Jeder nur ein Kreuz! (das hat schon Monty Pyton gesagt)

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Peer Martin: Was kann einer schon tun? Oetinger 2017 € 8,99

Wenn Peer Martin der Frage nachgeht, wie die Welt zu retten sei, überstrahlen die Begegnungen zwischen Menschen, ihre sensiblen Gespräche voller Mimik und Gestik, die Spaziergänge entlang des Sankt Lorenz Stroms in Quebec, die düstere Faktenlage. Selbst seinem Hund Lola ringt der besorgte Familienvater Antworten ab, die er aus ihren Augen lesen kann. Schon das macht dieses schmale Büchlein überaus lesenswert. Peer Martin zaubert hier ein gefühlvolles Gegenstück zu unseren digitalen Kommunikationswelten und zeigt, wie sehr Menschen einander brauchen. Mit einem zerknitterten Zettel voller Fragen wendet er sich an die heranwachsende Generation, denn der Hass und die Angst auf dieser Welt, Kriege, Terror, und Flüchtlingsproblematik bereiten im schlaflose Nächte. Sein Gewissen drängt ihn zum Handeln. Nur wie und was kann man tun? Große gewichtigen Punkte wie Freiheit und Demokratie oder Glaube und Zeit erörtert er, verhalten auf die Antworten lauschend, immer auf Augenhöhe und mit beeindruckender Wertschätzung und Ehrlichkeit seiner Gesprächspartner gegenüber. Sie konfrontieren ihn dafür mit einem erstaunlich klaren und direkten Blick und schenken ihm sowohl Mut als auch Zuversicht. Natürlich regt all das neues Denken an. Für komplexe Sachverhalte findet Peer Martin starke Bilder und der leidenschaftliche, musikalisch in Raum und Zeit gut durchkomponierte Text ist obendrein ein kleines literarisches Kunstwerk. Zu guter Letzt musste die Leserin auch herzhaft Lachen. Lachen befreit aus der Erstarrung und Ängste rutschen in den Hintergrund. In diesem Sinne weiß Peer Martin, was man tun muss und läd ein, zum Handeln und Reden und das rettet die Welt schon ein Stück. Ein großartiger Text, der jedem, egal ob Groß oder Klein, zur Gutenachtlektüre empfohlen sei.

Grenzlandtage oder Das Glück der Wanderfalter

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Peer Martin, Antonia Michaelis: Grenzlandtage, Oetinger Tb 2016 € 13,99

Zwei Wochen ungestört für das Abitur lernen, dabei ein wenig Liebes-Abenteuer und Entdeckungsreise, denkt sich Jule, als sie, mit der Fähre von Kreta kommend, den Boden der kleinen griechischen Insel betritt. Kontaktfreudig und neugierig erkundet sie ihre Umgebung, sammelt Kronkorken, Muscheln und Steine, die sie mit Silberdraht zu kunstvollem Schmuck verarbeitet. Bei ihren Erkundungen entdeckt sie Asman, einen 22-jährigen Palästinenser aus Syrien, der sich für eine Gruppe illegaler Flüchtlinge, 32 von 104, verantwortlich fühlt, mit der er nach dem Untergang des Flüchtlingsbootes hier in Griechenland und nicht in Italien, gestrandet ist. Die Klänge seiner Oud verzaubern Jule. Seine Hand braucht dringend medizinische Hilfe. Was ist zu tun? Was kann man tun? Welcher Weg ist der Richtige? So genau denkt Jule darüber gar nicht nach. Sie ist mit ihrem Herzen bei der Sache und will einfach nur helfen. Der fortscheitenden Entzündung von Asmans Wunde kann sie Einhalt gebieten, der fortschreitenden Verliebtheit weniger. In der Gruppe, die im Hintergrund möglichst sparsam inzeniert wird, kommt neues Leben auf dramatische Weise auf die Welt. Nicht weniger dramatisch wohl, wie der Akt der Empfängis, eine Vergewaltigung, die Asmans 16-jährige Schwester erfuhr. Und als am Ende alles und alle ans Licht kommen, der Leser dabei erleichtert denken könnte: Nun muss doch alles gut werden, wird gar nichts gut, sondern alles noch viel schlimmer. Flüchtlingsgeschichten ähneln sich in ihren Zutaten: der Hoffnung auf eine lebendige Zukunft, dem Ertragen unmenschlichster Situationen und großem Leid, das Erleben von Hass und Gewalt und der Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit, der Schönheit auf dieser Welt. Der unerschütterliche Glaube, dass jedem Menschen ein solches Plätzchen zustehen sollte treibt sie voran. Martin und Michaelis inszenieren überschaubar und emotional süffisant. Sie zentrieren den Blick des Lesers auf Jule, die aus europäischer Geborgenheit kommend, zwischen Naivität und Unwissenheit, Neugier und Spontanität aktioniert und dabei das eigene Leben aufs Spiel setzt. Ihr Gegengewicht ist Asman, dessen Leben sich schon lange am Rande des Abgrundes bewegt, der obendrein noch versucht, für Andere zu sorgen und nicht einmal weiß, wie er sich selber helfen kann. Schlüssig und wohlwollend träumerisch, wenn man über die Liebe und das Ende denkt, ist diese Geschichte zwischen Syrien und Europa packend gestaltet und findet nach aller Dramatik um Leben und Tod, vorerst, einen Ausblick in eine gemeinsame Zukunft.

