Articles Written By: Katrin Rüger

Katrin Rüger

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Spezialistin des Kinder- & Jugendbuches

Wenn es im Kopf leuchtet und das Herz kribbelt

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Gideon Samson: Sternschnuppensommer, Gerstenberg Verlag 2018 €12,95

Jakob ist eher der Typ unsichtbar. Nur nicht auffallen, keine Freunde, Eltern getrennt. Als die Mutter ihn in den Sommerferien zu seinem Vater auf eine griechische Insel schickt, packt er vorsorglich 30 Comichefte ein und vergräbt sich lesend auf seinem Zimmer. Doch dann lernt er Michális kennen, einen Nachbarsjungen, und findet in ihm jemand, mit dem man reden kann. Als Michális ihm von der Ankunft  seiner Ferienfreundin erzählt, einem Mädchen in das er sich letztes Jahr verliebt hat, reagiert Jakob verwirrt und besorgt, dann verwundert und neugierig. Flugs wird aus der Zweisamkeit eine Dreieinigkeit, die unzertrennlich auf Abenteuerkurs die Insel unsicher macht, bis Jakob feststellt, dass auch er sich in Puck verliebt haben muss. Eine wunderschöne erste, kindliche Liebesgeschichte, die zaghaft eine ganze Palette von Gefühlen,  Schmetterlinge, Wut und Verzweiflung und wieder zurück zu einer Freundschaft, präsentiert. Die besondere Du-Perspektive reißt den Leser aber nicht zu tief hinein, lässt ihn vielmehr Beobachtungsraum für das Selbstwerdungs-Schauspiels, an dem Jakob am Ende stark hervorgeht, Freude findet, von der Liebesgeschichte seiner Eltern erfährt und seinen Vater richtig kennenlernt.

Homage an Erich Kästner – Detektivarbeit heißt frei und unabhängig zu denken.

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Philip Kerr: Friedrich der Große Detektiv, Rowohlt Verlag 2017 € 14,99

Berlin 1933: Friedrichs Nachbar Erich Kästner hat dem 12-jährigen ein signiertes Exemplar von Emil und die Detektive geschenkt. Nun brennt er mit kindlicher Leidenschaft für die Detektivarbeit und hat das Buch schon viele Male gelesen.  Gerecht sollte es auf der Welt zugehen. Aufmerksam beobachtet er die Menschen um sich herum. Die neuen Hilfspolizisten der NSDAP erobern einschüchternd und gewaltbereit die Gehsteige. Viele Bürger, auch sein Bruder Rolf, rufen begeistert "Sieg Heil" auf den pomösen Siegesmärschen der Nationalsozialisten mit Fakeln und Millitärmusik. Welcher Sieg, fragt sich Friedrich im Stillen. Er nimmt wahr, wie sein Freund Leo Hertz in der Schule von Lehrern drangsaliert wird, bis er mit seiner Familie das Land verlässt. Immer mehr Menschen verlassen Deutschland. Die Erwachsenen werden schweigsamer.  So oft er kann, sucht er bei seinem Freund Kästner Rat. Auch bei Gesprächen mit Erwachsenen ist neuerdings Detektivarbeit gefragt. Kerr arbeitet behutsam und routiniert. Entlang realer Figuren,  Schauplätzen und Ereignissen entwickelet er spielerisch eine spannenden Geschichte, die in vielen kleinen Details, auch für völlig unbedarfte, junge Leser, von der Machtübernahme 1933, dem Umbau des Landes zur Diktaur, der Ausbreitung von Terror und Gewalt und der Stimmung der Menschen in Deutschland erzählt. Ein guter Grund, sich den kindlichen Blick zu bewahren, doch Friedrich wird in dieser, politsch aufgeladenen Zeit, viel zu schnell erwachsen. Aber er bleibt unbeirrt: ein freier, unabhängiger Denker. Solche Detektive braucht das Land!

12. April 2018, 19:30 Uhr: „Schau mir in die Augen, Dürer“ Alte Meister neu entdeckt mit Susanna Partsch

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Susanna Partsch: Schau mir in die Augen, Dürer. Die Kunst der alten Meister erklärt von Susanna Partsch, Beck Verlag 2018 € 28.-

Weshalb trägt Maria immer einen blauen Mantel? Wieso malte Rubens mit Vorliebe füllige Frauen? Wie lassen sich große Formate, die durch keine Tür passen, transportieren? Kenntnisreich und unterhaltsam geht Susanna Partsch diesen und vielen weiteren Fragen auf den Grund - und lässt die Kunst der Alten Meister auf diese Weise sehr lebendig werden.

