Der Garten im Haus – von Fläche, Form & Farbe

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Samantha Friedman, Christina Amodeo: Matisse und sein Garten, Diogenes Verlag/ Museum of Modern Art € 20.-

Ganz schlicht im Text erzählt dieses rundum gelungene, in farb- und formbetonender Collagetechnik illustrierte Bilderbuch, wie der Künstler Matisse den Ausdruck der Formen entdeckte. Man nehme Papier und Schere, schneide eine Form und klebe sie an die Wand. Etwas später kommt ein Hintergrund dazu. Und Form mit Gegenform. Kinderleicht wirkt das Spiel. Ein ganzer Garten im Zimmer entsteht. Dieser unmittelbarer Einstieg in die Kunst fesselt den Betrachter und fordert ihn geradezu auf, die Schere gleich selbst in die Hand zu nehmen. Eingebettet in die kleine Geschichte finden sich sieben Original-Scherenschnitte von Matisse, die zum Teil auf prächtigen, aufklappbaren Doppelseiten präsentiert werden. Auf dem mattierten, für ein Bilderbuch ungewohnt starken Kunstdruck- Papierseiten strahlen sie dem Betrachter in besonderer Intensität entgegen. Ein Buch zum Verweilen und Träumen. Ein Buch, dass die eigene Kreativität anregt.

5. Februar 2018, 19:00 Uhr. Die Leipziger Meuten. Jugendopposition im Dritten Reich. Johannes Herwig mit „Bis die Sterne zittern“ und ein Zeitzeuge (95)

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Johannes Herwig: Bis die Sterne zittern, Gerstenberg Verlag 2017 € 14,95

Wild, bunt, rebellisch – Johannes Herwig erzählt von den "Leipziger Meuten", einer jugendoppositionellen Bewegung im Dritten Reich. Eine eigene Meinung haben, sich nicht anpassen und das Leben feiern –  auch in der Zeit des Nationalsozialismus gab es Jugendliche, die frei sein wollten und sich dem Zugriff der Nazis entzogen. Der Leipziger Autor Johannes Herwig erzählt in seinem neuen Jugendroman Bis die Sterne zittern  mitreißend von den sogenannten "Leipziger Meuten". Sie sind der ermutigende Beweis, dass nicht alle ihre Menschlichkeit für eine Ideologie aufgaben. Als Zeitzeuge berichtet der inzwischen in München lebende Kurt Wilsdorf von seiner aufregenden Zeit bei den „Leipziger Meuten“. Die lebhaften und neugierigen Bücherfresser werden mit Autor und Zeitzeuge ins Gespräch gehen. Wir freuen uns über alle Zuhörerer und Beiträge, Jung & Alt.

Eintritt € 5.- Um Anmeldung wird gebeten.

Delikater Gewissensspiegel

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Alois Prinz: Bonhoeffer. Wege zur Freiheit, Gabriel Verlag 2017 € 16,99

Widerstand klingt groß und mutig und ist im Detail doch eine kniffelige Angelegenheit

