Reise ins Erdinnere

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Andreas Pflitsch, Dirk Steinhöfel: Irgendwo brennt ein Feuer im Eis, Arena Verlag 2017 €19,99

Der zweite Urlaub bei Urgroßvater Elias, einem Höhlenforscher, beginnt mit einer Schnitzeljagd und verspricht Abenteuer und eine erkenntnisreiche Reise ins Erdinnere. Dieses Mal ergründen Jonas und Sophie den Vulkanismus in Alaska und die alten Gold- und Kupferminen. Dinge, die immer da zu sein scheinen und sich, sehr langsam, doch wandeln. Das unkonventioll gemachte Sachbuch ist Tage- und Wissensbuch zugleich, bei dem Dirk Steinhöfel digitales  Bildmaterial und Fotos für das Entdeckerauge auf verschiedenen Ebenen collagagiert. Das Sachwissen kommt von Andreas Pflitsch, der in der Lava- und Eishöhlenforschung arbeitet.  Tackerklammern, Knöpfe und Schüre halten die Puzzelstücke zusammen, die nach und nach in Raum und Zeit ein Ganzes ergeben. Zum Greifen nah kommen dabei nicht nur der Schnee und die verschiedenen, sich bei Hitze bildenden Gesteine und Erze, die ein Vulkan dann aus den Tiefen an die Erdoberfläche schleudert, auch für die Plattenbewegungen am Meeresgrund und Faltprozesse an der Erdoberfläche finden die Autoren gut nachvollziehbare Beispiele. Ein Buch zum Vor- und Selberlesen, zum Beobachten und Entdecken, vielleicht gleich hinter der eigenen Haustür, denn vulkanische Überreste gibt es überall auf der Welt.

Jeder nur ein Kreuz! (das hat schon Monty Pyton gesagt)

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Peer Martin: Was kann einer schon tun? Oetinger 2017 € 8,99

Wenn Peer Martin der Frage nachgeht, wie die Welt zu retten sei, überstrahlen die Begegnungen zwischen Menschen, ihre sensiblen Gespräche voller Mimik und Gestik, die Spaziergänge entlang des Sankt Lorenz Stroms in Quebec, die düstere Faktenlage. Selbst seinem Hund Lola ringt der besorgte Familienvater Antworten ab, die er aus ihren Augen lesen kann. Schon das macht dieses schmale Büchlein überaus lesenswert. Peer Martin zaubert hier ein gefühlvolles Gegenstück zu unseren digitalen Kommunikationswelten und zeigt, wie sehr Menschen einander brauchen. Mit einem zerknitterten Zettel voller Fragen wendet er sich an die heranwachsende Generation, denn der Hass und die Angst auf dieser Welt, Kriege, Terror, und Flüchtlingsproblematik bereiten im schlaflose Nächte. Sein Gewissen drängt ihn zum Handeln. Nur wie und was kann man tun? Große gewichtigen Punkte wie Freiheit und Demokratie oder Glaube und Zeit erörtert er, verhalten auf die Antworten lauschend, immer auf Augenhöhe und mit beeindruckender Wertschätzung und Ehrlichkeit seiner Gesprächspartner gegenüber. Sie konfrontieren ihn dafür mit einem erstaunlich klaren und direkten Blick und schenken ihm sowohl Mut als auch Zuversicht. Natürlich regt all das neues Denken an. Für komplexe Sachverhalte findet Peer Martin starke Bilder und der leidenschaftliche, musikalisch in Raum und Zeit gut durchkomponierte Text ist obendrein ein kleines literarisches Kunstwerk. Zu guter Letzt musste die Leserin auch herzhaft Lachen. Lachen befreit aus der Erstarrung und Ängste rutschen in den Hintergrund. In diesem Sinne weiß Peer Martin, was man tun muss und läd ein, zum Handeln und Reden und das rettet die Welt schon ein Stück. Ein großartiger Text, der jedem, egal ob Groß oder Klein, zur Gutenachtlektüre empfohlen sei.

