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Worauf ich mich persönlich am meisten gefreut habe auf der Frankfurter Buchmesse (abgesehen davon, einen Tag schulfrei zu haben), war das Interview mit der Autorin von meinem Wunschpreistitel „Zeit der Wunder“, Anne-Laure Bondoux. Das Interview haben wir in einer bunten Mischung aus Französisch, Deutsch und Englisch geführt.

Unsere erste Frage war natürlich, wie sie die Idee zu diesem Roman hatte. Sie wollte eine Geschichte über einen Optimisten schreiben, eine Geschichte über eine Katastrophe und eine Person, die dieser trotzt. Dann hat sie diese Art von Geschichte mit anderen Geschichten, die sie in ihrem Kopf hatte oder die im Radio oder im Fernsehen kamen, vermischt. Dazu kommt, dass in Frankreich Migranten ein großes Problem sind. Jeden Tag gibt es eine neue Nachricht über irgendeinen Vorfall mit Migranten.

Und so hat sie das Buch auf ihre eigene Art geschrieben. Dafür hat sie ungefähr neun Monate gebraucht. Sie sagt, dass sie beim Schreiben langsam wie eine Schnecke ist, sie schreibt nicht wie beim Sprinten, sondern wie beim Marathon. Die Pariserin hat sich nicht direkt inspirieren lassen, aber natürlich sind viele persönliche Dinge in ihrem Buch enthalten, zum Beispiel die Muttergefühle. Ähnlich wie Koumail, der immer nachschaut, auf welcher Seite in seinem grünen Atlas er gerade ist, ist auch sie fasziniert von Karten und hat früher mit ihrem grünen Atlas davon geträumt, in 80 Tagen um die Welt zu reisen. Im Kaukasus war sie allerdings noch nie. Wenn wir sie mitnähmen, würde sie nicht nein sagen.Ihre Eltern haben ihr jeden Abend Geschichten erzählt , so wie es Gloria für Koumail tut. Und als in der Mitte der Arbeit an „Zeit der Wunder“ ihre Großmutter starb, wurde ihr ein Geheimnis über ihre Mutter erzählt. Es sei gut gewesen, das zu wissen, sagt sie, und es hätte ihr Leben verändert. Deshalb spielt das Geheimnis in ihrem Buch so eine große Rolle, sie hat ihre Fragen und Gefühle mit hineinfließen lassen. Überhaupt sind alle Charaktere ein Teil von ihr, Gloria zum Beispiel ist wie eine Schwester. Sie vergleicht ihr Inneres mit der Erde, aus der ein Baum wächst. In dieser Erde oder „Suppe“ sind zahlreiche Recherchen, Filme, Fotos, Reportagen, Zeitungsartikel… enthalten,aus denen dann das Buch entstanden ist. Ihre persönlichen Lieblingsbücher waren als Teenager die französischen Klassiker von Victor Hugo, Flaubert und Zola, jetzt liest sie amerikanische, italienische, spanische… Autoren, unter anderem Michael Collins, Gabriel Garcia Marquez und Silvia Avallone.Ihr deutsches Lieblingsessen sind Spätzle, Knödel kann sie (wie Adler Olsen, für den Knödel Waffen sind!) gar nicht ausstehen. Was mich echt erstaunt hat, war, dass „Zeit der Wunder“ schon ihr neuntes von zehn Büchern ist! Sie schreibt nämlich schon seit sie 16 ist; auf dem langen Weg zum Autor war der Journalistenberuf „ein Unfall“. In Deutschland ist aber bis jetzt nur das eine erschienen. Da ist ja dringendst Übersetzungsbedarf! Anne-Laure Bondoux war schon oft in Deutschland, in der Schule beim Austausch und als Autorin in Berlin, Leipzig, München (White Raven Festival). Leider hat sie in diesem Jahr den DJLP nicht gewonnen, aber wir drücken ihr die Daumen, dass es mit dem nächsten, was in Deutschland hoffentlich bald erscheint, klappt!