Ohne Ticket Zug fahren: Interview mit Dirk Reinhardt über TrainKids

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Wir trafen Dirk Reinhardt auf der Buchmesse in Frankfurt.

Bücherfresser: Wie sind sie auf die Idee gekommen das Buch zu schreiben? Dirk Reinhardt: Über eine Reportage in der Zeitschrift GEO, dort hatte ein Reporter aus den USA einen Jungen, er hies Enrike, ein Stück begleietet und ein paar Fotos gemacht.
Bf: Wie haben Sie ihre Informationen bekommen? DR: Ich war selber in Mexiko und habe dort viele Leute befragt und auch im Internet recherchiert.
Bf: Das heißt, Sie kennen ein Trainkid persönlich? DR: Ja ich habe viele Trainkids persönlich kennen gelernt.

Unaufhaltsam

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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2017, Bilderbuch

Francesca Sanna: Die Flucht, Nord-Süd Verlag 2016 € 17,99

Eine Szenerie wie aus Urlaubstagen. Die Familie am Meer. Ihr Land besteht aus Zuckerbäckerbauten, die unbeschwert sommerliche Schatten werfen. Sie sind auf Sand gebaut. Am Saum eines gemütlich schwappenden Meeres. Im nächsten Bild greift es mit seinen schwarzen Klauen nach ihnen, droht alles zu verschlingen. Krieg. Francesca Sanna vermag es, komplizierte Worte und Sachverhalte in erstaunlich  klare, eindringliche Bilder umzusetzen. "Die Flucht" erzählt die Geschichte von vielen Fluchten, heißt es im Nachwort. Diese Flucht, erzählt aus  Sicht eines Kindes zunächst von einem großen Abenteuer, welches die Mutter und ihre zwei Kinder von einem Krisengebiet am  Meer in die europäischen Berge führt. Erst mit dem Auto, dem Fahrrad, am Ende zu Fuss. Das Fremde, die Angst wächst. Ihr Gepäck schrumpft. Schlepper bringen die Flüchtenden über die Grenze, ein Boot über das Wasser, der Zug in eine neue Heimat. In Sicherheit. Eine neue Geschichte kann beginnen. Einmal in Bewegung gesetzt, fließt alles von Seite zu Seite. Unaufhaltsam. Der Raum und die Zeit. Die Tränen und das schützende, wallende Haar der Mutter. Zartblättrige Details vereinen sich mit dem Dunkel und seinen übermächtigen Figuren, die sich daraus hervorschälen. Wächter und Helfer. Das Ungewisse. Und am Ende sieht man die Zugvögel über dem lindgrünen Meer. Für sie gibt es keine Grenzkontrollen. Sie sind frei. Die Flüchtigen haben sich darunter gemischt. Kaum fallen sie auf. In diesem bunten Haufen Verschiedener sind sie gleich. Ein hoffnungsvolles Buch, für das sich, je länger man schaut, mehr und mehr Worte finden lassen, Gefühle und Gedanken. Und unter den Gedanken vor allem derjenige, wie es sich anfühlen würde, selbst in dieser Lage zu sein. Francesca Sanna, eine Italienerin in der Schweiz, ist für diese Arbeit mit der Goldmedaillle der Society of Illustrators New York ausgezeichnet worden.

