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Anne-Laure Bondoux: Bella Rossas anderes Glück, Carlsen Verlag 2016 € 17,99

Bella Rossa hat genug von ihrem eintönigen Leben in einer kleinen Siedlung mitten im Wilden Westen. Sie will fahrende Händlerin werden. Auf ihrem Weg muss sie nicht nur um Kundschaft kämpfen, sondern auch mit ihrer Liebe zu Jaroslaw und ihrem ewig meckernden, gelähmten Vater fertig werden. Ein Western zur Zeit des Goldrausches aus der Perspektive einer starken, aber auch liebevollen, jungen Frau. Er lebt, wie alle Bücher von Anne-Laure Bondoux, von seinen wundervoll vielschichtigen Charakteren. Clara, 15 Jahre
Ihr neustes Werk spielt in die Zeit des Goldrausches. Viele Familien ziehen im Planwagen nach Westen. Einem verheißungsvollen Glück entgegen. Das Mädchen Bella Rossa wird nach dem Selbstverständnis des damaligen weiblichen Rollenbildes gezwungen, auf diese Reise zu gehen und für ihren Vater zu sorgen, der nach einem Unfall gelähmt im Planwagen sitzt. Eine undankbare Aufgabe, über die sie in all ihrer Stärke fast märchenhaft weit hinauswächst. Diese quirlige, starke Hauptfigur setzt Maßstäbe und zeigt, dass Handeln gefragt ist, wenn man etwas ändern will. Katrin Rüger
PS: Auch ich stimme mit Claras Meinung überein, das Der Mörder weinte ein weitaus faszinierender Titel von Anne-Laure Bondoux ist, ebenso wie Die Zeit der Wunder. Fünf Jahre nach dem ersten Interview  treffen wir die vielseitige Autoren nun in Frankfurt wieder.

 

Anne-Laure Bondoux begrüßte uns auf Deutsch. Obwohl sie viel verstanden hat, fand das Gespräch auf Französisch statt. Zum französischen Original dieses Interviews kommt ihr hier.
Wo finden sie Ihre Charaktere? Zum Beispiel die große Familie aus „Von Schatten und Licht“? Anne-Laure Bondoux: Für mich sind die Personen einer Geschichte sehr wichtig. Meine Charaktere müssen stark und vielschichtig sein. Mit einer hellen und einer dunklen Seite. Sie sind freundlich und gemein. Wie wir. - Also, die Familie: Ich habe sie erfunden und auch im echten Leben gefunden. Ich habe einen Bericht über eine russische Familie im Radio gehört. Die ganze Familie lebte in einem Wald. Die Kinder haben nie ein Telefon gesehen. Sie sind im 19. Jahrhundert stecken geblieben. Dort habe ich die Idee für meine kleinen Charaktere gefunden.bondoux-licht

Machen Sie einen Plan, bevor sie anfangen zu schreiben oder schreibt sich die Geschichte von selbst? Oft schreibt die Geschichte sich selbst. Bevor ich anfange einen Roman zu schreiben, brauche ich die Hauptfiguren. Dann brauche ich die erste Szene, und danach lasse ich die Figuren lebendig werden. Sie sind es, die mich in die Geschichte mitnehmen. Normalerweise habe ich keine Ahnung, wie es ausgehen wird. Außer bei Die Zeit der Wunder, von der Aufdeckung am Ende wusste ich. Aber normalerweise, weiß ich das Ende nicht.

Mögen sie die deutschen Titel? Ja, Von Schatten und Licht ist ein Titel, an den ich selbst im Französischen gedacht habe. Jetzt lautet er Tant que nous sommes vivants. Auf Französisch klingt das besser, aber ich habe auch an D’hombre et de la lumière gedacht. Also mag ich den Titel auch. Bella Rossas anderes Glück klingt nicht sehr gut, wenn ich das ins Französische übersetze, aber es passt sehr gut zur Geschichte. Der Mörder weinte  auch. Der französische Titel ist ähnlich. Les larmes de l‘assassin.

