Articles Written By: Katrin Rüger

Katrin Rüger

About Katrin Rüger

Spezialistin des Kinder- & Jugendbuches

Klug & besonders – die etwas andere Haustiergeschichte

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Elena K. Arnold: Keine Angst vor Stinktieren, Carlsen Verlag 2017 € 10,99

Als Bats Mama, eine Tierärztin, das gerade geborene Stinktierbaby aus der Praxis mit nach Hause bringt entflammt Bats Liebe zu diesem kleinen, hilfsbedürftigen Wesen. Mit Tieren kann er sowieso sehr gut umgehen. Mit Menschen tut er sich schwerer. Es fällt ihm nicht leicht, ihre Körpersprache zu deuten oder ihnen etwas von den Augen abzulesen. Es sind doch nur Augen, sagt er, als seine Mama ihn darauf anspricht. Wenn er etwas wissen möchte, fragt er. Die Autorin versteht es mit großer Sensibilität und ganz ohne Tam-Tam Bats leichten Autismus in Szene zu setzten. Man staunt über Bats Geschick in der Welt zurecht zu kommen. Die Klugheit, mit der er agiert, lässt ihn am Ende zu einem richtigen, verantwortlichen Tierpfleger werden und sogar, mittels Stinktier, einen ersten richtigen Freund finden. Ein stilles, feines und besonderes Buch. Mit einem Stinktierbaby zum Verlieben.

Abschied nehmen

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Saskia Hula, Eva Muszynski: Bikos letzter Tag, Klett-Kinderbuch 2017 € 14.-

Lange war Biko für alle da. Er ist der Familienhund. Er passt auf alle auf. Doch nun ist er alt und müde. Ein gutmütiger Kerl. Mit Falten und Runzeln, hängenden Ohren und Lefzen und trockener Nase. Zeit Abschied zu nehmen. Dem Hund fällt das leicht. Ein wenig sehnt er sich nach dem Ende. Er fühlt sich geborgen. Vater, Mutter und die beiden Kinder sind da. Selbst die eigenwillige Katze. Die Menschen sind traurig. Das ist normal. Man sieht und fühlt es in den Bildern, in Haltung und Ausdruck der Figuren. Ihre lichten Farbtöne aus  zartem Gelb, Ocker und hellem Grün sprechen aber auch vom Leben, das weitergehen wird. Die Worte erzählen sachlich. In ihnen schwingt auch das Glück. Das Buch lässt viel Raum und Zeit, bereitet den Abschied vor, den Wechsel, die Veränderung, der uns den Schmerz bereitet. Ein gelungenes, sanftes und stilles Buch, in dem der Tod wichtig, traurig und schön zugleich sein darf.

Der Garten im Haus – von Fläche, Form & Farbe

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Samantha Friedman, Christina Amodeo: Matisse und sein Garten, Diogenes Verlag/ Museum of Modern Art € 20.-

Ganz schlicht im Text erzählt dieses rundum gelungene, in farb- und formbetonender Collagetechnik illustrierte Bilderbuch, wie der Künstler Matisse den Ausdruck der Formen entdeckte. Man nehme Papier und Schere, schneide eine Form und klebe sie an die Wand. Etwas später kommt ein Hintergrund dazu. Und Form mit Gegenform. Kinderleicht wirkt das Spiel. Ein ganzer Garten im Zimmer entsteht. Dieser unmittelbarer Einstieg in die Kunst fesselt den Betrachter und fordert ihn geradezu auf, die Schere gleich selbst in die Hand zu nehmen. Eingebettet in die kleine Geschichte finden sich sieben Original-Scherenschnitte von Matisse, die zum Teil auf prächtigen, aufklappbaren Doppelseiten präsentiert werden. Auf dem mattierten, für ein Bilderbuch ungewohnt starken Kunstdruck- Papierseiten strahlen sie dem Betrachter in besonderer Intensität entgegen. Ein Buch zum Verweilen und Träumen. Ein Buch, dass die eigene Kreativität anregt.

