Ruhig und kraftvoll

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Colm Toibin: Nora Webster, Hanser 2016, € 26,00

Nach dem viel zu frühen Tod ihres Mannes muss Nora sich neu finden. Sie lebt in einer irischen Kleinstadt in den 60er Jahren, jeder kennt jeden und es gibt Regeln über Regeln, wie "man" sich zu verhalten habe. Nora ist eine unauffällige Rebellin und wird sich Stück für Stück aus der inneren und äußeren Enge befreien.Colm Toibin beschreibt ruhig und glaubwürdig Noras Leben, mit ihren zwei Söhnen zuhause, zwei fast erwachsenen Töchtern, der neu aufgenommenen Arbeit, den vielen Gedanken und Fragen, die sie umtreiben. Die Musik wird ihr helfen, eine eigene Welt zu entdecken, die sie den Alltag selbstbewusster und freier erleben lässt. Ein schön zu lesender Roman über eine Frau, die gleich meine Sympathie hatte und mir ans Herz gewachsen ist.
 

Ist Zeit messbar?

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Christoph Ransmayr: Cox oder der Lauf der Zeit, Fischer, 22,00 €

Der Roman " Cox oder der Lauf der Zeit" von Christoph Ransmayr ist ein literarisches Meisterwerk, das den Leser in die Mitte des 18. Jahrhunderts führt. Der Londoner Uhrmacher und Automatenbauer Cox folgt mit drei seiner Gehilfen dem Ruf des chinesischen Kaisers Quiánlóng nach Beijing. Die Aufträge des Kaisers verlangen die künstlerische und mechanische Umsetzung philosophischer Gedanken: So entsteht die Winduhr, um das Zeitempfinden eines Kindes zu zeigen oder sie Glutuhr, die die endende Lebenszeit eines Menschen veranschaulicht. Der Wunsch nach einer zeitlosen Uhr, die auch das Zufällige in sich birgt und die Ewigkeit messen soll, stellt die größte Herausforderung dar. Geradezu märchenhaft entsteht ein Bild des alten Chinas, in dem Prunk und Schönheit neben Willkür und Grausamkeit zu finden sind, beherrscht von einem als allmächtig anerkannten Kaiser. Ein besonderes, reiches, bildgewaltiges und nachdenkliches Buch, dem der Fischer Verlag ein edles Äußeres gegeben hat.

Anderes wäre möglich

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Carolin Emcke: Gegen den Hass, s. Fischer 2016 € 20.-

"Hass und Gewalt nicht allein zu verurteilen, sondern in ihrer Funktionsweise zu betrachten, heißt immer auch zu zeigen, wo etwas anderes möglich gewesen wäre..." Zitat aus: Emcke, Gegen den Hass
Mauern und Zäune, Ausgrenzung und Hass, ein "Wir, die Gleichen" getrennt vom "Anderen, dem Fremden" ist bis in die Mitte unserer Gesellschaft, wieder salonfähig geworden. Wie kommt es, dass populistische und rechtsextreme Sichtweisen erneut so Fuß fassen können? Wie schaffen es Menschen, das angsteinflößende Monströse und gleichermaßen die Unsichtbarkeit von Individuen, zwei gegenläufige Pole, die der Hass bedarf, für sich aufzubauen. Carolin Emcke, diesjährige Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, analysiert mit Präzision gesellschaftliche Zustände. Ihre journalistisch knappen Gedankengänge bieten eine Fülle von Argumenten für Pluralität und Offenheit in unserer Gesellschaft. Ein starkes Plädoyer gegen die Angst und für eine lebendig Demokratie, die nur am Leben bleiben kann, wenn wir alle mutig und unbeirrt dazu beitragen, sie zu verteidigen.

Wohltuende Literatur

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J.L. Carr: Ein Monat auf dem Land, DuMont Verlag 2016 € 18,00

 

So wie der "Monat auf dem Land" in Nordengland dem jungen Erzähler wohltut, tut es das Buch dem Leser, der Leserin. In schöner und ganz natürlicher Sprache erzählt der Restaurator von seinem Auftrag, ein übertünchtes Fresko in einer Dorfkirche freizulegen. Es ist das Jahr 1920, der erste Weltkrieg hat Spuren in den Menschen hinterlassen, das ländliche, sommerliche Leben wirkt heilsam. Gesicht für Gesicht, Figur nach Figur befreit der Restaurator ein Meisterwerk des jüngsten Gerichts, erzählt von den besonderen Farben, dem Ausdruck der Figuren und seiner Faszination. Er schließt Bekanntschaften und Freundschaften in dem kleinen Ort und eine zarte heimliche Liebe wärmt ihn. Der Roman war 1980 für den Booker Preis nominiert und wurde nun endlich ins Deutsche übersetzt.