Brandaktuell

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Deutschen Jugendliteraturpreis der Jugendjury 2016

Peer Martin, Sommer unter schwarzen Flügeln, Oetinger 2015, € 19,95

Die Zahl der Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland hat sich in den letzten fünf Jahren geschätzt verfünfzigfacht. Im syrischen Bürgerkrieg starben in den letzten zwei Jahren über 470.000 Menschen (Die Zeit, 11.02.2016). In Sommer unter schwarzen Flügeln bringt die Syrerin Nuri dem Neonazi Calvin ihre Erfahrungen während der Anfänge des Arabischen Frühlings, die verschiedenen politischen Gruppierungen, das Leid der syrischen Bevölkerung und die Geschichte ihrer Flucht nach Deutschland näher, während Calvin mit seiner Gang einen Anschlag auf das Flüchtlingsheim plant. Nuri erzählt märchenhaft und poetisch, Calvin drastisch und ungeschliffen. Verbindend sind Erfahrungen mit Gruppenzugehörigkeit, Ausgrenzung und Gewalt, die sowohl Nuri als auch Calvin zu vielschichtigen Charakteren reifen lassen. Mit den Protagonisten gewinnt der Leser Verständnis für beide Perspektiven. So wird er mehr und mehr von der Geschichte in den Bann gezogen und von ihrer Tragik berührt. Dieses beeindruckend ehrliche und mit viel Herzblut geschriebene Buch basiert auf gut recherchierten Fakten. Jedes Kapitel wird mit einem provokanten Zitat eröffnet und mit Anregungen zur weiterführenden Internetsuche abgeschlossen, wodurch das Buch über sich selbst hinausweist und zur Reflexion über die aktuelle politische Lage anregt. (Jurybegründung)

In Syrien

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Peer Martin: Winter so weit (ebook), Oetinger Verlag 2016 € 12,99

Die schwierige Liebesgeschichte zwischen dem syrischem Mädchen Nuri und dem Ex-Neonazi Calvin geht in Winter so weit weiter: Calvin ist für die Zeitung tot, doch in echt lebt er. Er ist Teil des Zeugenschutzprogrammes. Er glaubt auch Nuri wäre gestorben und sie glaubt das Gleiche von ihm. Nuri lebt in Berlin und weiß nichts von Calvin. Calvin versucht, ihren letzten Wunsch zu erfüllen. Der lautet: "Hol Dschian raus". Damit meinte Nuri, er soll ihre beste Freundin Dschian aus Syrien holen und sie nach Deutschland bringen. Da Calvin gerne Nuris (wie er glaubt) letzten Wunsch erfüllen möchte, fährt er mit ihrem Bruder Kamal nach Syrien. Jenseits der Grenze erwartet ihn Zerstörung und Demütigung. Während dessen hilft Nuri in einer Deutschlern-Gruppe und hat mit anderen neuen rechtsextemen Problemen zu kämpfen. Calvin kämpft sich vor, trennt sich unterdessen von Kamal und muss auf eigene Faust durchkommen. Bei Nuri in Berlin spitzt sich die Lage weiter zu: Immer mehr Angriffe auf Asylanten durch Neonazis, viel Arbeit mit der Lerngruppe und ein Theaterstück, dass eingeübt werden muss. Mit dem Buch Winter so weit gelingt Peer Martin eine ausgesprochen gute Fortsetzung von Sommer unter Schwarzen Flügeln. Mir hat das Buch gut gefallen, weil es immer sehr unvorhersehbar ist.

