brooks-bunker

Foto: Kevin Brooks mit Bücherfressern in München. Zum Interview

Kevin Brooks, Bunker Diary, dtv 2016 € 8,95

Linus ist in einem Bunker eingesperrt und führt dort Tagebuch. Nach und nach kommen die neunjährige Jenny, die hysterische Managerin Anja, der unsympathische Bird, der drogenabhängige Fred und der Philosoph Russel hinzu.  Keiner weiß, warum sie gefangen gehalten werden oder von wem. Sie müssen zwar um alles bitten, aber die Grundbedürfnisse sind in etwa erfüllt. Der unbekannte Entführer hat in jedem Raum eine Kamera und ein Mikrofon installiert und beobachtet jeden Schritt, wie ein Besitzer sein Haustier. Wenn sich jemand auflehnt, werden alle bestraft. Kevin Brooks stellt in diesem Buch die spannende Frage bis zu welchem Grad die Menschlichkeit erhalten bleibt und wie die verschiedenen Charaktere dieser abwechslungsreichen Mischung auf die Extremsituation reagieren.
Da man Linus´ Tagebuch liest, fühlt man sich ihm besonders nahe. Kevin Brooks schafft es, dass man selber überlegt, welcher meiner Mitgefangenen will mir Gutes oder Böses, wer könnte mein Verbündeter werden? Es gibt nichts zu tun, tagein tagaus nichts außer Grübeln und der immer größer werdenden Frage nach dem Warum. Während seiner Gefangenschaft hat Linus unglaublich viel Zeit für seine Gedanken, er denkt einfach über alles nach, beispielsweise sein bisheriges Leben, das klug sein und die Zeit. Seine Gedanken drehen sich mehr und mehr im Kreis und als Leser passiert einem genau Dasselbe. Man selbst fühlt sich verwirrt und nach und nach verliert man die eigene Hoffnung. Das Spiel mit der Hoffnung ist in diesem Buch sehr entscheidend, es desillusioniert, verbietet jegliche Naivität und zeigt, dass wir Menschen nicht so stark und durchhaltefähig sind, wie wir von uns selbst denken. Das ist absolut unglaublich. Bunker Diary“ wollte Kevin Brooks ja eigentlich schon vor Jahren veröffentlichen, doch die Verlage meinten, es wäre zu düster für Jugendliche. Ich stimme insofern zu, dass es tatsächlich düster ist, doch gerade das macht es auch zu dem tollen Buch, das es ist. Kevin Brooks möchte seine Leser nicht in Watte packen und schonen, man fühlt sich als jugendlicher Leser ernst genommen und man wird stark zum Nachdenken gebracht. Paula, 16 Jahre
Ich persönlich fand, dass der neue Roman von Kevin Brooks wie ein Horrorfilm gestaltet ist, und war froh, als ich fertig war. Das Gedankenexperiment in diesem Buch ist sehr reduziert.Sprachlich fand ich das Buch ok, aber dass es nur eine Sichtweise gibt, einige der Personen nur sehr kurz beschrieben werden, und der Schluss so verschlüsselt bleibt, hat mir nicht gefallen. Auch die Kernfrage des Romans "Was bleibt vom Menschen übrig, wenn man ihm alles nimmt?" ist nicht neu, sie wurde schon oft gestellt und in anderen Romanen wie zum Beispiel "Und in mir der unbesiegbare Sommer" von Ruta Sepetys sehr viel eindringlicher und nachdenklicher gestaltet.Im Vergleich zu "Der Mörder weinte" von Anne-Laure Bondoux ist "Bunker Diary" flacher und weniger eindringlich.Bondoux` Buch regt, weil es distanziert erzählt ist, die Geschichte subtiler gestaltet ist, und Personen und Situationen vielfältiger sind, wirklich zum Nachdenken über Kategorien wie Gut und Böse an. Insgesamt ist es meiner Meinung nach im Gegensatz zu "Bunker Diary" sprachlich fantastisch und stimmig aufgebaut. Claire, 18 Jahre
Wie durch eine Camera obscura schaut der Leser auf das atemraubende Szenario von Kevin Brooks neustem Werk Bunker Diary, in dem sich wieder der rote Faden seines Jugendbuchwerkes zieht: Das gelungene literarische Spiel um die Frage, was von einem Menschen übrig bleibt, wenn man ihm vieles nimmt. Seine ehrliche Analyse ist ausschlaggebend für die enorme Attraktivität seiner Bücher bei jugendlichen Lesern, die er, wie kaum ein anderer Autor, in die Seele seiner Figuren mitzunehmen vermag. Stetig sind seine Figuren allgegenwärtiger Gewalt ausgesetzt und ziehen sich dabei auf den Kern ihres Wesens zusammen. Kevin Brooks gelingt es nun, den letzten Zipfel eines Mantels zu entfernen und seinen Lesern einen Blick auf das Innerste zu ermöglichen. In einer langen Reihe preisgekrönter Bücher ist dies ein Meisterwerk. Linus beginnt das Tagebuch mit seiner Entführung. Er wird in einem alten Atomschutzbunker festgehalten. Hermetische Abriegelung. Sterilität. Kameraüberwachung. Sechs kleine Räume mit Bett, Stift, Blankobuch und Bibel. In der Küche nichts außer Plastikgeschirr. Kontinuierlich füllt sich der Bunker. Die Entführten bilden dabei einen Querschnitt des sozialen Lebens. Über einen Aufzug haben alle die Möglichkeit schriftlicher Kommunikation mit „IHM“, dem Entführer. Die Seite des Bösen bleibt dabei Spekulation. Zeit und das eigene Gedankenspiel ist das, was Linus hier unten im Übermaß besitzt. Was tut ein Mensch in einer ihm unerklärlichen Zwangssituation? Warten? Hoffen? Glauben? Brooks Figuren halten sich weder an die Religion noch spielt er sie in sartrischer Manier. Dennoch mobilisiert Linus an seiner Grenze sagenhafte Kräfte.

„Nichts ist unerträglich“, bemerkt er, denn „wenn du etwas nicht aushalten kannst, bist du tot.“

Bunker Diary ist im besten arendt´schen Sinne ein großes Bekenntnis zur mögliche Tiefe und Radikalität des Guten auf dessen anderer Seite das Böse zwar Fakten schafft, doch keine Tiefe gewinnen kann. Dies zu erkennen braucht es das erschütternde, ehrliche Ende, welches zugleich von der faszinierenden Tatsache berichtet, dass Linus nicht zuletzt in seiner Verantwortung für die kleine Jenny eine Aufgabe findet, die ihn in all seinen Gedanken und Hoffnungen weit über den Verlust lebensnotwendiger Dinge hinaus am Leben erhält. Deutlicher und brillanter kann man über Menschlichkeit wohl nicht erzählen! Katrin Rüger