5. Februar 2018, 19:00 Uhr. Die Leipziger Meuten. Jugendopposition im Dritten Reich. Johannes Herwig mit „Bis die Sterne zittern“ und ein Zeitzeuge (93)

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Johannes Herwig: Bis die Sterne zittern, Gerstenberg Verlag 2017 € 14,95

Wild, bunt, rebellisch – Johannes Herwig erzählt von den "Leipziger Meuten", einer jugendoppositionellen Bewegung im Dritten Reich. Eine eigene Meinung haben, sich nicht anpassen und das Leben feiern –  auch in der Zeit des Nationalsozialismus gab es Jugendliche, die frei sein wollten und sich dem Zugriff der Nazis entzogen. Der Leipziger Autor Johannes Herwig erzählt in seinem neuen Jugendroman Bis die Sterne zittern  mitreißend von den sogenannten "Leipziger Meuten". Sie sind der ermutigende Beweis, dass nicht alle ihre Menschlichkeit für eine Ideologie aufgaben. Als Zeitzeuge berichtet der inzwischen in München lebende Kurt Wilsdorf von seiner aufregenden Zeit bei den „Leipziger Meuten“. Die lebhaften und neugierigen Bücherfresser werden mit Autor und Zeitzeuge ins Gespräch gehen. Wir freuen uns über alle Zuhörerer und Beiträge, Jung & Alt.

Eintritt € 5.- Um Anmeldung wird gebeten.

Das Salz in der Suppe

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Marc-Uwe Kling: QualityLand, Ullstein Verlag 2017 € 18.-

In kurzen bühnentauglichen Episoden erzählt Kling in seiner Gesellschaftssatire QualityLand vom smarten Leben in einem zukünftigen Deutschland, das  zu 100 Prozent von Algorithmen bestimmt wird. Widerstand zwecklos. Das ist doch nicht die Zukunft, das ist fast die Gegenwart, denkt die Leserin, die ihr herzhaftes Lachen bei dieser Lektüre auch nachdenklich macht. 159x schauen wir schon heute im Durchschnitt täglich auf unser Smartphone und teilen unser Leben mit Maschinen. Peter Arbeitsloser, die Hauptfigur dieses Romans, trägt sein Smartphone als persönlichen Assistenten im Ohr: den Ohrwurm. Er diskutiert mit seinem selbstfahrenden Auto über das Wetter, Musikfragen und bezahlt die Fahrt per "Toch Kiss" auf seinem Pad. Die Welt ist an exponentiellem Wachstum erkrankt. Geradlinig, wohlstandssatt und zufrieden leben die Menschen das Mantra der 2er Potenz und stellen einen Androiden, John of Us, als Kanditaten zur kommenden Wahl auf. Dieser Wahlkampf, ein Kopf an Kopf Rennen zwischen der Fortschrittspartei und einer Rechts-Rechts Koalition, bildet die Gegenwelt zu Peter Arbeitsloser, der mit einer Warenlieferung von "The Shop" kämpft, die er weder bestellt hat noch behalten möchte. Diese klassisch duale Inszenierung garantiert schnelle Eingewöhnung, auch wenn das Werk mit Zwischeninformationen, Werbeeinblendungen und Posts gestört wird, die sich im Übrigen in der hellen (optimistischen) und dunklen (apokalyptischen) Ausgabe unterscheiden, denn Personalisierung macht auch vor der Literatur nicht halt. Maschinen wirken menschlichlicher als die Menschen. So hat Peter Arbeitsloser, von Beruf Maschinen Verschrotter, in seinem Keller eine illustre Sammlung ausgedienter Wesen angehäuft: Ein Kampfroboter mit Persönlichkeitsstörung, einen lustlosen Sexroboter, ein pinkfarbenes Pad aus dem das Känguru spricht und eine E-Poetin, Kalliope 7.3, mit Schreibblockade, der wir am Ende diesen Roman verdanken werden. Schöne neue Welt? Wenn wir nicht bald den "German Code" knacken, werden wir von Maschinen regiert. Was für ein Glück, dass das seltsam bekannt rebellische, kommunistische, pinkfarbene QualityPad schon ganz dicht dran ist....Wir wünschen ihm viele, viele Anhänger und Mitstreiter!

