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Foto: Anne-Laure Bondoux und die Bücherfresser auf der Frankfurter Buchmesse. Zum Interview

Anne-Laure Bondoux, Der Mörder weinte, Carlsen 2014 € 14,90

Es ist eine Geschichte vom Ende der Welt und wie schon "Zeit der Wunder" über eine ungewöhnliche Art von Glück, Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Für den siebenjährigen Paolo beginnt eine neue Zeit, als eines Tages der gesuchte Mörder Angel an seinem Haus am abgelegensten Ende Chiles ankommt und seine Eltern umbringt. Den Jungen lässt der misstrauische und verbitterte Mann am Leben, zieht in das Haus ein und übernimmt Stück für Stück eine Art Vaterrolle für ihn. Es beginnt eine Art Verbindung, Freundschaft zwischen den beiden. Nach einiger Zeit stößt ein weit gereister, nach sich selbst suchender Mann zu ihnen, der ebenfalls eine Vaterfigur für Paolo wird, wenn auch auf eine andere Weise.Diese eigenartige Familie wird jedoch zerstört, als der zum Tode verurteilte Angel hinter Gitter kommt. Clarie, 18 Jahre
Der Text fragt das eigene Urteil, denn der Mörder begeht an mehreren Stellen im Buch sinnlos-grausame Taten, die nicht beschönigt werden, zeigt aber auch zutiefst menschliche Gefühle. Er macht es dem Leser nicht leicht, aber eben auch das macht das Buch so besonders. Literarisch großartig!

Einen Mörder zu lieben ist nicht normal.“ Anne-Laure Bondoux, Der Mörder weinte

Dieser einfache Satz birgt gleich mehrere Stolperfallen. Leicht hat man es, wenn man beim Mörder an ein bestialisches Monster denkt. Was aber, wenn in der Bestie doch ein Mensch steckt? Und wie steht es mit demjenigen, der einen Kontakt zu diesem Täter besitzt? Ist er ebenfalls abnorm, wenn er für diesen Menschen menschliche Regungen zeigt? Der Mörder weinte. Schon der Titel zeigt, dass Bondoux gedenkt, sich dem Thema nicht auf die bequeme Art und Weise der verbalen Entmenschlichung zu nähern. Die nötige Distanz zur eigenen Lebensweise schafft sie durch die Wahl ihres Schauplatzes, einem chilenischen Bergdorf am Rande der Welt. Entrückt, in zarter Poesie und Sparsamkeit der Worte lässt der Text unbequemen Gedankenspielen den größtmöglichen Raum. Der Mörder kommt von fern. Tarantinolike inszeniert Bondoux seinen Auftritt und schafft Gewissheit: Dieser Mann versteht sein Handwerk. Der kleine Paolo, dessen Eltern durch Angel Alegría sinnlos den Tod gefunden haben teilt nun mit dem Täter die elterliche Kate. Das gemeinsame Leben knüpft unweigerlich sein Band. Geschickt spiegelt Bondoux dieses Verhältnis von Paolo und Angel an einem weiteren Weitgereisten, der sich der kleinen Gemeinschaft anschließt und für Aufregung sorgt, als alle drei nach Valparaiso aufbrechen. Dort kommt Paolo endlich seinem kleinen Glück zum Greifen nahe. In einem rücksichtslosen, zerstörerischen Eingriff der Polizei wird zwar der Mörder verhaftet, Paolo jedoch verliert alles. Der Vollzug des Urteils von Angel Alegría, die Todesstrafe, zögert sich Jahre hinaus und so verpasst Paolo, inzwischen volljährig und endlich besuchsberechtigt, nur knapp ein Wiedersehen. Hier spürt der Leser eine stille Trauer, obwohl der Text so sehr mit Emotionen geizt. „So ist das nunmal. Das ist Gerechtigkeit“, sagt der Alte am Gefängnistor zu Paolo. Sätze wie diese bekommen bei Bondoux eine ganz eigenwillige Strahlkraft, wahrhaftig und absurd zugleich. Der Zauber ihres brilliant präzisen Textes liegt nicht zuletzt in ihrer Meisterschaft Distanz und Verbundenheit des Lesers zu ihren Protagonisten gleichermaßen zu schaffen. Die Verbundenheit betont die menschlichen Facetten jeglichen Handelns und bringt Wärme. Die Distanz ermöglicht Einschätzung und eigenes Urteil, welches hier trotz Genuss der Lektüre wohl nicht schwerer sein könnte. Glücklicherweise hat Carlsen diesen frühen Bondoux Titel (Original 2003) nun vollständig herausgebracht. Der brisante Stoff wurde schon 2011 von Thierry Murat gelungen in Bilder gesetzt. (Verlag Schreiber und Leser). Letztendlich schöpft der Comic auch hier schon seine Kraft und Suggestivwirkung aus der reduktiven Form des klug gesetzten Textes. Katrin Rüger

Katrin Rüger