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Claude K. Dubois, Akim rennt, Moritz Verlag 2013 € 12,95

Akim spielt mit anderen Kindern am Wasser als seine Kindheit durch einen Luftangriff ein jähes Ende findet. Akim rennt. Akim weint. Akim verliert seine Familie und wird von Soldaten gefangen genommen. Die weit aufgerissenen Kinderaugen sehen Menschen mit Waffen, Menschen in Verzweiflung und natürlich den Tod. Wieder rennt Akim weg. Akims Leben ist die Flucht. Er ist allein. Am Ende wird er von einer Hilfsorganisation aufgegriffen und bekommt Hilfe. Man findet seine Mutter wieder. Ein kleiner Lichtblick in einer Geschichte, die Kinder nicht erleben sollten und doch viel zu oft erleben müssen. Weltweit befinden sich derzeit 44 Millionen Menschen auf der Flucht. Die Hälfte davon sind Kinder.

Sollten nicht wenigstens wir unsere Kinder so lange wie möglich vor diesen Bildern und Geschichten schützen?

Kinder sind neugierige Zeitgenossen und unsere Zeitungen sind voller Fotos aus Kriegs- und Krisenregionen.
Ende September 2014 gab die Münchner Bezirksregierung einen traurigen Rekord bekannt: 3300 Flüchtlinge muss die Münchner Erstaufnahme beherbergen, mehr als je zuvor. Spätestens mit Schulbeginn haben unsere Kinder aktuell gute Chancen Flüchtlingskindern zu begegnen. In Deutschland geht es glücklicherweise seit Jahrzehnten friedvoller zu und doch entdecken Kinder noch heute Spuren des letzten Krieges oder haben Großeltern, die Kriegs- oder Nachkriegskinder waren. Mein Sohn wollte mit fünf Jahren wissen, warum die Kirche am Kurfürstendamm, der hohle Zahn genannt, so kaputt ist und schon war ich in schönster Erklärungsnot zu Krieg und Zerstörung. Da hätte ich Akim rennt dringend gebraucht. Gemeinsam Erlesen ist es ein fantastisches Buch für behutsame Gespräche. Claude K. Dubois setzt die Worte für Akims Geschichte sparsam. Der überwiegende Teil wird in den Zeichnungen transportiert, zurückhaltend aquarellierte Kohlestiftskizzen, die ebenso wie der Text nur mit den nötigsten Details versehen sind. Weitere Ausschmückungen werden jedem Betrachter selbst überlassen und Kinder füllen diese Leerstellen anderes als Erwachsene.Akims Gefühlen hingegen, kann sich keiner entziehen. Beeindruckend gestaltet Dubois den direkten Zugang des Kindes zum Krieg im Mittelpunkt ihres bildlichen Erzählens. Wo für Akim und die kleinen Leser des Buches die Sachlichkeit des Krieges schemenhaft bleibt, ist die Emotionalität der von ihm betroffenen Menschen gerade in der Schnelligkeit eines jeden hier festgehaltenen Augenblickes von großer Intensität. Die Menschen im Krieg und Akims Beziehung zu ihnen ist ein zentrales Thema des Buches. Akim lebt mit Fremden, die ihn drangsalieren oder er schlüpft bei anderen Fremden unter, die ihn in die Arme nehmen. Das durch Gewalteinwirkung verlorene Kind, aber auch seine Wiederaufnahme in die Geborgenheit lässt das Herz schwerer werden. Den Zugang zur Sache hingegen macht es leichter.
Ein sechsjähriger Junge hätte unbedingt ihr Buch haben wollen, erzählt Claude K. Dubois und sie wollte wissen, was ihm an dem Buch so gefalle. Da sagte er: „Ich mag deine Bilder. Sie sind so echt.“ Akim rennt hat nach der Auszeichnung mit dem katholischen Kinder- und Jugendbuchbuchpreis nun auch den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Bilderbuch erhalten. Es gehört zu den Büchern, die in keinem Kinderbuchregal fehlen sollten. Akims Geschichte, welche Dubois zuerst umfangreich recherchierte, um sie dann mit den Erfahrungen, die ihre Mutter als Flüchtlingskind machte zu bereichern, ist unseren Kindern gleichermaßen fern und nah. Gespräche mit ihnen über Tatsachen in der Welt legen die Grundlage für Selbstvertrauen und Stärke und das ist doch der beste Schutz. Kindliche Fragen zu Krieg und Gewalt häufen sich ab dem Schulbeginn und dann wird es auch Zeit, sie ehrlich zu beantworten.

 

Foto: Marion Tegner
Foto: Marion Tegner