Die Veranstaltung eignet sich für Erwachsene und junge Erwachsene, Kunstliebhaber und -banausen, denn dieser enträtselnde, klare Blick auf die Kunst kann eine Liebe fürs Leben begründen. Eintritt: € 5.- Um Anmeldung wird gebeten.

26. Februar 2018, 19:00 Uhr: Buchpremiere Nikolaus Nützel im Gespräch mit den Bücherfressern über sein Sachbuch „Was ist Liebe?“

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Die Liebe wohnt im Buchpalast

Was ist die Liebe? Ob jung oder alt, zeitlebens bewegt diese Frage die Menschen. In seinem neuen Sachbuch über die Liebe versucht Nikolaus Nützel zehn treffliche Antworten zu finden und wendet sich dabei vor allem an junge Menschen, die sich sprachlos vielleicht, peinlich berührt, neugierig und emotional mitgerissen inmitten des Gefühlskarussels befinden. Der Experte wird bei seiner Buchpremiere im Buchpalast ins Gespräch mit fünf jugendlichen Bücherfressern gehen, die sich in der Jugendliteratur zum Thema Liebe umgeschaut haben und sein Buch dabei vorstellen.

Eintritt € 5.-. Um Anmeldung wird gebeten.

Was wollen die denn mit meinen Daten?

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Michael Keller, Josh Neufeld: Big Data, Jacoby & Sturart 2017 € 15,-

Ist die schöne neue Welt noch aufzuhalten? Das könnte schon eine Frage von Gestern sein. Wenn wir Glück haben, ist es eine Frage von heute. Eine Frage von morgen ist es ganz sicher nicht. Der große Vorteil, denn man erhält, wenn man über Facebook oder Whatsapp kommuniziert oder sich mit Google orientiert ist unmittelbar spürbar. Dem entgegen steht ein Verlust, der nicht direkt spürbar ist und für den es keinen Maßstab gibt: Der Verlust der Privatheit. Schutzlosigkeit. Für das Sammeln, Verarbeiten und Weitergeben privater Daten gibt es in den meisten Staaten klare Gesetze und Regeln. In der digitalen Welt und freien Wirtschaft gibt es sie nicht. Man kommt gar nicht aus: Will man einen Dienst, eine App nutzen, muss man den AGBs zustimmen, die eine Datennutzung vorsehen. Big Data ist in vollem Gange. Aber was ist so schlimm daran? Ich habe doch nichts zu verbergen. Oder doch? Je mehr Menschen bei dieser "Selbstentschleierung" willfähig mitmachen, desto mehr entsteht der Verdacht des Verbergens bei denjenigen, die einfach nur nicht dabei sein wollen. Dieser Comic macht in aller Knappheit deutlich, wie schnell wir die Kontrolle über das eigene Abbild im Datenpool  verlieren und jetzt schon verloren haben und wie wir uns in der Gesellschaft verhalten werden, wenn unser Leben, unser Arbeitsplatz und unser Glück von den Bewertungen anderer abhängen wird. Wollen wir das wirklich?

Donnerstag, 8. März 2018, 19:00 Uhr: Thomas Steinfeld im Gespräch zu seiner Neuübersetzung von Selma Lagerlöfs Nils Holgersson

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Selma Lagerlöf: Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden, Die Andere Bibliothek € 24.-

Aus dem Schwedischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Thomas Steinfeld. Bereichert mit Zeichnungen von Bertil Lybeck.

Thomas Steinfeld, Sprachakrobat und -virtuose, Literaturkenner und -kritiker hat sich daran gemacht das 700 Seiten umfassende, bekannteste Werk von Selma Lagerlöf neu und erstmals vollständig ins Deutsche zu übertragen. Herausgekommen ist ein großartiger Schmöker, eine federleichte, literarische und luftige Bildungsreise, die uns in die Kultur- und Naturlandschaften Schwedens entführt. Nun, hundert Jahre nach seinem Erscheinen, in neuem Sprachgewand, ist es ein lohnenswerter Klassiker für Jung & Alt. Dank Steinfelds Sprachkunst wirkt Lagerlöfs Text, literarisch gestaltet und doch so originär als möglich, erstaunlich modern. Für den Lesegenuss ist es dabei völlig unerheblich, ob man Schwedenkenner ist, oder bisher geglaubt hat, Småland läge gleich links hinter dem IKEA Eingang.