Gewissenhaft & Geistreich

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Lyndal Roper: Der Mensch Martin Luther, S. Fischer 2016 € 28.-

Zwei Reiseführer in die Reformation: Was hat Luther so standhaft gemacht? Woher nahm er seine Überzeugung? Wie stellte er sich seinen Zweifeln und Ängsten? Zehn Jahre umfassender Recherche gingen diesem Buch voraus, dass sich, in Nachwendezeiten, nicht nur dem süddeutschen Raum, sondern mit frischem Blick Luthers Leben und Wirken im ostdeutschen Raum zuwendet. Lyndall Roper, Spezialistin des ausgehenden Mittelalters in Deutschland, schaut Luther fast psychoanalytisch in die Seele und lässt ihre Leser tief in diese bewegten Zeiten zwischen Gottesfürchtigkeit, geistreicher Rebellion und Reflexion eintauchen. Eine fesselnde Biografie, ein großer Kulturführer für alle, die es ganz genau wissen wollen.
In spielerischer Leichtigkeit präsentieren Christian Nürnberger und Petra Gerster das große Ganze für Jung und Alt: den Marco Polo Reiseführer zur Schwelle der Neuzeit. Augenzwinkernd betrachten sie legendäre Ereignisse und verweisen auf die Synergien zwischen Luthers Schaffen und Gutenberg, Kolumbus und Kopernikus. Ergänzt um ein Kapitel über Katharina von Bora bietet der kurzweilige Text ein schnelles Update und experimentiert mit Parallelen und Fragen nach Lösungsansätzen zu unserer aktuellen gesellschaftlichen Lage. Katrin Rüger

Historisch und literarisch sensationell

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Francoise Frenkel: Nichts, um sein Haupt zu betten, Hanser Verlag 2016 € 22,00

1943 geschrieben und veröffentlicht, auf einem Flohmarkt in Nizza wiederentdeckt, 2015 in Frankreich neu aufgelegt und in diesem Jahr erstmals ins Deutsche übersetzt: Francoise Frenkel, eine junge polnische Jüdin, die in ihrer Begeisterung für die französische Literatur 1921 die erste französische Buchhandlung in Berlin eröffnete, erzählt von ihrem Leben. Ihrem erfolgreichen Engagement für die Literatur wird 1939 mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten ein Ende gesetzt. Sie flieht nach Paris und von dort aus quer durch Frankreich bis nach Nizza. Hier erlebt sie sowohl die Nöte des Überlebens im besetzten Frankreich als auch die couragierte Hilfsbereitschaft in der französischen Bevölkerung. Der Leser folgt gebannt ihren Beobachtungen in Freiheit, im Versteck, auf der Flucht, im Gefängnis. Beim 3. Versuch wird ihr die illegale Überquerung der Grenze in die Schweiz gelingen, gleich danach hat Francoise Frenkel das vorliegende Buch verfasst. Ein außergewöhnliches Zeugnis, ein historisch und literarisch sensationeller Fund.

 

Literat trifft Philosoph

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M. Köhlmeier/ K. P. Liessmann, Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist, Adam? Hanser 2016 € 20,00

Das Buch trägt den Untertitel ´Mythologisch-philosophische Verführungen`, und das ganz zurecht. Denn mich hat allein der Titel neugierig gemacht und verführt, zu dem Buch zu greifen. Und damit wäre ich schon beim ersten Schlüsselbegriff, dessen sich die beiden Autoren annehmen: die Neugier. Während Michael Köhlmeier die biblische Geschichte vom Sündenfall im Paradies dem Leser noch einmal mit seinen Worten nahe bringt, philosophiert Konrad Paul Liessmann quasi über die Lust auf Neues, sich über Verbotenes hinwegzusetzen, angestachtelt von der Neugier. Aber - so sagt er - wer neugierig ist, muss mit allem rechnen, genau wie Adam und Eva im Paradies. Zwölf  Begriffe werden dem Leser auf diese Weise in fast spielerischen Form dargereicht, von Schicksal, Rache, Macht über Schönheit oder das Ich. In jedem Kapitel begegnet der Leser Mythen, Sagen, Märchen oder biblische Geschichten. Und kommt möglicherweise ins Staunen, wo sich die großen Lebensthemen darin verbergen. Dieses Buch ist eindeutig etwas für neugierige Entdecker.