Ich weiß, ich habe eine Zukunft hier

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Julya Rabinowich: Dazwischen: Ich, Hanser Verlag 2016 € 15,-

Handlung: Die 15-jährige Madina wohnt zusammen mit ihrem Vater, ihrer Mutter, ihrer Tante Amina und ihrem kleinen Bruder Rami in einem Flüchtlingsheim. Sie geht zur Schule, strengt sich an Deutsch zu lernen, hat schon eine beste Freundin und tut alles um sich in das neue Land einzuleben und die Schrecken der Vergangenheit zu vergessen. Seit mehr als einem Jahr warten sie schon auf die Erlaubnis hierzubleiben, anzukommen und eine neue Heimat zu finden…
Meinung: Madina ist das älteste Kind ihrer Familie. Zusammen leben sie in dem engen Zimmer im Flüchtlingsheim, wo noch andere Familien wohnen, die das Gleiche erlebt haben wie sie: den Krieg. Madinas Vater bestimmt alles in der Familie, er ist streng und verbietet seiner Tochter fiel. Madina will Freiheit, Selbstbestimmung und doch nur die gleichen Dinge dürfen, wie alle anderen Kinder in der Schule. Aber sie sind nicht wie die anderen. Ihre Eltern haben Angst, noch immer. Aber Madina ist angekommen, sie will leben, hier und jetzt. Julya Rabinowich erzählt von Charakteren, die zuviel ertragen mussten. Mit der einen Hälfte ist Madina hier, in dem Land, welches ihr Sicherheit gewährt, mit der anderen Hälfte ist sie noch in ihrer Heimat, wo die Angst und der Tod zum Alltag gehören.
"Ich werde nie sein wie die. Selbst wenn ich die tollste Ausrüstung hätte und ein schönes eigenes Zimmer und täglich zum Friseur liefe. Meine Angst wäre noch da." aus Rabinowich, Dazwischen: Ich
In der Schule ist Madina eine Außenseiterin, aber sie hat ja noch Laura, ihre beste Freundin. Mit Laura vergeht die Zeit viel schneller – und viel glücklicher. Bei Laura gibt es kein endloses Warten auf den Bescheid, keine abwesende Tante, keine Angst, keine Sorgen. Rabinowich schreibt aus Madinas Sicht, leicht und einfühlsam. Es ist kein spannendes Buch, und das soll es auch nicht sein. Es erzählt und es bringt Verständnis. Rabinowich findet genau die richtigen Worte für die Gefühle von Madina.
Fazit: Ein schönes Buch, indem man noch einiges über die Gefühle von Menschen lernen kann, die das erlebt haben, was Madina und ihre Familie durchmachen musste. Leider plätschert es etwas vor sich hin und kann einen trotz schönem Schreibstil nicht fesseln. Moana, 15 Jahre

Aufbruch zu neuen Ufern

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Mehrnousch Zaeri-Esfahani, 33 Bogen und ein Teehaus, Peter Hammer Verlag 2016 € 14,90

Vater Rhein bekam seinen Namen vom gemütlichen „rinnen“. Flüsse fließen und strömen allerorten auf der Erde. Wasser verbindet. Wasser ist in ständiger Bewegung. Wasser heißt Leben. Mehrnousch Zaeri-Esfahni formt mit ihren gewässerbezogenen, geografischen Einleitungen aller Kapitel den umfassenden Ton, das allgemeingültige Bild ihrer persönlichen Fluchtgeschichte. Mitte der 80er Jahre kam sie vom Iran mit Zwischenstopp in der Türkei über die DDR in die Bundesrepublik. Der Zayandeh Rud, der „Leben spendende Fluss“ tost im Iran die Berge hinab, um in der Ebene die stolze Stadt Isfahan zu durchqueren. Die Mauer ungeachtet verbindet die Spree Ost- und West-Berlin. Der Neckar ist ein „Wilder Geselle“ in romantisch, gewundenem Bachbett. Heidelberg wird die Endstation einer jahrelangen Flucht. Hier machte die Autorin 1994 ihr Abitur.