Neben Lesepassagen aus dem Buch und Fragen zum Unterfangen der Übersetzung wollen wir mit Thomas Steinfeld über seine Leidenschaft zu diesem Werk, zu Sprache und Literatur ins Gespräch gehen. Die Veranstaltung eignet sich für alle neugierigen, erwachsenen und jugendlichen Zuhörer und Leser.

Eintritt € 5,- Um Anmeldung wird gebeten.

2017eer Spätlese von sonnengereifter Strahlkraft, unwiderstehlich poetisch im Abgang

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Thomas Steinaecker, Barbara Yelin: Der Sommer meines Lebens, Reprodukt 2017 € 20.-

Schwerelos und gehaltvoll zugleich präsentiert diese Graphic Novel die letzten Tage der Gerda Wendt. Ihren Gedankenstrom zurück in ihr gelebtes Leben verweben die Autoren auf allen Ebenen in Bild und Text absolut beeindruckend mit der Gegenwart, sodass eine kunstvolle Einheit entsteht. Wen wundert es, dass zwischen Ruheräumen und Träumen die Welt in den wichtigsten Momenten auch mal Kopf steht. Eine Lektüre zum Staunen und Innehalten.

Klug & besonders – die etwas andere Haustiergeschichte

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Elena K. Arnold: Keine Angst vor Stinktieren, Carlsen Verlag 2017 € 10,99

Als Bats Mama, eine Tierärztin, das gerade geborene Stinktierbaby aus der Praxis mit nach Hause bringt entflammt Bats Liebe zu diesem kleinen, hilfsbedürftigen Wesen. Mit Tieren kann er sowieso sehr gut umgehen. Mit Menschen tut er sich schwerer. Es fällt ihm nicht leicht, ihre Körpersprache zu deuten oder ihnen etwas von den Augen abzulesen. Es sind doch nur Augen, sagt er, als seine Mama ihn darauf anspricht. Wenn er etwas wissen möchte, fragt er. Die Autorin versteht es mit großer Sensibilität und ganz ohne Tam-Tam Bats leichten Autismus in Szene zu setzten. Man staunt über Bats Geschick in der Welt zurecht zu kommen. Die Klugheit, mit der er agiert, lässt ihn am Ende zu einem richtigen, verantwortlichen Tierpfleger werden und sogar, mittels Stinktier, einen ersten richtigen Freund finden. Ein stilles, feines und besonderes Buch. Mit einem Stinktierbaby zum Verlieben.

Abschied nehmen

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Saskia Hula, Eva Muszynski: Bikos letzter Tag, Klett-Kinderbuch 2017 € 14.-

Lange war Biko für alle da. Er ist der Familienhund. Er passt auf alle auf. Doch nun ist er alt und müde. Ein gutmütiger Kerl. Mit Falten und Runzeln, hängenden Ohren und Lefzen und trockener Nase. Zeit Abschied zu nehmen. Dem Hund fällt das leicht. Ein wenig sehnt er sich nach dem Ende. Er fühlt sich geborgen. Vater, Mutter und die beiden Kinder sind da. Selbst die eigenwillige Katze. Die Menschen sind traurig. Das ist normal. Man sieht und fühlt es in den Bildern, in Haltung und Ausdruck der Figuren. Ihre lichten Farbtöne aus  zartem Gelb, Ocker und hellem Grün sprechen aber auch vom Leben, das weitergehen wird. Die Worte erzählen sachlich. In ihnen schwingt auch das Glück. Das Buch lässt viel Raum und Zeit, bereitet den Abschied vor, den Wechsel, die Veränderung, der uns den Schmerz bereitet. Ein gelungenes, sanftes und stilles Buch, in dem der Tod wichtig, traurig und schön zugleich sein darf.