Im kirchlichen Widerstand gegen den Nationalsozialismus ist er eine Ikone: Dietrich Bonhoeffer. Ein Heiliger? Ein Held? Ein Unbeirrter? Eine Vorbildfigur. Straßen und Plätze sind nach ihm benannt worden. In der Schule kommt heute kein Jugendlicher an ihm vorbei. Was also ist das Besondere an einer Biografie über Bonhoeffer? Dem routinierten Biografen Alois Prinz gelingt es immer wieder von Neuem, seine Leser auf eine unerwartet faszinierende Lebensreise mitzunehmen. Tief hinein taucht er sie diesmal, in die Erkenntnisprozesse eines Menschen, bei dem nichts, wofür er später stehen sollte, auf der Hand lag. Bonhoeffer war ein ängstliches Kind und ein schulischer Überflieger. Sein Wunsch, ausgerechnet Theologie zu studieren, verwunderte. Bonhoeffer interessierte daran vorerst die Wissenschaft. In Zeiten des Weltbild verengenden Nationalsozialismuses zog er hinaus. Nach Italien, Spanien, Afrika und Amerika. Er wurde zum leidenschaftlichen Weltentdecker und Internationalist. Über die Aspekte seines Glaubens sollte er sich erst später intensive Gedanken machen. Immer wieder packten ihn Zweifel und Widersprüche. Im Angesicht nationalsozialistischer Verrohung und Unmenschlichkeit, sah er sich gezwungen, sein christliches Denken mit politischem Handeln abzuwägen, denn die Erkenntnis, so meinte er, wird in der Existenz begründet. Die Freiheit, die Bonhoeffer zu suchen begann, musste eine personelle sein. Sie erklärte sich mit dem Leben. Sie war das Resultat eines Lebens, ja eines Lebensweges. Begierig folgen die Leser also, auf der Suche nach dieser Freiheit, Bonhoeffers Lebensweg, den Prinz aus einer Vielzahl von Schriften, unzähligen Briefen und Gedichten lebendig werden lässt, hin zu Bonhoeffers zentraler Frage: „Wer hält stand? Und warum?“ Eine Frage, die an Aktualität nichts eingebüßt hat. Bonhoeffers große denkerische Eloquenz und seine konsequente Verschriftung dieser Gedanken, nicht zuletzt seine Liebesbriefe aus der Gefangenschaft, geben dem Biografen kostbares Material an die Hand, aus dem er sorgsam auszuwählen und zu fokussieren versteht. Diese Biografie wird somit unweigerlich schnell zu des Lesers Sache, ganz egal wie nah oder fern er dem christlichen Glauben steht, denn Bonhoeffer gewährte universellen Werten Vorrang vor persönlichen. Die Gewichtung von Werten, das wird sehr deutlich, stehen mit dem Handeln in engem Zusammenhang. „Stand halten“ nicht die Vernünftigen und nicht die Fanatiker, sondern „die, die Tat wagen“, die Handelnden, meinte Bonhoeffer und kehrte 1939 aus dem sicheren New York wieder nach Deutschland zurück. Zurück zu seinen Studenten. Zurück in die Lebensgefahr. Zurück an den Ort, der nach menschenwürdigen Taten verlangte. Diese, das Buch einleitende, anfänglich unfassbare Entscheidung eines scheinbaren Helden, macht Prinz am Ende zu einer nachvollziehbaren Konsequenz eines standhaft Handelnden, dessen berührende Gedanken und Entscheidungsprozesse dank dieser hervorragenden, vielleicht besten Biografie von Alois Prinz, durch das Herz und Hirn der Leser gewandert ist.

Vor Bienen muss man keine Angst haben

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Deutscher Jugendliteraturpreis 2017, Sachbuch

Pjotr Socha, Bienen, Gerstenberg 2016 € 24,95

"Vor Bienen muss man keine Angst haben", verriet uns Pjotr Socha, Sohn eines Imkers, in einem Gespräch. "Mein Vater hatte manchmal 50 Bienenstiche auf ein Mal." Ein wenig ähnelt er beim Erzählen dem Bären auf dem Plakat zu seinem Buch, rund, langsam und gemütlich, vor allem jedoch neugierig und naturverbunden. Ohne die Biene sähen wir ganz schön traurig aus. Nicht nur, weil Honig so gut schmeckt und die Biene beim Nektar sammeln sehr viele Pflanzen bestäubt. Die Menschen haben der Biene auch viel abgeguckt. Ihre Material sparenden, leichten aber extrem stabilen und praktisch konstruierten sechseckigen Wachswaben zum Beispiel. "Dass ein Bienenschwarm von einer Königin statt eines Königs regiert wurde, konnten die Menschen lange nicht glauben", erzählt Socha und schmunzelt verschmitzt. Für sein Steinzeit-Imker-Paar hat er den Kopf samt dicker Nase einfach gespiegelt. Die Nase der Mumie im Sarkophag der Ägyter, auch sie betrieben schon Imkerei, liebt er besonders. Groß und dick steht sie aus dem Sarkophag heraus. Auch spürt man die Freude, die er dabei hatte, seine eigene Bienen-Hieroglyphenschrift für diese Seite zu entwickeln. Seine Leidenschaft für Bienen und sein feiner Humor zieht sich durch all seine Illustrationen.

