Unsere gemeinsame Zukunft

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Papst Franziskus: Ladato si' - Über die Sorge für das gemeinsame Haus, Herder Verlag 2015 € 12,95

Papst Franziskus will die Menschen über die Grenzen von Religionen, Kulturen und soziale Grenzen hinweg ins Gespräch darüber bringen, dass wir alle Verantwortung für den Schutz des Planeten tragen, der unser 'gemeinsames Haus' ist. Es geht um eine Neuausrichtung unseres Lebensstils, der achtsam mit den Ressourcen, aber auch mit Mitmenschen, Pflanzen und Tieren umgeht. Unbedingt lesenswert, egal ob wir an Gott glauben oder nicht. Klaus Kamphausen

26. Juni 2017, 19:00 Uhr: Zukunft Erde. Gespräch für Jung & Alt mit Harald Lesch und Klaus Kamphausen

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Lesch/Kamphausen, Die Menschheit schafft sich ab, Komplett Media Vlg. 2016 €29,95

Wir werden unseren Kindern die Erde in einem denkbar kritischen Zustand hinterlassen: von Rohstoffen geplündert, seiner schützenden Hülle mehr und mehr beraubt, zugemüllt und halb verdurstend in klimatischer Extremsituation. Die Jugendlichen unseres Leseclubs interessieren sich vor allem für Wasser und Klima und wollen mit Harald Lesch und Klaus Kamphausen darüber ins Gespräch gehen. Wie kann unsere Zukunft aussehen und das Überleben der besonderen Spezies Mensch gesichert werden?

31. Mai 2017, 19.30 Uhr: Jonas Lüscher stellt sein Romandebüt vor: Kraft – eine Vakuumtheodizee

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Jonas Lüscher: Kraft, C.H.Beck 2017 €19,95

Das Denken ist eine komplizierte Sache. Richard Kraft ist Rhetorikprofessor in Tübingen, geistesgegenwärtig, ein durch und durch Liberaler, obendrein ein Fuchs, der sich als Denker der individuellen Freiheit und Vielfalt versteht und einen sagenhaft aufmerksamen Beobachter abgibt. Gemeinsam mit dem Autor heften wir uns bespitzelnd an seinen Kopf und folgen ihm ins Silicon Valley, ins Turmzimmer der Standford Universität. Dort will er sich auf einen außergewöhnlichen Vortrag, einen Wettstreit zu einer Preisfrage, vorbereiten. Die Behauptung lautet: Warum alles, was ist, gut ist und wir es dennoch verbessern können. Als Preisgeld winken eine Million Dollar. Doch die Arbeit geht nur schleppend voran. Im gekonntem Rhythmus der Vor- und Rückblende erfahren wir vielmehr vom Beginn seiner Studienzeit in Berlin, seiner Freundschaft mit Ivan, vom Scheitern seiner Frauenbeziehungen, und von den vier Kindern, die ihren finanziellen Tribut fordern. Vor dem Hintergrund der politische Ära der 80er Jahre bis heute, präsentiert Lüscher den Aufbruch, das Strampeln und das Scheitern seines verkopften Helden. Einer fraglichen Logik Krafts zufolge hofft er nun, im besten Alter und von erhöhntem Selbstbewusstsein geprägt, sich mit der Siegerprämie seine vermeintlich verloren gegangene Freiheit wieder erkaufen zu können. Doch das Leben und die schnöde Welt sträuben sich, mit den Ideen seiner Antworten in Deckung zu gehen. Da weder das optimistisch erarbeitete Gute, noch das kaum ermessbare Übel in einen 18-minütigen Vortrag passen, lässt sich am Ende dieses Romans zwischen Ernsthaftigkeit und Absurdität der Figuren, von Theodizee bis Technodizee noch lange über die aufgeworfenen Ideen philosophieren, die Lüscher Revue passieren lässt. Denn „je moderner die moderne Welt wird, desto unvermeidlicher werden die Geisteswissenschaften, nämlich als erzählende Wissenschaften“, sagte Ode Marquard, mit dessen Essays sich Lüscher im Vorfeld beschäftigte. Aus einer Dissertation in Philosophie wurde am Ende der Roman „Kraft“. Ein anspruchsvolles, gehaltvolles, spielerisches, glanzvoll geschriebenes Stück Literatur, welches auch Nichtphilosophen in Bann zu ziehen vermag.

Eintritt € 7.- Um Anmeldung wird gebeten.

25. April 2017, 19:30 Uhr: Premierenlesung: Margret Greiner stellt das Leben der Künstlerin Charlotte Salomon vor.

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Margret Greiner: Charlotte Salomon. Es ist mein ganzes Leben, Knaus Verlag 2017 € 19,99

 "Am 17. April 2017 jährt sich ihr Geburtstag zum 100. Mal, ein Anlass für mich, diese besondere Künstlerin ins Licht zu stellen." Margret Greiner
Sie war im weitesten Sinne eine Autodidaktin. Ein Kindermädchen brachte sie zum Malen, die Kunsthochschule besuchte sie nur kurze Zeit. Als Jüdin verfolgt und ins Exil getrieben, zeichnete und schrieb sie vor ihrer Deportation über ihr Leben. Sie hinterließ einen Koffer mit 1325 Gouachen expressionistischen Stils, auf die Margret Greiner in ihrer Biografie immer wieder sehr engen Bezug nimmt und uns damit eine faszinierende Künstler-Persönlichkeit präsentiert. Katrin Rüger