Revolutionäre Reise in die Vergangenheit

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Alexandra Litwina: In einem alten Haus in Moskau, Gerstenberg 2017 € 24,95

Möbel, Spielzeug, Alltagsgegenstände. Bewohner, Untermieter, Haustiere. Generationen residieren unter einem Dach, in einer Wohnung in Moskau, ein Jahrhundert lang. Anschaulich, familiär, hautnah und einfach herausragend wird Geschichte im Großen wie Kleinen erzählt. So gehen die Autorinnen auf familiäre Spurensuche und sprechen dabei gewagt und unverblümt über russisches Alltagsleben. Erzählerisches aus Kindermund wie Sachinformationen wechseln beständig ab und machen auch die große Geschichte im Hindergrund sichtbar. Eine Reise vom Ganzen ins Detail oder vom Detail zum großen Ganzen. Das Buch ist in jeder Hinsicht eine wunderbare Entdeckung.

Beschäftigung für Gipfelstürmer

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Piotr Karski: Berge, Moritz Verlag 2017 € 18,00

Berge bieten Lebens- und Erholungsraum, Naturerlebnis, alpine Kulturlandschaft, sie sind sensibles Ökotop und Sportarena für Waghalsige. Dieser Prachtband führt mit gestalterischer Raffinesse in allen Aspekten hoch hinaus und läd dabei auf jeder Seite seine Leser zum Mitmachen und Selbstgestalten ein. Die Buchhändlerin und Bergführerin ist hochbeglückt über so viel kreative Praxistauglichkeit und hat sich gleich mit viel Elan ihre eigene Hütte gebaut. (siehe Foto) Auch dem Murmeltier kann man sein Heim zeichnen oder die Gämse, welche Schnee- und Kletterschuhe unter ihren Hufen trägt, über Stock und Stein springen lassen. Was braucht ein Kletterer für Material, wenn er tagelang eine große Wand erkundet und wie sieht das Rad des Mountainbikers aus? Wie führt der beste Wanderweg durch ein Naturschutzgebiet, wie liest man eine Karte, was sind Höhenlinien und wie ist das mit dem Maßstab? Sollten die Aktionisten unterwegs hungrig werden,  können sie sich auch ihren Reiseproviant selber machen oder bei der Herstellung von Emmentaler zuschauen. In diesem Buch fehlt nichts. Berg heil! Bitte kaufen, loslegen und die Welt entdecken!

Die Leichtigkeit des Seins

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Clémentine Beauvais: Die Königinnen der Würstchen, Carlsen Verlag 2017 €16,99

Man stelle sich drei füllig Grazien auf der Landstraße vor, die in einer Facbookumfrage zu Hässlichkeitsköniginnen ihrer Schule gewählt wurden, dazu drei nicht passende Räder samt Anhänger für Würstchenverkauf und einen unschlagbaren Plan. Beauvais schickt alles auf eine Reise nach Paris, würzt mit Witz, Schlagfertigkeit, ja Klugheit und einer Reihe interessanter menschlicher Begegnungen. So macht sie aus typischen Mobbingopfern charismatische Mädchen voller Elan, welche die Herzen der LeserInnen im Sturm erobern. Beauvais entfesselt sie von Anbeginn rasant. Die schmerzlichen Tränen der gefühlsbetonten „Goldwurst“ Astrid versiegen schnell, die kleine, schlaue „Silberwurst“ Hakima, wird ins Boot geholt. Die zynische Mireille, jetzige „Bronzewurst“ und Rekordhalterin des Titels, arbeitet die Radl-Route nach Paris aus, denn jede hat einen Grund am Nationalfeiertag im Élyséepalast zu sein. Räder und Anhänger werden gefunden und aufgemöbelt, Hakimas Bruder, ein junger Kriegsveteran im Rollstuhl, wird die Truppe begleiten und fährt voran. Wie er im Laufe der Reise seinen Lebensmut wieder zurückerobern wird, ist eine weitere, zarte Nebengeschichte. In Cluny werden die 3 Würste schon erwartet. Ob man sie dazu überreden kann, in schönen Kleidern dem Abschlussball der Universität beizuwohnen? In einem abgelegenen Schloss erfahren sie von einem Schwesternschicksal und einer Liebesgeschichte ohne Toleranz. Ihr ungewöhnliches Treiben erregt immer mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit und so bekommen sie am Ende sogar vier Einladungkarten für die Feier in Paris. Doch hier kommt nun endlich einiges anders als geplant. Ein rundum gelungenes, amüsantes Jugendbuch, das uns in überbordender Kreativität den Umgang mit engstirnigen, ausgrenzenden, verletzenden Meinungen lehrt.