Reise ins Erdinnere

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Andreas Pflitsch, Dirk Steinhöfel: Irgendwo brennt ein Feuer im Eis, Arena Verlag 2017 €19,99

Der zweite Urlaub bei Urgroßvater Elias, einem Höhlenforscher, beginnt mit einer Schnitzeljagd und verspricht Abenteuer und eine erkenntnisreiche Reise ins Erdinnere. Dieses Mal ergründen Jonas und Sophie den Vulkanismus in Alaska und die alten Gold- und Kupferminen. Dinge, die immer da zu sein scheinen und sich, sehr langsam, doch wandeln. Das unkonventioll gemachte Sachbuch ist Tage- und Wissensbuch zugleich, bei dem Dirk Steinhöfel digitales  Bildmaterial und Fotos für das Entdeckerauge auf verschiedenen Ebenen collagagiert. Das Sachwissen kommt von Andreas Pflitsch, der in der Lava- und Eishöhlenforschung arbeitet.  Tackerklammern, Knöpfe und Schüre halten die Puzzelstücke zusammen, die nach und nach in Raum und Zeit ein Ganzes ergeben. Zum Greifen nah kommen dabei nicht nur der Schnee und die verschiedenen, sich bei Hitze bildenden Gesteine und Erze, die ein Vulkan dann aus den Tiefen an die Erdoberfläche schleudert, auch für die Plattenbewegungen am Meeresgrund und Faltprozesse an der Erdoberfläche finden die Autoren gut nachvollziehbare Beispiele. Ein Buch zum Vor- und Selberlesen, zum Beobachten und Entdecken, vielleicht gleich hinter der eigenen Haustür, denn vulkanische Überreste gibt es überall auf der Welt.

Nascherei zum Verlieben und Nervennahrung

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Peer Martin: Was kann einer schon tun? Oetinger 2017 € 8,99

Überaus lesenswert

Wenn Peer Martin der Frage nachgeht, wie die Welt zu retten sei, überstrahlen die Begegnungen zwischen Menschen, ihre sensiblen Gespräche voller Mimik und Gestik, die Spaziergänge entlang des Sankt Lorenz Stroms in Quebec, die düstere Faktenlage. Selbst seinem Hund Lola ringt der besorgte Familienvater Antworten ab, die er aus ihren Augen lesen kann. Schon das macht dieses schmale Büchlein überaus lesenswert.

Revolutionäre Reise in die Vergangenheit

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Alexandra Litwina: In einem alten Haus in Moskau, Gerstenberg 2017 € 24,95

Möbel, Spielzeug, Alltagsgegenstände. Bewohner, Untermieter, Haustiere. Generationen residieren unter einem Dach, in einer Wohnung in Moskau, ein Jahrhundert lang. Anschaulich, familiär, hautnah und einfach herausragend wird Geschichte im Großen wie Kleinen erzählt. So gehen die Autorinnen auf familiäre Spurensuche und sprechen dabei gewagt und unverblümt über russisches Alltagsleben. Erzählerisches aus Kindermund wie Sachinformationen wechseln beständig ab und machen auch die große Geschichte im Hindergrund sichtbar. Eine Reise vom Ganzen ins Detail oder vom Detail zum großen Ganzen. Das Buch ist in jeder Hinsicht eine wunderbare Entdeckung.

Beschäftigung für Gipfelstürmer

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Piotr Karski: Berge, Moritz Verlag 2017 € 18,00