Verspielter Perfektionismus

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Lena Gorelik: Mehr Schwarz als Lila, Rowohlt Berlin 2017 € 19,95

Einer kann nicht ohne die Anderen. Alex, Ratte und Paul. Das war schon immer so. Und soll sich im letzten Schuljahr nicht ändern. Gemeinsam loten die Unbedarften ihre Grenzen aus. Dabei aalen sie sich am liebsten in einer Welt der Möglichkeiten, im distanzlosen Hier und Jetzt. Ihr endlos gespieltes Was-wäre-wenn-Spiel tritt nie aus dem Schatten des Unmittelbaren. Im schützenden Triumvirat lautet ihre Parole: „Freiheit, Freunde, Wir“. So jedenfalls formuliert es Alex, die Erzählerin, rein sprachlich. In ihrem Herzen und Kopf tobt, ganz und gar widersprüchlich, das narzistische Ich, welches in einem unaufhaltsamen Strudel alles mit sich reißen wird. Erst in der Katastrophe, im Verlust, wird Alex zum Denken über die Anderen fähig werden. Präzise seziert Lena Gorelik den Prozess des Erwachsenwerdens, jenen labilen Seelenzustand in einer Zeit starker emotionaler Eruptionen, wo die Welt noch jung ist und Widersprüche den feurigen Motor allen Seins bilden. Unermüdlich lässt sie dabei Alex auch um Sprache und nach Worten ringen. Die Sprache wird das Medium, in dem Alex ihre sich wandelnde Welt zu manifestieren versucht. Immer bewusster geformt, werden sich ihre Gedanken durch Worte entfalten, deren Bedeutung und Nutzung sie gründlich durchleuchtet. Lena Gorelik erschafft, ganz im Sinne von Alex Widersprüchlichkeit, eine Sphäre von leidenschaftlich verspieltem, literarischen Perfektionismus, der nachhaltig beeindruckt und Sogwirkung garantiert.

Literarisches Debüt 2013

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Jonas Lüscher: Frühling der Barbaren, btb, €7,99

Seit seinem Erscheinen 2013 gehört Jonas Lüschers  "Frühling der Barbaren" zum festen Bestandteil meiner literarischen Auswahl und ich habe schon viele begeisterte Rückmeldungen von unseren Kunden bekommen. Die schmale Novelle hat mich gleich in ihrer klassisch anmutenden Sprache fasziniert, deren durchaus auch ausschweifenden Beschreibungen ich gerne gefolgt bin. Sind die Beobachtungen doch höchst kritisch und aktuell: Anhand einer Hochzeitsgesellschaft aus London, die in einer tunesischen Luxushotelanlage mit allem Pomp feiert, beschreibt Lüscher mit grotesken Szenen die dünne Fassade der Zivilisation, die, ausgelöst durch eine Finanzkrise, in Barbarei mündet. Globale gesellschaftliche Themen neben schlicht zwischenmenschlichem Miteinander sind in Lüschers literarischen Debüt klug miteinander verknüpft.

Historischer Mordprozess

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Graeme Macrae Burnet, Sein blutiges Projekt, Europa Verlag 2017 €17,90

Ein Siebzehnjähriger, der vor Gericht steht, angeklagt des dreifachen Mordes, und bereits gestanden. Wir sind mitten in Schottland im Jahr 1869. Nach einer wahren Begebenheit lässt der Autor diverse Menschen aus dem Umfeld des Mörders zu Wort kommen, sein Lehrer, der Dorfpfarrer, die Nachbarn, allesamt zeugen in dem Prozess, in dem es darum gehen wird, ob Roderick Macrae Herr seiner Sinne war oder womöglich geistergestört. Faszinierend an dem Krimi sind die unterschiedlichsten Betrachtungsweisen, denn jeder, der zu Wort kommt, zeichnet ein anderes Bild von dem jungen Roddy. Doch auch er selbst kommt zu Wort. Auf Anraten seines Strafverteidigers schreibt er einen Bericht, wie es sich wirklich zugetragen hat. Die Monate zuvor, die Qualen, das regelrechte Mobbing an der armen Bauersfamilie... lesen Sie selbst und machen Sie sich ein Bild davon, ob Roderick Macrae den Tod am Galgen verdient hat...  Ein historischer Krimi, der seinesgleichen sucht und zu Recht auf der Shortlist des Man Booker Prize 2016 stand.

Düstere Faszination

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C.R. Neilson, Das Walmesser, Heyne 2017 €14,99

John Callum will seiner Vergangenheit entfliehen, einen neuen Anfang machen, irgendwo, wo ihn niemand kennt Darum sucht er sich eine Faröerinsel aus, landet in der Hauptstadt Torshaven, findet Arbeit beim Fischfang und eine Unterkunft, aber ansonsten bleibt er für sich. Das macht ihn als den Fremden erst recht verdächtig, zumindest für die Leute dort. Wer kommt schon freiwillig auf eine Insel, auf der es dreihundert Tage im Jahr regnet und nie etwas Spektakuläres passiert. Aber dann gibt es einen Mord, und John Callum kann sich an nichts erinnern. Ist es nur das letzte Glied einer Reihe von Drohungen, die ihn von der Insel vertreiben sollen? Obder kennt jemand seine Vergangenheit? Eine interessante Stimme in der Krimilandschaft, und eine Geschichte, die ihre ganz eigene Faszination besitzt.