Literarische Paarungen

tania schlie schreibende paare

Literarische Paarungen

Tania Schlie, Schreibende Paare, Thiele Verlag 2016 € 25,00

Wer kennt es nicht, das wohl berühmteste Literatenpaar Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir? Sie waren nie verheiratet, haben sich respektvoll gesiezt, lebten nie zusammen, waren ihre strengsten Kritiker und doch haben sie sich viele Jahre gegenseitig beflügelt. Das und vieles mehr erfährt man in Tania Schlies Buch über Sartre und Beauvoir in dem Kapitel ´Die Hälfte von... ein Leben lang`. Es ist nur ein Kapitel von sieben, in denen der Leser für einen kurzen Moment hinter die Fensterscheiben der berühmten Paare wie Martha Gellhorn und Ernest Hemingway, Ingeborg Bachmannn und Max Frisch oder Bettine und Achim von Arnim blicken darf. Dabei geht es der Autorin einzig um die Beweggründe ihres Miteinander im Bezug auf das Schreiben. Die interessante Kapitelzusammenstellung, das hervorragende Bildmaterial, die vielen kleinen Anekdoten und Hintergründe zu den großen Werke ihrer ausgewählten Paare machen dieses Buch zu einem einzigartigen Lesevergnügen. Was es für einen Schriftsteller bedeutet, nicht allein zu sein mit seinem Schaffen, welche Probleme es mit sich bringt, wie man sich reibt oder weitertreibt... darüber kann in diesem wunderbaren Buch nachgeblättert werden.

Zwei ungleiche Schwestern

kristin hannah die nachtigall

Zwei ungleiche Schwestern

Kristin Hannah, Die Nachtigall, Rütten & Loening Verlag 2016 € 19,99

Paris 1939. Die Geschichte zweier Schwestern in Frankreich zur Zeit der deutschen Besetzung bringt den Leser dazu, sich auf zwei ganz unterschiedliche Schicksale einzulassen. Während Vianne am liebsten die Augen  vor der Realität verschließen möchte, nicht wahrhaben möchte, dass ihre jüdische Freundin eines Tages nicht mehr an der Schule unterrichten darf, und sich notgedrungen damit abfinden muss, auch in ihrem Haus ein deutscher Offizier leben wird, will sich ihre Schwester Isabelle nicht mit der Lage Frankreichs abfinden und geht in die Résistance. Beiden Schwestern wird im Laufe der Zeit mehr abverlangt, als sie es jemals für möglich gehalten hätten. Das Buch ´Die Nachtigall` steht stellvertretend für das Schicksal vieler französischer Frauen und nimmt einen mit auf eine lange Lesereise. 

Die Angst geht um

frank goldammer der angstmann

Frank Goldammer, Der Angstmann, dtv Verlag 2016 € 15,90

Max Heller ist ein grundsolider Kriminalinspektor, der nur seine Arbeit machen will. Und das mitten in Dresden, kurz vor Ende des 2. Weltkrieges, während die Russen bereits im Vormarsch sind und die Menschen kurz vor dem Verzeifeln, sich gegenseitig Denunzieren und Resignieren sind. Ein psychopathischer Sereinmörder, der Frauen bei lebendigem Leib die Haut abzieht, lässt Max Heller nicht kalt. Er bemüht sich, seine Arbeit trotz der widrigen Umstände, trotz eines überzeugten SS-Anhängers als Chef, der seine Aufklärungen sabotiert, und trotz Hunger und Ängsten so gut wie möglich zu machen. Als er und seine Frau Karin mitten in der großen Bombadierungsnacht, in der Dresden dem Erdboden gleichgemacht wird, mit dem Leben gerade so davon kommt, verliert er zwar seinen Job, den Mörder aber nicht aus den Augen, denn er treibt weiter sein Unwesen... Ich finde die Atmosphäre bedrückend gut in dem Buch, die Kriegsszenerien gehen unter die Haut, die Schicksale der Menschen werden von allen Seiten beleuchtet, von denen, die einfach nur Opfer waren, den Agitatoren, und solchen, die die Augen verschlossen hatten. Ein gelungener historisch in den Jahren 1944/45 angesiedelter Krimi.