Berge bieten Lebens- und Erholungsraum, Naturerlebnis, alpine Kulturlandschaft, sie sind sensibles Ökotop und Sportarena für Waghalsige. Dieser Prachtband führt mit gestalterischer Raffinesse in allen Aspekten hoch hinaus und läd dabei auf jeder Seite seine Leser zum Mitmachen und Selbstgestalten ein. Die Buchhändlerin und Bergführerin ist hochbeglückt über so viel kreative Praxistauglichkeit und hat sich gleich mit viel Elan ihre eigene Hütte gebaut. (siehe Foto) Auch dem Murmeltier kann man sein Heim zeichnen oder die Gämse, welche Schnee- und Kletterschuhe unter ihren Hufen trägt, über Stock und Stein springen lassen. Was braucht ein Kletterer für Material, wenn er tagelang eine große Wand erkundet und wie sieht das Rad des Mountainbikers aus? Wie führt der beste Wanderweg durch ein Naturschutzgebiet, wie liest man eine Karte, was sind Höhenlinien und wie ist das mit dem Maßstab? Sollten die Aktionisten unterwegs hungrig werden,  können sie sich auch ihren Reiseproviant selber machen oder bei der Herstellung von Emmentaler zuschauen. In diesem Buch fehlt nichts. Berg heil! Bitte kaufen, loslegen und die Welt entdecken!

Einstieg zum Handeln

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Sonja Eismann, Nina Lorkowski: Fair für alle! Warum Nachhaltigkeit mehr ist als nur "bio", Beltz&Gelberg 2016 € 16,95

Ein kleines kompaktes Buch, welches in seiner knappen Form doch eindringlich und nachhaltig über die Problemzonen auf unserer Erde und unsere Möglichkeiten, ihnen entgegen zu wirken, informiert. Im Fokus steht dem Menschen Unentbehrliches, wie Greifbares: Energie, Müll, Nahrung, Kleidung, Mobilität, Wohnen, Migration. Historisch eingebettet, aktuell erzählt, mit Fakten und Zahlen verfeinert und mal einem Interview begleitet bieten die Texte ein rundes Bild des aktuellen Standes und klare Anweisungen zum Handeln. Das beruhigt ein wenig. Ein solider Einstieg für alle Zukunftsaktivisten.

Mehr Nächstenliebe und Achtsamkeit, bitte.

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Yann Arthus-Bertrand, Anne Jankéliowitch, Martin Laffon: Wie geht's dir Welt und was ist morgen? Gabriel Verlag 2017 € 16,99

Dieses Buch eignet sich für blutige Einsteiger, einen ersten Schritt ins nicht so lustige Thema "Zukunft" zu wagen. Es besticht vor allem durch Bilder von erhabener Schönheit. Den Menschen darauf traut man alle guten Dinge dieser Welt zu, allem voran das Gemeinsame und das Achtsame. Der gezeigten Natur wünscht man sich sorfort, sie möge in ihrer Vielfalt und Faszination erhalten bleiben. Das berühmte "mehr", aus der bei Menschen beliebten Wachstumsformel, findet man hier vor allem im Inhaltsverzeichnis. Achtmal. Mehr Nähe zur Natur, mehr Gerechtigkeit,  mehr Toleranz, mehr Frieden. Nur zart wird der Finger auf die Problemzonen in dieser Welt gelegt als wölle das Buch niemanden verstören.

Konkrete Ideen voraus – für unsere Zukunft

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Ulrich Eberl: Zukunft 2050, Beltz & Gelberg € 17,95

Atomkraft? Nein, danke. Wind- und Sonnenenergie? Vermutlich. Wenn wir eine Lösung finden, diese Energie zu speichern ist sie für die Zukunft viel versprechend. Werden Autos bald ohne uns an der Straßenecke miteinander reden?  Gibt es intelligente Fenster und werden T-shirts kompostierbar? Klingt absurd, ist aber alles schon heute entwickelt. In seinem wissenschaftsübergreifenen Buch trägt Eberl innovative Entwicklungen zusammen - so faktenreich wie nötig, so anschaulich wie möglich und so prall gefüllt, spannend und abwechslungsreich, dass man Kapitel wieder und wieder lesen und diskutieren kann. Wie werden wir den Wohlstand ausbauen und dem Klimawandel entgegen wirken können?