Sonne, Heimat, Mord

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Alexander Oetker, Retour, Hoffmann und Campe 2017 € 16,00

Ein berühmter Pariser Ermittler kehrt in seine Heimat in das Aquitaine, zurück, um sich um seinen kranken Vater kümmern zu können. Einen Job gibt es für den überqualifizierten Polizisten im Grunde nicht,  mit mehr als kleinen Verbrechen hat das Team nicht zu tun, darum wird Luc Verlain bei seiner Ankunft kritisch beliebäugelt. Doch noch ehe er seinem Vater im Krankenhaus einen Besuch abstatten kann, gibt es die erste Leiche ... ein Südfrankreichkrimi, der mich begeistern konnte, weil der Autor in diesem ersten Fall einen Ermittler einführt, der Schwächen und Stärken hat, der versucht, sich in das Team vor Ort einzugliedern und ihm dennoch  der Kragen platzt, weil keiner die richtigen Schlüsse ziehen will. Und dazu das wunderbare Setting am Meer, was braucht es noch für einen guten Krimi!

Spätes Glück

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Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht, Diogenes 2017 € 20,00

Ein hoffnungsvoller, ein berührender Roman über das Glück, einen Menschen zu finden, mit dem man Zeit, Gedanken, Gefühle, Erinnerungen teilen kann. Dass das auch geschehen kann, wenn der langjährige Partner gestorben ist, dass dieses Glück manchmal greifbar nah ist und auch auf 70jährige wartet, ist in diesem Roman glaubhaft nachfühlbar. Dass die Umgebenug kritisch und argwöhnisch reagiert, ist aber auch spürbar.. Ein ruhiger, sensibler, gut unterhaltender Roman mit dem Schauplatz eines kleinen Städtchens in Colorado, das nahezu überall in der Welt angesiedelt sein könnte.

Entwurzelung & Neuanfang

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Marco Balzano: Das Leben wartet nicht, Diogenes Verlag 2017 € 22,00

Ninetto war nur 9 Jahre alt, als er mit einem flüchtig Bekannten sein sizilianisches Dorf verließ, um in Mailand Arbeit zu finden. Inzwischen ist er Ende fünfzig und erinnert sich an diese Zeit: die Arbeit, die er fand, die Bekanntschaften, die er machte, seine frühe Ehe, die Geburt der Tochter und wie er zu einer Gefängnisstrafe kam. Er vergleicht das Damals mit dem Heute, beobachtet die neuen Arbeitssuchenden aus Nordafrika und China. Ein einfühlsamer Roman zum Thema Entwurzelung und Neuanfang mit all dem, was dieses, egal zu welcher Zeit und an welchem Ort, bedeutet, ein Roman, der den Leser hinter die Kulissen schauen und einen besonderen Blick auf Italien werfen lässt.

Was die Toten erzählen

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Yann Sola, Gefährliche Ernte, KiWi 2017 € 9,99

Ein charmanter Krimi, der den Leser an die Küste Südfrankreichs im heißen Sommer führt. Ein Toter mitten in den Weinbergen seines Vaters ruft Perez auf den Plan, der um das Geheimnis seiner eigenen erlesenen Weinsorte fürchtet, die er unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit für teures Geld und unter der Hand verkauft. Denn der Tote war bei der Planung und dem Anbau der Reben als Saisonarbeiter dabei. Mit viel Witz und französischem Charme folgt man Perez bei seinen privaten Ermittlungen, nichtsahnend, dass der Fall ganz andere Dimension bekommt, die weit in die Politik um die gestrandeten Flüchtlinge an Frankreichs Küsten reicht. Zuletzt präsentiert Perez der Polizei den Täter, und ganz nebenbei kümmert er sich um die Herzensangelegenheiten seiner erwachsenen Tochter.

Der Zauber der Musik

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Odafe Atogun: Tadunos Lied, Arche Verlag, € 20,00

Dieses Buch ist eine Hommage an die Kraft und den Zauber der Musik. Taduno ist ein Musiker, der sich in die Herzen der Menschen gespielt hat. Zunächst mit Liebesliedern, dann mit Protestliedern gegen die menschenverachtende Diktatur in seiner Heimat Nigeria. Er geht ins Exil, aus dem er zurückkehrt, nachdem er erfahren hat, dass seine große Liebe Lela festgenommen wurde. Merkwürdigerweise erkennt ihn niemand mehr in seiner Heimat. Es entspinnt sich eine emotionale und spannende Geschichte in Adunos Suche nach Lela und seinem Produzenten, die ihn in einen großen Gewissenskonflikt manövriert: muss und kann er seine Liebe zu Lela opfern, um dem unterdrückten Volk Hoffnung zu geben? Kann er so leben? Oder ist er selbst ein Verräter?

Geheimtipp zum Valentinstag

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 In München verliebt. Ein Stadtführer für Paare und sehnsuchtsvolle Singles. August Dreesbach Verlag, 2017 € 19,80

War "München geheim" schon ein Geheimtipp, so ist es das neue Buch aus dem August Dreesbach Verlag bestimmt: "In München verliebt" ist der besondere Stadtführer für Paare in jedem Stadium der Beziehung als auch für sehnsuchtsvolle Singels. Da gibt es Vorschläge für den perfekten Tag zu jeder Jahreszeit, für Liebesfilme mit Schauplatz München, für lauschige Ecken zum Sonnenuntergang, für Do-it-yourself-Liebhaber und solche, die sich lieber verwöhnen lassen. Textlich umrahmt durch  Interviews und Zitate, visuell durch Bilder aller Art, fehlen natürlich nicht die guten Ideen für Kulinarisches und Kulturelles und Ausflüge in die Umgebung. Und für wenn dann alles so wunderbar war, zu zweit: die Hochzeitsplaning.