Der Garten im Haus – von Fläche, Form & Farbe

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Samantha Friedman, Christina Amodeo: Matisse und sein Garten, Diogenes Verlag/ Museum of Modern Art € 20.-

Ganz schlicht im Text erzählt dieses rundum gelungene, in farb- und formbetonender Collagetechnik illustrierte Bilderbuch, wie der Künstler Matisse den Ausdruck der Formen entdeckte. Man nehme Papier und Schere, schneide eine Form und klebe sie an die Wand. Etwas später kommt ein Hintergrund dazu. Und Form mit Gegenform. Kinderleicht wirkt das Spiel. Ein ganzer Garten im Zimmer entsteht. Dieser unmittelbarer Einstieg in die Kunst fesselt den Betrachter und fordert ihn geradezu auf, die Schere gleich selbst in die Hand zu nehmen. Eingebettet in die kleine Geschichte finden sich sieben Original-Scherenschnitte von Matisse, die zum Teil auf prächtigen, aufklappbaren Doppelseiten präsentiert werden. Auf dem mattierten, für ein Bilderbuch ungewohnt starken Kunstdruck- Papierseiten strahlen sie dem Betrachter in besonderer Intensität entgegen. Ein Buch zum Verweilen und Träumen. Ein Buch, dass die eigene Kreativität anregt.

5. Februar 2018, 19:00 Uhr. Die Leipziger Meuten. Jugendopposition im Dritten Reich. Johannes Herwig mit „Bis die Sterne zittern“ und ein Zeitzeuge (95)

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Johannes Herwig: Bis die Sterne zittern, Gerstenberg Verlag 2017 € 14,95

Wild, bunt, rebellisch – Johannes Herwig erzählt von den "Leipziger Meuten", einer jugendoppositionellen Bewegung im Dritten Reich. Eine eigene Meinung haben, sich nicht anpassen und das Leben feiern –  auch in der Zeit des Nationalsozialismus gab es Jugendliche, die frei sein wollten und sich dem Zugriff der Nazis entzogen. Der Leipziger Autor Johannes Herwig erzählt in seinem neuen Jugendroman Bis die Sterne zittern  mitreißend von den sogenannten "Leipziger Meuten". Sie sind der ermutigende Beweis, dass nicht alle ihre Menschlichkeit für eine Ideologie aufgaben. Als Zeitzeuge berichtet der inzwischen in München lebende Kurt Wilsdorf von seiner aufregenden Zeit bei den „Leipziger Meuten“. Die lebhaften und neugierigen Bücherfresser werden mit Autor und Zeitzeuge ins Gespräch gehen. Wir freuen uns über alle Zuhörerer und Beiträge, Jung & Alt.

Eintritt € 5.- Um Anmeldung wird gebeten.

Das Salz in der Suppe

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Marc-Uwe Kling: QualityLand, Ullstein Verlag 2017 € 18.-

In kurzen bühnentauglichen Episoden erzählt Kling in seiner Gesellschaftssatire QualityLand vom smarten Leben in einem zukünftigen Deutschland, das  zu 100 Prozent von Algorithmen bestimmt wird. Widerstand zwecklos. Das ist doch nicht die Zukunft, das ist fast die Gegenwart, denkt die Leserin, die ihr herzhaftes Lachen bei dieser Lektüre auch nachdenklich macht. 159x schauen wir schon heute im Durchschnitt täglich auf unser Smartphone und teilen unser Leben mit Maschinen. Peter Arbeitsloser, die Hauptfigur dieses Romans, trägt sein Smartphone als persönlichen Assistenten im Ohr: den Ohrwurm. Er diskutiert mit seinem selbstfahrenden Auto über das Wetter, Musikfragen und bezahlt die Fahrt per "Toch Kiss" auf seinem Pad. Die Welt ist an exponentiellem Wachstum erkrankt. Geradlinig, wohlstandssatt und zufrieden leben die Menschen das Mantra der 2er Potenz und stellen einen Androiden, John of Us, als Kanditaten zur kommenden Wahl auf. Dieser Wahlkampf, ein Kopf an Kopf Rennen zwischen der Fortschrittspartei und einer Rechts-Rechts Koalition, bildet die Gegenwelt zu Peter Arbeitsloser, der mit einer Warenlieferung von "The Shop" kämpft, die er weder bestellt hat noch behalten möchte. Diese klassisch duale Inszenierung garantiert schnelle Eingewöhnung, auch wenn das Werk mit Zwischeninformationen, Werbeeinblendungen und Posts gestört wird, die sich im Übrigen in der hellen (optimistischen) und dunklen (apokalyptischen) Ausgabe unterscheiden, denn Personalisierung macht auch vor der Literatur nicht halt. Maschinen wirken menschlichlicher als die Menschen. So hat Peter Arbeitsloser, von Beruf Maschinen Verschrotter, in seinem Keller eine illustre Sammlung ausgedienter Wesen angehäuft: Ein Kampfroboter mit Persönlichkeitsstörung, einen lustlosen Sexroboter, ein pinkfarbenes Pad aus dem das Känguru spricht und eine E-Poetin, Kalliope 7.3, mit Schreibblockade, der wir am Ende diesen Roman verdanken werden. Schöne neue Welt? Wenn wir nicht bald den "German Code" knacken, werden wir von Maschinen regiert. Was für ein Glück, dass das seltsam bekannt rebellische, kommunistische, pinkfarbene QualityPad schon ganz dicht dran ist....Wir wünschen ihm viele, viele Anhänger und Mitstreiter!