Widerstand klingt groß und mutig und ist im Detail doch eine kniffelige Angelegenheit

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Alois Prinz: Bonhoeffer. Wege zur Freiheit

Im kirchlichen Widerstand gegen den Nationalsozialismus ist er eine Ikone: Dietrich Bonhoeffer. Ein Heiliger? Ein Held? Ein Unbeirrter? Eine Vorbildfigur. Straßen und Plätze sind nach ihm benannt worden. In der Schule kommt heute kein Jugendlicher an ihm vorbei. Was also ist das Besondere an einer Biografie über Bonhoeffer? Dem routinierten Biografen Alois Prinz gelingt es immer wieder von Neuem, seine Leser auf eine unerwartet faszinierende Lebensreise mitzunehmen. Tief hinein taucht er sie diesmal, in die Erkenntnisprozesse eines Menschen, bei dem nichts, wofür er später stehen sollte, auf der Hand lag. Bonhoeffer war ein ängstliches Kind und ein schulischer Überflieger. Sein Wunsch, ausgerechnet Theologie zu studieren, verwunderte. Bonhoeffer interessierte daran vorerst die Wissenschaft. In Zeiten des Weltbild verengenden Nationalsozialismuses zog er hinaus. Nach Italien, Spanien, Afrika und Amerika. Er wurde zum leidenschaftlichen Weltentdecker und Internationalist. Über die Aspekte seines Glaubens sollte er sich erst später intensive Gedanken machen. Immer wieder packten ihn Zweifel und Widersprüche. Im Angesicht nationalsozialistischer Verrohung und Unmenschlichkeit, sah er sich gezwungen, sein christliches Denken mit politischem Handeln abzuwägen, denn die Erkenntnis, so meinte er, wird in der Existenz begründet. Die Freiheit, die Bonhoeffer zu suchen begann, musste eine personelle sein. Sie erklärte sich mit dem Leben. Sie war das Resultat eines Lebens, ja eines Lebensweges. Begierig folgen die Leser also, auf der Suche nach dieser Freiheit, Bonhoeffers Lebensweg, den Prinz aus einer Vielzahl von Schriften, unzähligen Briefen und Gedichten lebendig werden lässt, hin zu Bonhoeffers zentraler Frage: „Wer hält stand? Und warum?“ Eine Frage, die an Aktualität nichts eingebüßt hat. Bonhoeffers große denkerische Eloquenz und seine konsequente Verschriftung dieser Gedanken, nicht zuletzt seine Liebesbriefe aus der Gefangenschaft, geben dem Biografen kostbares Material an die Hand, aus dem er sorgsam auszuwählen und zu fokussieren versteht. Diese Biografie wird somit unweigerlich schnell zu des Lesers Sache, ganz egal wie nah oder fern er dem christlichen Glauben steht, denn Bonhoeffer gewährte universellen Werten Vorrang vor persönlichen. Die Gewichtung von Werten, das wird sehr deutlich, stehen mit dem Handeln in engem Zusammenhang. „Stand halten“ nicht die Vernünftigen und nicht die Fanatiker, sondern „die, die Tat wagen“, die Handelnden, meinte Bonhoeffer und kehrte 1939 aus dem sicheren New York wieder nach Deutschland zurück. Zurück zu seinen Studenten. Zurück in die Lebensgefahr. Zurück an den Ort, der nach menschenwürdigen Taten verlangte. Diese, das Buch einleitende, anfänglich unfassbare Entscheidung eines scheinbaren Helden, macht Prinz am Ende zu einer nachvollziehbaren Konsequenz eines standhaft Handelnden, dessen berührende Gedanken und Entscheidungsprozesse dank dieser hervorragenden Biografie durch das Herz und Hirn der Leser gewandert ist.