Eine unbequeme Frau

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Becky Masterman: Der stille Sammler, Bastei Lübbe Tb 2015 € 9,99


Die ehemalige FBI- Agentin Brigid Quinn ist nach vielen Jahren harter Undercover- Arbeit und einem schweren Dienstunfall mit 59 Jahren in den Ruhestand gegangen. Trotzdem kann sie nicht aus ihrer Haut, als sie erfährt, dass der Route-66-Killer möglicherweise nie gefangen wurde, obwohl ein Verdächtiger die Taten gestanden hat und dafür hinter Gittern sitzt.  Nach außen wirkt Brigid Quinn eher zerbrechlich, aber ihr knallhartes Agentenherz arbeitet sofort auf Hochtouren. Ihr ist es sogar egal, sich mit der örtlichen Polizei anzulegen oder ihre alten Kontakte zu missbrauchen, um dem Killer auf die Spur zu kommen. Eine Agentin, die man einfach mögen muss, und eine Story, die nicht an Spannung spart.

Panik im Supermarkt

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Catherine Shepherd, Krähenmutter, Piper Verlag  2016 € 9,99

Das Baby eines bedeutenden Geschäftsunternehmers ist am hellichten Tag in eiem Supermarkt entführt worden, und die Berliner Innenministerin will schnelle Erfolge ... Verschwundene Kinder sind in Krimis nicht jedermans Sache, aber Babys, die bei volem Betrieb im Supermarkt samt KInderwagen entführt werden, stellen neben dem Leser auch die Polizei vor ein großes Rätsel. Die Überwachungskameras zeigen nichts Auffälliges, nur einen Jungen in der Nähe ... aber genau dieser Junge bringt die Ermittlerin Laura Kern auf die richtige Spur. Und wäre sie nicht so eigensinnig, dann hätte es ihr Partner Max durchaus einfacher. Ein verstörend spannendender Krimi aus der Feder einer deutschen Krimiautorin,  die ich gerade erst entdeckt habe.

5 Hochzeiten und kein Todesfall

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Jea-Philippe Blondel: Die Liebeserklärung, Deuticke Verlag 2017 € 18,00

Wieder einmal hat Jean-Philippe Blondel einen wunderbar unterhaltenden Roman geschrieben. Der Autor von "6 Uhr 41" erzählt von dem jungen Corentin, der mit seinem Onkel in der französischen Provinz als Hochzeitsfotograf unterwegs ist. Es ergeben sich viele amüsante , gut beobachtete Zwischenfälle bei den Hochzeiten. Corentins Leben allerdings fehlt es ein wenig an Amüsement - er ist auf der Suche nach Vielem und wird eine sehr spezielle Art des Suchens entwickeln. Beste Unterhaltung für jedes Alter, die ein Lächeln auf den Lippen garantiert.

Sheriff contra Oligarch

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Castle Freeman: Auf die sanfte Tour, Nagel & Kimche 2017 € 19,00

Ein kleines amerikanisches Städtchen mit einem Sheriff, der mehr abwartet, als handelt - ganz zum Unverständnis seines Deputys, der meint, mit Eifer,den kniffligen Fall lösen zu können und die nächste Wahl zum Sheriff zu gewinnen. Es geht um nichts Geringeres als einen Tresordiebstahl in der Villa eines russischen Oligarchen, der diesen Raub gar nicht lustig findet und entsprechend reagiert. Mit viel Humor, einem guten Gespür für die sehr verschiedenen Charaktere und gut gesetzten Dialogen erzählt Castle Freeman eine haarsträubende Geschichte so anschaulich, dass der Leser meint, sie mitzuerleben.

Ruhig und kraftvoll

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Colm Toibin: Nora Webster, Hanser 2016, € 26,00

Nach dem viel zu frühen Tod ihres Mannes muss Nora sich neu finden. Sie lebt in einer irischen Kleinstadt in den 60er Jahren, jeder kennt jeden und es gibt Regeln über Regeln, wie "man" sich zu verhalten habe. Nora ist eine unauffällige Rebellin und wird sich Stück für Stück aus der inneren und äußeren Enge befreien.Colm Toibin beschreibt ruhig und glaubwürdig Noras Leben, mit ihren zwei Söhnen zuhause, zwei fast erwachsenen Töchtern, der neu aufgenommenen Arbeit, den vielen Gedanken und Fragen, die sie umtreiben. Die Musik wird ihr helfen, eine eigene Welt zu entdecken, die sie den Alltag selbstbewusster und freier erleben lässt. Ein schön zu lesender Roman über eine Frau, die gleich meine Sympathie hatte und mir ans Herz gewachsen ist.
 

