das alle faszinierende Objekt ist ein Granatkopf, den ihr Großvater aus dem Krieg mitbrachte. NN: Wenn ich mich zurückversetze in das Kind, das dieses Ding in die Hand genommen hat und dachte: Boah! Das ist das Ding, was dem Opa das Bein abgeschossen hat, war diese Granate der erste mich interessierende Zugang zum Krieg. Dass meine Vermutung so gar nicht stimmte, eröffnet eine zweite interessante Annäherung an das Thema. Diese Granate ist eine andere, eine, die mein Opa einfach auf dem Schlachtfeld aufgeklaubt hatte.
KR: Bei Lesungen haben Sie den Granatkopf immer dabei. NN:Etwas anfassen zu können, funktioniert gerade bei Jungs total gut. Dabei fangen sie an zu überlegen und zu spekulieren. Anfassen ist für den Zugang zu Sachthemen ganz wichtig. Was sehe, was fühle, was rieche, was schmecke ich?
KR: Die Jugendlichen nominierten Kriegszeiten, eine Graphic Novel über den Afghanistankrieg und beklagten, dass auch aktuelle Kriege zu wenig anschaulich thematisiert werden.NN: Wenn man sich über den Afghanistankrieg oder über alles, was auf dieser Welt passiert, informieren möchte, gibt es genügend Bücher, Zeitschriften und Internettexte. Nur zu finden, was einen packt, das ist das Schwierige. Dazu muss man erst einmal suchen. Ich spreche mit Jugendlichen an Schulen über das Riesenproblem, in der Menge möglicher Texte das Richtige für sich zu finden. Das ist schwer, heißt aber nicht, dass es das nicht gibt.
KR: Das Bild spielt in jeder Graphic Novel eine starke Rolle. Nehmen Sie Einfluss auf das Bildmaterial? NN: Optik, Bilder finde ich sehr wichtig. Ich habe zwei Bücher mit Cartoonisten gemacht. Rattelschneck und Flix. Zum Teil haben Flix und ich Ideen sogar gemeinsam entwickelt. Das neue Buch wurde mit Fotos gestaltet. Ähnlich wie beim Weltkriegsbuch habe ich eine ganze Menge Fotos selber geschossen obwohl ich kein ausgebildeter Fotograf bin.
KR: Einmal die Neugier geweckt, wollen Jugendliche immer alles ganz genau wissen. Gibt es für Sie Grenzen bei der Darstellung von Krieg? NN: Das Bild einer scheußlichen Verletzung aus dem ersten Weltkrieg hat der Verlag im Einvernehmen mit mir rausgenommen. Das Buch nehmen vielleicht auch Kinder allein in die Hand. In meinen Lesungen für Jugendliche zeige ich das Bild immer, um klar zu machen: So sieht Krieg aus. Wenn einem der Unterkiefer weggeschossen wird, schaut das heute noch genauso aus wie vor 100 Jahren.
KR: Gibt es für Sie eine Altersuntergrenze für ein ehrliches Gespräch über Krieg? NN: Bomben fallen auf Häuser, in denen sich sechsjährige Kinder befinden. Bomben töten die Väter von Vierjährigen. Warum sollte man Zehnjährigen nicht, ohne sie in Watte zu packen, deutlich machen können, was das bedeutet?
KR: Was sagen die Kinder? NN: Eine Testleserin hat mal gesagt, der Satz „Das Gas zerfrisst ihm die Lungen“ ist aber scheußlich. Da habe ich geantwortet: Ja, das ist scheußlich. Deswegen muss man das auch scheußlich beschreiben.
KR: Damals wie heute sind Sie Pazifist. Wissen Jugendliche eigentlich noch, was das ist? NN: Für Jugendliche ist es ein abstrakter Begriff, den man erklären muss. Genauso wie Nationalsozialismus oder Neonazis, übrigens. Bei Lesungen habe ich auch eine Reichskriegsfahne dabei. Schwarz-weiß-rot. Dieses Erkennungsbild für Neonazis wird von ihnen nicht mehr erkannt. Was Neonazis sind, erkläre ich gleich mit und oft sogar das Wort Rassismus.
KR: Finden Sie diese Tatsache problematisch? NN: Man muss immer wieder neu versuchen zu erkennen, aus welcher Perspektive Kinder und Jugendliche auf die Welt schauen. Man kann es skurril und bescheuert finden, wenn der Opa oder Onkel vom Krieg erzählt hat, aber für Leute wie mich, die in den 1960er Jahren geboren sind, waren solche Erzählungen irgendwie immer präsent. Der Krieg hatte etwas mit deiner eigenen Familie zu tun und fand nicht nur auf Bildschirmen statt. Den Kalten Krieg, in dem ich aufgewachsen bin, habe ich als Bedrohung empfunden. Es war immer die Frage: Sind die Russen gefährlich? Oder sind sie es nicht? Da hatte jeder eine Haltung. Es gab keinen, der gesagt hätte: Das ist mir wurscht. Ich sehe bei Jugendlichen die Gefahr, die Versuchung, in so eine gewisse Gleichgültigkeit hineinzurutschen. Sie müssen sich viel mehr anstrengen als wir das mussten, ihren persönlichen Bezug zum Thema Krieg herzustellen.
Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.