Delikater Gewissensspiegel

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Alois Prinz: Bonhoeffer. Wege zur Freiheit, Gabriel Verlag 2017 € 16,99

Widerstand klingt groß und mutig und ist im Detail doch eine kniffelige Angelegenheit

Im kirchlichen Widerstand gegen den Nationalsozialismus ist er eine Ikone: Dietrich Bonhoeffer. Ein Heiliger? Ein Held? Ein Unbeirrter? Eine Vorbildfigur. Straßen und Plätze sind nach ihm benannt worden. In der Schule kommt heute kein Jugendlicher an ihm vorbei. Was also ist das Besondere an einer Biografie über Bonhoeffer? Dem routinierten Biografen Alois Prinz gelingt es immer wieder von Neuem, seine Leser auf eine unerwartet faszinierende Lebensreise mitzunehmen. Tief hinein taucht er sie diesmal, in die Erkenntnisprozesse eines Menschen, bei dem nichts, wofür er später stehen sollte, auf der Hand lag. Bonhoeffer war ein ängstliches Kind und ein schulischer Überflieger. Sein Wunsch, ausgerechnet Theologie zu studieren, verwunderte. Bonhoeffer interessierte daran vorerst die Wissenschaft. In Zeiten des Weltbild verengenden Nationalsozialismuses zog er hinaus. Nach Italien, Spanien, Afrika und Amerika. Er wurde zum leidenschaftlichen Weltentdecker und Internationalist. Über die Aspekte seines Glaubens sollte er sich erst später intensive Gedanken machen. Immer wieder packten ihn Zweifel und Widersprüche. Im Angesicht nationalsozialistischer Verrohung und Unmenschlichkeit, sah er sich gezwungen, sein christliches Denken mit politischem Handeln abzuwägen, denn die Erkenntnis, so meinte er, wird in der Existenz begründet. Die Freiheit, die Bonhoeffer zu suchen begann, musste eine personelle sein. Sie erklärte sich mit dem Leben. Sie war das Resultat eines Lebens, ja eines Lebensweges. Begierig folgen die Leser also, auf der Suche nach dieser Freiheit, Bonhoeffers Lebensweg, den Prinz aus einer Vielzahl von Schriften, unzähligen Briefen und Gedichten lebendig werden lässt, hin zu Bonhoeffers zentraler Frage: „Wer hält stand? Und warum?“ Eine Frage, die an Aktualität nichts eingebüßt hat. Bonhoeffers große denkerische Eloquenz und seine konsequente Verschriftung dieser Gedanken, nicht zuletzt seine Liebesbriefe aus der Gefangenschaft, geben dem Biografen kostbares Material an die Hand, aus dem er sorgsam auszuwählen und zu fokussieren versteht. Diese Biografie wird somit unweigerlich schnell zu des Lesers Sache, ganz egal wie nah oder fern er dem christlichen Glauben steht, denn Bonhoeffer gewährte universellen Werten Vorrang vor persönlichen. Die Gewichtung von Werten, das wird sehr deutlich, stehen mit dem Handeln in engem Zusammenhang. „Stand halten“ nicht die Vernünftigen und nicht die Fanatiker, sondern „die, die Tat wagen“, die Handelnden, meinte Bonhoeffer und kehrte 1939 aus dem sicheren New York wieder nach Deutschland zurück. Zurück zu seinen Studenten. Zurück in die Lebensgefahr. Zurück an den Ort, der nach menschenwürdigen Taten verlangte. Diese, das Buch einleitende, anfänglich unfassbare Entscheidung eines scheinbaren Helden, macht Prinz am Ende zu einer nachvollziehbaren Konsequenz eines standhaft Handelnden, dessen berührende Gedanken und Entscheidungsprozesse dank dieser hervorragenden, vielleicht besten Biografie von Alois Prinz, durch das Herz und Hirn der Leser gewandert ist.