Lebensklug und voller Ironie

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Alex Capus: Das Leben ist gut, Hanser Verlag 2016, € 20,00

Das Leben ist gut - das ganz normale Leben, in der schweizerischen Kleinstadt, wo der Protagonist des Buches aufgewachsen ist, die Winkel der Stadt und die Winkel in den Köpfen vieler Menschen dort kennt. Aus Sentimentalität hat er die vom Schließen bedrohte ehemalige Gastarbeiterkneipe übernommen. Und so erzählt er von den Begegnungen mit Typen verschiedenster Art, er, der den anderen nimmt, wie er ist und dafür sorgt, dass ein Gespräch nicht verletzt. Er hat Sinn für Witz und Ironie und Freude an guten Geschchten. Und seine Frau, die gerade eine Arbeit in Paris angenommen hat und zum ersten Mal in ihrer langjährigen Beziehung nicht an seiner Seite ist würde er im Bewusstsein aller ihrer auch merkwürdigen Eigenarten nie wieder hergeben - und macht ihr eine versteckte Liebeserklärung. Alex Capus hat einen sympatischen Helden des Alltags geschaffen, dem ich auch gerne beim Entsorgen des Leergutes am Altglascontainer gefolgt bin!

Ist Zeit messbar?

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Christoph Ransmayr: Cox oder der Lauf der Zeit, Fischer, 22,00 €

Der Roman " Cox oder der Lauf der Zeit" von Christoph Ransmayr ist ein literarisches Meisterwerk, das den Leser in die Mitte des 18. Jahrhunderts führt. Der Londoner Uhrmacher und Automatenbauer Cox folgt mit drei seiner Gehilfen dem Ruf des chinesischen Kaisers Quiánlóng nach Beijing. Die Aufträge des Kaisers verlangen die künstlerische und mechanische Umsetzung philosophischer Gedanken: So entsteht die Winduhr, um das Zeitempfinden eines Kindes zu zeigen oder sie Glutuhr, die die endende Lebenszeit eines Menschen veranschaulicht. Der Wunsch nach einer zeitlosen Uhr, die auch das Zufällige in sich birgt und die Ewigkeit messen soll, stellt die größte Herausforderung dar. Geradezu märchenhaft entsteht ein Bild des alten Chinas, in dem Prunk und Schönheit neben Willkür und Grausamkeit zu finden sind, beherrscht von einem als allmächtig anerkannten Kaiser. Ein besonderes, reiches, bildgewaltiges und nachdenkliches Buch, dem der Fischer Verlag ein edles Äußeres gegeben hat.

Anderes wäre möglich

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Carolin Emcke: Gegen den Hass, s. Fischer 2016 € 20.-

"Hass und Gewalt nicht allein zu verurteilen, sondern in ihrer Funktionsweise zu betrachten, heißt immer auch zu zeigen, wo etwas anderes möglich gewesen wäre..." Zitat aus: Emcke, Gegen den Hass
Mauern und Zäune, Ausgrenzung und Hass, ein "Wir, die Gleichen" getrennt vom "Anderen, dem Fremden" ist bis in die Mitte unserer Gesellschaft, wieder salonfähig geworden. Wie kommt es, dass populistische und rechtsextreme Sichtweisen erneut so Fuß fassen können? Wie schaffen es Menschen, das angsteinflößende Monströse und gleichermaßen die Unsichtbarkeit von Individuen, zwei gegenläufige Pole, die der Hass bedarf, für sich aufzubauen. Carolin Emcke, diesjährige Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, analysiert mit Präzision gesellschaftliche Zustände. Ihre journalistisch knappen Gedankengänge bieten eine Fülle von Argumenten für Pluralität und Offenheit in unserer Gesellschaft. Ein starkes Plädoyer gegen die Angst und für eine lebendig Demokratie, die nur am Leben bleiben kann, wenn wir alle mutig und unbeirrt dazu beitragen, sie zu verteidigen.

Wohltuende Literatur

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J.L. Carr: Ein Monat auf dem Land, DuMont Verlag 2016 € 18,00

 

So wie der "Monat auf dem Land" in Nordengland dem jungen Erzähler wohltut, tut es das Buch dem Leser, der Leserin. In schöner und ganz natürlicher Sprache erzählt der Restaurator von seinem Auftrag, ein übertünchtes Fresko in einer Dorfkirche freizulegen. Es ist das Jahr 1920, der erste Weltkrieg hat Spuren in den Menschen hinterlassen, das ländliche, sommerliche Leben wirkt heilsam. Gesicht für Gesicht, Figur nach Figur befreit der Restaurator ein Meisterwerk des jüngsten Gerichts, erzählt von den besonderen Farben, dem Ausdruck der Figuren und seiner Faszination. Er schließt Bekanntschaften und Freundschaften in dem kleinen Ort und eine zarte heimliche Liebe wärmt ihn. Der Roman war 1980 für den Booker Preis nominiert und wurde nun endlich ins Deutsche übersetzt.