Problembewältigung der etwas anderen Art

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Carlie Sorosiak, If birds fly back, Arena 2017 €17,00

Drei ungewöhnliche Menschen mit noch ungewöhnlicheren Themen treffen in dieser Geschichte aufeinander: Linny sammelt Geschichten von verschwundenen Menschen, seit ihre ältere Schwester Grace vo zuhause verschwunden ist. Sebastian erklärt sich die Welt mithilfe physikalischer Gegebenheiten, doch als er mehr durch Zufall erfährt, dass sein Vater ein berühmter Schriftsteller ist, wird es kompliziert. Er reist spontan nach Miamai und sucht Alvarro Herrero im Altersheim. Dort trifft er auf Linny, deren Interesse an dem Schriftsteller ganz woanders liegt, denn er galt seit 3 Jahren als verschwunden. Besagter Schriftsteller hat jedoch ganz andere Probleme, da er an Alzheimer leidet und dies vor der Öffentlichkeit verbergen will. Eine komplizierte, an manchen Stellen auch etwas konstruirt wirkende Geschichte, die aber dennoch duch witzige und z.T. rührselige Situationen besticht, und in der alles beinahe aus dem Ruder läuft, weil weder Linny noch Sebastian so ganz mit der Wahrheit herausrücken wollen. Zum Mitfiebern, Mitlachen und Mitleiden bestens geeignet.

Wenn Väter aufs Ganze gehen

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Henning Callsen, Sabine Wilharm: Kein Problem, sagt Papa Eisbär, Hanser Verlag 2017 € 13.-

Das karierte Tirolerhütchen, um Nummern zu klein, hält nicht auf Papa Eisbärs Kopf. Wenn es mal aufliegt, dann "krausen" sich seine Gedanken darunter. Sie bringen seinen Eifer und seine Leidenschaft, für seine Familie sein Bestes zu geben zum Glühen. Dieses Vorlesebuch ist ein Glücksgriff! Nicht Pelle, Papa Eisbärs Sohn, steht im Zentrum dieser ersten Geschichte von „Pelle und Pinguine“, sondern der Vater selbst. Augenzwinkernd, und ohne den Kontakt zum kindlichen Zuhörer zu verlieren, wird erzählt, wie es auch Vätern gelingt, an ihren Aufgaben zu wachsen. Das überzeichnete, märchenhafte Rollenspiel lässt dabei schmunzeln. Über alle Maßen liebenswert, doch wenig weltgewandt kommt Papa Eisbär daher. Allein sein Brüllen ist stark und unwiderstehlich. Ebenso ist es sein Mut und seine Neugier. Mama Eisbär schickt ihn auf eine Reise über die Weltmeere, einen singenden Vogel für seinen kranken Sohn zu suchen. Emsig paddelnd, von Nord nach Süd und Süd nach Nord, gerät er von Anbeginn in ein aberwitzig rasantes, komisches und durch und duch bärenstarkes Abenteuer, das für kleine Zuhörer und große Vorleser etwas zu bieten hat. Sprachlich und erzählerisch eine Genussreise, bei der man unweigerlich den Atem anhalten muss, als Papa Eisbär endlich, im dritten Versuch, mit "Pinguine" dem Pinguinmädchen und ihrem kunterbunten Sammelsurium aus dem Müllstrudel des Pazifiks im Gepäck, in die Beringstraße auf den Höhepunkt einläuft. Die Luft entweicht erst in einem Stoßseufzer wieder, als er am Ende "wie ein nasser Wischmopp“ mit letzter Kraft in Mama Eisbärs Arme fallen darf. Die Gräte auf ihrem zierlichen, roten Melonenhut biegt sich dabei sacht im Wind. Hennig Callsen gelingt es, die klassische Geschichte über das kindliche Glück von Freundschaft und Elternliebe erfrischend anders zu erzählen. Sabine Willharm versteht es, den Text mit Wärme und Witz zu pointieren und die Szenerien tierischer Charaktere und Begegnungen mit zeichnerischer Fantasie menschlich zu befeuern, wie man es sich schöner nicht wünschen könnte. Katrin Rüger

