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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis Jugendbuch 2012

Foto: Anne-Laure Bondoux mit Bücherfressern auf der Frankfurter Buchmesse. Zum Interview

Anne-Laure Bondoux, Zeit der Wunder, Carlsen Tb €6,99

Kaukasus, 1985: Das Sowjetreich zerfällt und die kleinen Staaten, die Moskau unterstellt waren, wollen unabhängig werden. Dabei gibt es immer wieder auch Anschläge, einer von vielen auf einen Zug. In dem brennenden Zug findet eine russische Helferin, Gloria, eine französische Frau mit ihrem Baby, die im Sterben liegt. Die Frau, Jeanne, fleht Gloria an, ihren Sohn Blaise zu nehmen, und übergibt ihr auch seinen und ihren französischen Pass.So nimmt Gloria Blaise, den sie Koumail nennt, bei sich auf, schlägt sich mit ihm durch ihr hartes Leben, ein Leben der Ärmsten, und erzählt ihm jeden Abend "seine" Geschichte, die ihm Mut und Hoffnung geben soll. Bis auf einen Rucksack mit Gegenständen, die ihnen wichtig sind, haben sie sonst weniger als nichts. Die Gegenstände sind zum Beispiel ein grüner Reiseatlas, auf dem sie ihren Weg verfolgen, und ein Samowar, mit dem sie Tee kochen können. Seitdem ist es Glorias Ziel, ihn nach Frankreich zu bringen, in das Land, in dem die Menschenrechte erfunden wurden.

Dort erhofft sie sich bessere Chancen für ihn als im Kaukasus. Auch wenn die Wirklichkeit unerträglich und grauenvoll ist, sieht Blaise bzw. Koumail immer das Gute. "Die Zeit der Wunder" ist eines der (auch sprachlich) schönsten Bücher, die ich in letzter Zeit oder vielleicht überhaupt gelesen habe. Manche Szenen sind sehr bewegend, z.B. als er sich fragt, ob man im Krieg überhaupt glücklich seine darf - er hat Gloria kennengelernt und sich zum ersten Mal verliebt. Und vor allem der Schluss ist wahnsinnig toll! Absolut DJLP-würdig!!! Claire, 15 Jahre

 

Manchmal frage ich mich, warum mich ein Buch unter so vielen plötzlich magisch anzieht. Ist es sein Titel „Zeit der Wunder“, der insgeheim so viel verspricht? Sein Cover, der Balanceakt eines Kindes auf rostiger Tonne am Saum eines endlos scheinenden Meeres? Ist es sein knapper, poetischer Erzählstil oder sind es die sparsamen Requisiten, der Atlas zum Beispiel, an dessen Seiten man sich im fremden Land sogleich ebenso festhält wie sein Besitzer. Alles an diesem Buch ist sparsam und zart, eigentlich zärtlich und hingebungsvoll, und dabei überaus fesselnd und stark. Die Geschichte spielt unter den Ärmsten der Armen im Kaukasus. Sieben Jahre schlagen sich Gloria und Blaise durch ein von Aufruhr und Zerfall gezeichnetes Land. Hunger und Flucht, Trostlosigkeit und Verzweiflung hätten die beiden fest im Griff wäre da nicht eine unglaubliche Geschichte, ein glühender Hoffnungsschimmer am Horizont, der den kleinen Erzähler immer wieder voran treibt. Eigentlich sei er in Frankreich geboren und in dieses verheißungsvolle Land der Freiheit und Menschenrechte will Gloria ihn endlich wieder bringen. Viele Grenzen müssen gemeistert werden und immer wieder bleibt etwas zurück. Das Großartigste bleibt für den Schluss. Genau das sind die Zutaten für ein grandioses Buch, welches sich nicht nur zum selber Lesen sondern auch wunderbar zum Vorlesen eignet. Katrin Rüger