Gewissenhaft & Geistreich

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Lyndal Roper: Der Mensch Martin Luther, S. Fischer 2016 € 28.-

Zwei Reiseführer in die Reformation: Was hat Luther so standhaft gemacht? Woher nahm er seine Überzeugung? Wie stellte er sich seinen Zweifeln und Ängsten? Zehn Jahre umfassender Recherche gingen diesem Buch voraus, dass sich, in Nachwendezeiten, nicht nur dem süddeutschen Raum, sondern mit frischem Blick Luthers Leben und Wirken im ostdeutschen Raum zuwendet. Lyndall Roper, Spezialistin des ausgehenden Mittelalters in Deutschland, schaut Luther fast psychoanalytisch in die Seele und lässt ihre Leser tief in diese bewegten Zeiten zwischen Gottesfürchtigkeit, geistreicher Rebellion und Reflexion eintauchen. Eine fesselnde Biografie, ein großer Kulturführer für alle, die es ganz genau wissen wollen.
In spielerischer Leichtigkeit präsentieren Christian Nürnberger und Petra Gerster das große Ganze für Jung und Alt: den Marco Polo Reiseführer zur Schwelle der Neuzeit. Augenzwinkernd betrachten sie legendäre Ereignisse und verweisen auf die Synergien zwischen Luthers Schaffen und Gutenberg, Kolumbus und Kopernikus. Ergänzt um ein Kapitel über Katharina von Bora bietet der kurzweilige Text ein schnelles Update und experimentiert mit Parallelen und Fragen nach Lösungsansätzen zu unserer aktuellen gesellschaftlichen Lage. Katrin Rüger

Historisch und literarisch sensationell

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Francoise Frenkel: Nichts, um sein Haupt zu betten, Hanser Verlag 2016 € 22,00

1943 geschrieben und veröffentlicht, auf einem Flohmarkt in Nizza wiederentdeckt, 2015 in Frankreich neu aufgelegt und in diesem Jahr erstmals ins Deutsche übersetzt: Francoise Frenkel, eine junge polnische Jüdin, die in ihrer Begeisterung für die französische Literatur 1921 die erste französische Buchhandlung in Berlin eröffnete, erzählt von ihrem Leben. Ihrem erfolgreichen Engagement für die Literatur wird 1939 mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten ein Ende gesetzt. Sie flieht nach Paris und von dort aus quer durch Frankreich bis nach Nizza. Hier erlebt sie sowohl die Nöte des Überlebens im besetzten Frankreich als auch die couragierte Hilfsbereitschaft in der französischen Bevölkerung. Der Leser folgt gebannt ihren Beobachtungen in Freiheit, im Versteck, auf der Flucht, im Gefängnis. Beim 3. Versuch wird ihr die illegale Überquerung der Grenze in die Schweiz gelingen, gleich danach hat Francoise Frenkel das vorliegende Buch verfasst. Ein außergewöhnliches Zeugnis, ein historisch und literarisch sensationeller Fund.

 

Literat trifft Philosoph

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M. Köhlmeier/ K. P. Liessmann, Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist, Adam? Hanser 2016 € 20,00

Das Buch trägt den Untertitel ´Mythologisch-philosophische Verführungen`, und das ganz zurecht. Denn mich hat allein der Titel neugierig gemacht und verführt, zu dem Buch zu greifen. Und damit wäre ich schon beim ersten Schlüsselbegriff, dessen sich die beiden Autoren annehmen: die Neugier. Während Michael Köhlmeier die biblische Geschichte vom Sündenfall im Paradies dem Leser noch einmal mit seinen Worten nahe bringt, philosophiert Konrad Paul Liessmann quasi über die Lust auf Neues, sich über Verbotenes hinwegzusetzen, angestachtelt von der Neugier. Aber - so sagt er - wer neugierig ist, muss mit allem rechnen, genau wie Adam und Eva im Paradies. Zwölf  Begriffe werden dem Leser auf diese Weise in fast spielerischen Form dargereicht, von Schicksal, Rache, Macht über Schönheit oder das Ich. In jedem Kapitel begegnet der Leser Mythen, Sagen, Märchen oder biblische Geschichten. Und kommt möglicherweise ins Staunen, wo sich die großen Lebensthemen darin verbergen. Dieses Buch ist eindeutig etwas für neugierige Entdecker.

Literarische Paarungen

tania schlie schreibende paare

Literarische Paarungen

Tania Schlie, Schreibende Paare, Thiele Verlag 2016 € 25,00

Wer kennt es nicht, das wohl berühmteste Literatenpaar Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir? Sie waren nie verheiratet, haben sich respektvoll gesiezt, lebten nie zusammen, waren ihre strengsten Kritiker und doch haben sie sich viele Jahre gegenseitig beflügelt. Das und vieles mehr erfährt man in Tania Schlies Buch über Sartre und Beauvoir in dem Kapitel ´Die Hälfte von... ein Leben lang`. Es ist nur ein Kapitel von sieben, in denen der Leser für einen kurzen Moment hinter die Fensterscheiben der berühmten Paare wie Martha Gellhorn und Ernest Hemingway, Ingeborg Bachmannn und Max Frisch oder Bettine und Achim von Arnim blicken darf. Dabei geht es der Autorin einzig um die Beweggründe ihres Miteinander im Bezug auf das Schreiben. Die interessante Kapitelzusammenstellung, das hervorragende Bildmaterial, die vielen kleinen Anekdoten und Hintergründe zu den großen Werke ihrer ausgewählten Paare machen dieses Buch zu einem einzigartigen Lesevergnügen. Was es für einen Schriftsteller bedeutet, nicht allein zu sein mit seinem Schaffen, welche Probleme es mit sich bringt, wie man sich reibt oder weitertreibt... darüber kann in diesem wunderbaren Buch nachgeblättert werden.