Das etwas andere „Monsterbuch“

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Hélène Rajcak, Damien Laverdunt: Die unsichtbare Welt mikroskopisch kleiner Tiere, Jacoby & Stuart 2017 € 22.-

Rundum gepanzert oder mit Borsten, stummelfüßig oder auf staksigen Stelzen, bewimpert oder mit eleganten Tentakeln bewegen sich die Tiere in diesem Buch in ihren schlanken, durchscheinenden Körpern oder als plumpe Wesen über die Seiten. Eine faszinierende Monsterparade. Ein Wasserballett der Allerkleinsten. Eine Szenerie vom Fressen und Gefressenwerden. Diese Vielfraße sind oft nur einen winzigen Teil eines Millimeters groß und bilden die Recyclingfabrik vieler Biotope. Haut, Bett und Küche, Waldboden, Moos, Wasser, Meeresboden und stehendes Gewässer. Überall sieht die lebendige Welt unter dem Mikroskop anders aus. Dieses ungewöhnliche, über alle Maßen faszinierende Tierbuch stellt dem Betrachter nicht nur eine Vielzahl ungewohnter Arten vor, es erklärt am Ende auch, wie sich Biologen mit einer Systematik in diesem bunten Durcheinander zurechtfinden und wie die Menschen, dank ihrer Erfindung von Mikroskop und Elektronenmikroskop, immer tiefer in diese, fürs bloße Auge unsichtbare, quicklebendige Welt eintauchen konnten und damit große Fortschritte in der Medizin erziehlt wurden. Es ist also beruhigend zu wissen, in welcher Welt wir leben, selbst wenn man am Ende, mit neuem Wissen sagen muss: Aufgepasst! Es gibt auch gefräßige Bücherläuse! (Seite 16b)

Glaube und Gemeinschaft zu entdecken

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Anna Wills, Nora Tomm: Das Wimmelbuch der Weltreligionen, Beltz & Gelberg 2017 € 13,95

Religionen sind ein lebendiger Bestandteil gesellschaftlichen Lebens.  Sie helfen Antworten auf große Fragen des Lebens zu finden. Menschen überall auf der Welt leben nach religiösen Regeln und Ritualen. Das verbindet uns trotz aller Unterschiede. Dem Leben in den fünf großen Religionen können Kinder hier auf jeweils einer großformatigen Doppelseite ganz ohne Text nachspüren. Zu sehen sind religiöse Orte der Begegnung, Bräuche, Feste, Rituale, die Religionsgemeinschaft und ihre Glaubenskultur. Das Buch begleitend ist ein erklärendes Heft beigefügt, welches einige der vielen, zu entdeckenden Details für Eltern erläutert. Das mit viel Sorgfalt gestaltete, etwas andere Wimmelbuch eignet sich schon für wissbegierige Kindergartenkinder und ist perfekt für erste Fragen im Vor- und Grundschulalter.

Wir alle zusammen

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Giancarlo Macrì, Carolina Zanotti: Punkte, Gabriel Verlag 2047 € 14,99

Wenn wir Kindern die Welt erklären wollen, müssen wir irgendwo anfangen. Einfach anfangen. Mit Punkten vielleicht? Schwarz und Weiß.  Ein schwarzer Punkt und seine Freunde rechts. Ein weißer Punkt und seine Freunde links. Punkt ist nicht gleich Punkt. Seite ist nicht gleich Seite. Die Unausgeglichenheit wird augenscheinlich, wenn sie sich zu dunklen Haufen ballen. Punkte bauen sich die Welt. Häuser, Nahrung, Spaß, ein Parlament. Eine Welt der zwei Seiten mit Unterschieden. Ihre gemeinsame Welt, wenn sie sich zusammentun. Es ist immer wieder erstaunlich, wie wenig es braucht. Einfach nur Punkte. Und schon kann das schönste phiosophische, politische Gespräch über unser Leben in der Welt beginnen.