 

 
 

Im Netz verliebt

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Fleur Ferris: Im Zweifel tue nichts, Beltz & Gelberg 2017 € 13,95

Sierra und Taylor sind 15 und beste Freundinnen. Auch wenn  ihre Mütter es nicht gerne sehen, sie lieben Chatrooms. Dort lernen sie Jakob Jones kennen, in den sich beide Hals über Kopf verlieben. Sierra ist die Schnellere. Sie macht ein Date mit ihm aus, von dem sie nicht wieder kommen wird. Das Unfassbare passiert und Taylor wird erst im Nachhinein bewusst, mit welchem Risiko sie spielten, wo sie doch glaubten, Nähe und Liebe im Netz zu finden. So gefährlich das Netz ist, so heilsam kann es auch sein. Als Digital Native wird Taylor nach dem Mord an ihrer Freundin eine Website für sie ins Leben rufen. Erinnerung und Warnung. Aufklärung für andere und Aufarbeitung für sie selbst und ihre Freunde. Ein Roman, der gekonnt rasanten Thrill  mit starken Emotionen verbindet und aufklärende Anteile wie nebenbei zu präsentieren vermag.

Toleranz und Teufelskreis

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Angie Thomas: The Hate U Give, cbt 2017 € 17,99

Sie kämpfen, obwohl sie wenig besitzen, für das es sich zu kämpfen lohnt. Sie geben nicht auf. Sie glauben. Sie schweigen nicht. Sie verlieren. Sie vergessen nicht. Das große "U" steht für "uns", erklärt der Vater seiner Tochter. Er hat sie Starr genannt, sein Lichtblick in der Dunkelheit. THUG (The Hate U Give) LIFE ( Little Infants Fuck Everybody) meint: was die Gesellschaft den Kindern antut, kriegt sie zurück, wenn diese raus ins Leben ziehen. Wie es dazu kommt, können die Leser in Angie Thomas Buch bis in jede Faser nachspüren. In amerikanischen Ghettos herrscht die Gewalt, Polizisten erniedrigen die Menschen und lassen Willkür walten. Arme und Unterdrücke bilden Gangs, um Stärke zu demonstrieren, Drogenmissbrauch und Drogenhandel lebt in schönstem Teufelskreis, Gefängnis und der jähe Tod junger Menschen durch Waffeneinsatz steht auf der Tagesordnung. Den Leser trifft diese pralle Lebenssituation mit voller emotionaler Wucht,erzählerisch wie sprachlich mit vielen, gekonnt ineinander verwobenen Details. Starr, die 16-jährigen Grenzgängerin, besucht ein College außerhalb des Ghettos, lebt aber mittendrin. Sie führt ein Doppelleben. Sie muss miterleben, wie ein Freund von einem Polizisten willkürlich erschossen wird. Als einzige Augenzeugin ringt sie mit Schweigen oder Aussage. Doch diese Geschichte ist nur eine unter vielen Lebensgeschichten, die hier erzählt werden. Rassismus und Hass werden von vielen Seiten differenziert beleuchtet. Liebe, Dankbarkeit und das enge Leben mit und für Menschen spielen auf der anderen Seite eine ebenso große, wichtige Rolle.  Black & White, Unite! Unite! sang schon Wolf Biermann. Leider hat das Thema in seiner Aktualität nichts eingebüßt.