Zwei ungleiche Schwestern

kristin hannah die nachtigall

Zwei ungleiche Schwestern

Kristin Hannah, Die Nachtigall, Rütten & Loening Verlag 2016 € 19,99

Paris 1939. Die Geschichte zweier Schwestern in Frankreich zur Zeit der deutschen Besetzung bringt den Leser dazu, sich auf zwei ganz unterschiedliche Schicksale einzulassen. Während Vianne am liebsten die Augen  vor der Realität verschließen möchte, nicht wahrhaben möchte, dass ihre jüdische Freundin eines Tages nicht mehr an der Schule unterrichten darf, und sich notgedrungen damit abfinden muss, auch in ihrem Haus ein deutscher Offizier leben wird, will sich ihre Schwester Isabelle nicht mit der Lage Frankreichs abfinden und geht in die Résistance. Beiden Schwestern wird im Laufe der Zeit mehr abverlangt, als sie es jemals für möglich gehalten hätten. Das Buch ´Die Nachtigall` steht stellvertretend für das Schicksal vieler französischer Frauen und nimmt einen mit auf eine lange Lesereise. 

Die Antike lebt

john williams augustus

Die Antike lebt

John Williams, Augustus, dtv Verlag 2016 € 24,00

Ein antiker Held, von dem großartigen John Williams, Autor des Bestsellers ´Stoner` in Szene gesetzt. Wer abtauchen möchte in die antike Welt, sich nicht davor scheut, eine Figur einzig anhand von Briefen und Aufzeichnungen kennenzulernen, und dabei gut unterhalten werden möchte, der muss in meinen Augen einfach zu diesem Roman greifen.  Was Willims hier gelungen ist, lässt einen großen antiken Helden menschlich werden. Seine Freunde wie auch seine Feinde kommen zu Wort. Nur er bleibt außen vor, seine Gedanken werden durch seine Taten und die Betrachtungen Dritter erst richtig lebendig. Meine persönliche Leseempfehlung für dieses Jahr.

Die Angst geht um

frank goldammer der angstmann

Frank Goldammer, Der Angstmann, dtv Verlag 2016 € 15,90

Max Heller ist ein grundsolider Kriminalinspektor, der nur seine Arbeit machen will. Und das mitten in Dresden, kurz vor Ende des 2. Weltkrieges, während die Russen bereits im Vormarsch sind und die Menschen kurz vor dem Verzeifeln, sich gegenseitig Denunzieren und Resignieren sind. Ein psychopathischer Sereinmörder, der Frauen bei lebendigem Leib die Haut abzieht, lässt Max Heller nicht kalt. Er bemüht sich, seine Arbeit trotz der widrigen Umstände, trotz eines überzeugten SS-Anhängers als Chef, der seine Aufklärungen sabotiert, und trotz Hunger und Ängsten so gut wie möglich zu machen. Als er und seine Frau Karin mitten in der großen Bombadierungsnacht, in der Dresden dem Erdboden gleichgemacht wird, mit dem Leben gerade so davon kommt, verliert er zwar seinen Job, den Mörder aber nicht aus den Augen, denn er treibt weiter sein Unwesen... Ich finde die Atmosphäre bedrückend gut in dem Buch, die Kriegsszenerien gehen unter die Haut, die Schicksale der Menschen werden von allen Seiten beleuchtet, von denen, die einfach nur Opfer waren, den Agitatoren, und solchen, die die Augen verschlossen hatten. Ein gelungener historisch in den Jahren 1944/45 angesiedelter Krimi.

Palastschätze live – Eva Ladipo „Die Wende“

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Als die Journalistin Eva Ladipo nach der Aufnahme ihres Debüts Wende  im Netz forschte, entdeckte sie es unter unseren Palastschätzen, denn wir waren begeistert von ihrem intelligenten Politthriller. Der Titel des Buches ist Programm. Er steht für die Energiewende, aber auch für die politische Wende in Deutschland. Rasant und brillant recherchiert wird zwischen Klimaschutz, Atomausstieg und deutsch-deutscher Geschichte ermittelt. Nun bekommt dieser Schatz ein Gesicht und eine Stimme. Freuen Sie sich auf eine spannende Palastschatzlesung.

Für gemütliche Winterabende

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Peter Hartlieb: Ein Winter in Wien, Kindler 2016 € 16,95

1910 in Wien: Marie ist das neue Kindermädchen im Hause Arthur Schnitzlers. Der "Winter in Wien" erzählt eine vergnüglich zu lesende Geschichte, die sich an den Tagen vor Weihnachten ereignet. Der Leser wird sowohl in das Wien der damaligen Zeit hineinversetzt als auch in das Leben in einem großbürgerlichen Haushalt aus der Sicht der jungen Angestellten. Diese erzählt auch erinnernd ihre Herkunftsgeschichte in einfachen ländlichen Verhältnissen. Dass die Liebe Marie zum ersten Mal erwischt und sie Lustiges und geradezu dramatisch Spannendes mit den ihr anvertrauten Kindern erlebt, macht das Buch zu bester locker, leichter Unterhaltung.

Kluge Unterhaltung

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René Freund: Niemand weiß, wie spät es ist, Zsolnay Verlag 2016 € 20.-

Dieser Roman liest sich wie im Flug: gleich von der ersten Seite an begleitet der Leser Nora, eine chaotische, in Paris lebende junge Frau, die auf eine ungewöhnliche Reise geschickt wird. Ihr eben verstorbener Vater hat einen letzten Willen verfügt. Eine Wanderung in den Alpen, mit seiner Asche im Gepäck, für die er nicht nur die Etappen festgelegt hat, sondern auch Noras Begleiter: Bernhard, ein pedantischer Notariatsgehilfe. Das Aufeinandertreffen der verschiedenen Charaktere bietet viel Potential für Situationskomik und Sprachwitz. Gleichzeitig regt das Buch zum Nachdenken über zentrale Lebensthemen an und überrascht mit der Entwicklung der Geschichte. Kluge Unterhaltung!