Für gemütliche Winterabende

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Peter Hartlieb: Ein Winter in Wien, Kindler 2016 € 16,95

1910 in Wien: Marie ist das neue Kindermädchen im Hause Arthur Schnitzlers. Der "Winter in Wien" erzählt eine vergnüglich zu lesende Geschichte, die sich an den Tagen vor Weihnachten ereignet. Der Leser wird sowohl in das Wien der damaligen Zeit hineinversetzt als auch in das Leben in einem großbürgerlichen Haushalt aus der Sicht der jungen Angestellten. Diese erzählt auch erinnernd ihre Herkunftsgeschichte in einfachen ländlichen Verhältnissen. Dass die Liebe Marie zum ersten Mal erwischt und sie Lustiges und geradezu dramatisch Spannendes mit den ihr anvertrauten Kindern erlebt, macht das Buch zu bester locker, leichter Unterhaltung.

Kluge Unterhaltung

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René Freund: Niemand weiß, wie spät es ist, Zsolnay Verlag 2016 € 20.-

Dieser Roman liest sich wie im Flug: gleich von der ersten Seite an begleitet der Leser Nora, eine chaotische, in Paris lebende junge Frau, die auf eine ungewöhnliche Reise geschickt wird. Ihr eben verstorbener Vater hat einen letzten Willen verfügt. Eine Wanderung in den Alpen, mit seiner Asche im Gepäck, für die er nicht nur die Etappen festgelegt hat, sondern auch Noras Begleiter: Bernhard, ein pedantischer Notariatsgehilfe. Das Aufeinandertreffen der verschiedenen Charaktere bietet viel Potential für Situationskomik und Sprachwitz. Gleichzeitig regt das Buch zum Nachdenken über zentrale Lebensthemen an und überrascht mit der Entwicklung der Geschichte. Kluge Unterhaltung!

Auf kreativer Jagd nach Inspiration

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Christoph Niemann: Sunday Sketching, Knesebeck 2016 € 34,95

Auf den ersten Blick ein Fotoapparat, auf den zweiten ein offenes Tintenfässchen, durch das der Betrachter die Welt sieht. Nichts könnte passender sein, für einen Band des Künstlers Christoph Niemann. Seine Striche lässt er flächig aus Pinseln oder punktgenau aus Stiften und Federn laufen, mal komponiert er Flächen dazu, einen Alltagsgegenstand.  In minmalistischer Sparsamkeit blickt Christoph Niemann mit seinen kunstfertigen Sketchen auf die Welt. Elf Jahre lebte er in New York, arbeitete für The New York Times Magazine, zeichnete dort die Kolumne abstractsunday  und gestaltete Cover für The New Yorker. Heute lebt der gebürtige Süddeutsche in Berlin. Sunday Sketching erzählt von seinem Leben, seiner Arbeit als Künstler, seinen Zweifeln, seiner Angst sich nicht immer wieder neu erfinden zu können. "Mit Kreativität kann man nicht effizient sein", sagt er. Es bedarf Raum für Fehler und gerade wenn es gut läuft, sollte man die Richtung wechseln. Und nicht zuletzt muss man immer wieder das Sehen üben und den Blick neu öffnen. Dieser Band umfasst Werke aus allen Epochen. Auf jeder Seite ein eigenständiges Kunstwerk und doch, in seiner Gesamtheit ein visuelles Seelenleben, das zu faszinieren und inspirieren vermag.