Erzählerische Wundertüte

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Benjamin Tienti: Salon Salami. Einer ist immer besonders, Dressler 2017 € 12,99

Sich vorzustellen nur mit dem Papa und ohne Mama zu leben, ist für jedes Kind nicht auszudenken. In dem Buch wird dem Leser schnell klar, das Leben ist nicht immer "Friede, Freude, Eierkuchen". Das Buch ist wie eine Art Wundertüte. Man erfährt erst nach und nach, was passiert ist. Den Grund, warum die Mutter nicht da ist und wo sie ist erfährt man erst ganz am Schluss. Es ist kein schöner Grund. Und so macht sich Hanni mit der Frau vom Jugendamt, welche sie am Anfang bei einer ziemlich skurilen Aktion kennen gelernt hat, die hier nicht verraten werden soll, auf die Suche nach ihrer Mama. Mich hat das Buch so gerührt und mitgenommen, dass ich manchmal echt ein paar Tränen verzwicken musste. Ich fande es trotzdem ein total schönes Buch, weil halt nicht immer alles so ist, wie es in einer Bilderbuchfamilie sein sollte.

Zukunft Erde. Gespräch für Jung & Alt mit Harald Lesch und Klaus Kamphausen

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Wir werden unseren Kindern die Erde in einem denkbar kritischen Zustand hinterlassen: von Rohstoffen geplündert, seiner schützenden Hülle mehr und mehr beraubt, zugemüllt und halb verdurstend in klimatischer Extremsituation. Die Jugendlichen unseres Leseclubs interessierten sich vor allem für Wasser und Klima und diskutierten mit Harald Lesch und Klaus Kamphausen darüber, wie unsere Zukunft wird oder werden könnte. Hochsommerliche Temperaturen und ein bis auf den letzten Platz gefüllter Buchpalast sorgten für ein besonderes "transpiratives und inspiratives" Ambiente, wie Harlad Lesch diesen Abend im Gästebuch festhielt.

 

 

Kunsträuber gefunden!

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Thé Tjong Khing: Kunst mit Torte, Moritz Verlag 2017 € 13,95

Ein Kunsträuber und Tortendieb trieb im Buchpalast sein Unwesen! 31 Kinder versuchten ihm in einem Rätselrennen auf die Spur kommen. Die Rätselralley führte in das Buch "Kunst mit Torte" von Thé Tjong-Khing. Im Buchpalast konnte man dazu auch sein Skizzen und Ideen zu diesem Buch in einer Ausstellung bestaunen. Am 24. Juni wurden beimTortenschmaus die Sieger des Rätselrennens gekürt. Wir verlosten drei sigierte Bücher mit einer kleinen Originalzeichnung von Thé Tjong-Khing und freuten uns über alle Hobbykriminologen!

Dahoam: Zehn Zwergelgschichten für die Ohren

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Jakob Pischeltsrieder Zwegerlgschichten, Volk Verlag 2017 €13,90

Hinter dem Stadel des Bauernhofes beginnt gleich der Wald. Dort, wo sich zwischen Eichen und Fichten Fuchs und Has' Gute Nacht sagen, leben unter einer großen Buche in ihrem Zwergenhaus der Wichtel und der Burzel.  Diese kleinen Burschen sind ständig zu Schabernack aufgelegt und  haben es faustdick hinter den Ohren. Die zehn kleinen Geschichten in baierischer Mundart erzählen von ihren Besuchen bei den Marderbuben, dem Dachs, dem Fuchs und den Frischlingen, mit denen es sich mal so richtig "herumsauen" lässt. Auch mit dem Karpfen Loiserl machen die Lausbuben glückliche Bekanntschaft, denn als sich der Burzel eines Tages zu tief in den Weiher wagt ohne schwimmen zu können, wäre er beinahe ertrunken. Kaum haben sie sich vom Schrecken erholt, verstecken sie schon wieder Omas Eier im Hühnerstall, so wie an Ostern die Eier des Hasen. Eingebettet in einen Jahreslauf spielen die Episoden spitzbübisch mit Schalk und Abenteuer und verstehen es dem Zuhörer die Spielwiese des Waldes mit ihren Bewohnern als Bühne vor Augen zu führen. Schnell fühlt man sich daheim, kennt alle Wege zu tierischen Freunden und Orten im Wald und freut sich schon im voraus auf die heiße Tasse Kaba, mit der die Zwergenbrüder die Gaudi des Tages beschließen. Verspielt, naturverbunden und mit großem Herz punktgenau für die kindliche Seele erzählt, ist diese CD mit kleiner musikalischer Umrahmung ein Hörgenuss, egal wie mächtig man des baiersichen ist.