Von Saigon nach Herford

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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2017, Jugendbuch

Que Du Luu, Im Jahr des Affen, Königskinder Verlag 2016, €16,99

„Die Leute starrten mich auf der Straße an und die Kinder beschimpften mich. Ich verstand nicht, was sie sagten. Ich verstand nicht, wieso sie das taten. Sie kannten mich nicht und trotzdem sah ich den Hass in ihren Augen.“ Zitat: Que Du Luu, Im Jahr der Affen

„Hast du schon gekochten Reis gegessen?“ So lautet die seltsame Begrüßung von Vater zu Tochter. Nein, aber Kartoffeln, sagt Mini. Seit 12 Jahren heißt ihre Heimat nicht Saigon sondern Herford. „Boatpeople“ gelangten schon vor 30 Jahren nach Deutschland. So erreichte auch die autobiografisch erzählende Autorin Que Du Luu, geboren 1973 in Saigon (Cholon) Südvietnam, an der Hand ihres Vaters nach einjähriger Flucht am Ende des Vietnamkrieges 1976 ein Flüchtlingslager bei Bielfeld.

Sprachlich elegant und offen

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Sprachlich elegant und offen

Abbas Khider: Ohrfeige, Hanser Verlag 2016 € 19,90

Sprachlich elegant, gleichzeitig sehr offen und direkt erzählend, ist dieser Roman von Abbas Khider eine fantastische Möglichkeit, Einsicht in die Lebenssituation von Asylanten zu bekommen. Der Leser begleitet Karim, einen jungen Mann aus dem Irak, im Jahr 2001 bei seiner Flucht nach Westeuropa. Versehentlich eigentlich gelangt er nach Deutschland und erzählt von den 3 1/2 Jahren seines Lebens in Asylantenunterkünften, später in einer winzigen Wohnung. Das Warten auf Bescheide und erzwungene Untätigkeit bestimmen die Tage. Das Miteinander der Asylanten, Kontakte zu Behörden und Bevölkerung, Sehnsucht nach der Familie, das Gefühl der Hilflosigkeit und Einsamkeit - über all dies teilt Karim sich mit und lässt den Leser teilhaben.

 

Fesselnd und poetisch

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Fesselnd und poetisch

Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut, Hanser Verlag 2016 €18,90

Yiza, ein kleines Mädchen, ist allein in einem fremden Land mit ihr fremder Sprache. Es gibt Menschen, die ihr helfen, auch die Polizei hilft ihr und bringt sie in ein Heim. Dort trifft sie auf zwei Jungen, Schamhan und Arian, die sie auf ihre Flucht mitnehmen. Sie sorgen für das Mädchen und sich selbst, so gut es geht: im Freien lebend, in Hütten Schutz suchend, Nahrung und Decken stehlend. Von der Fürsorge der Kinder untereinander, ihrem Überlebensinstinkt, ihrer Lebenslage, die alles andere als kindlich ist, schreibt Michael Köhlmeier gleichzeitig so fesselnd und poetisch, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte.

 

Die Heimat im Herzen

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Deutscher Jugendliteraturpreis Kinderbuch 2013

Frank Cottrace Boyce, Der unvergessene Mantel, Carlsen Tb 2016 € 6,99

Das Buch bringt eine schöne Atmosphäre rüber, was vor allem durch die Fotos im Buch gestärkt wird. Das Ende überrascht einen ziemlich und es bringt sowohl Trauer als auch Freude zum Vorschein. Obwohl es nur wenig Seiten hat, erzählt es in einfacher und manchmal dennoch sehr detaillierten Sprache die Freundschaft zwischen den dreien. Julies Faszination von den Erzählungen Dschingis aus der Mongolei, kann man gut nachvollziehen, da sie nie von daheim weggekommen ist und immer schon in der gleichen Stadt mit denselben, gleichen Menschen lebte. Die Brüchigkeit und gleichzeitig Hartnäckigkeit von Erinnerungen ist faszinierend.

 

Wohliger Sprachteppich Heimat

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Irena Kobald, Freya Blackwood, Zuhause kann überall sein, Knesebeck Verlag 2015 € 12,95

Sprache ist mehr als nur ein Werkzeug der Verständigung. Sprache bildet einen wohligen Teppich, in den man sich einkuscheln kann und sich zuhause fühlt. Dieses Bilderbuch bietet einen Anlass für Fragen und Gespräche zum Umgang mit Flüchtlingen oder Fremden und ihren und unseren Gefühlen. Das Fremdsein wird mit zarter, aber auch eindringlicher Empfindsamkeit thematisiert. Es motiviert zum Helfen und zeigt, dass Kinder mit Neuem erstaunlich selbstverständlich umgehen können.

