Baltscheit

Am Samstag schwammen wir schon professionell im Slottakt der Messe, wenn es um gefragte Berühmtheiten ging. Unser letzter Termin galt dem preisgekrönten Illustrator Martin Baltscheit, welcher sich mit seinem neusten Kunstwerk „Die besseren Wälder“ ins Jugendbuch positioniert hat. Die Fragen schon auf den Lippen, die Stifte gespitzt, wollten wir keine kostbare Zeit verstreichen lassen, doch es kam mal wieder ganz anders......

Kaum hatten wir uns alle hingesetzt, da fing Martin an, uns mit Fragen zu löchern. Ihr macht Juryarbeit?? Wie ist denn das? Was macht ihr da alles? Wie viele Bücher lest ihr denn so? Wie seid ihr zu der Jury gekommen? Und wie zu den Bücherfressern? Wir haben brav alle Fragen beantwortet, in der Hoffnung dann auch eine oder zwei Fragen stellen zu dürfen: Wie bist du zum Bücher machen gekommen, Martin? Als Antwort kam die Gegenfrage, wie wir zum Lesen gekommen sind. Er scheint sich nicht gerne interviewen zu lassen 🙂 Irgendwann hat er aber angefangen, zu erzählen. Ab da konnten wir fast gar keine Fragen mehr stellen…und lauschten einfach fasziniert seinem Strom.
Ich war ein ganz typischer Junge, ich habe nie viel gelesen. Das habe ich von meinem Vater. Der hat höchstens Sachbücher gelesen. Meine Mutter hat viel gelesen, aber ich habe mir das Verhalten von meinem Vater abgeschaut. Dafür habe ich viele Schallplatten gehört – ja, damals gab es Schallplatten, kennt ihr das noch?? Ich war ein großer Fan von Hörspielen. Mit 18 Jahren habe ich mein erstes eigenes Hörspiel geschrieben und das dem WDR geschickt. Die haben sogar geantwortet. Sie haben mir einen kleinen Zettel geschickt, auf dem stand: „Der Plot ist einfallslos, die Charaktere klischeehaft und die Dialoge platt. Unerträglich. Es bleibt die Frage, ob der Autor es jemals schafft.“ Ich war total traumatisiert. Jahrelang habe ich keinen Stift mehr in die Hand genommen. Ich habe gar nichts geschrieben. Keine Postkarte, keinen Einkaufszettel, gar nichts. Dabei dachte ich wirklich, ich hätte Talent. Das war so ein Gefühl… Ich meine, jeder hat doch etwas, was er kann. Und meistens ist das auch ein realistisches Gefühl. Unrealistisch wäre, wenn wir Ringer werden wollten. Das könnte wohl keiner von uns hier.Und egal wie klein das Talent ist, man kann immer etwas aus sich machen. Man muss nur an sich arbeiten. Es ist ein Prozess. Man erkennt, was man kann und was nicht. Ein Beispiel… Also, ich mach das Beispiel jetzt mit Pferden, weil ihr alle Mädchen seid, aber mit Autos geht das auch 🙂 Stellt euch vor, ihr kommt als Shetlandpony auf die Welt. Und dann sagt euch jemand, ihr sollt Rennpferd werden und gegen die großen Araberpferde gewinnen. Oder ihr sollt zusammen mit den Lipizzanern tanzen. Das arme Shetlandpony wäre sein ganzes Leben lang total frustriert. Aber wenn ihr das Pony in einen Streichelzoo steckt, wo es Kinder auf sich reiten lassen soll, dann ist es glücklich, weil es das kann. Jeder hat etwas, was er kann. Und auch das Shetlandpony kann die Welt bereisen, nur langsamer als ein Rennpferd. Ich selber habe einfach geschaut, was ich kann und bin dann beim Besten geblieben…
Irgendwo auf der Hälfte dieses Monologs über Shetlandponys (er hat uns die Geschichte auch noch mit Autos erzählt!) wurde uns klar, warum dieser Mann eine Fabel geschrieben hat. Und es wurde schwierig, all das mitzuschreiben, was er uns erzählt. Deshalb können wir für Lücken oder Abweichungen leider keine Haftung übernehmen. Als Martin kurz Luft holte, sahen wir die Möglichkeit, zwei Fragen einzuwerfen: Ist dein Buch „Die besseren Wälder“ eine echte Fabel? Und warum sind die Figuren in der Geschichte Tiere und in der Illustration als Menschen dargestellt? Die besseren Wälder“ sind absolut eine