 
 Alle Ihre Bücher erzählen schöne Geschichten, haben aber traurige Themen. Wie machen Sie es, dass man sich am Ende gut fühlt? Echt? Am Ende fühlst du dich trotzdem gut? Das mag ich, ich mag es meine Leser zum Weinen zu bringen. Wenn man viel weint, fühlt man sich danach besser. Und ich mag es, den Lesern zu erlauben, starke Emotionen zu zeigen. Am Ende aber gibt es immer Hoffnung und Licht, weil ich ein sehr optimistischer Mensch bin. Manchmal ist das Leben schwierig, aber das wird vorübergehen. Aber einmal möchte ich gerne einen lustigen Roman schreiben. Aber das ist sehr schwierig, weil ich Leute besser zum Weinen bringen kann.

In Der Mörder weinte wächst Paolo allein mit seinen Eltern komplett abgeschottet von der Zivilisation in der Wüste von Chile auf. Eines Tages taucht Angel, ein gesuchter Mörder, auf. Und obwohl dieser Paolos Eltern umbringt, nimmt der kleine Junge ihn an, lernt ihn kennen und lieben. Eine wunderschöne Geschichte über Vertrauen und die Liebe zwischen unglaublich vielschichtigen Charakteren. Der Mörder weinte hat es direkt auf die Liste meiner Lieblingsbücher geschafft. Unbedingt lesen!

Zu diesem Buch hatten wir auch noch ein paar Fragen: Warum haben Sie das Haus mitten ins Nirgendwo gesetzt? Weil ich es mag, wenn meine Geschichten weit weg von mir spielen. Ich wohne in einer großen Stadt, also ist die Wüste genau das Gegenteil.bondoux-wunder

In welche Person können Sie sich am besten hinein versetzen? Ich bin in allen Personen, aber am meisten habe ich mit dem Mörder gemeinsam.

Warum tötet Angel nur Paolos Eltern und Paolo nicht? Es war wie Liebe auf den ersten Blick, wie bei einem kleinen Katzenbaby.
Wie kamen sie auf die Idee, dass Luis noch dazu kam? Luis ist von sich aus gekommen. Er war plötzlich einfach da.

Mögen sie die guten Seiten des Mörders? Ich mag z. B. seine Mutterrolle.bondoux-moerder

Würden Sie ein Leben wie das von Paolo und seinen Eltern mögen? Nein, ich würde gerne das Leben auf dem Land kennenlernen, aber nicht in der Mitte einer Wüste, in der Mitte vom Nirgendwo. Das ist zu viel.

Woher hatten Sie die Idee für das Buch? Die Idee hatte ich das erste Mal, als ich nachmittags eine Siesta machen wollte. Ich hatte einen Tagtraum, und ich habe einen großen Mann gesehen Ich habe ihm zugeschaut, wie er mit einem kleinen Kind an der Hand durch die Wüste ging. Und ich habe sofort gedacht, dass das ein Mörder und ein Kind waren.

Glauben Sie, dass es etwas „verbessert“, wenn man einen Mörder tötet? Nein, ich glaube nicht, dass das etwas ändert, aber ich finde diese Frage sehr komplex. Die Todesstrafe finde ich prinzipell absurd. Aber nach den Attentaten gab es Menschen, die gesagt haben, dass man die Terroristen töten muss. Und ich kann sie auch verstehen. Ich selbst möchte mich an mein Prinzip halten: Keine Todesstrafe.

Glauben Sie, dass in diesem Moment, getötet zu werden die beste Lösung für Angel ist? Für ihn selbst, ja. Er mag denjenigen, der er ist, nicht mehr. Er hat ein schlechtes Gewissen, er hat verstanden, dass er etwas Schlechtes getan hat und ist bereit zu sterben, zu bezahlen. Aber ich, ich möchte ihn retten. Aber das ist sein Schicksal.
Wir danken Anne-Laure Bondoux für dieses tolle Interview. Wer französisch spricht kommt hier zur Website der Autorin.