Gewissenhaft & Geistreich

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Lyndal Roper: Der Mensch Martin Luther, S. Fischer 2016 € 28.-

Zwei Reiseführer in die Reformation: Was hat Luther so standhaft gemacht? Woher nahm er seine Überzeugung? Wie stellte er sich seinen Zweifeln und Ängsten? Zehn Jahre umfassender Recherche gingen diesem Buch voraus, dass sich, in Nachwendezeiten, nicht nur dem süddeutschen Raum, sondern mit frischem Blick Luthers Leben und Wirken im ostdeutschen Raum zuwendet. Lyndall Roper, Spezialistin des ausgehenden Mittelalters in Deutschland, schaut Luther fast psychoanalytisch in die Seele und lässt ihre Leser tief in diese bewegten Zeiten zwischen Gottesfürchtigkeit, geistreicher Rebellion und Reflexion eintauchen. Eine fesselnde Biografie, ein großer Kulturführer für alle, die es ganz genau wissen wollen.
In spielerischer Leichtigkeit präsentieren Christian Nürnberger und Petra Gerster das große Ganze für Jung und Alt: den Marco Polo Reiseführer zur Schwelle der Neuzeit. Augenzwinkernd betrachten sie legendäre Ereignisse und verweisen auf die Synergien zwischen Luthers Schaffen und Gutenberg, Kolumbus und Kopernikus. Ergänzt um ein Kapitel über Katharina von Bora bietet der kurzweilige Text ein schnelles Update und experimentiert mit Parallelen und Fragen nach Lösungsansätzen zu unserer aktuellen gesellschaftlichen Lage. Katrin Rüger

Wie heißt Gott mit Nachnamen

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Jan von Holleben, Jane Baer-Krause: Wie heißt dein Gott eigentlich mit Nachnamen? Gabriel 2016 € 16,99

Am Anfang war das Wort - Atheismus, Karma, konvertieren, Guru, Sekte und viele Wörter mehr. Was versteht man darunter? Wer hat sich das Universum ausgedacht? Und was ist die Weltseele? Dieses Buch beantwortet viele Fragen, die mehr aus dem Leben zu kommen scheinen und nicht nur zur Religion gehören. Denn zwischen Leben und Religion gibt es wohl unzählige, nicht wegzudenkende Verbindungen, selbst wenn man nicht religiös ist. Dieses Buch kann man kürzer oder länger in die Hand nehmen, in seinen Texten und Bildern verweilen oder sie über das Gebotene hinaus weiter diskutieren. Anregend. Spannend. Neugierig machend. Faszinierend. Vorurteilsfrei. Weltoffen! Denn in jeder Antwort schwingen oft alle Religionen zugleich mit. Sind wir uns ähnlicher, als wir uns manchmal fühlen? Haben wir vielleicht alle, unser Gott inbegriffen, verschiedene Vornamen aber den gleichen Nachnamen? Für die Zukunft ein so hoffenswerter, wärmender Gedanke.

996x Ur-Opa zurück oder wie alles begann

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Dieter Böge, Bernd Mölck-Tassel: Opa Mammut, Jacoby & Stuart 2016  € 19,95

Ein kurzer Text, ein ganzseitiges Bild. In 50 Mini-Episoden können kleine Leser hier in eine Familiengeschichte eintauchen, die mit dem 996-mal-Ur-Opa im Jahre 17960 vor Christus beginnt. Das ist eine ganze Seite Ur für sich alleine. Bei einer so langen Geschichte darf natürlich kein Wort verschwendet werden. Die Überschriften erzählen von "Bär", "Unfug", "Ruhm", "Fremde", "Müll", "Glück" und "Smart". Ganz und gar auf den Punkt bietet dieses Buch erste Einblicke in Zusammenhänge und Entwicklungen, in Highlights des sozialen Lebens und zu kulturellen Errungenschaften. Trotz einfacher Sprache und kurzen Sätzen, wie sie jedem Leseanfänger taugen sollte, vermag der Text zu fesseln, lässt Staunen, Schmunzeln und Nachdenken. Ein rundum gelungenes Werk für geschichtsinteressierte Kinder im Grundschulalter oder für Kinder, die einfach mal was anderes lesen wollen.