Fabel. Dadurch, dass die Charaktere von Tieren verkörpert werden, schafft man eine Verallgemeinerung, eine gewisse Distanz zum Leser. Bei der Illustration fand ich Tiere zu normal und irgendwie auch zu niedlich. Dadurch, dass ich Menschen gezeichnet habe, stelle ich quasi den Bezug wieder her. Man holt die Geschichte an den Leser ran. An dieser Stelle fing Martin an Dinge zu sagen wie besonderer Kniff, preiswürdiges Buch und Gesamtkunstwerk. Die genauen Zusammenhänge sind allerdings unklar. Wir vermuten, dass es sich um leicht ironisches Eigenlob handelte. Außerdem wollte ich nichts machen, was schon da war. Ich meine, jeder Mensch strebt nach besonderen Momenten, nach Erfüllung. Beispielsweise bin ich in meinem letzten Urlaub durch einen langen Tunnel in einen inaktiven Vulkan gelaufen. Es ist total dunkel und man sieht nur ein kleines Licht in der Ferne. Und dann tastet man sich den Weg entlang, denkt „Denke nicht daran, dass es hier Spinnen gibt. Denke nicht an…“ und versucht, nicht zu stolpern. Während man geht, wird das Licht am Ende des Tunnels immer größer, bis man schließlich da ist und mitten im Vulkan steht. Das war ein tolles Gefühl. Und so ein Gefühl, dass man etwas Besonderes geschafft hat, wollte ich auch bei diesem Buch erzeugen.
Bei einem weiteren Atemzug von Martin konnten wir die Frage nach der Idee zu diesem Buch einwerfen. Die Idee kam vollkommen zufällig. Es hat mich schon immer interessiert, wie es ist, als Wolf unter Schafen aufzuwachsen. Also nicht wie beim Wolf im Schafspelz. Es ist eine Metapher für alle, die sich irgendwie anders fühlen. Beispielsweise in der Pubertät. Ich weiß nicht, ob ihr das kennt, aber ich habe mich zum Beispiel gefragt, ob meine Eltern wirklich meine Eltern sind. Die sind so anders. Kann ich wirklich ihr Kind sein? Eigentlich ist das ganze Buch voll von Metaphern. Dadurch, dass ich Illustrator bin, habe ich häufig ein Bild im Kopf zum Text. Und ich schreibe auch sehr bildhaft. Das bleibt einfach besser beim Leser haften. Und Tiergeschichten sind ja schon uralt. Früher hat man sich am Feuer Geschichten erzählt. Da war ein Bär bei der und der Höhle. Das war lebenswichtig. Man hat aus diesen Geschichten gelernt und das ist heute immer noch so. Selbstverständlich mussten wir auch Martin unsere Lieblingsfrage stellen. Muss man eine dunkle Seite haben, um Figuren umzubringen?
Nein, ich bin ein ganz Heller 😉 Ich fühle schon mit, wenn Figuren sterben. Allerdings finde ich wichtig, dass die Logik der Geschichte stimmt. Bei einer guten Geschichte hat man trotzdem ein Glücksgefühl. Außerdem habe ich Spaß an dem „Kasperle-Effekt“, also wenn der Leser zum Beispiel schon weiß, die Frau liegt ermordet auf dem Sofa. Und dann springt man zu dem Mann, der einen wunderbaren Tag hatte, gute Laune hat und seine Frau mit Blumen überraschen will. Der Leser weiß schon, dass die Frau ja ermordet ist und leidet zehn Seiten länger, weil der Mann es noch nicht weiß. Irgendwie haben wir bei ihm danach doch eine leicht sadistische Ader diagnostiziert, aber das ist anscheinend Ansichtssache. Wir wissen jetzt unter anderem noch, dass Martins Lieblings-Kinderbuch „Die besseren Wälder“ sind 🙂 und sein Schreibtisch immer aufgeräumt ist, wenn er arbeitet. Aber das hat er uns zu ausführlich erzählt, um das als O-Ton wiederzugeben. Nach einer Stunde Interview ist die arme Frau vom Verlag, die ihn offensichtlich zu seinem nächsten Termin bringen sollte, an seiner Redewut fast verzweifelt 🙂 Wir hatten unseren Spaß, haben viel von Martin gelernt und freuen uns auf das nächste Buch, zu dem wir ihn selbstverständlich wieder „interviewen“ möchten! 🙂 Herzlichen Dank, Martin. Antonia, 19 Jahre
Das Martin Baltscheit Pony-Monster für die Bücherfresser