Spannend und einfühlsam

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Georg Elterlein: Sprache der Krähen, Picus Verlag 2016 € 22.-

Die Hauptfigur in diesem Buch, Leonard, führt ein Doppellleben: offiziell ist er Schlosser, bisher unentdeckt ist er ein hochkarätiger Dieb. Was dann passiert, will so gar nicht in sein Leben passen. Sein jüngerer Bruder, den er seit 20 Jahren nicht gesehen hat, ist mit seiner Frau tödlich verunglückt und hat einen 11-jährigen Sohn hinterlassen. Leonard ist der einzige Angehörige. Bei den Begegnungen mit seinem Neffen, der posttraumatisch verstummt ist, zeigen sich ganz unerwartete Facetten Leonards. Er hat großes Geschick im Umgang mit dem Jungen, dessen Gedanken er feinfühlig erspürt. Er übernimmt Verantwortung, als er noch gar nicht weiss, ob er das auch möchte und öffnet sich gleichzeitig der Erinnerung an seine eigene schwierige Vergangenheit. Die "Sprache der Krähen" -  Krähen spielen im Geschehen eine wichtige Rolle - ist ein vielschichtiger Roman mit gutem Spannungsbogen, der psychologisch einfühlsam sehr verschiedene Lebensthemen ausleuchtet.

 

 

 

Liebe mit Verfallsdatum

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Dorit Rabinyan: Wir sehen uns am Meer, Kiepenheuer & Witsch 2016 € 19,99

New York, Winter 2003: Während auf den Straßen der Schneesturm tobt, glühen die Herzen von Liat und Chilmi. Die in Tel Aviv geborene Liat studiert Übersetzung, Chilmi aus Ramallah hält seine Welt in Zeichnungen fest und arbeitet in der Kunstszene von New York gerade an seinen Durchbruch. Beide leben fern ihrer Heimat und doch in ihren Welten, Familien und Freundeskreisen. Sie verlieben sich ineinander und versuchen, nicht mutig aber doch bestimmt ihrem Herzen folgend, wider alle Regeln, ihre Beziehung auf- und auszubauen. Eine sinnliche Romeo und Julia Geschichte von politischer Aktualität, die in Israel einen Skandal hervorrief.

Reales und Fiktives rund um eine Palladio Villa

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Felix Kucher: Malcontenta, Picus Verlag 2016, € 24.-

Die Villa Malcontenta am Brentakanal, nahe Venedig gelegen und von Palladio erbaut, ist der Dreh- und Angelpunkt für drei männliche Figuren in diesem Roman. Battista Franco, der um 1560 die Fresken in der Villa malt und in einem Tagebuch von seinem Leben berichtet; Bertie Landsberg, Bankierssohn, der nach einem ausschweifendem Leben um 1912 die Villa erwirbt und dort seiner Sehnsucht nach Harmonie und Schönheit nachgeht; Said, Graffitikünstler und Flüchtling aus Lybien, der 2012 bei der Villa eine Chance bekommt.
Das Buch begeistert in seiner Vielseitigkeit durch die drei so unterschiedlichen Lebensläufe und gibt gleichzeitig Einblicke in das Leben bekannter Persönlichkeiten: Tizian, Michelangelo und Georgio Vasari als auch Matisse, Strawinsky, Cole Porter und viele weitere. Beste Unterhaltung für Italien - und Kunstliebhaber! Nach der Lektüre dieses Buches möchte man am liebsten gleich die Villa Malcontenta besuchen...

Eine gnadenlose Jagd

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Arne Dahl: Sieben Minus Eins, Piper Verlag €16,99

Ein neuer Serienauftakt des großen schwedischen Krimiautors Arne Dahl, der nach mehr verlangt. Kommissar Berger holt gleich i ersten Fall seine Vergangenheit ein. Ein Junge aus seiner Schulzeit, im Gesicht entstellt und klassisches Mobbingopfer aler Schüler, sucht die Nähe zu Sam und sein Vetrauen. Doch Sam verrät ihn eines Tages auch, geschockt von dessen Grausamkeiten. Aus dem Jungen wird ein psychopathischer Mann, der sich an all jenen rächen will, die ihn einst verspottet hatten. Und er lockt Sam Berger auf seine Spur, spielt ein Spielchen mit ihm, bis sie sich endlich gegenüber stehen... Ein gnadenloser Psychothriller.

 

Lyrik bis ans Lebensende

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"Wenn du niemals sterben könntest, würdest du dann glücklich sein?"