 

 

 

Zweieinigkeit

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von der Kritikerjury und der Jugendjury nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2017

Sarah Crossan: Eins, Mixtvision 2016 € 16,90

Sie sind der Hingucker. Oder der verschämte Weggucker. Die 16-jährigen siamesischen Zwillinge Tippi und Grace. Grace, die zurückhaltendere von beiden erzählt ihre Geschichte. Und sie macht es kurz. Wenige Worte auf einer Zeile, oft nur ein Wort. Und noch eins:
Aber
ich will
für mich selbst
sprechen.
So einfach ist das Einfachste gar nicht, wenn man sich, wie Grace, Teile seines Körpers mit seiner Schwester teilt. Bald teilt der Leser ihre Gedanken und erkundet das anderes Leben. Nicht voyeuristisch. Nicht angeekelt. Nicht sensationshascherisch.Einfach mitfühlend. Und in vielem alltäglich. Der Besuch einer Schule bringt Tippi und Grace die ersten Freunde. Die Arbeitslosigkeit des Vaters und sein Hang zum Alkohol birgt Familienstress. Die Schwesternliebe zueinander, aber auch zur dritten im Bunde, einer leidenschaftlichen Balletttänzerin, gibt Rückhalt und Selbstbewusstsein. Das erste Verliebtsein lässt träumen. Eine wirklich ernsthafte Wendung nimmt das Leben für Grace und Tippi erst, als die Ärzte, bedingt durch die Herzschwäche von Grace, empfehlen, die Mädchen zu trennen. Eine Auseinandersetzung mit Leben und Tod beginnt. Sarah Crossan erzählt vom Menschsein im Außergewöhnlichen. Selten habe ich so etwas bemerkenswertes gelesen.

Von Sturmgewalten und Sturmjägern

Carmack Stormheart

Von Sturmgewalten und Sturmjägern

Cora Carmack, Stormheart - Die Rebellin, Oetinger 2017 €19,99

Ich habe Stormheart - Die Rebellin  in einem Rutsch weggelesen, die Autorin hat mich in eine ferne Welt katapultiert, in deren Königreiche jede Menge Magie existiert, Sturmlinge gegen die Naturgewalten ankämpfen und Sturmjäger deren Herzen einfangen und damit Handel treiben. Was für eine Welt, in der ausgerechnet bei der Thronerbein Aurora aus dem Reich Pavan die Magie versagt. Sie lebt ein Leben in völliger Abgeschiedenheit, häuft sämtliches Wissen an und lernt Kämpfen wie eine Amazone.
Dann kommt der Tag, an dem der harte, aber sie zugleich verführerisch umwerbende Prinz Cassius aus dem Reich der Lock erscheint, um sich mit ihr zu verloben. Sie fürchtet, er würde sich von ihr abwenden, sobald er hinter ihr Geheimnis käme, dass sie null Magie besitzt, und das Reich an sich reißen. Darum und aus verletztem Stolz schließt sie sich inkognito einer Gruppe Sturmjäger an, die sie auf einem heimlichen Gang zu einem verbotenen Markt der Magie kennengelernt hat.

Lock, der als kleiner Junge Vollwaise wurde, seinen Namen nicht kennt, und von Duke zum Sturmjäger ausgebildet wurde, wird ihre Ausbildung übernehmen. Er sieht anfangs in ihr das hilflose Mädchen, dem er helfen muss. Doch sehr bald erkennt er, dass Roar, wie sie sich jetzt nennt, ihn nicht nur gefühlsmäßig verwirrt, sondern, dass sie sich jeder Herausforderung stellt. Zuletzt auch der, ihr Reich zu retten...

Für mich definitiv ein Highlight unter den aktuellen Fantasygeschichten.

