senfft

Seit "Der lange Schatten der Täter" an unserer Kasse steht, entlockt das Buch seinen Betrachtern persönliche Geschichten. Geschichten, die von starken Emotionen geprägt sind. Es schien uns, als riefe das Buch schon vom Cover weg: Lasst uns endlich reden! Über das Schweigen, über Scham und Schuld, und über die Verantwortung, die wir heute noch in Bezug auf unsere Geschichte tragen. Im Gespräch mit Katrin Rüger erzählte Alexandra Senfft, die den dialogischen Ansatz der Konfliktbewältigung beim israelischen Posychologen und Friedensforscher Dan Bar-On studiert hatte und seit vielen Jahren zu den transgenerationellen Folgen des Nationalsozialismus arbeitet, vom Loyalitätskonflikt, von der Angst vor Wahrheiten, und von Fragen nach einer Definition von Täterschaft. Aber nicht nur Täternachkommen, auch Opfer des Holocaust und deren Nachkommen vereint sie in ihrem neuen Buch, welches Brücken baut und Verbindungen schafft. Redet mit euren Eltern und Großeltern, mit euren Kindern und Enkelkindern lautete ihr Appell am Ende. Der von großer persönlicher Präsenz geprägte Abend wird noch Anlass für viele Gespräche geben. Ein Fest wars! Danke.

Auf der mutigen Suche nach der historischen Wahrheit

Hitlers Kampf gegen fast die ganze Welt kostete 50 Millionen Menschen das Leben“, titelte „Die Welt“ 70 Jahre nach Kriegsende. Darunter viele Millionen, die von Deutschen auf grausamste Weise in Vernichtungslagern ermordet wurden. Diese Tatsachen in abstraktem Zahlenkleid lernt seit Jahrzehnten in Deutschland jedes Kind. Für die nun vierte Nachkriegsgeneration ist sie zu einem nüchternen Fakt geworden. Bei unseren Großeltern und Eltern jedoch, ist das Geschehene unübersehbar stark an Emotionen und Traumata, an eine dem Verdrängen geschuldete Sprachlosigkeit gebunden, welches mit seiner Last bis in die Enkelgeneration wirkt.

In der Einschätzung der Rolle meiner Großeltern geht es zwischen mir und meiner Familie mitunter fast so zu wie im Nahost-Konflikt: Dort haben die historischen Ereignisse für Israelis und Palästinenser vollkommen andere Bedeutungen. Beide Konfliktpartner streiten um ihr jeweiliges Narrativ, ein gemeinsames können sie jedoch nicht entwickeln.“

schreibt Alexandra Senfft über die widerstreitenden Lager in ihrer eigenen Familie, nachdem sie 2007 in „Schweigen tut weh. Eine deutsche Familiengeschichte“ die Traumatisierung ihrer Mutter Eri durch den für sie unlösbaren Konflikt in der Haltung zu ihrem Vater beschrieb. Senffts Großvater Hanns Ludin, Gesandter Hitlers in der Slowakai wurde 1947 vom Kriegsgericht gehenkt als Eri 14 Jahre alt war. Sie konnte es nicht zulassen, dass der vermisste, sehnsüchtig geliebte Vater und der Naziverbrecher ein und dieselbe Person waren. Mit seinem Tod breitete sich das Schweigen aus. Die Depressionen Eris, ihre Flucht in den Alkohol und ihr früher Tod ließen Alexandra Senfft aufbrechen, ihre eigene Familiengeschichte zu hinterfragen, sich mutig den Fakten der Erinnerung zu stellen.
Nun, fast zehn Jahre später, legt die Journalistin und Publizistin in „Der lange Schatten der Täter“ weitere Gespräche vor, Gespräche mit Menschen wie du und ich, die sich ebenso auf die Suche nach der Wahrheit in ihren Familiengeschichten gemacht haben. In diesen Gesprächen erweist sich Alexandra Senfft als eine feinfühlige, kluge Dialogpartnerin, die ihren Gegenübern den eigenen Raum und das eigene Tempo des Erinnerns lässt.
Sie versteht es dabei, ihre Leser auf eine berührende Reise in die Vergangenheit mitzunehmen. Das facettenreiche Puzzle von persönlichen Geschichten verankert Senfft in der Kriegs- und Nachkriegsgeschichte Deutschlands, den Statements von Psychologen und Historikern und führt den Leser immer wieder behutsam auf dem steinigen Gedankenweg vom „wir“ zum „ich“. Gekonnt spielt sie mit ihrer eigenen persönlichen Nähe und Distanz, und macht den Schmerz, welcher drei Generationen unausgesprochen mit der Historie verbindet, greifbar.
Wie hängen im familiären Narrativ Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen? Welche Rollen spielen Loyalität und Moral oder gar Schuld? Und wo liegt dabei die eigene Verantwortung? Die weitsichtige Aussage von Aver Werner Less, der als israelischer Polizeioffizier den Eichmann Prozess leitete und schon 1960 von einer Verstrickung von Tätern und Opfern sprach, erweckt Senfft dabei zu großer Lebendigkeit. Wie können die Täter immer wieder andere gewesen sein, wenn 22 Millionen Deutsche darin verstrickt waren?
Formulierungen wie „Ja was will er denn machen.“ oder „Du bist nicht dabei gewesen...“ aus dem Narrativ der hier präsentierten Eltern- und Großelterngeneration fühlen sich seltsam vertraut an und wecken bei der Leserin Erinnerungen an eigene, schwer verständliche Tabus. Zum Beispiel gehörte es sich nicht, das Wort „Rampe“ zu benutzen.
Ebenso gedankenanregend sind Senffts Auseinandersetzungen zur noch heute bestehenden Notwendigkeit von Recht und Rechtssprechung. 2011 und 2015 standen in München und Lüneburg Greise vor Gericht. „Auschwitz war ein Ort, an dem man nicht mitmachen durfte. Das haben wir hier gehört, das ist mir bewusst.“ sagte der 94 jährige Oskar Gröning am Ende des Prozesses. Selbst wenn es Gerechtigkeit oder Wiedergutmachung beim Tatbestand des Massenmordes niemals geben kann bleibt es
„unsere Aufgabe und Verantwortung, Licht auf ihre Handlungen zu werfen und uns der Wahrheit zu stellen. Es ist höchste Zeit. Die Täter von damals werfen lange Schatten. Und neue Schatten ziehen auf“, sagt die Autorin.
Politisch und gesellschaftlich haben wir viel für die Aufarbeitung der Greultaten des Nationalsozialismus getan, doch Mitgefühl kann nur entstehen, wenn wir uns mit dem Einzelnen und vor allem mit unseren eigenen Schicksalen beschäftigen. Die Kriegsenkel beginnen unaufhaltsam mit der persönlichen Aufarbeitung. Dazu motiviert Alexandra Senfft vehement. Die Vielstimmig- und Vielschichtigkeit mit der sie ihre Sammlung von Einzelschicksalen präsentiert, fordert seinen Lesern weit mehr ab, als bekannte verallgemeinernde Schubladisierungen. Doch Senfft macht auch Mut und zeigt einen Weg auf, widerstreitenden Gefühle zuzulassen und mit tradierten Denkmustern zu brechen, um die eigenen finden zu können. Ein dringend benötigter Weg, der es uns ermöglichen könnte, dem neuem Rassismus, der mit dem wiederholten Verlust von Mitgefühl einhergeht, vielleicht die Stirn bieten zu können. Katrin Rüger

Eine ausführliche Biografie der Autorin und Publizistin Alexandra Senfft finden Sie hier....