1867er Rotwein, im Barrique gereift, von vollmundiger Gedankenakrobatik

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Thomas Steinfeld: Herr der Gespenster. Die Gedanken des Karl Marx, Hanser 2017 € 24.-

Würzige Abendlektüre

Leben wir nicht in einer Zeit, in der unser Staat längst seine Souveränität an das Kapital abgegeben hat? Sprechen wir über Kapitalismus, denken wir an Karl Marx. Dieses Buch ist keine Anrufung höherer Autoritäten. Der Autor reflektiert, rund um Karl Marx und sein Werk, vielfältige Aspekte zur Sichtung gesellschaftlicher, ökonomischer, politischer und historischer Hintergründe und Zusammenhänge. In kurzen Kapiteln wie "Der Ruhm", "Das Mehr", "Die Gleichheit", "Der Fetisch" lädt das Buch vom Inhaltsverzeichnis weg zur lustvollen Hinterfragung, zu Reflexion und Gedankenspiel, vom Damals zum Hier und Jetzt ein. Dabei stilisiert Steinfeld Marx nicht zum Allheilmittel. Und doch finden sich bei ihm Gedankenansätze, die spätestens nach der letzten Finanzkrise der erneuten Bewusstwerdung und vielleicht eines Neudenkens lohnen. Steinfelds gelenkiger Ansatz, seine Leidenschaft zur Analyse von Sprachbildern und Thesen sowie sein Spiel mit Gespenstern, Vampiren und Zombies bietet auch belletristisch beheimateten LeserInnen einen unterhaltenden Einstieg in die, unser Leben allseits beherrschenden, ernsthaften Themen Ökonomie und Kapitalismus und macht dieses Buch zur würzigen Abendlektüre für Jedermann.

1. Dezember 2017, 19:30 Uhr: Neue Palastschätze vorgestellt

Wir haben angerichtet und laden zum belletristischen Festschmaus: Empfehlungsabend Neuerscheinungen Belletristik. Mit Herzblut und Empathie. Schönste Verschenkideen auf den Gabentisch oder einfach nur zum Selberlesen.

Bücher sind Lesegenuss und Liebe geht durch den Magen, lautet unser Motto in diesem Jahr. Lassen Sie sich überraschen, welche Schätze wir in diesem Jahr für Sie entdeckt und zu einem lesenswerten Menü zusammengestellt haben. Friederike Wagner, Katrin Rüger und Marion Hübinger empfehlen zu einem Glas Wein & Spekulatius ihre persönlichen Lieblingsbücher. Wir freuen uns auf Sie!

Von der märchenhaften Kunst des Miteinanders

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Mareike Engelke, Annette Feldmann: Vor den 7 Bergen, Kunstanstifter 2017 € 22.-

Davon, wie Schneewittchens Enkel in die Berge wollen und alles schief geht.

"Nie schneit es! Immer nur Regen, Regen, Regen." Sieben "Zwerge" wollen Schnee und der liegt in den Bergen, bei Oma. Das wissen die Kinder und da wollen sie jetzt hin. Gleich wird mit der Oma am Pad ein Treffen vereinbart. Diese sieben Geschwister sind selbstständig und selbstbewusst. Ihre Mutter arbeitet auf dem Markt und kommt erst spät. Sie ist einverstanden. Doch es kommen, ganz unmärchenhaft, die Windpocken dazwischen, dann die Apfelernte und ein kaputtes Auto. Bo, der Eisverkäufer, den Mama auf dem Markt kennengelernt hat,  schleppt ihr Auto über sieben Hügel. Im Familienalltag von Schnewittchens Enkel geht es mal geordnet zu und mal drunter und drüber und jeder muss mit anpacken. Auch für den Prinzen ist es mit einem Kuss nicht getan. Doch kaum ist er da, wird er ins Leben integriert. Hier herrscht mal Wut, mal Ungeduld und mal Freude. Die Illustrationen in sparsamem Schwung zeigen mal deckend ausgemalt, mal nur die Form der Konturen, darüberliegend mit durchscheinendem Hintergrund die verschiedenen Schichten von Leben, die am Ende das entdeckenswerte Ganze ergeben. Die Geschichte wird von der Kunst des Miteinanders beherrscht. "Wie schön, dass ihr da seid!", sagt Oma endlich. Nun aber raus, zum Schlitten fahren. Das Leben ist ein Kunstwerk und dieses Bilderbuch ist es auch.