Würzige Abendlektüre

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Thomas Steinfeld: Herr der Gespenster. Die Gedanken des Karl Marx, Hanser 2017 € 24.-

Leben wir richtig? Leben wir nicht in einer Zeit, in der unser Staat längst seine Souveränität an das Kapital abgegeben hat? Sprechen wir über Kapitalismus, denken wir an Karl Marx. Dieses Buch ist keine Anrufung höherer Autoritäten. Der Autor reflektiert, rund um Karl Marx und sein Werk, vielfältige Aspekte zur Sichtung gesellschaftlicher, ökonomischer, politischer und historischer Hintergründe und Zusammenhänge. In kurzen Kapiteln wie "Der Ruhm", "Das Mehr", "Die Gleichheit", "Der Fetisch" lädt das Buch seine LeserInnen vom Inhaltsverzeichnis weg ein, zur lustvollen Hinterfragung, zu Reflexion und Gedankenspiel, vom Damals zum Hier und Jetzt. Dabei stilisiert Steinfeld Marx nicht zum Allheilmittel. Und doch finden sich bei ihm Gedankenansätze, die spätestens nach der letzten Finanzkrise der erneuten Bewusstwerdung und vielleicht eines Neudenkens lohnen. Steinfelds gelenkiger Ansatz, seine Leidenschaft zur Analyse von Sprachbildern und Thesen sowie sein Spiel mit Gespenstern, Vampiren und Zombies bietet auch belletristisch beheimateten LeserInnen einen unterhaltenden Einstieg in die, unser Leben allseits beherrschenden, ernsthaften Themen Ökonomie und Kapitalismus und macht dieses Buch zur würzigen Abendlektüre für Jedermann.

1. Dezember 2017, 19:30 Uhr: Neue Palastschätze vorgestellt

Wir haben angerichtet und laden zum belletristischen Festschmaus: Empfehlungsabend Neuerscheinungen Belletristik. Mit Herzblut und Empathie. Schönste Verschenkideen auf den Gabentisch oder einfach nur zum Selberlesen.

Bücher sind Lesegenuss und Liebe geht durch den Magen, lautet unser Motto in diesem Jahr. Lassen Sie sich überraschen, welche Schätze wir in diesem Jahr für Sie entdeckt und zu einem lesenswerten Menü zusammengestellt haben. Friederike Wagner, Katrin Rüger und Marion Hübinger empfehlen zu einem Glas Wein & Spekulatius ihre persönlichen Lieblingsbücher. Wir freuen uns auf Sie!

Von der märchenhaften Kunst des Miteinanders

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Mareike Engelke, Annette Feldmann: Vor den 7 Bergen, Kunstanstifter 2017 € 22.-

Davon, wie Schneewittchens Enkel in die Berge wollen und alles schief geht.

"Nie schneit es! Immer nur Regen, Regen, Regen." Sieben "Zwerge" wollen Schnee und der liegt in den Bergen, bei Oma. Das wissen die Kinder und da wollen sie jetzt hin. Gleich wird mit der Oma am Pad ein Treffen vereinbart. Diese sieben Geschwister sind selbstständig und selbstbewusst. Ihre Mutter arbeitet auf dem Markt und kommt erst spät. Sie ist einverstanden. Doch es kommen, ganz unmärchenhaft, die Windpocken dazwischen, dann die Apfelernte und ein kaputtes Auto. Bo, der Eisverkäufer, den Mama auf dem Markt kennengelernt hat,  schleppt ihr Auto über sieben Hügel. Im Familienalltag von Schnewittchens Enkel geht es mal geordnet zu und mal drunter und drüber und jeder muss mit anpacken. Auch für den Prinzen ist es mit einem Kuss nicht getan. Doch kaum ist er da, wird er ins Leben integriert. Hier herrscht mal Wut, mal Ungeduld und mal Freude. Die Illustrationen in sparsamem Schwung zeigen mal deckend ausgemalt, mal nur die Form der Konturen, darüberliegend mit durchscheinendem Hintergrund die verschiedenen Schichten von Leben, die am Ende das entdeckenswerte Ganze ergeben. Die Geschichte wird von der Kunst des Miteinanders beherrscht. "Wie schön, dass ihr da seid!", sagt Oma endlich. Nun aber raus, zum Schlitten fahren. Das Leben ist ein Kunstwerk und dieses Bilderbuch ist es auch.

