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Wie sieht eigentlich die Arbeit eines Übersetzers aus? Übersetzer haben es nicht leicht.Da sitzt man Tage und Wochen an fremdsprachigen Büchern, verzweifelt an einzelnen Ausdrücken und die Leser merken sich am Ende nur selten, wer dafür verantwortlich war, dass sie ein Buch lesen können, wie als wäre es das Original.

Bei Uwe-Michael Gutzschhahn ist das ein wenig anders. Zum einen ist er nicht nur Übersetzer, sondern schreibt auch selbst und zum anderen übersetzt er schon so lange und so gut den britischen Autor Kevin Brooks, dass er als seine „deutsche Stimme“ Bekanntheit erlangt hat. Da wir genau einen Tag vorher Kevin Brooks selbst interviewt hatten, war es sehr praktisch, dass Uwe-Michael Gutzschhahn uns ebenfalls Rede und Antwort stand.
Wie jeder Übersetzer, hat er seinen eigenen Stil, mit dem er an eine neue Übersetzung herangeht. Zuerst muss er herausfinden, in welchem Ton das Buch geschrieben ist, mit welcher Stimme die Charaktere auftreten und wie die Melodie der Sprache ist - ganz ähnlich wie ein Musiker, der sich mit einem Solokonzert beschäftigt. Wenn ihm dieser Ton nicht liegt, dann legt er das Buch weg und lässt es jemand anderen übersetzen, denn ohne Gefühl für die Geschichte wird das Ergebnis nicht zufriedenstellend. Je nach Autor dauert es unterschiedlich lange, bis man genau das gefunden hat, bei Numbers ungefähr 20 Seiten, bei Little Brother fast 50. Bei den Büchern von Kevin Brooks ist es mittlerweile so, dass er schon nach ungefähr fünf Seiten ein Gefühl für die Geschichte entwickelt hat. Das liegt nicht nur daran, dass er in mittlerweile über zehn Bücher schon reichlich Erfahrung gesammelt hat, sondern auch daran, dass Gutzschhahn und Kevin ähnlich denken - zumindest sprachlich gesehen. Vielen Menschen fällt der Unterschied zwischen „andern“ und „anderen“ zum Beispiel überhaupt nicht auf, aber wenn man genauer nachdenkt, sind diese beiden Wörter linguistisch betrachtet vollkommen verschieden. Wenn Gutzschhahn dann erzählt, dass er im Durchschnitt 10-12 Seiten am Tag schafft und sogar bis tief in die Nacht arbeitet, um dieses Pensum zu schaffen, ist das vielleicht auf den ersten Blick keine überaus hohe Zahl. Doch wenn man die Schwierigkeiten bedenkt, die mit manchen Büchern entstehen können, ist man umso mehr beeindruckt. Es geht ja nicht nur ums reine Übersetzen - ein Buch sollte nämlich nie so klingen, als wäre es übersetzt! Das heißt, man muss sich entscheiden, ob man Namen übersetzt - das kann manchmal ein ganzes Buch ausmachen - ob man Slang gegen bekannte deutsche Akzente wie Bayrisch ersetzt oder einen neuen Slang „erfindet“ (so wie in in Kissing The Rain) oder ob man Anglizismen übernimmt, wo sie Teil unserer Sprache sind (was Gutzschhahn möglichst nie macht). Außerdem ist es nicht immer genug, mit einem Wörterbuch am Computer zu sitzen und zu übersetzen, für einen Übersetzer ist Research genauso wichtig wie für einen Autor. Man stelle sich vor, ein Buch spielt in San Francisco. Der Satz „going down a street“ kann hier die Bedeutungen „eine Straße entlang gehen“ oder „eine Straße herunter gehen“ haben und da San Francisco für seine vielen Hügel bekannt ist, ist der Unterschied zwischen den beiden Bedeutungen gewaltig. Dann muss ein Übersetzer eben google maps zur Hilfe nehmen, um bei keiner im Buch erwähnten Straße einen Fehler zu machen - Sightseeing auf die etwas andere Art also! Auch Landschaftsbeschreibungen können schwierig werden, denn Autoren reisen ja oft zu den beschriebenen Orten und diesen Luxus können sich Übersetzer nicht leisten… Kevin Brooks zum Beispiel beschreibt in „Lucas“ das Wattenmeer in England - und das kann man mit dem norddeutschen Wattenmeer überhaupt nicht vergleichen! Da muss man seine eigene Vorstellung verwerfen um mit Hilfe von Bildbänden diese Landschaft authentisch zu beschreiben! Doch trotz dieser Schwierigkeiten mag Gutzschhahn seinen Beruf und wir bedanken uns herzlich für diesen einzigartigen Einblick in einen oft so gering geschätzten Beruf! Kathi, 18 Jahre
 