 

Berührend aktuell

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Rose Lagercrantz, Das Weihnachtskind, Moritz Verlag 2015 € 13,95

 
Ja klar, so muss es gewesen sein! An Weihnachen vor 2000 Jahren. Die Worte, die Rose Lagercrantz für ihre Weihnachtsgeschichte findet, sind von vollendeter Poesie und atemraubender Bodenhaftung. Kindlich klar ist ihre Logik, wenn sie der Frage nachgeht, warum wir heute noch jedes Jahr Weihnachten feiern. Das Wesentliche wie erschreckend alltägliche, aktuelle unseres Daseins im Blick wechselt der Text von ehrlichen, auch tröstlich schützenden Aspekten zu Worten, die zum Fragen und Denken auffordern. Auch dies war schon eine Flüchtlingsgeschichte, das wird hier wieder bewusst. Die Menschen haben eben nicht hören wollen, wenn es um das 6. Gebot ging. Welcher Religion man dabei angehört, spielt überhaupt keine Rolle. Jutta Bauers Illustrationen führen in aller Sparsamkeit ihres warmen Striches die Gedanken zum Text weiter. Sie fängt die Emotionen aller Beteiligten an dieser fernen Begebenheit ein. Mit verzückter Neugier halten die heiligen drei Könige das Kind, das Joseph später, männlich emanzipiert,  im Tragetuch über die sanften Wüstenhügel trägt. Dieses Buch ist zum Verlieben und so aktuell, dass man es wieder und wieder das ganze Jahr über lesen könnte.

Schau auf die Welt

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Schau auf die Welt

Jenny Erpenbeck, Gehen, ging, gegangen, Knaus Verlag 2015, € 19,99

Vielschichtiger Roman, der die aktuelle Situation afrikanischer Flüchtlinge in Deutschland in Beziehung zur Gesetzgebung, klassischer Literatur und Deutscher Geschichte setzt. Erpenbeck schreibt über Weltanschauung, im buchstäblichen Sinne nimmt sie den Leser mit, die Welt anzuschauen. Wohltuend und mit Genuss, trotz brennenden Themen, die nach der Lektüre weniger lodern, denn man scheint sich näher gekommen. 

Lieblingsbuch

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von der Jugendjury nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2016

Dirk Reinhardt, Trainkids, Gerstenberg 2015, € 14,95

Von 100 Leuten, die den Fluss überqueren, packen es gerade mal 10 durch Chiapas, 3 bis zur Grenze im Norden und einer schafft’s rüber.

Der Weg führt meist über Züge durch Mexiko. Der Weg, der fünf Jugendlich und viele andere Flüchtlinge in die USA führt. Miguel sucht in den Vereinigten Staaten seine Mutter und schließt sich für die gefährliche Flucht mit vier anderen Kindern zusammen. Ich fand das Buch cool, weil es spannend erzählt und etwas Neues war. 

Für behutsame Gespräche mit Kindern

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Claude K. Dubois, Akim rennt, Moritz Verlag 2013 € 12,95

Akim spielt mit anderen Kindern am Wasser als seine Kindheit durch einen Luftangriff ein jähes Ende findet. Akim rennt. Akim weint. Akim verliert seine Familie und wird von Soldaten gefangen genommen. Die weit aufgerissenen Kinderaugen sehen Menschen mit Waffen, Menschen in Verzweiflung und natürlich den Tod. Wieder rennt Akim weg. Akims Leben ist die Flucht. Er ist allein. Am Ende wird er von einer Hilfsorganisation aufgegriffen und bekommt Hilfe. Man findet seine Mutter wieder. Ein kleiner Lichtblick in einer Geschichte, die Kinder nicht erleben sollten und doch viel zu oft erleben müssen. Weltweit befinden sich derzeit 44 Millionen Menschen auf der Flucht. Die Hälfte davon sind Kinder.

Sollten nicht wenigstens wir unsere Kinder so lange wie möglich vor diesen Bildern und Geschichten schützen?