Glückliches Weihnachten

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Julile Völk: Stille Nacht, heilige Nacht, Gerstenberg 2017 € 16,95

Das Dorf liegt tiefverschneit und still. Doch schaut man genau, brennt überall Licht. Tiere wie Menschen stehen staunend am Wegesrand. Autos mit Wohnwagen durchqueren den Ort. Ein Zirkus? Weißer als Schnee sind die Wagen. Jeder ist mit eigenem Farbmuster verziehrt und vollbepackt bis aufs Dach. Sie ziehen die Blicke auf sich. Doch nein, die Wagen verlassen den Ort wieder und steuern ein kleines Haus an, dass in der Einsamkeit steht. Es ist erleuchtet und ebenso bunt gemustert. Hier scheinen die Wagen zu passen. Ein Kind springt aus dem Haus. Die Mutter steht in der Tür. Viele Menschen steigen aus den Fahrzeugen. Familie! Sie bringen Musik und ein Pferd mit. Es beginnt zu schneien, doch der Betrachter schaut nun durch die Wände ins Innere des Hauses, in dem es wohlig warm wird. Die Suppe wird auf den Tisch gestellt. Der Weihnachtsabend wird lang und schön und bunt und seltsam aufregend. Bis alle gemeinsam in Schlaf fallen wird gefeiert. Julie Völk zeichnet ein unaufgeregtes, harmonisches und doch besonderes Weihnachstfest in großem Familienkreis, dass nicht viel mehr braucht, außer die Menschen, die es gemeinsam begehen und zusammen glücklich sind.

10 kleine Burggespenster: eine neue Serie zum Anbeißen

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Susanne Göhlich: Die Gespensterküche, Orell Füssli 2017 € 8,95

Die 10 kleinen Burggespenster sind nicht zu verwechseln. Da sind Marti mit der blauen Pudelmütze und Luzi mit einem Kleid, so bunt wie Bonbonpapier und sogar ein schwarzes Gespenst ist unter ihnen. In den Hartpappebüchern geht es rythmisch beschwingt zu, wie bei Göhlichs Lena. Von Reim zu Reim entwickelt sich die Geschichte. In der Gespensterküche fehlt das Apfelmus und "Baldin saust schnell hinaus zum Geschäft von Onkel Klaus." Schließlich hat er die große, rote Umhängetasche. Doch ach, was sieht er nicht alles Tolles auf seinem Weg und am Ende weiß er nicht mehr, was er holen wollte. Die kleine Geschichte nimmt eine unverhoffte Wendung. Klug und mit Witz komponiert sind diese liebenswerten Gespensterbücher ein gelungener Vorlesespaß in dem sich ein ganzes Gespensteruniversum eröffnen kann, wenn man später zu den Vorlesebüchern der Serie greift.

Kinderleichte Angstbewältigung mit dem Wilden Watz

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Edouard Manceau: Der Wilde Watz, Moritz Verlag 2017 € 14.-

Angst entsteht im Kopf. Gesehenes wird abgespeichert und zu Neuem kombiniert. Und in nächtlicher Schwärze steht er plötzlich da, der Wilde Watz: Arme und Beine wie Baumstämme, der Körper so groß wie ein Haus, die Ohren wie Fenster und Türen. "Aber du machst mir keine Angst",  sagt die kleine Erzählstimme in diesem minmalistischem Bilderbuch, dem es in seinem Spiel mit wenigen farigen Formen an nichts fehlt, mit Bestimmtheit aus dem Off. Einmal an Ohren und Zähnen gekitzelt und schon finden die Elemente an ihren ursprünglichen Platz in der Welt zurück. Die Hörner bilden den Mond, die Zähne das Gras. Ein Haus, ein Wald, ein Auto mit Anhänger. Die Augen des großen gruseligen Watzes sind als Letztes dran. Sie rollen erst erstaunt, kurz darauf neugierig, später ein wenig beschämt, dann ängstlich hin und her, bis sie ihren Platz als Wagenräder finden. Nu ist er weg! Wo man den wilden Watz vielleicht gerade ins Herz geschlossen hatte. Macht nichts. Einfach das Buch wieder von vorne aufschlagen. Da ist er wieder! Dieses Buch ist einfach perfekt. Für Ängstliche und Monsterfans, für Verspielte und Neugierige. Für Groß und Klein!