In schwungvoller, grafischer Eleganz inszeniert der Rieder Verlag auf dem Cover nichts als den Titel des Buches: "Überall & Nirgends". Das Inhaltsverzeichnis verlangt vom Betrachter, in einer ersten Drehung des Buches, gleich den etwas anderen Blick auf das, was wir so gern verdrängen. Die Präsenz des Todes. Was wäre ein Leben ohne den Tod? Langweilig. Na also. Der Tod gehört dazu. Jeder kennt ihn. Irgendwann, irgendwo stirbt immer ein Lebewesen. Der Tod macht traurig, aber auch neugierig. Mal begreift man ihn besser mit Albernheit und mal trägt er die Erinnerung. Durch ihn können sich neue Möglichkeiten eröffnen. Trägt Omas Mantel noch ihren Fingerabdruck? So mancher trägt sein Erbe im Gesicht. Die Worte von Bette Westera verhandeln das Sterben, erzählen von Begräbnisritualen, lassen Raum für Trauer sowie Erinnerung. Lasst uns darüber reden, wie wir auch über das Leben sprechen. Der Tod ist ganz normal. "Doodgewoon", das Wort des Originaltitels bezeichnet im Niederländischen auch das Stinknormale. Und danach? Ist noch lange nicht Schluss. Es gibt den Glauben nach dem Tod, das Jenseits, und wohl auch ein Davorseits? Trägt der Tod eigentlich einen Namen? Gevatter Hein, der Weidenmann? Nur kurz möchte das vorwitzige Kind einmal auf seinem Schoß Probesitzen. Ist das verwunderlich? Bette Westera und Sylvia Weve arbeiten nicht zum ersten Mal zusammen. Die Form für dieses Projekt haben sie gemeinsam entwickelt. Bette Westera inszeniert den Tod lyrisch verlockend von all seinen ungeahnten Seiten. Sylvia Weves´ Illustrationen spielen mit Seiten und Halbseiten. So kann sie jedes Bild zweimal benutzen, ihnen ein zweites Gesicht geben, einen anderen Ton, eine gegensätzliche Stimmung. Die Bilder und Gedichte, dazu ein gut erklärender Anhang, laden zum Experimentieren, Erzählen und Nachspüren ein. Das Buch verwebt Leben und Tod, wie es das verschlungene "&" auf dem Cover prophezeit. Der Tod wird hier zu einem kunstvollen Fest. Es lässt ihn mit Genuss greifen und begreifen.

Unbändige Sehnsucht nach Leben

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Alois Prinz: Ein lebendiges Feuer. Die Lebensgeschichte der Milena Jesenká, Beltz & Gelberg 2016 € 17,95

Ihre kurze Beziehung zu Kafka, die berühmten "Briefe an Milena" waren nur eine kleine, wenn auch wegweisende Station in Milena Jenenská Leben. Als Professorentochter 1896 in Prag geboren, genoß sie eine gute Schulbildung und entwickelte sich, meinungsstark und widerständig, dem antisemitschen, antikommunistischen und gutbürgerlichen Denken ihres Vaters und seiner Zeit zum Trotz, zur femme fatale. Später, in Wien, war sie in den Kaffeehäusern der Schriftsteller zu Hause, suchte unermüdlich nach Unabhängigkeit und sozialer Gerechtigkeit und nahm dafür eigene Armut in Kauf. Sie wurde zu einer anerkannten Journalistin und leidenschaftlichen Widerstandskämpferin gegen das NS-Regime. "Entsetzlich klug", urteilte Kafka über sie. Mutig, standfest, leidenschaftlich und von verschwenderischer Hilfsbereitschaft schilderten Weggefährten ihr Wesen, das "Prinzip Milena", welches Prinz Kafkas Welt souverän gegenüber stellt. Das scheinbar unscheinbare Leben packt seine Leser mit voller Wucht. Alois Prinz lässt uns immer wieder von Neuem über das Wesen von Menschen staunen, denken und weinen. Milena Jensenká ist eine wunderbare Entdeckung.

 

 

 

Gute Laune Buch

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Karin Kalisa, Sungs Laden, H.C. Beck 2015, € 19,95
Mit Wärme und Witz erzählt dieser Roman von kleinen und größeren Wundern am Prenzlauer Berg: Ausgelöst durch eine Schulveranstaltung werden Interesse und Neugier für das Vietnamesische geweckt, das zu DDR – Zeiten nach Berlin kam. Es kommt zu ungeahnten Begegnungen und Aktionen und während die Protagonisten sich über sich selbst wundern schmunzelt der Leser. Mit leichter Hand erzählt Karin Kalisa von manchmal gar nicht leichten Lebenswegen und schenkt uns damit ein fesselndes Gute-Laune-Buch.