Wasser ist Leben: Hüterin, Dienerin oder standhafte Erkennerin

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Emmi Itäranta: Memory of water, Harper Collins Tb E 10,99

Dir finnische Autorin Emmi Itäranta beeindruckt in ihrem Debüt Der Geschmack von Wasser (deutsche Ausgabe leider nicht mehr lieferbar) mit einer in literarischer Rafinesse geschriebenen Futurfictionvon von großer Strahlkraft, die in jeder Hinsicht zu denken gibt und ein Lesegenuss ist. Klangvoll poetisch zelebriert sie in einer dystopischen Welt das Trinken kostbaren Wassers, zu Tee verfeinert, in einer Familie von Teemeistern, dessen jüngste Nachfolge ein Mädchen antreten wird. Die 17-jährige Erzählerin Noria. In ihrer Welt ist Trinkwasser rationiert und selten frisch. Die Wasserwächter nehmen das Dorf in ihren diktatorischen Würgegriff, welcher die Menschen Stück für Stück zum Verdursten verurteilt. Die luxuriöse Teezeremonie im Hause des Teemeisters steht dabei im extremen Widerspruch zu alltäglichen Leben. Das Wissen um dem Besitz einer verbotenen Quelle, Vaters Geheimnis für köstlichen Tee, teilt er mit Nuria kurz vor ihrer Prüfung zur Teemeisterin. Mit der Last der Verantwortung ihrer Nutzung, wird Noria beginnen sich mit der Vergangenheit aus den Teebüchern alter Meister auseinander setzten und sich auf die Suche nach ihrer Haltung zwischen Tradition, Erneuerung und Hilfe zu machen. Wann, wie und ob man dabei Spuren des eigenen Seins hinterlassen will und kann wird dabei zu einer zentralen Frage dieses besonderen Coming-of-Age Romans.

Düsterer Zustandsbericht

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Lea-Lina Oppermann: Was wir dachten, was wir taten, Beltz&Gelberg 2017 € 12,95

Auch in der Schule, in der Klassengemeinschaft, scheint sich heutzutage die Welt nur um den Einzelnen zu drehen. Egoistisch und selbstgefällig, ohne rechten Blick auf die Anderen wurschtelt jeder sich durch. Wen wundert diese Erkenntnis im Handyzeitalter. Diese Gleichgültigkeit, gar Missachtung dem Anderen gegenüber führt ungewollt und ungeahnt zu tiefen Verletzungen. Das wiederum gipfelt im großangelegten Rachefeldzug des Einzelnen an der Gruppe. Dem Amoklauf. Manchmal würde man sich doch mehr Lebensfantasie wünschen. Wenigstens in der Literatur. Die Autorin, Lea-Lina Oppermann, 19 Jahre jung, beschreibt  diese Ausnahmesituation in der hermetisch abgeriegelten Welt des Klassenzimmer auf hohem Spannungsniveau aus drei Perspektiven. Zwei Durchschnittschüler Mark, Fiona und ihr junger Lehrer Herrn Filler erzählen. Wie in Zeitlupe spiegeln sie in gekonntem rhythmischen Wechsel jede Bewegung des Eindringlings und der Gruppe und sehen dabei immer sich selbst im Zentrum der Situation.  Allen voran der Lehrer, dessen knapper Altersvorsprung und  Ausbildung ihn keineswegs erhabener oder aktiver gemacht haben. Selbst als der Täter einen Stapel Briefe mit seinen Wünschen auf den Tisch legt, Forderungen in denen jeder mal gezwungen wird, andere Bloßzustellen, kommt keinem die Frage in den Sinn, was hier überhaupt gespielt wird. Viele Möglichkeiten des Eingreifens verstreichen. Stück für Stück erkennen die Erzähler erst jetzt, mit den gestellten Aufgaben, die Rolle Einzelner im Gesamtkontext der Gruppe und füllen ihre bisherige Nichtwahrnehmung mit defensiven Rechtfertigungen. Utopische Höhenflüge einer Jugend? Fehlanzeige. Bei diesem Text handelt es sich um einen erzählerisch versierten,  düstern Zustandsbericht des Seins, der nach Diskussion und Klassenlektüre ruft.