Luther 500 & Rudi 70: Rudolf Herfurtner liest aus Magdalena Himmelstürmerin und wir feiern Geburtstagsparty

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Rudolf Herfurtner: Magdalena Himmelsstürmerin, Gerstenberg Verlag € 12,95

Luther lässt grüßen!

1517 in Brandenburg: Magdalena lebt in Jüterborg. Sie kann weder schreiben noch lesen. Das Denken über die Welt erschließt sich für sie aus dem, was sie in der Kirche von der Kanzel hört. In Jüterborg predigt Johannes Tetzel. Er treibt das Geld für die Kirche durch den Ablasshandel ein. Als Magdalenas Vater bei einem Grubenunglück ums Leben kommt, schickt die Mutter sie zur Tante nach Wittenberg. Hier predigt und denkt man ganz anders. Magdalena kommt in Berührung mit den Studenten der jungen Universität, mit Luther und Melanchthon, und langsam formt sich in ihr ein neues Weltbild. Herfurtner versteht es historisch packend zu inszenieren und dabei Detailwissen der Lutherzeit zu vermitteln. Wir freuen uns, wenn an diesem Abend, kurz vor dem 500 Jahrestag des Anschlags der Thesen zu Wittenberg, Jugendliche wie erwachsene Zuhörer mit dem Autor über Luther und seine Zeit ins Gespräch kommen.

Vor Bienen muss man keine Angst haben

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Deutscher Jugendliteraturpreis 2017, Sachbuch

Pjotr Socha, Bienen, Gerstenberg 2016 € 24,95

"Vor Bienen muss man keine Angst haben", verriet uns Pjotr Socha, Sohn eines Imkers, in einem Gespräch. "Mein Vater hatte manchmal 50 Bienenstiche auf ein Mal." Ein wenig ähnelt er beim Erzählen dem Bären auf dem Plakat zu seinem Buch, rund, langsam und gemütlich, vor allem jedoch neugierig und naturverbunden. Ohne die Biene sähen wir ganz schön traurig aus. Nicht nur, weil Honig so gut schmeckt und die Biene beim Nektar sammeln sehr viele Pflanzen bestäubt. Die Menschen haben der Biene auch viel abgeguckt. Ihre Material sparenden, leichten aber extrem stabilen und praktisch konstruierten sechseckigen Wachswaben zum Beispiel. "Dass ein Bienenschwarm von einer Königin statt eines Königs regiert wurde, konnten die Menschen lange nicht glauben", erzählt Socha und schmunzelt verschmitzt. Für sein Steinzeit-Imker-Paar hat er den Kopf samt dicker Nase einfach gespiegelt. Die Nase der Mumie im Sarkophag der Ägyter, auch sie betrieben schon Imkerei, liebt er besonders. Groß und dick steht sie aus dem Sarkophag heraus. Auch spürt man die Freude, die er dabei hatte, seine eigene Bienen-Hieroglyphenschrift für diese Seite zu entwickeln. Seine Leidenschaft für Bienen und sein feiner Humor zieht sich durch all seine Illustrationen.

24. April 2018, 19:30 Uhr „Brieflieder“ mit Johannes Öllinger & Alois Prinz

Briefe von der Reise, aus dem Exil, aus dem Gefängnis, an eine Freundin, den Liebhaber, die Ehefrau - Briefe von Bismarck, Bonhoeffer, Tucholsky und Koeppen, von Celan an Bachmann, Kafka an Milena oder Rosa Luxemburg an Sophie Liebknecht. Als musikalische Begleitung zu Auftritten des Biografen Alois Prinz, begann Johannes Öllinger ausdrucksstarke Sätze aus Briefen zu sammeln und sie zu Briefliedern zu komponieren. An diesem Abend kommen kleine Meisterwerke zu Gehör. Alois Prinz wird biografisch begleitend in die Absender einführen.

