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Bonnie-Sue Hitchcock: Der Geruch von Häusern anderer Leute, Königskinder 2016  € 17,99

Auf Sprachkurs in Deutschland machte die Journalistin und Autorin Bonnie-Sue Hitchcock spontan einen Stop im Buchpalast für eine außergewöhnliche deutsch-englische Lesung. An ihrer Seite ihre Übersetzerin Sonja Finck. Mit ihr  ließ sie die Fischgründe ihrer Heimat Fairbanks lebendig werden. Unser Publikum spürte Minusgrade und die Kostbarkeit rohen Fleisches selbsterlegter Tiere. Graues Fleisch aus dem Supermarkt kauft fast niemand in Alaska. Diese selbstverständliche Nähe zur Natur beeindruckte. Wann hat man schon mal die Gelegenheit, zumindest im Geiste, ein noch warmes, bluttriefendes Herz zu küssen. So schnell werden wir das nicht vergessen. Ein toller Abend!

Alaska 1970: Im Land der Minusgrade und des Fischfangs. Das Leben unweit des nördlichen Polarkreises ist denkbar einfach. Geerdet. Familienverbunden. Das Leben der Freundinnen aber völlig verschieden. Wie soll Alyce zur Aufnahmeprüfung der Tanzakademie erscheinen, wenn sie den ganzen Sommer auf dem Kutter ihres Vaters verbringt, um Lachsen die Köpfe abzuschneiden. Ihre Hilfe hier ist selbstverständlich. Egal wie gern sie tanzt. Auch ist ein Sommer ohne den Fischfang für sie unvorstellbar. Ruth träumt mittels Heirat in bessere Kreise aufzusteigen. Die Freundschaft zerbricht, sie trägt ein Kind aus und gibt es zur Adoption frei. Klaglos. Ebenso selbstverständlich. Die schlichte Schönheit des Erzählen fesselt und bewegt. Die Sätze lassen innehalten, machen das Leben in diesen fremden, fernen Häusern greifbar. Sogar der Geruch ist spürbar. Der geschlossene Gedankenkosmos bricht nur mühsam auf zum Licht. Jugendliche Rebellion steckt hier noch in den Kinderschuhen. Einzelne Lebensbruchstücke gewinnen im Laufe der Geschichte an Form und finden erzählerisch zueinander. Das Ganzes entsteht fast unmerklich, ebenso wie das stille Ich von Ruth, welches ihr beinnahe in der Ferne entgleitet, in der vertrauten Welt wieder zu ihr zurückkehrt. Ein berührender Roman über ein fernes Land in einer fernen Zeit. Das gelungenes Debüt einer Autorin, die es versteht, ihre Heimat und ihre Kindheit mit allen Sinnen in Worte zu fassen und lebendig werden zu lassen. Katrin Rüger
In ihrer schlichten und klaren Sprache hat es die Autorin geschafft, wunderbare Bilder in mir zu erzeugen, Düfte in meine Nase zu zaubern, und mich in die Häuser der verschiedensten Menschen , in ihre Gedanken und in ihre Herzen blicken zu lassen. Dabei hat mich immer wieder überrumpelt, wie fremd uns die Welt von Ruth, Alyce, Dora oder Dumpling ist. "In den Dörfern ist es egal, welches Kind von wem ist. Es gibt so viele davon, dass die Erwachsenen den Überblick verlieren...". Sollte es den Leser also überraschen, dass  Ruth viel zu jung schwanger wird? Oder dass Alyce den Sommer zum Fischen gehen wird, statt an einer Aufnahmeprüfung teilzunehmen, um ihrem Traum von einem Tanzstudium näher zu kommen?  Denn... "wenn ich nicht mehr auf dem Boot mithelfe, wer füllt dann die Lachseier in die Tüten?" Letztlich ist es der Alltag mit seinen Problemen, die dieses Buch so prall füllt und es zu einem außergewöhnlichen Leseerlebnis macht. Marion Hübinger

nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2017, Jugendbuch