Verlaufen

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Peter Schössow: Wo ist Oma? Zu Besuch im Krankenhaus, Hanser Verlag 2016 € 17.-

Unzählige Türenfluchten, lange, grünliche Gänge und viele Stockwerke hat so ein Krankenhaus. Henry weiß nicht, was er sich da gerade vorgenommen hat, als er sich entschließt, auf eigene Faust seine Oma zu suchen. Er ist klein und kann noch nicht lesen. Doch das kleine i kennt er schon. Es steht für Information. Da fragt er gleich. Leider kann ihm die Frau an dem Schalter nicht weiterhelfen. Sie weiß noch nicht einmal, dass der Name von Henrys Aupair Mädchen Gülsa "Fröhliche Rose" bedeutet. Gülsa telefoniert. Und das kann dauern. Also stapft Henry los und entdeckt hinter den Türen Ärzte, Babys, Kinder und Alte, Kranke und Besucher oder auch mal gar keinen. Henry sperrt Augen und Ohren auf und hört jedem genau zu. Peter Schössow erzählt von Menschen und Räumen. Henry begegnet über 80 Personen, doch das Buch ist kein Wimmelbuch. Ruhig und unergründlich entfaltet sich die Szenerie vor dem Auge des Betrachters. Alles wirft seine Schatten: das Laub auf Henrys Rücken, die nächste Häuserreihe auf die Glasfront des Krankenhauses, die Rahmen der sonnendurchflutetden Fenster an die Türen gegenüber. Bis es zu regnen beginnt. So ein Krankenhaus schluckt die Zeit. Auch im Keller, zwischen den Heizungrohren, herrscht noch Betrieb. Da steht der Hausmeister auf seinem roten Roller. "Junge, dich suchen sie schon überall." Was ein Glück, denn jedes große Krankhaus hat auch einen Wachdienst, der helfen kann, wenn man sich verlaufen hat.

Was ist denn daran Kunst?

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Susanna Partsch: Wer hat Angst vor Rot, Gelb, Blau, C.H. Beck Verlag € 19,95

Die Erfahrung vor einem modernen „Kunstwerk“ zu stehen und sich ratlos zu fragen, was das jetzt eigentlich darstellen soll, beziehungsweise wieso dieses Werk das Prädikat Kunst verdient hat teilen sicherlich einige mit mir. 
Susanna Partsch hat es sich zur Aufgabe gemacht Kinder und Jugendlich - ja vielleicht auch dem ein oder anderen Erwachsenen - mit ihrem Buch „Wer hat Angst vor Rot, Gelb, Blau“ einige dieser Fragen zu beantworten. Dafür wählt sie 60 Kunstwerke aus anhand derer sie die Entwicklung vom gegenständlichen Malen über abstrakte Kunst bis zu Installationen aus den letzten Jahren erklärt.
Sehr deutlich treten die gegenseitigen Einflüsse der Künstler hervor und die Werke werden verständlich in ihren politischen und geistesgeschichtlichen Hintergrund eingeordnet. Obwohl ein Sachbuch, noch dazu für ein jüngeres Publikum, ist der Text durchgehend in zusammenhängenden und aufeinander aufbauenden Kapiteln gegliedert, was zu einem flüssigen Lesegenuss führt, der es einem schwer macht, ein mal zu lesen begonnen, das Buch beiseite zu legen. Partschs Herangehensweise an die Bilder und deren Deutung machen Lust selbst ein Museum aufzusuchen und ein mal auf eigene Faust nach den Botschaften der ausgestellten Kunstwerke zu forschen.
Anna, 18 Jahre

Unvorstellbare Gefahren, Abenteuer und Ausdauer

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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2016, Sachbuch

William Grill, Shackletons Reise, Nord-Süd Verlag 2015, € 19,99

Sir Ernest Shakleton liebte es Polarforscher zu sein. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, die Antarktis zu Fuss zu durchqueren. Das Buch beschreibt die vielen Stationen der Reise, die Vorbereitung samt Packliste, den Bau des besonders stabilen Bootes „Endurance“, die Abfahrt und die ganzen Unglücke und Probleme. Neben den kleinen Textpassagen gibt es viele lustige skizzenhaften Zeichnungen, die alles detailreich in Szene setzen. Besonders gefiel mir das Casting der Hunde. Alle 69 Namen kann man nachlesen. Mit den Hunden veranstaltete die Mannschaft viele Schlittenrennen, um sich in der Einsamkeit im Eis und die Zeit des Wartens zu vertreiben. Grill erzählt mit Spannung von einer wagemutigen Reise um Leben und Tod.