30. Januar 2018, 19:30 Uhr: Jaromir Konecny liest aus „Die unglaublichen Abenteuer des Mirgranten Nemec“

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Jaromir Konecny: Die unglaublichen Abenteuer des Mirgranten Nemec, Ecowin Verlag 2017 € 20.-

"Arm sind die Menschen, die keine Geschichten haben."
Zitat aus Konecny: Die unglaublichen Abenteuer des Migranten Nemec
Selbst in Prag geboren und 1982 nach Deutschland emigriert, erzählt Konecny vom schelmisch, tragischen Flüchtlingsdasein seines Helden Lolek Nemec. Die Übersetzung seines tschechischen Nachnamens "Nemec" lautet "Deutscher", ein Grund, warum Nemec schon immer meinte, nach Deutschland zu gehören. Hochmotiviert hier sein Leben zu meistern, stolpert der Migrant und Geschichtensammler durch ein deutsches Leben in und um München, welches von osteuropäischen Lebensgewohnheiten geprägt bleibt. Die Sache will  ihm nicht ganz gelingen. Auf der Suche nach seinem Glück und immer neugierig auf alle Menschen, denen er begegnet, führt er den Leser in ein amüsantes, sprachwitziges, episondenhaftes Lesevergügen unseres schrecklich herrlichen Miteinander.

Neugieriges Miteinander

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Martin Baltscheit: Besuch Aus Tralien, Dressler 2017 € 12,99

Neugierig und eifrig macht sich die Austauschfamilie ans Werk. Ihr eigenes Kind haben sie nach Australien geschickt und dafür einen Gastschüler bekommen. Dave. Er ist grün und hat den Mund voll spitzer Zähne, die er nie putzt. Tagsüber schläft Dave am liebsten im Gartenteich und sein Lieblingswort ist "Koi". Die Schule klagt über mangelndes Anpassungsvermögen. Integration ist gefragt. Alles nicht so einfach, aber sehr lustig, bildhaft und ein richtiger Selbstlese- oder Vorlesespaß im Grundschulbereich, bei dem man mal die Perspektive der Eltern und mal des grünen Gastes einnimmt. Am Ende hat es ihm richtig gefallen und auch das eigene Kind kommt strahlend und um einige Erfahrungen reicher zurück. Was wird er wohl in seiner Gastfamilie erlebt haben? 

Hurra, ein neuer Rico ist da!

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Am Sonntag, den 19. November 2017 um 11:00 Uhr liest Andreas Steinhöfel in einer Familienmatinee aus "Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch". Diese Veranstaltung ist eine Kooperation des Buchpalastes mit der Münchner Volkshochschule "Einstein 28". Zum Kartenvorverkauf geht es hier....

Andreas Steinhöfel: Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch, Carlsen  2017 € 14,99

"Es sind nur zwei Geburten in einem Schneesturm." "Klar, wie jedes Jahr zu Heiligaben", murrte Lars. "Hatte ich fast vergessen. Was reg' ich mich eigentlich auf?" Zitat aus Steinhöfel: Rico, Oscar und das Vomhimmelhoch.
Auch am 24. Dezember ist in der Dieffe 93 richtig was los. Oskar und sein Papa Lars sind in Ricos alte Wohnung eingezogen. Rico, Mama und der Bühl wohnen in einer Doppelwohung unterm Dach und bald wird Rico großer Bruder werden. Rico und Oskar wollen noch schnell die letzten Geschenke kaufen, im  Schneegestöber. Weihnachtlich romantisch? Als Oskar sich wiederholt seltsam benimmt ist Rico sicher, dass er ein Geheimnis hat und das muss dringend aufgeklärt werden. Rico ist in allem ein ganzes Stück gewachsen. Man zittert und lacht. Und wie bei allen guten Büchern, beginnt am Ende eine ganz neue Geschichte, der man, für einen Moment, ist ja Weihnachten, alles Liebe und Gute wünscht, bevor man in die Realität zurücktaucht und denkt: Na, schaun mer mal. Ein rundum gelungener vierter Band, der sich allemal zu lesen lohnt. Nicht nur an Weihnachten!