Kinder sind neugierige Zeitgenossen und unsere Zeitungen sind voller Fotos aus Kriegs- und Krisenregionen.

Alles drin!

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Anja Tuckermann, Alle da! Klett Kinderbuch € 13,95

Wenn viele zusammen etwas tun, macht es allen oft viel mehr Spaß. Zitat: Tuckermann, Alle da

Das neue Buch Alle da! beschäftigt sich mit unserem multikulturellem Leben. Wo kommen die alle überhaupt her und warum haben sie sich auf den Weg nach Deutschland gemacht? Sind sie wirklich so anders als wir? Das Buch erzählt Geschichten von 22 Kinder aus 22 Nationen. Es beginnt mit vielen Gemeinsamkeiten: Essen und trinken, schlafen, reden, sich verlieben oder streiten. Das tun alle Menschen. Das Guten Morgen im Stuhlkreis jedoch, klingt bei allen Kindern verschieden. Doch sie verstehen sich auch ohne gemeinsame Sprache. Heute sprechen viele Kinder mehr als nur ihre Muttersprache. An manchen Familientischen hat jedes Familienmitglied sogar seine eigene Sprache und Kinder denken wie selbstverständlich: Das ist eben so - und lernen es. Vorurteile entstehen dort, wo man andere Gewohnheiten nicht kennt und missversteht. Wenn man zusammen spielt versteht man sich am besten. Der Text und die Bilder sind so wuselig und bunt wie das Leben. Sie demonstrieren, welche Vielfalt uns die Multikulturalität eröffnen kann.

In den goldenen Westen

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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis Jugendbuch 2014

Dorit Linke, Jenseits der blauen Grenze, Magellan 2015 € 16,95

Hanna und Andreas sind zwei Jugendliche, die in der DDR erwachsen werden. Die Zukunft wurde ihnen wegen kritischen Äußerungen verbaut und bald ist klar: Sie wollen weg. Ihre einzige Chance ist die Flucht übers Meer. Im August 1989 schwimmen sie in Warnemünde los, ihr Ziel ist Fehmarn. Sie haben 50 Kilometer Schwimmen vor sich, 24 Stunden auf offener See. Das Gefühl, rund um die Uhr auf dem Meer zu sein, beschreibt Dorit Linke so authentisch, dass man meint, man schlucke selbst im nächsten Moment Salzwasser. Risiken, Anstrengungen und Emotionen während des Schwimmens erlebt man so hautnah mit. Die Nerven sowie Kräfte zehrende Reise wird unterbrochen von Hannas Gedanken.Die Erinnerungen an verschiedene Momente ihres Lebens bilden ein breit gefächertes Bild des Alltags eines ganz normalen Jugendlichen in der DDR.Das Buch hebt sich von anderen DDR-Büchern sehr ab, denn es will den Lesern nicht unbedingt historische Hintergründe nahe bringen, sondern erzählt einfach die Geschichte zweier Schicksale, die sehr natürlich und dadurch berührend und beeindruckend ist.

Neues Leben in Bayern

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Rena Dumont, Paradiessucher, Hanser Verlag € 14,90

Deutschland 1986: Lenka ist 17 Jahre alt und lebt in Tschechien, also im Osten. Ihr größter Traum ist es Schauspielerin zu werden, doch sie wurde nicht zugelassen, obwohl sie im Test alles richtig hatte. Wegen solcher Ungerechtigkeiten will Lenka in den Westen, wo alles besser und nicht so ungerecht ist. So sagen es zumindest alle. Und so kam es, dass eines Tages eine Einladung (Visum) vom Westen kam und Lenka mit ihrer Mutter ein neues Leben begann. Doch plötzlich schien ihr diese Welt auch nicht Recht ohne ihren zurückgelassenen Freunden und Familie. Dieses Buch hat mir sehr gut gefallen, da die Geschichte sehr lebendig und offen geschrieben ist und es zeigt sich, dass Zuhause dort ist, wo man mit seinen Freunden wohnt, egal an welchem Ort man lebt. Hauptsache man lebt mit Freunden und Familie und ist nicht alleine. Sara, 13 Jahre