Glückliches Weihnachten

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Julile Völk: Stille Nacht, heilige Nacht, Gerstenberg 2017 € 16,95

Das Dorf liegt tiefverschneit und still. Doch schaut man genau, brennt überall Licht. Tiere wie Menschen stehen staunend am Wegesrand. Autos mit Wohnwagen durchqueren den Ort. Ein Zirkus? Weißer als Schnee sind die Wagen. Jeder ist mit eigenem Farbmuster verziehrt und vollbepackt bis aufs Dach. Sie ziehen die Blicke auf sich. Doch nein, die Wagen verlassen den Ort wieder und steuern ein kleines Haus an, dass in der Einsamkeit steht. Es ist erleuchtet und ebenso bunt gemustert. Hier scheinen die Wagen zu passen. Ein Kind springt aus dem Haus. Die Mutter steht in der Tür. Viele Menschen steigen aus den Fahrzeugen. Familie! Sie bringen Musik und ein Pferd mit. Es beginnt zu schneien, doch der Betrachter schaut nun durch die Wände ins Innere des Hauses, in dem es wohlig warm wird. Die Suppe wird auf den Tisch gestellt. Der Weihnachtsabend wird lang und schön und bunt und seltsam aufregend. Bis alle gemeinsam in Schlaf fallen wird gefeiert. Julie Völk zeichnet ein unaufgeregtes, harmonisches und doch besonderes Weihnachstfest in großem Familienkreis, dass nicht viel mehr braucht, außer die Menschen, die es gemeinsam begehen und zusammen glücklich sind.

10 kleine Burggespenster: eine neue Serie zum Anbeißen

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Susanne Göhlich: Die Gespensterküche, Orell Füssli 2017 € 8,95

Die 10 kleinen Burggespenster sind nicht zu verwechseln. Da sind Marti mit der blauen Pudelmütze und Luzi mit einem Kleid, so bunt wie Bonbonpapier und sogar ein schwarzes Gespenst ist unter ihnen. In den Hartpappebüchern geht es rythmisch beschwingt zu, wie bei Göhlichs Lena. Von Reim zu Reim entwickelt sich die Geschichte. In der Gespensterküche fehlt das Apfelmus und "Baldin saust schnell hinaus zum Geschäft von Onkel Klaus." Schließlich hat er die große, rote Umhängetasche. Doch ach, was sieht er nicht alles Tolles auf seinem Weg und am Ende weiß er nicht mehr, was er holen wollte. Die kleine Geschichte nimmt eine unverhoffte Wendung. Klug und mit Witz komponiert sind diese liebenswerten Gespensterbücher ein gelungener Vorlesespaß in dem sich ein ganzes Gespensteruniversum eröffnen kann, wenn man später zu den Vorlesebüchern der Serie greift.

Kinderleichte Angstbewältigung mit dem Wilden Watz

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Edouard Manceau: Der Wilde Watz, Moritz Verlag 2017 € 14.-

Angst entsteht im Kopf. Gesehenes wird abgespeichert und zu Neuem kombiniert. Und in nächtlicher Schwärze steht er plötzlich da, der Wilde Watz: Arme und Beine wie Baumstämme, der Körper so groß wie ein Haus, die Ohren wie Fenster und Türen. "Aber du machst mir keine Angst",  sagt die kleine Erzählstimme in diesem minmalistischem Bilderbuch, dem es in seinem Spiel mit wenigen farigen Formen an nichts fehlt, mit Bestimmtheit aus dem Off. Einmal an Ohren und Zähnen gekitzelt und schon finden die Elemente an ihren ursprünglichen Platz in der Welt zurück. Die Hörner bilden den Mond, die Zähne das Gras. Ein Haus, ein Wald, ein Auto mit Anhänger. Die Augen des großen gruseligen Watzes sind als Letztes dran. Sie rollen erst erstaunt, kurz darauf neugierig, später ein wenig beschämt, dann ängstlich hin und her, bis sie ihren Platz als Wagenräder finden. Nu ist er weg! Wo man den wilden Watz vielleicht gerade ins Herz geschlossen hatte. Macht nichts. Einfach das Buch wieder von vorne aufschlagen. Da ist er wieder! Dieses Buch ist einfach perfekt. Für Ängstliche und Monsterfans, für Verspielte und Neugierige. Für Groß und Klein!