Auf kreativer Jagd nach Inspiration

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Christoph Niemann: Sunday Sketching, Knesebeck 2016 € 34,95

Auf den ersten Blick ein Fotoapparat, auf den zweiten ein offenes Tintenfässchen, durch das der Betrachter die Welt sieht. Nichts könnte passender sein, für einen Band des Künstlers Christoph Niemann. Seine Striche lässt er flächig aus Pinseln oder punktgenau aus Stiften und Federn laufen, mal komponiert er Flächen dazu, einen Alltagsgegenstand.  In minmalistischer Sparsamkeit blickt Christoph Niemann mit seinen kunstfertigen Sketchen auf die Welt. Elf Jahre lebte er in New York, arbeitete für The New York Times Magazine, zeichnete dort die Kolumne abstractsunday  und gestaltete Cover für The New Yorker. Heute lebt der gebürtige Süddeutsche in Berlin. Sunday Sketching erzählt von seinem Leben, seiner Arbeit als Künstler, seinen Zweifeln, seiner Angst sich nicht immer wieder neu erfinden zu können. "Mit Kreativität kann man nicht effizient sein", sagt er. Es bedarf Raum für Fehler und gerade wenn es gut läuft, sollte man die Richtung wechseln. Und nicht zuletzt muss man immer wieder das Sehen üben und den Blick neu öffnen. Dieser Band umfasst Werke aus allen Epochen. Auf jeder Seite ein eigenständiges Kunstwerk und doch, in seiner Gesamtheit ein visuelles Seelenleben, das zu faszinieren und inspirieren vermag.

Spannend und einfühlsam

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Georg Elterlein: Sprache der Krähen, Picus Verlag 2016 € 22.-

Die Hauptfigur in diesem Buch, Leonard, führt ein Doppellleben: offiziell ist er Schlosser, bisher unentdeckt ist er ein hochkarätiger Dieb. Was dann passiert, will so gar nicht in sein Leben passen. Sein jüngerer Bruder, den er seit 20 Jahren nicht gesehen hat, ist mit seiner Frau tödlich verunglückt und hat einen 11-jährigen Sohn hinterlassen. Leonard ist der einzige Angehörige. Bei den Begegnungen mit seinem Neffen, der posttraumatisch verstummt ist, zeigen sich ganz unerwartete Facetten Leonards. Er hat großes Geschick im Umgang mit dem Jungen, dessen Gedanken er feinfühlig erspürt. Er übernimmt Verantwortung, als er noch gar nicht weiss, ob er das auch möchte und öffnet sich gleichzeitig der Erinnerung an seine eigene schwierige Vergangenheit. Die "Sprache der Krähen" -  Krähen spielen im Geschehen eine wichtige Rolle - ist ein vielschichtiger Roman mit gutem Spannungsbogen, der psychologisch einfühlsam sehr verschiedene Lebensthemen ausleuchtet.

 

 

 

Liebe mit Verfallsdatum

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Dorit Rabinyan: Wir sehen uns am Meer, Kiepenheuer & Witsch 2016 € 19,99

New York, Winter 2003: Während auf den Straßen der Schneesturm tobt, glühen die Herzen von Liat und Chilmi. Die in Tel Aviv geborene Liat studiert Übersetzung, Chilmi aus Ramallah hält seine Welt in Zeichnungen fest und arbeitet in der Kunstszene von New York gerade an seinen Durchbruch. Beide leben fern ihrer Heimat und doch in ihren Welten, Familien und Freundeskreisen. Sie verlieben sich ineinander und versuchen, nicht mutig aber doch bestimmt ihrem Herzen folgend, wider alle Regeln, ihre Beziehung auf- und auszubauen. Eine sinnliche Romeo und Julia Geschichte von politischer Aktualität, die in Israel einen Skandal hervorrief.

Reales und Fiktives rund um eine Palladio Villa

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Felix Kucher: Malcontenta, Picus Verlag 2016, € 24.-

Die Villa Malcontenta am Brentakanal, nahe Venedig gelegen und von Palladio erbaut, ist der Dreh- und Angelpunkt für drei männliche Figuren in diesem Roman. Battista Franco, der um 1560 die Fresken in der Villa malt und in einem Tagebuch von seinem Leben berichtet; Bertie Landsberg, Bankierssohn, der nach einem ausschweifendem Leben um 1912 die Villa erwirbt und dort seiner Sehnsucht nach Harmonie und Schönheit nachgeht; Said, Graffitikünstler und Flüchtling aus Lybien, der 2012 bei der Villa eine Chance bekommt.
Das Buch begeistert in seiner Vielseitigkeit durch die drei so unterschiedlichen Lebensläufe und gibt gleichzeitig Einblicke in das Leben bekannter Persönlichkeiten: Tizian, Michelangelo und Georgio Vasari als auch Matisse, Strawinsky, Cole Porter und viele weitere. Beste Unterhaltung für Italien - und Kunstliebhaber! Nach der Lektüre dieses Buches möchte man am liebsten gleich die Villa Malcontenta besuchen...