Interview von Wendelin mit dem Autor und Übersetzer Uwe-Michael Gutzschhahn

Beim letzten Treffen der „kleinen Bücherfresser“ kam der Autor und Übersetzer Uwe-Michael Gutzschhahn zu uns in die Buchhandlung, um uns ein paar Fragen zu beantworten. Eigentlich übersetzt er ganz viele Bücher von Kevin Brooks (bis jetzt 13!) aus dem Englischen ins Deutsche. Da ich für diese Bücher aber noch etwas zu jung bin, habe ich mir ein paar von seinen Kinderbüchern geschnappt, um sie mal unter die Lupe zu nehmen. Besonders Zorgamazoo, weil es ein Buch ist, das von Anfang bis Ende in Reimen geschrieben ist. Als die „kleinen Bücherfresser“ gemütlich mit Herrn Gutzschhahn auf dem Sofa in der Buchhandlung saßen, habe ich u.a. folgende Fragen gestellt und beantwortet bekommen:
Bücherfresser: Wenn Sie ein Buch übersetzen, ist Ihnen dann der Sinn wichtiger oder die wörtliche Übersetzung? Uwe-Michael Gutzschahn: Ein normales Buch übersetze ich Wort für Wort. Und eigentlich gehöre ich zu den Übersetzern, die ganz viele Wörter im Wörterbuch nachschlagen. Denn dort komme ich auf Ideen, welche Alternativen es für ein Wort gibt. Bei der Übersetzung von dem Buch Zorgamazoo war das allerdings viel schwieriger, weil das Buch in gereimten Versen geschrieben ist. Im Englischen kann man mit viel weniger Wörtern die Dinge ausdrücken. Außerdem gibt es im Englischen viel mehr verschiedene Wörter (und bessere Reimwörter) als im Deutschen. Deshalb war das ganz schön kompliziert. Nicht nur der Reim musste passen, auch die Verse durften nicht mehr werden.
BF: Was regt Sie an einer Übersetzung am meisten auf, wenn Sie ein aus dem Englischen übersetztes Buch eines Übersetzers lesen?  UMG: Manchmal haben Übersetzer einfach kein Gefühl für die Melodie der Sprache. Dann möchte ich so ein Buch gar nicht weiterlesen, wenn die Übersetzung so ruppig ist. Ich mag es auch überhaupt nicht, wenn ganz viele Schnörkeleien gemacht werden, obwohl es eigentlich um eine ganz einfach auszudrückende Sache geht.Wenn ich ein englisches Buch im Original lese, dann übersetze ich im Kopf immer mit. Das ist eine Berufskrankheit. Das geschieht bei mir ganz automatisch.
BF: Was machen Sie, wenn Sie eine Übersetzung nicht hinbekommen? UMG: Ich habe ein kleines Wörterbuch von Reclam, in das ich immer reinsehe. Das Wörterbuch kenne ich fast schon auswendig und es ist sehr gut. Manchmal bringt es mir zwar nicht direkt etwas, aber beim Nachschlagen komme ich dann so nach und nach auf Ideen, die mir dann beim Übersetzen helfen.
BF: Wie lange dauert es bei einem normalen (normal heißt hier ein Buch, das nicht in Reimen verfasst wurde) Buch, eine Seite zu übersetzen? UMG: Ich brauche zwischen 30 und 45 Minuten, bis eine durchschnittliche Seite übersetzt ist.Für das Buch Zorgamazoo habe ich um die 4 Monate gebraucht. Besonders am Anfang der Übersetzung war ich ziemlich angestrengt, aber irgendwann kam ich in den Sog der Geschichte und das Übersetzen in Reimen viel mir immer leichter. Doch ca. 40 Seiten vor Ende der Übersetzung musste ich für eine Woche verreisen. Als ich wieder zurückkam und weiter arbeiten wollte hat gar nichts mehr geklappt. Da hätte ich das Skript gern mal gegen die Wand geworfen.
BF: Würden Sie manchmal nicht lieber selber ein Buch schreiben, als eins zu übersetzen? UMG: Ich schreibe ja auch selbst Kinderbücher. Die meisten Bücher, die ich selbst schreibe, sind für Leser zwischen 8-88 Jahren. So richtig dicke Bücher mit viel Handlung sind nicht meine Sache. Solche umfangreicheren Bücher übersetze ich dann halt. Übersetzen ist für mich auch eine Art, ein Buch zu schreiben. Meine Arbeit fließt ein Stück weit in den Text mit ein. Jedes gute Buch braucht so etwas wie einen roten Faden, der den Leser durch die Geschichte führt, bzw eine Sache, einen Reiz, für die es sich zu lesen lohnt. Und dieser Kern kann aus Humor bestehen, aber auch aus etwas Traurigem oder etwas sehr Ernsthaftem.
BF: Wollten Sie schon immer Übersetzer werden? UMG: Als Schüler besuchte ich ein naturwissenschaftliches Gymnasium. Mein bester Freund ging dorthin, also ging ich mit. Recht bald hat sich dann aber herausgestellt (auch in den Noten), dass meine Stärken eher in Deutsch und Englisch lagen und nicht so sehr in Mathe und den Naturwissenschaften.
Lieber Herr Uwe-Michael Gutzschhahn, vielen Dank für das Gespräch! Wendelin, 9 Jahre